{"id":21843,"date":"2014-02-12T14:25:00","date_gmt":"2014-02-12T13:25:00","guid":{"rendered":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/blog\/unkategorisiert\/eine-revolution-an-der-europaeischen-peripherie\/"},"modified":"2023-09-27T16:07:52","modified_gmt":"2023-09-27T14:07:52","slug":"eine-revolution-an-der-europaeischen-peripherie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/blog\/analysis\/eine-revolution-an-der-europaeischen-peripherie\/","title":{"rendered":"Eine Revolution an der europ\u00e4ischen Peripherie"},"content":{"rendered":"<p class=\"bodytext\" style=\"margin: 0cm 0cm 9pt; line-height: 13.5pt; background-position: initial initial; background-repeat: initial initial; \"><span style=\"font-size: 9pt; font-family: Verdana, sans-serif; \" lang=\"DE\">Das eindrucksvollste und symbolst\u00e4rkste Bild war jenes eines brennenden Regierungsgeb\u00e4udes in Tuzla, jener Stadt, in der alles begann. Es trug das das Graffiti \u201eTod dem Nationalismus\u201c. Da der Nationalismus f\u00fcr die politischen Eliten in Bosnien-Herzegowina immer einen beliebten Zufluchtsort darstellte, mit dem sie ihre politische und wirtschaftliche Unterdr\u00fcckung rechtfertigen konnten, war das in der Tat eine machtvolle Ansage. <\/span><\/p>\n<p class=\"bodytext\" style=\"margin: 0cm 0cm 9pt; line-height: 13.5pt; background-position: initial initial; background-repeat: initial initial; \"><span style=\"font-size: 9pt; font-family: Verdana, sans-serif; \" lang=\"DE\">Der Reihe nach traten Premierminister von gleich mehreren Verwaltungsbezirken Bosnien-Herzegowinas von ihren \u00c4mtern zur\u00fcck. Am Sonntag, 9. Februar, begab sich der kroatische Ministerpr\u00e4sident Zoran Milanovi\u0107 nach Mostar, einer Stadt in Bosnien-Herzegowina mit einem hohen kroatischen Bev\u00f6lkerungsanteil, um sich dort mit den kroatischen F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten zu treffen, w\u00e4hrend der Pr\u00e4sident der <\/span><span style=\"font-size: 9pt; font-family: Verdana, sans-serif; background-position: initial initial; background-repeat: initial initial; \" lang=\"DE\">Republika Srpska<\/span><span style=\"font-size: 9pt; font-family: Verdana, sans-serif; \" lang=\"DE\"> (dem serbischen Teil von Bosnien-Herzegowina), Milorad Dodik, nach Serbien berufen wurde, um sich mit dem ersten Vizepr\u00e4sidenten Aleksandar <\/span><span style=\"font-size: 9pt; font-family: Verdana, sans-serif; \">Vu\u010di\u0107<\/span><span style=\"font-size: 9pt; font-family: Verdana, sans-serif; \" lang=\"DE\"> (dem inoffiziellen serbischen Staatsoberhaupt) zu treffen. Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr waren klar. Beide politischen Eliten, sowohl in Kroatien und als auch in Serbien, haben Angst davor, dass das, was manche als \u201ebosnische Revolution\u201c bezeichnen, auch auf ihre L\u00e4nder \u00fcbergreifen k\u00f6nnte. <\/span><\/p>\n<p class=\"bodytext\" style=\"margin: 0cm 0cm 9pt; line-height: 13.5pt; background-position: initial initial; background-repeat: initial initial; \"><span style=\"font-size: 9pt; font-family: Verdana, sans-serif; \" lang=\"DE\">Die wirtschaftliche Lage in Bosnien-Herzegowina ist zweifelsohne schrecklich. Das Land war vormals bekannt f\u00fcr seine