{"id":21966,"date":"2014-05-13T10:53:00","date_gmt":"2014-05-13T08:53:00","guid":{"rendered":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/blog\/unkategorisiert\/die-logik-des-aufstands\/"},"modified":"2023-09-27T16:08:02","modified_gmt":"2023-09-27T14:08:02","slug":"die-logik-des-aufstands","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/blog\/article\/die-logik-des-aufstands\/","title":{"rendered":"Die Logik des Aufstands"},"content":{"rendered":"<p>Das Ansehen von Putins Russland im Westen ist in der Tat nicht besonders gut \u2013 vielleicht sogar schlechter als das der Breschnew\u2019schen UdSSR. Aber das, was wir heute erleben, geht wirklich \u00fcber den Rahmen des Gewohnten hinaus. Das gab es nicht in den Zeiten des \u201eKalten Krieges\u201c, nicht w\u00e4hrend des Tschetschenien-Konfliktes oder der russisch-grusinischen Zusammenst\u00f6\u00dfe. Und an den Beschuss des russischen Parlamentes unter Jelzin kann man sich nicht mehr erinnern \u2013 damals applaudierte der liberale Westen.<br \/>\nIn Moskau erwartete man Kritik nach der Annexion der Krim, doch seither ist schon mehr als ein Monat vergangen, und die Kreml-F\u00fchrer taten nichts Neues, sie wiederholten jeden Tag mehrmals wie ein Mantra die Worte der Achtung der territorialen Integrit\u00e4t der Ukraine, dass sie keine Vorbereitungen f\u00fcr weitere Besetzungen tr\u00e4fen und dass sie den Westen dazu aufrufen, ein gemeinsames Herangehen an die Krise zu erarbeiten&#8230; Aber die Kritik verstummte nicht. Und je mehr absurde Erkl\u00e4rungen von Vertretern der gegenw\u00e4rtigen Kiewer Macht abgegeben wurden, desto aktiver und freudiger wurden sie aufgegriffen. Lediglich nach der Unterzeichnung des Genfer \u00dcbereinkommens vom 17. April zwischen der Ukraine, Russland und dem Westen kam es zu einer leichten Entspannung: VertreterInnen Europ\u00e4ischer Institutionen sahen nun,&nbsp; dass man es mit Gruppierungen zu tun hat, die weder Kiew noch Moskau dienen. Sie anerkannten, dass sie \u00fcber keine klaren Beweise einer Einmischung Moskaus verf\u00fcgen. Aber sie warnten, dass man, wenn Moskau sich nicht gut f\u00fchre, derartige Beweise vielleicht morgen finden k\u00f6nnte.<br \/>\nDie Argumente des Kreml in diesem Konflikt wirkten nicht und konnten auch nicht wirken, weil die westlichen PolitikerInnen in diesem Moment gar nicht daran interessiert waren, was das offizielle Moskau denkt oder tut. Sie wissen sehr gut, dass es keine russische Invasion gibt \u2013 und genau das ist das gro\u00dfe internationale Problem. Das anzuerkennen bedeutet n\u00e4mlich anzuerkennen, dass die Kiewer Regierung einen Krieg gegen die eigene Bev\u00f6lkerung begonnen hat. \u00dcber die Volksrepublik Donezk wurde nie als eigenst\u00e4ndige politische Erscheinung gesprochen, weil dann die Frage nach den Ursachen des Volksprotests und dessen Forderungen zu stellen w\u00e4re. Die Erz\u00e4hlung \u00fcber Kreml-Agenten und allgegenw\u00e4rtige russische Truppen \u2013 die nirgendwo entdeckt werden konnten, aber fast die halbe Ukraine okkupiert haben sollen, wiewohl ohne einen einzigen Schuss abzufeuern oder auf Ukrainischem Territorium aufzutauchen \u2013 spielt in der Propaganda gegen die Volksrepublik Donezk die gleiche Rolle, wie die Geschichten \u00fcber das Geld des deutschen Generalstabes und deutsche Spione in der antibolschewistischen Propaganda 1917.<br \/>\nEs geht hier nicht nur um die Diskreditierung der Opponenten der gegenw\u00e4rtigen Macht, die so als Verr\u00e4ter ihres Landes gezeichnet werden sollen, sondern um das Verdecken des Klassencharakters der sich entfaltenden Bewegung, ihrer sozialen Grundlage. Diese halb-bewusste Angst, die das liberale Publikum erfasst \u2013 von Intellektuellen und Politikern bis hin zu honorigen, fast progressiven B\u00fcrgerlichen \u2013 veranlasst sie, beliebigen und offensichtlichen Phantasien Glauben zu schenken, ganz ernsthaft offensichtlichen Unsinn zu wiederholen, um ja nicht \u00fcber Klassenkampf sprechen und nachdenken zu m\u00fcssen. Nicht \u00fcber den, der in klugen B\u00fcchern beschrieben und im guten Avantgarde-Kino gezeigt wird, sondern \u00fcber jenen, der im realen Leben verl\u00e4uft und Fakt praktischer Politik wird.