{"id":21425,"date":"2013-03-18T11:46:00","date_gmt":"2013-03-18T10:46:00","guid":{"rendered":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/blog\/unkategorisiert\/robert-castel-1933-2013-1\/"},"modified":"2023-09-27T16:07:17","modified_gmt":"2023-09-27T14:07:17","slug":"robert-castel-1933-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/blog\/article\/robert-castel-1933-2013\/","title":{"rendered":"Robert Castel, 1933-2013"},"content":{"rendered":"<p style=\"margin-bottom:6.0pt; text-align:left; line-height:normal\" align=\"left\"><span style=\"font-size:10.0pt\" lang=\"DE\">Geboren am 27. M\u00e4rz 1933 in Brest als Kind eines Besch\u00e4ftigten der Stra\u00dfenmeisterei, gepr\u00e4gt von einer republikanischen und laizistischen Kultur, entstammt Castel dieser Welt der Arbeit, in der die Schwierigkeiten des Unterhalts sehr real sind. Sehr fr\u00fch hat er seine Eltern verloren. Er schloss eine Lehre als Werkzeugmacher ab. Aber eine Begegnung \u00e4nderte entscheidend die sozialen Festlegungen. Schon immer ein gro\u00dfer Leser, fiel er einem kommunistischen Mathematiklehrer auf, der ihn ermutigte, seine Bildungsanstrengungen wieder aufzunehmen. Mit einem Stipendium schloss er ein Studium der Philosophie ab; sein Doktorvater wurde Raymond Aron an der Sorbonne. In diese Zeit f\u00e4llt auch seine Begegnung mit Pierre Bourdieu, mit dem er begann, soziologisch zu arbeiten und die Philosophie aufgab. Nach dem Mai 68 unterrichtete er an der Universit\u00e4t von Vincennes (Paris VIII). In den 1970er und 1980er Jahren interessierte er sich f\u00fcr Psychoanalyse und Psychiatrie sowie die Behandlung von geistig Kranken, wobei er sich mit seiner kritischen Soziologie Michel Foucault ann\u00e4herte. Seine Ver\u00f6ffentlichungen stehen am Beginn der Gruppe zur Analyse des Sozialen und der Sozialf\u00e4higkeit (GRASS).<\/span><\/p>\n<p style=\"margin-bottom:6.0pt; text-align:left; line-height:normal\" align=\"left\"><span style=\"font-size:10.0pt\" lang=\"DE\">Doch es sind vor allem seine Arbeiten \u00fcber die Lohnabh\u00e4ngigen, die ihn zu einem Denker des Sozialen der Arbeitswelt machten. In den 1980er und 1990er Jahren interessierte er sich f\u00fcr die Ver\u00e4nderungen der Besch\u00e4ftigung, die politischen und sozialpolitischen Eingriffe. 1990 wurde er Forschungsdirektor an der (Elite-) Hochschule f\u00fcr Sozialwissenschaften (EHESS), eine T\u00e4tigkeit, die in der Ver\u00f6ffentlichung seines monumentalen Werkes \u00bbDie Metamorphosen der sozialen Frage \u2013 Eine Chronik der Lohnarbeit\u00ab m\u00fcndete, das sofort zu einem \u00bbKlassiker\u00ab der Gegenwartssoziologie wurde.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin-bottom:6.0pt; text-align:left; line-height:normal\" align=\"left\"><span style=\"font-size:10.0pt\" lang=\"DE\">Er analysiert darin die Art und Weise, wie die \u00bbLohnarbeitsgesellschaft\u00ab sich auf der Basis eines \u00bbsozialen Eigentums\u00ab konstituiert und dann mit der Krise in den 1970er Jahren wieder zerschmilzt. Er studiert die Folgen f\u00fcr den gesellschaftlichen Zusammenhalt und den Status des gegenw\u00e4rtigen Individuums, in dem er die Bedrohungen aufzeigt, die mit dem Auftauchen der \u00bbsozialen Unsicherheit\u00ab durch Prekarit\u00e4t und Massenarbeitslosigkeit erzeugt wird. Bis 1999 leitete Castel das Zentrum f\u00fcr die Erforschung der sozialen Bewegungen an der EHESS und setzte auch danach seine Publikationst\u00e4tigkeit mit \u00bbDie soziale Unsicherheit\u00ab (2003) und \u00bbAnstieg der Unsicherheiten\u00ab (2009) fort, wo er feststellt, dass die wachsenden Unsicherheiten in den gegenw\u00e4rtigen Gesellschaften die Folge des \u00dcbergangs zu einem \u00bbneuen Regime des Kapitalismus\u00ab sind.