vielen Fabriken und eine starke Arbeiter_innenklasse \u2013 sogar das Landeswappen der ehemaligen sozialistischen Republik Bosnien-Herzegowina (einer Teilrepublik von Jugoslawien) zeigte Fabrikschornsteine. Heutzutage sind viele dieser Fabriken geschlossen, der Rest ist privatisiert und befindet sich im Besitz ausl\u00e4ndischer Unternehmen oder einer neu entstandenen Kapitalistenklasse, und obwohl in ihnen zwar einige Arbeiter_innen arbeiten, erhalten sie ihre L\u00f6hne nicht ausbezahlt (was f\u00fcr den postjugoslawischen Kapitalismus charakteristisch ist). Die Arbeitslosenrate im Land liegt bei 45%. Die Nachbarl\u00e4nder Kroatien und Serbien sind in keinem ganz so schlechten Zustand, aber auch dort besteht f\u00fcr die F\u00fchrungseliten genug Grund zur Sorge, da die allgemeine Situation auch dort alles andere als zufriedenstellend ist. Zum Beispiel liegt in Kroatien die Jugendarbeitslosigkeit bei fast 53%, an dritter Stelle in der EU nach Griechenland und Spanien.<\/span><\/p>\n<p class=\"bodytext\" style=\"margin: 0cm 0cm 9pt; line-height: 13.5pt; background-position: initial initial; background-repeat: initial initial; \"><span style=\"font-size: 9pt; font-family: Verdana, sans-serif; \" lang=\"DE\">Der explosive und mancherorts ziemlich gewaltsame Aufstand in Bosnien-Herzegowina hatte sicherlich seine eigenen, lokal bedingten Gr\u00fcnde \u2013 um sich greifende Verarmung, enorme soziale Ungleichheit, einen gro\u00dfen b\u00fcrokratischen Apparat und die politischen und kapitalistischen Vampire an der Spitze. Dieser Aufstand in Bosnien ist jedoch auch integraler Bestandteil der globalen Aufstandsbewegungen in den letzten Jahren. Nach Ausbruch der Wirtschaftskrise 2008 und den Jahren des anf\u00e4nglichen Schocks begann 2011 mit dem Arabischen Fr\u00fchling, den <i>Indignados <\/i>in Spanien und <i>Occupy Wall Street<\/i> in den USA eine Welle gro\u00dfer Proteste und Erhebungen. Das letzte Jahr brachte riesige Aufst\u00e4nde in der T\u00fcrkei und Brasilien. Auch Ex-Jugoslawien wurde von dieser Welle erfasst. Bereits 2011 fanden in Kroatien gro\u00dfe \u201eFacebook-Proteste\u201c statt, die den ganzen Monat M\u00e4rz \u00fcber andauerten. Obwohl sie politisch ziemlich heterogen waren, war dies das erste Mal, dass in einem der postjugoslawischen L\u00e4nder antikapitalistische Botschaften offen zu vernehmen waren. Diese Proteste waren in vielfacher Hinsicht eine Vorank\u00fcndigung der <i>Indignados<\/i> und von OWS, zumindest in der Hinsicht, dass sie \u2013 wie diese \u2013 einen klaren gemeinsamen \u201eZeitgeist\u201c zum Ausdruck brachten. Im M\u00e4rz 2012 wurde Slowenien von einem \u201eVolksaufstand\u201c erfasst, der den \u00f6ffentlichen Diskurs im Land stark beeinflusste und neue politische Kr\u00e4fte entstehen lie\u00df, wie etwa die potentiell vielversprechende <i>Initiative f\u00fcr Demokratischen Sozialismus<\/i>. Jetzt&nbsp;ist die Zeit reif f\u00fcr Bosnien-Herzegowina. Dort reagierte man als letztes, die Antwort fiel aber umso kr\u00e4ftiger aus.