<br \/>\nDie neue Macht in Kiew erhebt gegen\u00fcber den Anti-Majdan-Bewegten im S\u00fcdosten die gleichen Beschuldigungen und entwickelt die gleichen Verschw\u00f6rungstheorien, die erst wenige Monate zuvor die Propaganda Janukovi\u010ds genutzt hatte, wenn sie \u00fcber den Majdan sprach. Nur wird all das jetzt in verzehnfachtem, verhundertfachtem Ma\u00dfstab reproduziert, sodass es schon groteske Formen annimmt.<br \/>\nEine \u00c4hnlichkeit zwischen Majdan und Anti-Majdan besteht tats\u00e4chlich. Ausl\u00e4ndisches Geld floss nat\u00fcrlich hier wie dort, im ersten Falle amerikanisches und westeurop\u00e4isches, im zweiten Falle russisches (wobei russisches Geld in jedem Fall involviert war). Es gab Einfluss von Au\u00dfen. Eine andere Sache ist, dass der Westen nicht nur ungleich mehr Geld einsetzte, sondern bei weitem effektiver und kl\u00fcger. Ebenso wenig, wie der Sieg des Majdan im Februar Resultat der Machenschaften westlicher Politiktechnologen war, ist der erfolgreiche Aufstand von hunderttausenden, wenn nicht Millionen Menschen im Osten der Ukraine mit der Einmischung Russlands zu erkl\u00e4ren.<br \/>\nViel wichtiger jedoch ist nicht die \u00c4hnlichkeit, sondern der Gegensatz dieser beiden Bewegungen. Der Unterschied besteht nicht in Ideologien, obwohl ein Vergleich der dominierenden Losungen mehr als lohnenswert ist \u2013 Faschistisches Geschrei auf dem Majdan, die \u201eInternationale\u201c und soziale Forderungen in Donezk. Diese ideologischen Unterschiede widerspiegeln letztendlich den fundamentalen Unterschied der sozialen Natur, der Klassenbasis der beiden Bewegungen. Nat\u00fcrlich stellt der Aufstand im S\u00fcdosten nicht nur eine Negation, sondern auch eine Wiedergeburt, eine Fortsetzung des Majdan dar, wie der Oktober 1917 gleichzeitig Wiedergeburt, Fortsetzung und Negation des Februar war. Das Elementare einer revolution\u00e4ren Krise, die au\u00dfer Kontrolle ger\u00e4t, zieht immer neue sozialen Schichten in deren Orbit, neue Gruppen und Klassen, die fr\u00fcher nicht an Politik teilnahmen.<br \/>\nBis vor kurzem war der politische Kampf ein Privileg der \u201eaktiven Gesellschaft\u201c, bestehend aus liberalen Intellektuellen und der hauptst\u00e4dtischen Mittelklasse, die immer den Beistand einer gewissen Zahl passionierter Marginalisierter, vor arbeitslose Jugendliche der Westukraine, heraufbeschw\u00f6ren konnte. Politik als Gesch\u00e4ft f\u00fcr Berufspolitiker oder als Entertainment f\u00fcr die Mittelklasse \u2013 das ist die Vorstellung von Demokratie, die, wenn auch nicht offen, auch viele Linke mit ihren liberalen Kollegen teilten. Der gro\u00dfen Masse der Werkt\u00e4tigen (nicht nur im S\u00fcdosten, sondern selbst in Kiew) wurde in diesem St\u00fcck bestenfalls die Rolle als Stimmvolk oder passive Zuschauer, im schlechtesten Falle von Versuchskaninchen zugewiesen. Der Gedanke, dass diese Masse schweigender und scheinbar apolitischer Menschen, besch\u00e4ftigt mit dem t\u00e4glichen Kampf ums \u00dcberleben, aktiv und selbstst\u00e4ndig an den Ereignissen teilnehmen k\u00f6nnte, kam liberalen Intellektuellen und den politischen Eliten beliebiger Richtung nicht in den Sinn. Auch heute wird diese Vorstellung von ihnen als etwas unm\u00f6gliches, als b\u00f6ser Alptraum wahrgenommen.<br \/>\n<span lang=\"DE\">&nbsp;<\/span><\/p>\n<h3><span lang=\"DE\">Aufstand der Deklassierten<\/span><\/h3>\n<p>Im Fr\u00fchjahr 2014 passierte dann das, was fr\u00fcher oder sp\u00e4ter passieren musste. Dies freilich nicht in der Ukraine, sondern in Bosnien, wo gegen jede historische Ordnung Massen von w\u00fctenden ArbeiterInnen und Arbeitslosen gegen das entstandene System auf die Stra\u00dfe gingen, sich unter gemeinsamen Losungen vereinigten und die traditionellen politischen Strukturen, die sich auf die Teilung der Gesellschaft in ethno-religi\u00f6se Gruppen gr\u00fcndete, zerbrachen.<br \/>\n<span lang=\"DE\">Die Bewegung, die sich durch die St\u00e4dte der \u00f6stlichen und s\u00fcdlichen Ukraine zog, wie auch die Ereignisse in Bosnien, ver\u00e4nderten in grunds\u00e4tzlicher Weise die Soziologie des politischen Lebens. Die Massen traten in den Vordergrund \u2013 mit ihren Forderungen, Interessen, Hoffnungen, Illusionen und Vorurteilen. Sie waren den romantischen Helden der Kinderb\u00fccher \u00fcberhaupt nicht \u00e4hnlich, ihr Klassenbewusstsein befand sich noch auf rudiment\u00e4rem Niveau, doch als sie erst einmal zu handeln begannen, waren sie auch dazu bestimmt, zu lernen und die Wissenschaft des sozialen Kampfes zu begreifen.