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold; color: rgb(238, 0, 0); \">Robert Castel ist am 12. M\u00e4rz in Vincennes gestorben.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-weight: bold; color: rgb(238, 0, 0); \">Ende Februar hat er <span style=\"font-style: italic; \">L&#8217;Humanit\u00e9<\/span> ein Interview gegeben, das wir hier in \u00dcbersetzung&nbsp;wiedergeben.<\/span><\/p>\n<p><i><span style=\"font-size:10.0pt\" lang=\"DE\">Humanit\u00e9: In ihren letzten B\u00fcchern beschreiben Sie eine \u00bbGro\u00dfe Transformation\u00ab als \u00dcbergang vom Industriekapitalismus zum Finanzkapitalismus. Ist dieser \u00dcbergang abgeschlossen?<\/span><\/i><\/p>\n<p style=\"margin-bottom:6.0pt; text-align:left; line-height:normal\" align=\"left\"><b><span style=\"font-size:10.0pt\" lang=\"DE\">Robert Castel<\/span><\/b><span style=\"font-size:10.0pt\" lang=\"DE\">: Es ist immer ein Abenteuer, die Zukunft vorherzusehen. Soziologen sind keine Propheten. Sie versuchen, Ver\u00e4nderungen zu verstehen und vielleicht deren weitere Entwicklungsrichtung zu extrapolieren. Nicht zuf\u00e4llig hei\u00dft mein vorletztes Buch \u00bbAnstieg der Unsicherheiten\u00ab,<span style=\"font-size:10.0pt; line-height: 115%; font-family:&quot;Arial&quot;,&quot;sans-serif&quot;\" lang=\"DE\">[i]<\/span><\/span> um damit die gro\u00dfe Transformation zu kennzeichnen, die seit 30 Jahren im Gang ist. Fr\u00fcher war der Glaube, morgen w\u00fcrde alles besser, sehr verbreitet. Diese Art von Optimismus besitzt heute nur noch eine Minderheit. Meinungsumfragen zeigen, dass viele Franzosen eher pessimistisch eingestellt sind. Die Dinge sind unsicher \u2013 aber dabei gilt zum Gl\u00fcck auch: Man kann nicht mit Sicherheit sagen, dass \u00bballes den Bach runtergeht\u00ab. Auch die schw\u00e4rzeste Zukunftsaussicht ist ungewiss.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom:6.0pt; text-align:left; line-height:normal\" align=\"left\"><span style=\"font-size:10.0pt\" lang=\"DE\">&nbsp;<\/span><\/p>\n<p><i><span style=\"font-size:10.0pt\" lang=\"DE\">Mit dem Industriekapitalismus etablierte sich ein Kompromiss in den sozialen Beziehungen, den Sie die \u00bbLohnarbeitsgesellschaft\u00ab, basierend auf \u00bbsozialem Eigentum\u00ab, genannt haben&#8230;<\/span><\/i><\/p>\n<p style=\"margin-bottom:6.0pt; text-align:left; line-height:normal\" align=\"left\"><b><span style=\"font-size:10.0pt\" lang=\"DE\">Robert Castel<\/span><\/b><span style=\"font-size:10.0pt\" lang=\"DE\">:In den 1960er Jahren war ein relatives Gleichgewicht erreicht. Das war nichts besonders Gro\u00dfartiges, auch wenn viel Aufhebens um die 30 \u00bbgoldenen Jahre\u00ab zwischen 1945 und 1975 gemacht worden ist. Gro\u00dfe Ungleichheiten bestanden fort. Es gab krasse Ungerechtigkeiten und wenig glorreiche Episoden wie die Kolonialkriege. Nichtsdestotrotz konnte alles in allem zwischen den Interessen des Marktes und denen der Arbeit ein gewisses Gleichgewicht hergestellt werden. Es war keine Idylle, aber es funktionierte einigerma\u00dfen. W\u00e4hrend dieser Periode im Gefolge des Zweiten Weltkriegs war es m\u00f6glich, das Arbeitsrecht, den sozialen Schutz und die Wirtschaft weiterzuentwickeln. Seit den 1970er Jahren begann man von einer Krise zu reden \u2013 wobei man sie zun\u00e4chst f\u00fcr vor\u00fcbergehend hielt und mit einem Wiederaufschwung rechnete.