<\/span><\/p>\n<p class=\"bodytext\" style=\"margin: 0cm 0cm 9pt; line-height: 13.5pt; background-position: initial initial; background-repeat: initial initial; \"><span style=\"font-size: 9pt; font-family: Verdana, sans-serif; \" lang=\"DE\">Nach Beginn des Aufstandes meinten alle Analysten, dass dieser unvermeidbar gewesen sei und sie \u00fcberzeugt davon gewesen w\u00e4ren, dass sich Derartiges fr\u00fcher oder sp\u00e4ter ereignen werde. Das entspricht aber nicht den Tatsachen. Denn obwohl die Situation in Bosnien-Herzegowina in der Tat und schon seit langem katastrophal ist, hatten die meisten Analysten bis zuletzt behauptet, dass eine solche Erhebung v\u00f6llig unm\u00f6glich sei, da die Bev\u00f6lkerung angeblich passiv, unbeweglich und dar\u00fcber hinaus durch Nationalismus gespalten sei. Aber wie so oft gab es einen unvorhersehbaren Funken, von dem aus sich das Feuer sehr schnell ausbreitete.<\/span><\/p>\n<p class=\"bodytext\" style=\"margin: 0cm 0cm 9pt; line-height: 13.5pt; background-position: initial initial; background-repeat: initial initial; \"><b><span style=\"font-size: 9pt; font-family: Verdana, sans-serif; \" lang=\"DE\">Der Aufstand begann in Tuzla<\/span><\/b><span style=\"font-size: 9pt; font-family: Verdana, sans-serif; \" lang=\"DE\">, einer Stadt in Nordwesten des Landes mit einer starken linksgerichteten und Arbeitertradition. \u201eEine andere Stadt\u201c, wie oft behauptet wird, da sich dort der Nationalismus niemals richtig festsetzen konnte, im Unterschied zum Rest des Landes. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass es ausgerechnet diese Stadt war, die sich im Zentrum der Auseinandersetzungen befand. Dort haben Arbeiter aus einigen privatisierten Fabriken (wie etwa <i>Dita,<\/i> <\/span><i>Polihem <\/i><span style=\"font-size: 9pt; font-family: Verdana, sans-serif; \">u<\/span><span style=\"font-size: 9pt; font-family: Verdana, sans-serif; \">nd&nbsp;<\/span><i>Konjuh<\/i>) <span style=\"font-size: 9pt; font-family: Verdana, sans-serif; \" lang=\"DE\">schon eine Zeitlang aus mehreren Gr\u00fcnden friedlich protestiert. Am 5. Februar stie\u00dfen jedoch die Jugend der Stadt, die Arbeitslosen und andere Menschen zu ihnen, wobei sich die Mehrzahl der gewaltsamen Auseinandersetzungen und Br\u00e4nde am 7. Februar ereignete (die wichtigsten Auseinandersetzungen fanden in Tuzla, Sarajewo, Zenica, Mostar und Biha<\/span><span style=\"font-size: 9pt; font-family: Verdana, sans-serif; \">\u0107<\/span><span style=\"font-size: 9pt; font-family: Verdana, sans-serif; \" lang=\"DE\">, den gr\u00f6\u00dften St\u00e4dten des Landes, statt). &nbsp;<\/span><\/p>\n<p class=\"bodytext\" style=\"margin: 0cm 0cm 9pt; line-height: 13.5pt; background-position: initial initial; background-repeat: initial initial; \"><span style=\"font-size: 9pt; font-family: Verdana, sans-serif; \" lang=\"DE\">Die Proteste waren spontan und hatten soziale Forderungen zur Grundlage. Viele der Protestierenden brachten vor, dass sie einfach nichts mehr zu essen haben, seit langem arbeitslos sind, und sie \u00e4u\u00dferten ihre tiefe Verachtung f\u00fcr die kriminellen Eliten in Politik und Wirtschaft. Wenngleich der Aufstand sich haupts\u00e4chlich in jenen Teilen Bosniens zutrug, die von muslimischen Bosniern bewohnt werden&nbsp;(was die kroatischen und serbischen Nationalisten immer sehr schnell als Negativargument zur Hand haben), hatte er eine eindeutig soziale und keineswegs nationale Ausrichtung, abgesehen von