<\/span><br \/>\n<span lang=\"DE\">Man muss anerkennen, dass auch die Erfahrung des Kiewer Majdan nicht umsonst war. Sich gegen die Macht in Kiew verb\u00fcndend, nutzten die Einwohner des S\u00fcdostens die gleichen Methoden, mit denen die Rechtsradikalen der fr\u00fcheren Macht ihren Willen aufgezwungen hatten. Stra\u00dfenversammlungen m\u00fcndeten schnell in der Besetzung von Verwaltungsgeb\u00e4uden. Doch die Aktivisten in Donezk und Lugansk beschr\u00e4nkten sich nicht auf die Einnahme von Geb\u00e4uden der regionalen Verwaltung, sie proklamierten eigene Volksrepubliken. Und wenn die Volksrepublik in Lugansk Mitte April eher noch Losung einer Massenbewegung war, so nahm sie in Donezk hinreichend schnell Z\u00fcge einer alternativen Macht an. Das wurde gef\u00f6rdert durch die Besetzung \u00f6rtlicher Polizeistationen und anderer staatlicher Einrichtungen. Einige dieser Besetzungen erfolgten durch rebellierende Massen, doch in vielen F\u00e4llen handelten auch disziplinierte bewaffnete Gruppen \u2013 ehemalige Mitarbeiter von \u201eBerkut\u201c und anderen Sicherheitsorganen der Ukraine, die von der neuen Regierung in Kiew entlassen worden waren, oder Deserteure (einige Abteilungen verlie\u00dfen den Dienst praktisch im vollen Bestand, unter Mitnahme von Waffen und Munition). Die Propaganda des offiziellen Kiew reagierte, indem sie die fr\u00fcheren Mitarbeiter ihrer eigenen Sicherheitsstrukturen russische Spezialkr\u00e4fte nannte. F\u00fcr die prorussisch gestimmte Bev\u00f6lkerung des ukrainischen S\u00fcdostens erschienen derartige Erkl\u00e4rungen aber nicht als Diskreditierung des Aufstandes, sondern eher als Reklame daf\u00fcr. Je mehr in Kiew von direkter Einmischung und gar Okkupation der Region durch Russland die Rede war, desto mehr Menschen in der Region schlossen sich den Protesten an.<\/span><br \/>\nDer Ausl\u00f6ser des Aufstandes waren jedoch nicht die prorussischen Sympathien der dortigen Bev\u00f6lkerung und auch nicht die von der Regierung in Kiew bekundete Absicht, das Gesetz, das dem Russischen den Status einer Regionalsprache verlieh, abzuschaffen. Im S\u00fcdosten hat sich lange Unzufriedenheit angestaut, und der endg\u00fcltige Ausl\u00f6ser war die extreme Versch\u00e4rfung der Wirtschaftskrise, die dem Regierungswechsel in Kiew gefolgt war. Nachdem die \u00dcbereinkunft mit dem IWF unterzeichnet war, erh\u00f6hte die Regierung die Preise f\u00fcr Gas und Medikamente, womit eine soziale Explosion unvermeidlich wurde. Im Westen des Landes und in der Hauptstadt konnte die wachsende Unruhe einige Zeit mit nationalistischer Rhetorik und antirussischer Propaganda gedeckelt werden. Gegen\u00fcber der Bev\u00f6lkerung im Osten aber hatte das den gegenteiligen Effekt. Bei dem Versuch, das Feuer im Westen zu l\u00f6schen, goss die Regierung \u00d6l in das Feuer im Osten.<br \/>\n\u201eEs f\u00e4llt mir schwer, diesen Umbruch im Verh\u00e4ltnis zu meinen Mitb\u00fcrgern zu glauben\u201c, schrieb auf der ukrainischen Website <span style=\"font-style: italic; \">Liva<\/span> Egor Voronov aus Gorlovka. \u201eNoch vor einem halben Jahr waren sie einfache, normale Menschen, sahen fern, beschwerten sich \u00fcber den Zustand der Stra\u00dfen und die Arbeit der Verwaltungen. Jetzt sind sie K\u00e4mpfer. In den Stunden meines Aufenthaltes im Geb\u00e4ude der Gebietsverwaltung traf ich niemanden, der aus Russland gekommen w\u00e4re. Die Leute waren aus Mariupol\u2019, Gorlovka, Dzerzinsk, Artemovsk, Krasnoarmejck. Neben mir standen gew\u00f6hnliche Menschen aus dem Donbass, genau die, mit denen wir jeden Tag im Bus fahren, in der Schlange stehen. Niemand aus der Kiewer Mittelklasse, separiert vom Volk durch besondere \u201eVerdienste\u201c, sondern einfache Angestellte und Arbeiter. Und ohne Frage sind dort viele Arbeitslose. Alle die, die in den letzten eineinhalb Monaten mit ihrem winzigen Einkommen in privaten B\u00fcros und Staatsbetrieben auskommen mussten. Und noch eines \u2013 je st\u00e4rker die L\u00f6hne der Bewohner des Donbass gemindert werden, umso mehr Protestierende wird Kiew im Osten haben.