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin-bottom:6.0pt; text-align:left; line-height:normal\" align=\"left\"><span style=\"font-size:10.0pt\" lang=\"DE\">&nbsp;<\/span><\/p>\n<p><i><span style=\"font-size:10.0pt\" lang=\"DE\">Heute gibt es weniger soziale Sicherheit, soziale Rechte, Gesundheitsversorgung usw. Wo ist der Kompromiss geblieben?<\/span><\/i><\/p>\n<p style=\"margin-bottom:6.0pt; text-align:left; line-height:normal\" align=\"left\"><span style=\"font-size:10.0pt\" lang=\"DE\">Man sollte sich ein gewisses Misstrauen gegen einen Hyper-Katastrophen-Diskurs bewahren. Der Industriekapitalismus hatte sich zun\u00e4chst auf eine r\u00fccksichtslose Art durchgesetzt, wenn man an die Lage der Proletarier zu Beginn des 19. Jahrhunderts denkt. Der danach gefundene Kompromiss ist durchaus noch in Kraft. Aber wir befinden uns in einer Situation, die immer schlimmer wird, und die Frage lautet, wie weit diese Verschlechterung noch gehen wird.<\/span><\/p>\n<p><i><span style=\"font-size:10.0pt; font-weight: normal\" lang=\"DE\">&nbsp;<\/span><\/i><br \/>\n<i><span style=\"font-size:10.0pt\" lang=\"DE\">Ziehen Sie es vor, von \u00bbMetamorphosen\u00ab zu sprechen, wenn wir an die Beispiele der Franz\u00f6sischen Revolution und des Mai \u201968 denken?<\/span><\/i><\/p>\n<p style=\"margin-bottom:6.0pt; text-align:left; line-height:normal\" align=\"left\"><span style=\"font-size:10.0pt\" lang=\"DE\">Die Ver\u00e4nderungsdynamiken sind extrem komplex. Die Geschichte schreitet nicht unaufh\u00f6rlich in eine Richtung fort. Soziologie ist auch keine Mathematik. Man muss auf die genaue Bedeutung der Worte achten. Eine Metamorphose ist eine Form des Entgegenkommens, eine Synthese, eine Ann\u00e4herung zwischen dem \u00bbGleichen\u00ab und dem \u00bbAnderen\u00ab. Das ist nicht unbedingt perfekt oder sehr pr\u00e4zise, aber es beschreibt den Moment, in dem es das \u00bbGleiche\u00ab und das \u00bbUnterschiedliche\u00ab gibt. Die Ereignisgeschichte ist etwas, das Daten setzt, einen Bruch markiert. Das f\u00fchrt zu einer Innovation in Bezug auf eine vorherige Situation. Man erfindet, aber man erfindet nicht alles neu. Man beginnt nicht an einem Nullpunkt \u2013 im Gegenteil, man nimmt den Faden wieder auf.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size:10.0pt\" lang=\"DE\">&nbsp;<\/span><br \/>\n<i><span style=\"font-size:10.0pt\" lang=\"DE\">Diese Idee der Metamorphose rechtfertigt eine Haltung der Sozialkritik oder der kritischen Soziologie. Inwiefern ist die Gesellschaft kritikw\u00fcrdig?<\/span><\/i><\/p>\n<p style=\"margin-bottom:6.0pt; text-align:left; line-height:normal\" align=\"left\"><span style=\"font-size:10.0pt\" lang=\"DE\">Man kann nur einen kritischen Blickwinkel haben. Ich habe das Proletariat des 19. Jahrhunderts beschworen, als die Speerspitze der Produktion mit 35 Jahren am Alkoholismus starb. Ganz so schlimm ist es heute nicht. Doch die aktuellen Formen, in denen die Prekarit\u00e4t zutage tritt, fordern dazu auf, die Prozesse der sozialen Zersetzung zu \u00fcberdenken. Sie sind nicht identisch mit dem, was vor zwei Jahrhunderten vorherrschte, aber sie scheinen dieselbe Funktion der Zerst\u00f6rung der Solidarbeziehungen und aller Formen, die eine Gesellschaft ausmachen, zu haben.