einigen Provokationen, Sabotageakten und wirren Einzelpersonen. In ihrer Zusammensetzung sind die Proteste durchaus heterogen, wie dies oft der Fall ist \u2013 so haben sich z. B. gro\u00dfe Scharen an Fu\u00dfball-Fans den Reihen der militanten Gruppen unter den Aufst\u00e4ndischen angeschlossen. Bis jetzt finden die Proteste haupts\u00e4chlich in jenen Teilen des Landes statt, die vorwiegend von Bosniern bewohnt sind, es gibt aber auch hier zahlreiche Ausnahmen. In Mostar, der Stadt im S\u00fcdwesten des Landes, waren sowohl Kroaten als auch Bosnier an der In-Brand-Setzung des Hauptquartiers der beiden gr\u00f6\u00dften nationalistischen Parteien auf kroatischer und bosnischer Seite (HDZ und SDA) beteiligt. Angeh\u00f6rige der kroatischen Volksgruppe protestierten in <\/span><span style=\"font-size: 9pt; font-family: Verdana, sans-serif; \">Livno und Ora\u0161je<\/span><span style=\"font-size: 9pt; font-family: Verdana, sans-serif; \" lang=\"DE\">, w\u00e4hrend Angeh\u00f6rige der serbischen Volksgruppe eine Reihe kleinerer Proteste und Versammlungen in <\/span><span style=\"font-size: 9pt; font-family: Verdana, sans-serif; \">Prijedor, Banja Luka, Bijeljina und Zvornik<\/span><span style=\"font-size: 9pt; font-family: Verdana, sans-serif; \" lang=\"DE\"> organisierten.<\/span><\/p>\n<p class=\"bodytext\" style=\"margin: 0cm 0cm 9pt; line-height: 13.5pt; background-position: initial initial; background-repeat: initial initial; \"><b><span style=\"font-size: 9pt; font-family: Verdana, sans-serif; \" lang=\"DE\">Obwohl die Proteste klar sozial motiviert sind<\/span><\/b><span style=\"font-size: 9pt; font-family: Verdana, sans-serif; \" lang=\"DE\">, stellt die von den politischen Eliten zu ihrem Vorteil genutzte (und im Falle der Kroaten in Bosnien-Herzegowina nicht unbegr\u00fcndete) nationale Frage noch immer ein gro\u00dfes Problem dar. Viele Kroaten und Serben in Bosnien-Herzegowina sind noch immer misstrauisch.&nbsp;Sie bef\u00fcrchten, dass die Proteste eine andere politische Wendung nehmen k\u00f6nnten, und berufen sich zum Beispiel auf die islamistische Entwicklung der \u00e4gyptischen Revolution (obwohl ein solches Szenario in Bosnien-Herzegowina \u00e4u\u00dferst unwahrscheinlich ist). Diese Angst wird insbesondere von den politischen Eliten und den Medien gesch\u00fcrt, die Proteste in den kroatischen und serbischen Landesteilen von Bosnien-Herzegowina zu verhindern versuchen. Dabei erfreute sich eine Vielzahl an Verschw\u00f6rungstheorien gro\u00dfer Beliebtheit. Etwa behaupten bosnische Nationalisten und Politiker, dass das Ganze eine Verschw\u00f6rung gegen die Bosnier sei, kroatische Nationalisten und Politiker behaupten wiederum, dass alles nur eine Verschw\u00f6rung gegen die Kroaten sei, und serbische Nationalisten und Politiker behaupten ihrerseits, dass es sich um eine Verschw\u00f6rung gegen die Serben handle. Sehr bezeichnend ist auch, dass kroatische und serbische Intellektuelle und Medien stillschweigend zusammenarbeiten und so verzweifelt zu beweisen versuchen, dass es sich bei den Ereignissen nur um einen \u201eBosnischen Fr\u00fchling\u201c handelt. &nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/span><\/p>\n<p class=\"bodytext\" style=\"margin: 0cm 0cm 9pt; line-height: 