\u201c<br \/>\nDie Menschen, die gegen die Macht in Donezk, Lugansk und in vielen anderen St\u00e4dten der Ukraine aufgestanden sind, verf\u00fcgen weder \u00fcber sonderliche politische Kenntnisse noch \u00fcber ein klares politisches Programm. Es herrscht Wirrheit in den Losungen, es werden gleichzeitig religi\u00f6se, sowjetische oder revolution\u00e4re Symbole genutzt. All das muss zweifelsfrei einen strengen H\u00fcter proletarischer Ideologie emp\u00f6ren. Das Problem besteht blo\u00df darin, dass sich die Ideologen selbst als so unendlich weit entfernt von den Massen erwiesen, dass sie unf\u00e4hig waren, das \u201erichtige Bewusstsein\u201c in deren Reihen zu tragen oder auch nur dabei zu helfen, sich in den aktuellen politischen Fragen zu orientieren. Zur gleichen Zeit, da die Bewegung spontan und nicht ohne Probleme ihren politischen Weg ertastete, in groben Z\u00fcgen ihre Verfasstheit als sozialen und gegen die Oligarchie gerichteten Protest formulierte, waren die Linken, mit Ausnahme einer kleinen Zahl von AktivistInnen in Donezk und Charkov, mit abstrakten Diskussionen im Internet besch\u00e4ftigt.<br \/>\n<span lang=\"DE\">Es war absolut vorhersehbar, dass sowohl ukrainische als auch russische liberale Intellektuelle auf die Proteste von unten mit einer Welle von Hass und Verachtung reagieren w\u00fcrden. Den auf die Stra\u00dfe gehenden Arbeitern wurden \u00fcble Bezeichnungen verpasst. Sie wurden Lumpen genannt, Rindviecher, Hooligans, und was besonders am\u00fcsant ist, \u201eVatniki\u201c.* Das obwohl allgemein die Karikatur \u201eVatnik\u201c, der US-amerikanischen Zeichentrickfigur des Schwammkopf nachempfunden, verstanden wird als Wesen, das unver\u00e4nderbar loyal zur Staatsmacht steht und v\u00f6llig abh\u00e4ngig von der Propaganda der Regierung ist. In diesem Sinne sind als \u201eVatniks\u201c in der Ukraine eher Intellektuelle zu verstehen, die unkritisch jede propagandistische Version der neuen Regierung wiedergeben. <\/span><br \/>\nAnzumerken ist, dass im spontan entstandenen L\u00fcgen-Wettbewerb der Propaganda-Dienste in Moskau und Kiew den ersten Preis eindeutig die ukrainischen Kollegen gewonnen haben. Nicht, dass es in Russland weniger L\u00fcgen g\u00e4be. Aber die L\u00fcgen aus Kiew sind abenteuerlicher, innovativer und ohne Verbindung zur Realit\u00e4t, wobei man sich auch keine Gedanken dar\u00fcber macht, wie sich Bilder und Kommentare in Fernsehsendungen zueinander verhalten.<br \/>\nUkrainische liberale Linke haben im Zuge der Ereignisse ihre Ansichten und Vorbehalte bez\u00fcglich der Berechtigung einiger Forderungen des Donbass korrigiert (dar\u00fcber kann man anhand der Kiewer Konferenz \u201eLinke und Majdan\u201c urteilen). Aber ihre russischen und westlichen Geschwister im Geiste nahmen eine v\u00f6llig unvers\u00f6hnliche Position ein und solidarisierten sich g\u00e4nzlich mit der Kiewer Regierung und der EU-F\u00fchrung. Die gleichen Ansichten wurden auch von einem gro\u00dfen Teil der \u201eEurolinken\u201c ausgesprochen, vor allem von denen, die fr\u00fcher die Notwendigkeit unterstrichen, Themen der Multikulturalit\u00e4t, der Toleranz und der politischen Korrektheit in den Vordergrund zu stellen.<br \/>\nDas beobachtend, konstatierte der Kiewer Politologe Wolodimir Ischtschenko mit Bedauern, dass die Armee schon mit dem Volk gehe, aber viele Linke (Anarchisten!) noch mit der Staatsmacht.<br \/>\nEs ist klar, dass eine derartige Situation mit einer reinen Logik der Ideologie nicht zu erkl\u00e4ren ist. Wichtig ist auch, dass nicht selten Personen und Gruppen, die ihr politisches Werden auf eine mythologisierte und gesch\u00f6nte 1917er-Revolution zur\u00fcckf\u00fchren, gegen die real ablaufende Revolution im S\u00fcdosten der Ukraine die gleichen Argumente anf\u00fchrten wie die Opponenten der Bol\u0161eviki gegen diese vor etwas weniger als hundert Jahren.<br \/>\n<span lang=\"DE\">Ein viertel Jahrhundert Herrschaft der Reaktion, der politische und moralische Zusammenbruch der linken Bewegung (nicht nur auf dem Territorium der fr\u00fcheren UdSSR, sondern auch anderer Staaten), die langj\u00e4hrigen Spiele der political correctness und der Minderheitenrechte, die eine Klassen- und Massenpolitik ersetzen sollten, das alles war nicht ohne Sinn. Auf dem Gebiet des gesellschaftlichen Bewusstseins sehen wir uns um eineinhalb Jahrhunderte zur\u00fcckgeworfen. Das auch aus Schuld der Intellektuellen, die schon lange ihre Funktion bei der Aufkl\u00e4rung und Erm\u00e4chtigung des Volkes <\/span><span lang=\"DE\">vergessen haben und sich mit kulturell-ideologischen Spielen befassen, statt mit den Massen und f\u00fcr die Massen zu arbeiten.