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin-bottom:6.0pt; text-align:left; line-height:normal\" align=\"left\"><span style=\"font-size:10.0pt\" lang=\"DE\">&nbsp;<\/span><\/p>\n<p><i><span style=\"font-size:10.0pt\" lang=\"DE\">Sie sprechen sogar von der \u00bbEntkopplung\u00ab (d\u00e9saffiliation)?<\/span><\/i><\/p>\n<p style=\"margin-bottom:6.0pt; text-align:left; line-height:normal\" align=\"left\"><span style=\"font-size:10.0pt\" lang=\"DE\">Dies ist die letzte Form des Prozesses. Ich habe diesen Ausdruck gew\u00e4hlt, um einen Missbrauch des Begriffs \u00bbExklusion\u00ab im Hinblick auf sehr heterogene Lagen zu vermeiden. Von einem Obdachlosen, einem jungen Menschen aus der Vorstadt oder einem arbeitslosen Angestellten zu sagen, dass sie \u00bbausgeschlossen\u00ab sind, das besagt nicht mehr, als dass sie au\u00dferhalb sind, au\u00dferhalb \u00bbder Gesellschaft\u00ab. Man sollte lieber die Prozesse verstehen, die dazu f\u00fchren. Bevor man dahin kommt, ist man verletzbar. Diese Situationen m\u00fcssen analysiert werden: Sie f\u00fchren an den Endpunkt, an dem man abgekoppelt wird: von den Arbeitsbeziehungen, dem Austausch und den Netzen der famili\u00e4ren Gesellschaftsf\u00e4higkeit (sociabilit\u00e9), der Nachbarschaft, der sozialr\u00e4umlichen Bindung.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin-bottom:6.0pt; text-align:left; line-height:normal\" align=\"left\"><span style=\"font-size:10.0pt\" lang=\"DE\">&nbsp;<\/span><\/p>\n<p><i><span style=\"font-size:10.0pt\" lang=\"DE\">Ruft diese Kritik nicht nach sozialer Transformation? Der (Politik-)Wechsel war mehrheitlich von den Franzosen gew\u00fcnscht. Welche fortschrittlichen Reformen m\u00fcssten umgesetzt werden, um aus den Unsicherheiten herauszukommen?<\/span><\/i><\/p>\n<p style=\"margin-bottom:6.0pt; text-align:left; line-height:normal\" align=\"left\"><span style=\"font-size:10.0pt\" lang=\"DE\">Noch immer scheint die Krise sehr tief zu sein. 2008 konnte man glauben, dass die Menschen sich angesichts einer derart schweren Krise bewusst w\u00fcrden, dass es eines radikalen Wechsels bedurfte. Ich f\u00fcr meinen Teil glaube, dass man linksreformistisch sein kann.<span style=\"font-size:10.0pt; line-height: 115%; font-family:&quot;Arial&quot;,&quot;sans-serif&quot;\" lang=\"DE\">[ii]<\/span><\/span> Nat\u00fcrlich steht der Beweis daf\u00fcr noch aus und setzt eine Neuausrichtung von Rechtsanspr\u00fcchen voraus. Da ich mich viel mit Sozialgeschichte befasst habe, habe ich gelernt, dass die Verankerung eines starken Arbeitsrechts die Lebensbedingungen der Arbeiter gesichert und im Vergleich zur Situation der Proletarier einen ziemlich fantastischen Wandel begr\u00fcndet hat. Heute kann man nicht mehr bei den Begriffen des sozialen Kompromisses der 1970er Jahre stehenbleiben. Das neue Regime des Kapitalismus ist durch eine gro\u00dfe Mobilit\u00e4t gekennzeichnet. Ein Arbeiter bleibt nicht mehr sein ganzes Leben an eine Besch\u00e4ftigung gebunden. Er wird zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit wechseln. Man