13.5pt; background-position: initial initial; background-repeat: initial initial; \"><b><span style=\"font-size: 9pt; font-family: Verdana, sans-serif; \" lang=\"DE\">Aber nicht alle lassen sich von dieser nationalistischen Propaganda beeindrucken<\/span><\/b><span style=\"font-size: 9pt; font-family: Verdana, sans-serif; \">. <\/span><span style=\"font-size: 9pt; font-family: Verdana, sans-serif; \" lang=\"DE\">Eine Gewerkschaft aus Drvar zum Beispiel (deren Mitglieder \u00fcberwiegend der serbischen Minderheit angeh\u00f6ren) hat die zumeist kroatischen Protestierenden in Livno unterst\u00fctzt. Auch hat die Veteranenorganisation im serbischen Landesteil ihren Pr\u00e4sidenten Milorad Dodik offen aufgefordert, sich endlich der sozialen Probleme, der Ungerechtigkeit, der mit den Privatisierungen verbundenen&nbsp;kriminellen Handlungen usw. anzunehmen. Andererseits wurden in Bijeljina (im serbischen Teil von Bosnien und Herzegowina) die Protestierenden, die den Aufstand unterst\u00fctzten, mit einem Gegenprotest durch serbische Nationalisten konfrontiert. Dasselbe ereignete sich w\u00e4hrend einer Solidarit\u00e4tskundgebung in Belgrad (zur selben Zeit, als die Polizeigewerkschaft in Serbien erkl\u00e4rte, dass, sollten die Proteste die serbische Grenze \u00fcberschreiten, sie gegen die Protestierenden vorgehen w\u00fcrde). In Kroatien organisieren andererseits sowohl linke als auch rechte Aktivisten Proteste im Geiste der in Bosnien-Herzegowina stattfindenden Ereignisse. <\/span><\/p>\n<p class=\"bodytext\" style=\"margin: 0cm 0cm 9pt; line-height: 13.5pt; background-position: initial initial; background-repeat: initial initial; \"><span style=\"font-size: 9pt; font-family: Verdana, sans-serif; \" lang=\"DE\">Die Lage in Bosnien-Herzegowina ist momentan sehr angespannt. Einige linksgerichtete Intellektuelle und Pers\u00f6nlichkeiten des \u00f6ffentlichen Lebens unterst\u00fctzen die Proteste, aber die meisten Medien und die gesamte politische Kaste stehen ihnen geschlossen ablehnend gegen\u00fcber. Jede Menge nationalistischer Behauptungen, Verschw\u00f6rungstheorien, gef\u00e4lschter Manifeste, unwahrer Erkl\u00e4rungen, erfundener Berichte und Geschichten sind im Umlauf. Die Eliten und dem Regime nahe stehende Intellektuelle versuchen so gut sie k\u00f6nnen, den Status quo aufrechtzuerhalten. Dennoch ist offensichtlich, dass in liberalen, konservativen und nationalistischen Kreisen viel Verwirrung herrscht. Ihre Analyseinstrumente und Erkl\u00e4rungsmuster sind nicht daf\u00fcr geschaffen, mit dieser Art von Entwicklung umzugehen, da sie die Arbeiterklasse, die Arbeitslosen und die Armen nicht wirklich als aktive politische Subjekte wahrnehmen k\u00f6nnen. Zusammengehalten wird das alles durch den Kleister kleinb\u00fcrgerlichen Moralisierens \u00fcber brennende Geb\u00e4ude, \u201eHooligans\u201c, \u201eunn\u00f6tige\u201c Gewalt und so weiter. Liberale und Konservative rufen nach \u201efriedlichen und gem\u00e4\u00dfigten\u201c Protesten, ungeachtet der Tatsache, dass nichts von alledem sich ereignet h\u00e4tte, h\u00e4tte es keine Gewalt gegeben, und ungeachtet der Tatsache, dass die sorgf\u00e4ltige Abstimmung von Politik und Medien nun klar zutage gef\u00f6rdert hat, was b\u00fcrgerliche Demokratie und \u201eMedienfreiheit\u201c wirklich bedeuten.