<\/span><br \/>\nUnd genau darum widerspiegelte die Bewegung in Donezk mit all ihren Widerspr\u00fcchen \u2013 wie Ikonen und Trikoloren neben roten Bannern \u2013 das Stadium der Entwicklung, mit dem die Arbeiteraktionen im vorvorigen Jahrhundert (im 19. Jahrhundert) begonnen hatten. Die Donezker Republik, wenn man sie aufmerksam betrachtet, erinnert an die politischen Formen, die von den Werkt\u00e4tigen vor dem Auftreten des historischen Materialismus geschaffen wurden.<br \/>\nVor uns steht die tats\u00e4chliche Arbeiterklasse, grob, nicht politisch korrekt, mit wirrem Kopf. Wenn euch ihr gegenw\u00e4rtiger ideologischer und kultureller Zustand nicht gef\u00e4llt, dann geht und arbeitet mit den Massen. Es ist ein Vorteil, dass es niemanden st\u00f6rt, wenn man dorthin mit roten Fahnen und sozialistischen Flugbl\u00e4ttern geht (im Unterschied zum Majdan, wo Flaggen zerrissen und linke Agitatoren geschlagen und vom Platz geworfen wurden).<br \/>\nDie Zukunft der Donezker Republik bleibt offen. Genau darin besteht die grandiose historische Chance, die es auf dem Majdan nicht gegeben hat, dessen F\u00fchrer nicht immer unter der Kontrolle der Massen gehalten werden, die aber ihrerseits energisch und effektiv&nbsp; die Agenda kontrollieren konnten. Demgegen\u00fcber formuliert die Donezker Republik ihre Agenda von unten, buchst\u00e4blich im Gehen, unter dem Einfluss der gesellschaftlichen Stimmung und im Fluss der Ereignisse. Diese Republik existiert im strengen Wortsinn nicht als Staat \u2013 es ist eine Vereinigung verschiedener, in den meisten F\u00e4llen selbstorganisierter Gemeinschaften. Dem Wesen nach ist das die ideale Verk\u00f6rperung der anarchistischen Vorstellungen einer revolution\u00e4ren Ordnung. Eine andere Sache ist, dass die Anarchisten selbst davon abger\u00fcckt sind und es vorziehen, die staatlich-patriotische Rhetorik der neuen Regierung in Kiew zu reproduzieren.<br \/>\nEs ist nicht schwer zu erraten, dass die Selbstorganisation der Donezker Republik vor allem deshalb verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gut funktioniert, weil die Reste des alten Verwaltungsapparates die laufenden Arbeiten weiterf\u00fchren, als sei nichts geschehen, und alle F\u00fchrungsfragen zu guter Letzt auf die Organisation der Verteidigung gerichtet sind. Aber in welchem Ma\u00dfe unterscheidet sich das von der Pariser Kommune (nicht der erdachten, idealisierten und romantisierten, sondern der, die in der Realit\u00e4t existierte)? Falls die Volksrepublik in Donezk noch einige Zeit \u00fcberlebt, wird sie sich unausweichlich ver\u00e4ndern. Und das nicht unbedingt zum Besseren. Aber das gro\u00dfe Potenzial der Selbstorganisation hat sie schon in ihrem ersten Kampf gezeigt. Unbewaffnete Menschen waren in der Lage, Widerstand zu leisten und mit Argumenten Teile der ukrainischen Armee zu \u201ebekehren\u201c, als Kiew die \u201eAntiterroroperation\u201c begann. Dieser friedliche Widerstand geht nicht nur in die Geschichte ein, sondern wird auch ein wichtiger Teil der kollektiven sozialen Erfahrung der ukrainischen und russischen Werkt\u00e4tigen sein.<br \/>\n<span lang=\"DE\">&nbsp;<\/span><\/p>\n<h3><span lang=\"DE\">Die Katastrophe der Mittelklasse<\/span><\/h3>\n<p>Die Ereignisse in Kiew, die im Winter 2013 begannen, kann man als einen \u201eAufstand der Mittelklasse\u201c qualifizieren. Derartige Aufst\u00e4nde finden sich seit Anfang des neuen Jahrhunderts \u00fcberall auf der Welt \u2013 von den USA bis nach Brasilien und in den arabischen Staaten. Auch Russland und die Ukraine waren keine Ausnahme. Aber ungeachtet einer Reihe gemeinsamer Z\u00fcge \u00e4hnelten sie sich hinsichtlich der politischen Agenda nicht immer. Allgemeine demokratische Losungen verbanden sich in einigen F\u00e4llen mit Forderungen nach progressiven sozialen Reformen im Interesse der Mehrheit, in anderen waren sie vermischt mit primitivsten Gruppenegoismen, die mit demokratischer Rhetorik dem Wesen nach antidemokratische Programme faktisch bem\u00e4ntelten.