muss diese Mobilit\u00e4t akzeptieren und ihre Auswirkungen z\u00e4hmen. Vor allem d\u00fcrfen diese Transformationen weder dazu f\u00fchren, dass Menschen f\u00fcr besch\u00e4ftigungsunf\u00e4hig erkl\u00e4rt werden, noch dazu, dass sie \u00bbweggeworfen\u00ab oder in bejammernswerte Situationen gebracht werden. Diese Herausforderung der Absicherung ist von den gewerkschaftlichen Organisationen ausdr\u00fccklich angesprochen worden. Der Arbeitsrechtler Alain Supiot hat vorgeschlagen, einen Status der Lohnarbeit zu schaffen. Vorschl\u00e4ge in diese Richtung k\u00f6nnten einen linken Reformismus begr\u00fcnden, wobei dessen realer Inhalt noch problematisch bliebe. Die Unterschiede zwischen den Gewerkschaftsverb\u00e4nden CGT und CFDT sind nicht zu vernachl\u00e4ssigen. Ich befinde mich nicht in einer Funktion, die es mir gestattet zu urteilen, wer Recht oder Unrecht hat. Aber was auch immer die Unterschiede zwischen den verschiedenen Gewerkschaften der Lohnabh\u00e4ngigen sind, so hoffe ich doch, dass ihre Positionen weniger voneinander entfernt sind als die zum Arbeitgeberverband.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom:6.0pt; text-align:left; line-height:normal\" align=\"left\"><span style=\"font-size:10.0pt\" lang=\"DE\">&nbsp;<\/span><\/p>\n<p><i><span style=\"font-size:10.0pt\" lang=\"DE\">Ihnen zufolge gr\u00fcndet sich das \u00bbsoziale Eigentum\u00ab auf einer Summe von Rechten, die der Arbeit zugestanden wurden, um die Logik der Rentabilit\u00e4t, die durch das Kapital aufgedr\u00fcckt wird, zu kompensieren. Aber braucht es nicht heute, angesichts der Finanzialisierung, den Entwurf einer neuen \u00bbgesellschaftlichen Aneignung\u00ab?<\/span><\/i><\/p>\n<p style=\"margin-bottom:6.0pt; text-align:left; line-height:normal\" align=\"left\"><span style=\"font-size:10.0pt\" lang=\"DE\">Ja, das k\u00f6nnte ein Weg sein, die Dinge anzugehen. Das soziale Eigentum verweist darauf, dass der Arbeiter Eigent\u00fcmer von Rechten ist. Es gibt auch Privateigent\u00fcmer. Eine gewisse Zahl von Rechten wie Gesundheit, Rente usw. sind unanfechtbar. Man k\u00f6nnte sechs oder sieben weitere Rechte benennen, die einen Sockel bilden, der dem Arbeiter seine grundlegenden Ressourcen absichert, damit die Arbeit weiterhin seine soziale und wirtschaftliche Unabh\u00e4ngigkeit gew\u00e4hrleistet. Bernard Gazier hat die \u00bb\u00dcbergangsm\u00e4rkte\u00ab angef\u00fchrt, in denen die Arbeit zunehmend nur in vor\u00fcbergehenden Formen etabliert ist. Yvel Barel wiederum hat gezeigt, dass die Arbeit die Basis unserer gesellschaftlichen Integration bleibt. Die Arbeit bleibt wichtig, auch wenn sie nicht konsistent ist. In diesem Kontext bedarf es des Rechts auf wirkliche Bildung f\u00fcr jeden Lohnabh\u00e4ngigen. Das ist ein notwendiges Element zur Absicherung der Welt der Arbeit. <\/span><\/p>\n<p style=\"margin-bottom:6.0pt; text-align:left; line-height:normal\" align=\"left\"><span style=\"font-size:10.0pt\" lang=\"DE\">&nbsp;<\/span><\/p>\n<p><i><span style=\"font-size:10.0pt\" lang=\"DE\">Welche Rolle messen Sie den Gewerkschaften in diesen \u00bbsozialen Metamorphosen\u00ab bei?