<\/span><\/p>\n<p class=\"bodytext\" style=\"margin: 0cm 0cm 9pt; line-height: 13.5pt; background-position: initial initial; background-repeat: initial initial; \"><span style=\"font-size: 9pt; font-family: Verdana, sans-serif; \" lang=\"DE\">Wie immer haben die Medien ein Aufheben dar\u00fcber gemacht, dass die Protestierenden angeblich nicht w\u00fcssten, was sie t\u00e4ten, und keine klaren Ziele h\u00e4tten. Dies stimmt aber nicht. Die Forderungen der Protestierenden werden von Tag zu Tag klarer. Zum Beispiel haben die Arbeiter und Protestierenden von Tuzla, die die fortschrittlichsten, politisch einigsten und wortgewandtesten sind, gefordert, dass die Privatisierungen der Werke <i>Dita, Polihem, Gumara und Konjuh<\/i> r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht werden; weitere Punkte ihres Forderungskatalogs: Gesundheitsschutz f\u00fcr die Arbeitenden, ein Vorgehen gegen Wirtschaftskriminalit\u00e4t, Enteignung von illegal erworbenem Reichtum, Verstaatlichung von Fabriken und Arbeiterkontrolle, gerechtere L\u00f6hne, Abbau der Privilegien der politischen Elite usw. Es ist allerdings noch schwer zu sagen, was aus all dem entstehen wird und was davon nur Rhetorik ist.<\/span><\/p>\n<p class=\"bodytext\" style=\"margin: 0cm 0cm 9pt; line-height: 13.5pt; background-position: initial initial; background-repeat: initial initial; \"><b><span style=\"font-size: 9pt; font-family: Verdana, sans-serif; \" lang=\"DE\">F\u00fcr die Linke die vielleicht interessanteste und aufregendste Sache<\/span><\/b><span style=\"font-size: 9pt; font-family: Verdana, sans-serif; \" lang=\"DE\"> ist die Entstehung eines revolution\u00e4ren organisatorischen Gremiums, des sogenannten \u201ePlenums\u201c (oder Vollversammlung)&nbsp;in Tuzla, das im Zentrum des Aufstandes steht (jene Stadt, in der die Regierung vor einigen Tagen ihren R\u00fccktritt eingereicht hat). Die Protestierenden in der Hauptstadt Sarajevo und in der Stadt Zenica versuchen ebenfalls ein Plenum zu organisieren. Es&nbsp;ist im Wesentlichen sehr \u00e4hnlich dem&nbsp;der urspr\u00fcnglichen russischen Sowjets. Den Protestierenden dient es zur kollektiven Entscheidungsfindung und Formulierung ihrer Forderungen auf direkt-demokratischem Wege. Interessant ist, dass die Idee eines Plenums als politische Instanz zur demokratischen Entscheidungsfindung ihren Ursprung in der gro\u00dfen Besetzungswelle der Studierenden in Kroatien 2009 hat, die ihrerseits wiederum auf die Studierendenbewegung in Belgrad 2006 zur\u00fcckgeht. Daher ist all dies ein gutes Beispiel f\u00fcr die postjugoslawische Zusammenarbeit und wechselseitige Beeinflussung linker Aktivist_innen.<\/span><\/p>\n<p class=\"bodytext\" style=\"margin: 0cm 0cm 9pt; line-height: 13.5pt; background-position: initial initial; background-repeat: initial initial; \"><span style=\"font-size: 9pt; font-family: Verdana, sans-serif; \" lang=\"DE\">Eine der Forderungen des Plenums von Tuzla, die von den verbliebenen Resten der alten Regierung akzeptiert wurde, war die Bildung einer neuen kantonalen \u00dcbergangsregierung, bestehend aus von den Menschen der Region vorgeschlagenen Kandidat_innen, die jedoch Personen ausschloss, die aufgrund