<br \/>\nDerartige Verschiedenheit ist nicht zuf\u00e4llig. In Folge ihrer Eigenschaft als Zwischenschicht und ihrer extrem instabilen Lage in der modernen Gesellschaft ist die Mittelklasse ideologisch und politisch ebenfalls instabil, es kann sie nach links oder nach rechts treiben. Aber nicht zuf\u00e4llig ist auch, dass in den Staaten des \u201eZentrums\u201c der Protest der Mittelklasse sich \u00f6fters als progressiv erweist, w\u00e4hrend das an der Peripherie umgekehrt ist. Je massenhafter die Mittelklasse ist, umso mehr wird sie sich ihrer Lage als Lohnarbeitende bewusst, umso weniger Illusionen hat sie bez\u00fcglich ihrer Lage, ihres Wertes und ihrer Perspektiven. Dem gegen\u00fcber neigen die mittleren Schichten in L\u00e4ndern der Peripherie und Halbperipherie \u00f6fter zu elit\u00e4ren Illusionen und sehen die Bedrohung ihrer Stellung nicht in neoliberalen Reformen, sondern in den Anspr\u00fcchen der benachteiligten und \u201ezur\u00fcckgebliebenen\u201c Unterschichten auf einen gr\u00f6\u00dferen Anteil am Kuchen. Dabei stellen die Selbstbewertung der Mittelklasse und ihre Vorstellungen \u00fcber eigene M\u00f6glichkeiten und Perspektiven nicht selten eine Sammlung h\u00f6chst unwahrscheinlicher Illusionen und Mythen dar. Und je peripherer die Wirtschaft eines Landes ist, umso wundersamer sind diese Ansichten.<br \/>\nNat\u00fcrlich ist das heilbar. Wenn es eine starke b\u00fcrgerliche Tradition und eine starke linke Bewegung gibt, kann man ein Projekt einer radikalen demokratischen Modernisierung ausarbeiten, das unter derartigen Bedingungen einen Teil der Mittelklasse einbeziehen kann, wie dies z.B. in Venezuela passiert ist. Wenn ein solches Projekt auf Schwierigkeiten st\u00f6\u00dft oder ins Schlingern ger\u00e4t, sehen wir, wie ein Teil der Mittelklasse schnell nach rechts abschwenkt.<br \/>\nDas Paradox besteht darin, dass ein wesentlicher Teil der linken Bewegung schon lange nicht mehr mit den ArbeiterInnen verbunden ist. Als Fleisch vom Fleische der Mittelklasse neigt dieser Teil dazu, mit der eigenen sozialen Basis zu schwanken. An sich ist die Verbindung der Linken mit der Mittelklasse noch kein gro\u00dfes Problem, wenn man ber\u00fccksichtigt, dass die soziale Struktur der heutigen Gesellschaft bei weitem nicht mehr die ist, wie sie es zu Marx\u2019 Zeiten war. Aber die Aufgabe der Linken besteht darin, an einem breiten sozialen Block zu arbeiten, der die Mittelklasse mit der Mehrheit der Gesellschaft verbindet, vor allem mit der Arbeiterklasse. Im gegenteiligen Fall nimmt die politische Agenda der Mittelklasse reaktion\u00e4re Z\u00fcge an. Und Linke, die diese Agenda bedienen, sind dann nicht einfach verirrte und verwirrte Gef\u00e4hrtInnen, sondern arbeiten objektiv (und nicht nur objektiv) im Interesse der Reaktion. Darunter leidet dann im Endeffekt die Mittelklasse selbst.<br \/>\n<span lang=\"DE\">Genau das ereignete sich in der Ukraine, genauer in Kiew.<\/span><br \/>\n<span lang=\"DE\">&nbsp;<\/span><\/p>\n<h3><span lang=\"DE\">Geiseln des Majdan<\/span><\/h3>\n<p>Betrachtet man die abgelaufenen Prozesse, k\u00f6nnen die IdeologInnen der aufgekl\u00e4rten Mittelklasse nicht die offene Hegemonie der Rechten \u00fcbersehen, k\u00f6nnen nicht \u00fcbersehen, wohin der Vektor der Bewegung weist. Aber man beschr\u00e4nkt sich auf die kleinb\u00fcrgerliche (platte) Ausrede, dass auf dem Majdan nicht nur Faschisten und Bandera-Leute gewesen seien. Man sprach \u00fcber die Struktur der Massen, aber nicht dar\u00fcber, wie ideelle und politische Hegemonie realisiert wurde.<br \/>\nAn sich w\u00e4re es nicht so schlimm, wenn die Massen in Kiew nur aus \u00fcberzeugten Faschisten bestanden h\u00e4tten. Selbst unter den K\u00e4mpfern der Hundertschaften der Bandera-Leute waren nicht alle \u00fcberzeugte Faschisten und Nationalisten. Als Faschist wird man nicht geboren, auch nicht als Kommunist, Sozialist oder, man mag es nicht glauben, Liberaler. Aber die Jungen, die eine entsprechende Sozialisierung durchlaufen und dann in diese Hundertschaften kommen, an ihren Aktionen teilnehmen, werden irgendwann echte Faschisten. Eine reale Bedrohung f\u00fcr die Demokratie wurde der Majdan genau darum, weil den Ultrarechten so die Masse der gew\u00f6hnlichen hauptst\u00e4dtischen Mittelschicht zugef\u00fchrt