<\/span><\/i><\/p>\n<p style=\"margin-bottom:6.0pt; text-align:left; line-height:normal\" align=\"left\"><span style=\"font-size:10.0pt\" lang=\"DE\">Die Rolle des Syndikalismus und der revolution\u00e4ren Arbeiterklasse war sehr wichtig, aber sie kann nicht im Entferntesten den Anspruch auf Exklusivit\u00e4t erheben. Henri Hatzfeld hat in seinem Buch \u00bbVom Pauperismus zur Sozialversicherung\u00ab<span style=\"font-size:10.0pt; line-height: 115%; font-family:&quot;Arial&quot;,&quot;sans-serif&quot;\" lang=\"DE\">[iii]<\/span><\/span> eine gute Analyse der vielen Faktoren geliefert, die zur Entstehung der sozialen Sicherung betrugen. Er hat durch den historischen Verlauf eines Jahrhunderts aufgezeigt, dass es innerhalb der Arbeiterbewegung \u00fcberhaupt keine Einigkeit gab, vor allem wegen des Antagonismus Reformismus\/Revolution, und dass eine Nebelwand komplexer Positionen existierte. Ein Teil des Arbeitgeberlagers hat sich somit f\u00fcr eine gewisse Zeit reformistischen Positionen angeschlossen, um die Produktivit\u00e4t voranzubringen.<\/p>\n<p><i><span style=\"font-size:10.0pt; font-weight: normal\" lang=\"DE\">&nbsp;<\/span><\/i><br \/>\n<i><span style=\"font-size:10.0pt\" lang=\"DE\">In dem Sammelband \u00bbVer\u00e4nderungen und das Denken der Ver\u00e4nderung\u00ab<b><span style=\"font-size:10.0pt; line-height:115%; font-family:&quot;Arial&quot;,&quot;sans-serif&quot;\" lang=\"DE\">[iv]<\/span><\/b><\/span> haben Sie einen Dialog mit einem Dutzend Forscher gef\u00fchrt. Sie enden mit einem bewundernswerten Text, den Sie Ihrem Mathematiklehrer gewidmet haben. Die Verbindung von \u00bbObjektivem\u00ab und \u00bbSubjektivem\u00ab, der Affekte und der gesellschaftlichen Determinierung, Freud und Marx, ist das die noch offene Baustelle?<\/i><\/p>\n<p style=\"margin-bottom:6.0pt; text-align:left; line-height:normal\" align=\"left\"><span style=\"font-size:10.0pt\" lang=\"DE\">Ich wei\u00df nicht, ob der Text bewundernswert ist, aber er umrei\u00dft eine tiefe \u00dcberzeugung, die ich seit meinem Philosophiestudium und den anschlie\u00dfenden soziologischen Arbeiten erlangt habe. Im Gegensatz zu den liberalen Konzepten, denen zufolge nur das Individuum die Wahl hat und Risiken tr\u00e4gt, glaube ich, dass das Individuum ein soziales Subjekt ist. Wir sind alle von der Geschichte durchdrungen. Sie ist nicht nur eine Kulisse. Sondern sie pr\u00e4gt tiefgehend unsere W\u00fcnsche, unsere Vorlieben, unsere Leiden. Wir haben eine Schuld gegen\u00fcber der Geschichte. Daher habe ich diese Anekdote erz\u00e4hlt\u2026 Als ich jung war, konnte ich nicht studieren. Ich war auf einer Technischen Fachschule. Ein Lehrer mit Spitznamen \u00bbBuchenwald\u00ab, ein ehemaliger Deportierter und vermutlich kommunistischer Widerstandsk\u00e4mpfer, nahm mich ein bisschen in die Pflicht und stachelte mich an, aufs Gymnasium zu wechseln. Ihm verdanke ich, dass ich etwas getan habe, was ich sonst nie gemacht h\u00e4tte. Ich glaube, ich habe mein Leben gef\u00fchrt, indem ich den Werten treu geblieben bin, die er verk\u00f6rperte. Das ist auch eine \u00bbTransformation\u00ab, die Solidarit\u00e4t zwischen den menschlichen Wesen. Das ist das Bild einer ganz anderen Gesellschaft als der, die als alleiniges Ziel den Profit um des Profits willen hat. Von diesem Standpunkt aus betrachtet war sich die Sozialpolitik in ihren verschiedenen Auspr\u00e4gungen nicht oft des Individuums bewusst. Sie hat sich zuallererst kollektiv der Gruppenmitglieder angenommen. In der letzten Periode, besonders im Zuge der Krise, beginnt ein Prozess, der darauf zielt, Sozialpolitik auf der Ebene des Individuums zu platzieren. Er hat auf der Gegenseite zur Folge, dass Rechte nicht mehr bedingungslos zugestanden werden. Dieser Frage gehe ich in meinem neuen Text \u00bbDie Zukunft der Solidarit\u00e4t\u00ab nach.