fr\u00fcherer Regierungsbeteiligung oder der Mitgliedschaft in alten politischen Parteien kompromittiert waren. Die Angeh\u00f6rigen der neu gew\u00e4hlten Regierung sollen auch weniger Einkommen beziehen und keine Zusatzprivilegien genie\u00dfen. Am Plenum k\u00f6nnen alle teilnehmen, diskutieren und abstimmen, ausgenommen Mitglieder der alten Parteien und Regierung (was all dies im Grunde zu einer \u201eDiktatur des Proletariats\u201c macht, will man diesen klassischen Begriff hier bem\u00fchen). Und w\u00e4hrend diese Art der Entscheidungsfindung h\u00f6chst empfehlenswert ist, ist sie doch nur eine tempor\u00e4re Sache, weil sehr problematisch, soll sie die ganze Stadt (oder gar den Kanton) repr\u00e4sentieren. Beim Treffen des Plenums von Tuzla am 10. Februar waren laut Angaben der Teilnehmer_innen an die 200 Personen anwesend, w\u00e4hrend die Gesamtbev\u00f6lkerung von Tuzla 130.000 Menschen umfasst.<\/span><\/p>\n<p class=\"bodytext\" style=\"margin: 0cm 0cm 9pt; line-height: 13.5pt; background-position: initial initial; background-repeat: initial initial; \"><b><span style=\"font-size: 9pt; font-family: Verdana, sans-serif; \" lang=\"DE\">Es ist unm\u00f6glich vorauszusagen, wie sich die Dinge entwickeln werden.<\/span><\/b><span style=\"font-size: 9pt; font-family: Verdana, sans-serif; \" lang=\"DE\"> Eines ist jedoch gewiss \u2013 Bosnien und Herzegowina (ebenso wie die gesamte Region) werden nach den Ereignissen nicht mehr dieselben sein. Man k\u00f6nnte sagen, dass schon eine Menge (zumindest auf symbolischer Ebene) erreicht worden ist, insbesondere wenn man der Tatsache Beachtung schenkt, dass es in Bosnien-Herzegowina (wie im ehemaligen Jugoslawien insgesamt) keine linke Massen-Bewegung gibt. Die Ideen und der \u00f6ffentliche Diskurs haben sich bereits ver\u00e4ndert. K\u00fcnftig werden die Eliten sicher mehr Angst vor den Menschen haben, und dies nicht nur in Bosnien-Herzegowina. Man kann nur hoffen, dass all dies der Bildung und dem Anwachsen progressiver Kr\u00e4fte und Organisationen im Land dienlich sein wird.<\/span><\/p>\n<p class=\"bodytext\" style=\"margin: 0cm 0cm 9pt; line-height: 13.5pt; background-position: initial initial; background-repeat: initial initial; \"><span style=\"font-size: 9pt; font-family: Verdana, sans-serif; \" lang=\"DE\">Die dramatischen Entwicklungen in Bosnien-Herzegowina haben im ganzen Land und auch in den Nachbarl\u00e4ndern f\u00fcr einiges an Aufsehen gesorgt. Im Westen bleiben die Ereignisse weitgehend unbeachtet. W\u00e4hrend westliche Medien den Ereignissen in der Ukraine gro\u00dfe Aufmerksamkeit zuteil werden lassen, da die EU und der Westen dort konkrete Interessen haben, wird der sozial ausgerichtete Aufstand in Bosnien-Herzegowina (auch wenn dieser ehrlicherweise ein viel kleineres Land betrifft) \u2013 wahrlich nichts, wor\u00fcber&nbsp;sich die europ\u00e4ischen kapitalistischen\/liberalen Eliten freuen w\u00fcrden (insbesondere da das benachbarte Kroatien das j\u00fcngste EU-Mitglied ist) \u2013 zum Gro\u00dfteil ignoriert.