wurde, die studentische Jugend, und ein Teil der Intelligenz. Und die linksliberalen Intellektuellen, die deutlich sahen, woraus und von wem der ideologische Cocktail des Majdan zubereitet wurde, traten nicht dagegen auf und \u00fcbernahmen so die Verantwortung nicht nur f\u00fcr die politischen Folgen, sondern auch f\u00fcr das pers\u00f6nliche Leben vieler Menschen, die sie in die Bewegung gezogen hatten. Indem sie den Prozess unterst\u00fctzten, \u00fcbergaben gew\u00f6hnliche Menschen der ideologischen Bearbeitung, erlaubten ihre Verwandlung in \u201eMenschenmaterial\u201c f\u00fcr die Realisierung der Agenda der Rechten (da andere auf dem Majdan nicht waren und unter den Bedingungen einer eindeutigen Hegemonie reaktion\u00e4rer Kr\u00e4fte nicht sein konnten) und halfen dabei. Es wurde eine psychologische und kulturelle Atmosph\u00e4re geschaffen, die eine neue Welle antisozialer Reformen, die von der politischen F\u00fchrung der ukrainischen Opposition geplant ist, beg\u00fcnstigt.<br \/>\nNat\u00fcrlich \u2013 gegen den Majdan vor dem Hintergrund der allgemeinen Euphorie aufzutreten, sich dem Druck der Informationspolitik und der konservativ-nationalistischen Hegemonie zu widersetzen, war schwer und gef\u00e4hrlich. Die Anwendung physischer Gewalt gegen Andersdenkende begann schon, bevor die Macht in ihre H\u00e4nde fiel.<br \/>\nAls eineinhalb Monate nach den Ereignissen in Kiew vergangen waren, gingen andere Menschen auf die Stra\u00dfen ukrainischer St\u00e4dte. Sie unterschieden sich v\u00f6llig von der hauptst\u00e4dtischen Mittelklasse. Da ver\u00e4nderten sich Stimmung und Redestil der Intellektuellen deutlich. Die intellektuellen KritikerInnen der Donezker Republik trugen mit der Beharrlichkeit und Kleinlichkeit von Provinzanw\u00e4lten, denen ein aussichtsloser Fall \u00fcbertragen wurde, Beweise zusammen. Dem Majdan wurde die aggressive Gewalt vergeben, die Molotov-Cocktails, die nicht auf Panzer, sondern Menschen, auf Rekruten, von der Regierung geschickt, geworfen wurden. Die Donezker Republik wurde f\u00fcr die Versuche verurteilt, Panzer mit blo\u00dfen H\u00e4nden, ohne Beschuss und ohne Waffen aufzuhalten. Im Verh\u00e4ltnis zur Donezker Republik gab es keine Nachsicht, nur \u201eGekl\u00e4ffe in jeder Zeile\u201c. Es versteht sich, dass vieles in den s\u00fcdostukrainischen Protesten unseren Vorstellungen von einer \u201erichtigen\u201c revolution\u00e4ren Ethik widerspricht, aber: Wieso waren und sind die gleichen Leute \u2013 bei, man kann sagen \u00e4hnlichen Umst\u00e4nden \u2013 so nachsichtig gegen\u00fcber der \u00c4sthetik des Majdan? Warum entschuldigen sie Portr\u00e4ts von Bandera und die \u201eFlagge eines fremden Staates\u201c (der EU), nazistische Symbolik, rassistische Losungen und vor allem eine antisoziale, reaktion\u00e4re und antidemokratische Agenda der offiziellen F\u00fchrung der Bewegung?<br \/>\nZweifellos sind doppelte Standards Norm in der Propaganda, aber wir haben es hier nicht mit JournalistInnen staatlicher Fernsehstationen zu tun, sondern mit Intellektuellen, die stolz sind auf ihre Unabh\u00e4ngigkeit und ihr kritisches Denken.<br \/>\nEs scheint, als ob der Protest des S\u00fcdostens der Ukraine euch alles gegeben hat, wovon ihr, wenn man euren Worten und B\u00fcchern glaubt, viele Jahre getr\u00e4umt habt. Wirklich gewaltloser Widerstand, der die Milit\u00e4rmaschine des Staates zum Stehen gebracht hat \u2013 sollte das nicht Gr\u00fcne und AnarchistInnen freuen? Sind tats\u00e4chlich spontan organisierte Basisgruppen nicht das Ideal der Anh\u00e4nger von Spontaneit\u00e4t und Selbstverwaltung? Und warum entspricht das Auftreten der Massen auf den Stra\u00dfen nicht den Prophezeiungen und Appellen der MarxistInnen? Warum, ihr linken Intellektuellen, jauchzt ihr nicht? Warum stimmt ihr ein in den Chor der FaschistInnen und PogromfreundInnen, die zur blutigen Zerschlagung der Aufst\u00e4ndischen aufrufen, oder schweigt im besten Falle besch\u00e4mt?<br \/>\nIn voller \u00dcbereinstimmung mit den Lehren von Freud sehen wir hier nicht nur eine ideologische Inkonsequenz, sondern eine unbewusste Angst. Man f\u00e4llt \u00fcber die Donezker Republik nicht nur deshalb her, weil man sie aburteilen will, sondern um sich selbst zu rechtfertigen, um sich zu beweisen, dass man keine Fehler gemacht hat, und vor allem, dass man keine Schuld bez\u00fcglich der Unterst\u00fctzung der Nationalisten auf dem Majdan hat. Die ganze intellektuelle Brillanz, die ganze Sch\u00e4rfe des Geistes wird darauf verwendet, Argumente f\u00fcr die Rechtfertigung der extremen Rechten oder der eigenen Zusammenarbeit mit ihnen zu finden.