<span style=\"font-size:10.0pt; line-height:115%; font-family:&quot;Arial&quot;,&quot;sans-serif&quot;\" lang=\"DE\">[v]<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size:10.0pt\" lang=\"DE\">&nbsp;<\/span><br \/>\n<i><span style=\"font-size:10.0pt\" lang=\"DE\">Als Staatsb\u00fcrger haben Sie den \u00bbAppell der Appelle\u00ab<b><span style=\"font-size:10.0pt; line-height:115%; font-family:&quot;Arial&quot;,&quot;sans-serif&quot;\" lang=\"DE\">[vi]<\/span><\/b><\/span> unterzeichnet. Kn\u00fcpft das an diese Infragestellung an?<\/i><\/p>\n<p style=\"margin-bottom:6.0pt; text-align:left; line-height:normal\" align=\"left\"><span style=\"font-size:10.0pt\" lang=\"DE\">Ja. Die Position des \u00bbAppells der Appelle\u00ab setzt den Akzent auf dem Individuum, nicht um Geschenke zu empfangen, die vom Himmel fallen, sondern in einer Logik des Rechtsanspruchs. Das bezieht sich zuallererst auf die Verfassunggebende Versammlung von 1793: Das Vaterland hat Verpflichtungen gegen\u00fcber den schw\u00e4chsten B\u00fcrgern. Das Recht auf Hilfe ist der Kern der republikanischen Politik.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin-bottom:6.0pt; text-align:left; line-height:normal\" align=\"left\"><span style=\"font-size:10.0pt\" lang=\"DE\">&nbsp;<\/span><\/p>\n<p style=\"margin-bottom:6.0pt; text-align:left; line-height:normal\" align=\"left\"><span style=\"font-size:10.0pt\" lang=\"DE\">&nbsp;<\/span><\/p>\n<p style=\"margin-bottom:6.0pt; text-align:left; line-height:normal\" align=\"left\"><span style=\"font-size:10.0pt\" lang=\"DE\">Das mit Robert Castel Ende Februar 2013 gef\u00fchrte Interview der Zeitung L\u2019Humanit\u00e9 erschien in der Ausgabe vom 14.3.2013. Aus dem Franz\u00f6sischen von Bernhard Sander.<\/span><\/p>\n<div><br clear=\"all\" \/><\/p>\n<hr \/>\n<div id=\"edn1\"><a href=\"typo3\/#_ednref1\" name=\"_edn1\"><span lang=\"DE\"><span style=\"font-size:10.0pt; line-height: 115%; font-family:&quot;Arial&quot;,&quot;sans-serif&quot;\" lang=\"DE\">[i]<\/span><\/span><\/a><span lang=\"FR\"> Der Band \u00bbLa mont\u00e9e des incertitudes. <\/span><span lang=\"DE\">Travail, protections, statut de l&#8217;individu\u00ab (Paris: Seuil 2009) erschien auf deutsch unter dem Titel \u00bbDie Krise der Arbeit: Neue Unsicherheiten und die Zukunft des Individuums\u00ab, Hamburg: Hamburger Edition 2011.<\/span><\/div>\n<div id=\"edn2\"><a href=\"typo3\/#_ednref2\" name=\"_edn2\"><span lang=\"DE\"><span style=\"font-size:10.0pt; line-height: 115%; font-family:&quot;Arial&quot;,&quot;sans-serif&quot;\" lang=\"DE\">[ii]<\/span><\/span><\/a><span lang=\"DE\"> Castel hatte im Fr\u00fchjahr 2012 zur Wahl Hollandes aufgerufen, Anm. d. \u00dcbers.<\/span><\/div>\n<div id=\"edn3\"><a href=\"typo3\/#_ednref3\" name=\"_edn3\"><span lang=\"DE\"><span style=\"font-size:10.0pt; line-height: 115%; font-family:&quot;Arial&quot;,&quot;sans-serif&quot;\" lang=\"DE\">[iii]<\/span><\/span><\/a><span lang=\"FR\"> Henri Hatzfeld: Du paup\u00e9risme \u00e0 la S\u00e9curit\u00e9 Sociale. Essai sur les origines de la S\u00e9curit\u00e9 Sociale en France 1850-1940. Paris 1971.