<\/span><\/p>\n<p class=\"bodytext\" style=\"margin: 0cm 0cm 9pt; line-height: 13.5pt; background-position: initial initial; background-repeat: initial initial; \"><span style=\"font-size: 9pt; font-family: Verdana, sans-serif; \" lang=\"DE\">Bemerkenswert finde ich aber, dass selbst die westeurop\u00e4ische Linke dem, was in unserer Region geschieht, so wenig Bedeutung beimisst. Das ist zwar nicht \u00fcberraschend, es ist jedoch keineswegs r\u00fchmlich f\u00fcr politische Kr\u00e4fte, die stolz auf ihren Internationalismus sind. Die Linke, insbesondere die Linke in den entwickelten westlichen L\u00e4ndern, sollte viel st\u00e4rker daran arbeiten, ihren eigenen tief sitzenden&nbsp;<\/span>\u201e<span style=\"font-size: 9pt; line-height: 13.5pt; \">Provinzialismus\u201c zu \u00fcberwinden. Die Linke, sei es nun die intellektuell-akademische oder die parlamentarische, sollte internationalistisch nicht nur ihrer Theorie nach, sondern auch in ihrer Praxis sein. Was in Bosnien-Herzegowina geschieht, ist auch deshalb interessant und wichtig f\u00fcr die Linke insgesamt.<\/span><\/p>\n<p class=\"bodytext\" style=\"margin: 0cm 0cm 9pt; line-height: 13.5pt; background-position: initial initial; background-repeat: initial initial; \"><i><span style=\"font-size:9.0pt; font-family:&quot;Verdana&quot;,&quot;sans-serif&quot;; color:#EE0000\" lang=\"DE\">Einen offenen Brief (vom 12. Februar 2014) zur Unterst\u00fctzung der B\u00fcrger_innen von Bosnien-Herzegowina finden Sie auf der Homepage von <\/span><\/i><i><span style=\"font-size:9.0pt; font-family:&quot;Verdana&quot;,&quot;sans-serif&quot;; color:#EE0000\" lang=\"EN-GB\"><link http:\/\/cadtm.org\/Open-Letter-of-support-for - - \"Opens external link in new window\"><span style=\"color:#888888\" lang=\"DE-AT\">CADTM<\/span><\/link><\/span><\/i><i><span style=\"font-size:9.0pt; font-family:&quot;Verdana&quot;,&quot;sans-serif&quot;; color:#EE0000\" lang=\"EN-GB\"> <\/span><\/i><i><span style=\"font-size:9.0pt; font-family:&quot;Verdana&quot;,&quot;sans-serif&quot;; color:#EE0000\" lang=\"DE\">sowie rechts unter \u201eDokumentation\u201c.<\/span><\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 7. Februar brannten Regierungsgeb\u00e4ude in ganz Bosnien-Herzegowina. Die Menschen hatten beschlossen, nun endlich ihre Meinung zum Ausdruck zu bringen, nachdem sie lange geschwiegen hatten. Und als sie es schlie\u00dflich taten, waren das nicht einfach Worte \u2013 es war ein Gebr\u00fcll, begleitet von Br\u00e4nden, Steinen und schweren Auseinandersetzungen mit der Polizei.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":21844,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[8,61],"tags":[1673],"class_list":["post-21843","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-analysis","category-article","tag-westbalkan","topic-social-movements","person-mate-kapovic-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21843","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21843"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21843\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":27392,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21843\/revisions\/27392"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/21844"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21843"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21843"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21843"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}