<\/span><\/div>\n<div id=\"edn4\"><a href=\"typo3\/#_ednref4\" name=\"_edn4\"><span lang=\"DE\"><span style=\"font-size:10.0pt; line-height: 115%; font-family:&quot;Arial&quot;,&quot;sans-serif&quot;\" lang=\"DE\">[iv]<\/span><\/span><\/a><span lang=\"FR\"> Robert Castel\/Claude Martin: Changements et pens\u00e9es du changement. \u00c9changes avec Robert Castel. Paris 2012.<\/span><\/div>\n<div id=\"edn5\"><a href=\"typo3\/#_ednref5\" name=\"_edn5\"><span lang=\"DE\"><span style=\"font-size:10.0pt; line-height: 115%; font-family:&quot;Arial&quot;,&quot;sans-serif&quot;\" lang=\"DE\">[v]<\/span><\/span><\/a><span lang=\"FR\"> Robert Castel\/Nicolas Duvoux: L&#8217;avenir de la solidarit\u00e9. <\/span><span lang=\"DE\">Paris: PUF 2013.<\/span><\/div>\n<div id=\"edn6\"><a href=\"typo3\/#_ednref6\" name=\"_edn6\"><span lang=\"DE\"><span style=\"font-size:10.0pt; line-height: 115%; font-family:&quot;Arial&quot;,&quot;sans-serif&quot;\" lang=\"DE\">[vi]<\/span><\/span><\/a><span lang=\"DE\"> Der \u00bbAppel des appels\u00ab wurde Ende 2008 von Besch\u00e4ftigten, Fachleuten und Organisationen des \u00f6ffentlichen Dienstes ins Leben gerufen, um der \u00bbwillentlichen und systematischen Zerst\u00f6rung des sozialen Netzes\u00ab entgegenzutreten, dabei wurde auch die Plattform zum Austausch und zur Ver\u00f6ffentlichung geschaffen: http:\/\/www.appeldesappels.org.<\/span><\/div>\n<\/div>\n<p><span style=\"font-style: italic; \"><br \/>Das Interview wurde von <\/span><span style=\"font-style: italic; font-size: 10px; \"><span style=\"font-size: 10pt; font-weight: bold; \" lang=\"EN-GB\">Pierre Chaillan<\/span><span style=\"font-size: 10pt; \" lang=\"EN-GB\"> <\/span><\/span><span style=\"font-style: italic; font-size: 10pt; \" lang=\"EN-GB\">gef\u00fchrt und in L&#8217;Humanit\u00e9 am 14. M\u00e4rz publiziert (<link http:\/\/www.humanite.fr\/tribunes\/robert-castel-le-penseur-de-la-question-sociale-517425 - external-link-new-window \"Opens external link in new window\">hier<\/link>&nbsp;klicken).<\/span><\/p>\n<p style=\"font-style: italic; \">\u00dcbersetzung ins Deutsche&nbsp;von <span style=\"font-weight: bold; \">Bernhard Sander<\/span>, Zeitschrift &quot;Sozialismus&quot;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der intellektuelle Lebenslauf von R. Castel bleibt innig verbunden mit seinen gesellschaftlichen Wurzeln. Quer durch die Soziologie, Philosophie und Psychoanalyse hat er sich in seinen Forschungsarbeiten immer mit den Benachteiligten und den Arbeitenden befasst.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":21426,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[61,2458],"tags":[],"class_list":["post-21425","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-article","category-artikel"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21425","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21425"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21425\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":27310,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21425\/revisions\/27310"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/21426"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21425"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21425"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21425"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}