<br \/>\nDie unkritische Unterst\u00fctzung des Majdan durch die Intellektuellen ist nicht nur unheimlich, weil sie in eine moralisch fragw\u00fcrdige Position f\u00fchrt. Bedeutend schlimmer ist, dass man, ist man erst einmal auf diesem Gleis, dort nur noch schwer fort kommt. Eine solche Position trennt nicht nur von den Massen, die sich im S\u00fcdosten zu einem wirklich revolution\u00e4ren Protest erhoben haben, sondern auch von einer Mehrheit der MitstreiterInnen und AktivistInnen des Majdan, die gestern Zweifel hegten, heute entt\u00e4uscht sind und morgen selber protestieren und vielleicht in die erste Reihe treten. Daher k\u00f6nnen gew\u00f6hnliche Menschen verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig leicht und ohne Schande ihre Ansichten wechseln \u2013 auch ins v\u00f6llige Gegenteil. Das k\u00f6nnen Intellektuelle nicht. Gew\u00f6hnliche Menschen k\u00f6nnen immer sagen: Man hat mich get\u00e4uscht. Intellektuelle m\u00fcssen sagen: Ich habe get\u00e4uscht.<br \/>\n<span lang=\"DE\">&nbsp;<\/span><\/p>\n<h3><span lang=\"DE\">Donezk im Schatten Moskaus<\/span><\/h3>\n<p>Es ist f\u00fcr niemanden ein Geheimnis, dass die aufbegehrenden Massen des ukrainischen S\u00fcdostens auf die Unterst\u00fctzung Moskaus rechneten. Die Trikolore (in diesem Falle also die russische Flagge) schwenkend und Losungen \u00fcber die Liebe zu Russland hinausschreiend, hofften sie inst\u00e4ndig, den Bruderstaat auf ihre Seite ziehen zu k\u00f6nnen. Diese Hoffnung vereinigte die, die von einer Vereinigung mit Russland tr\u00e4umten, mit denen, die eine F\u00f6deralisierung der Ukraine erreichen wollten, mit jenen, die einfach erwarteten, dass russische Hilfe die EinwohnerInnen der Region vor Repressionen seitens der Kiewer Regierung sch\u00fctzen w\u00fcrde. Jedoch nahm das offizielle Moskau von Anbeginn an den Ereignissen gegen\u00fcber eine zweideutige Position ein. Einerseits unterst\u00fctzte sie unzweideutig die Bewegung, die gegen die gegen\u00fcber Russland unfreundlich gesinnte Regierung in Kiew gerichtet war. Andererseits war sie zu nichts weniger bereit als zur Unterst\u00fctzung einer Volksrevolution, selbst wenn das im Ergebnis zur Erweiterung des eigenen Territoriums gef\u00fchrt h\u00e4tte. Als neue Untertanen Aufst\u00e4ndische zu haben, organisierte, auch bewaffnete Massen, die sich die Gewohnheit aktiven Kampfes f\u00fcr die eigenen Rechte angeeignet hatten \u2013 eine solche Perspektive erfreute die Kreml-B\u00fcrokratie keineswegs, vor allem vor dem Hintergrund der wachsenden sozial-\u00f6konomischen Krise in Russland selbst. Revolutionen exportiert man gelegentlich, nur wird sie schwerlich ein Staatsmann importieren wollen. Moskau wollte nie die Eroberung der Ukraine oder ihre Teilung. Dies nicht deshalb, weil Russland loyal gegen\u00fcber den Interessen des Nachbarstaates w\u00e4re, sondern weil es im Kreml einfach keinen strategischen Plan gab. Die gegenw\u00e4rtigen russischen Eliten sind grunds\u00e4tzlich unf\u00e4hig, strategisch zu denken. Diese Situation verst\u00e4rkte sich wegen zweier Umst\u00e4nde. Auf der einen Seite war es n\u00f6tig, die auf der Krim erreichten Ergebnisse zu stabilisieren. Die Eingliederung der Krim war zweifelsfrei improvisiert, nicht nur von Seiten Moskaus, sondern auch seitens der Eliten der Krim, die auf eine ver\u00e4nderte Situation operativ reagierten und diese f\u00fcr ihre Interessen nutzten. Nun bestand die Hauptaufgabe der russischen Diplomatie darin, das Errungene zu verteidigen. Unter anderem wurden so auch die Interessen des S\u00fcdostens der Ukraine geopfert. Andererseits unterst\u00fctzte die russische Gesellschaft, im Unterschied zu liberalen Intellektuellen, massenhaft die Aufst\u00e4ndischen von Donezk. Das brachte den Kreml in eine schwierige Lage. Derartige Gef\u00fchle anzuheizen h\u00e4tte bedeutet, in den Massen einen Kult des Widerstandes und des Aufruhrs zu schaffen. Und auch eine scharfe Ver\u00e4nderung des Kurses, also den Aufst\u00e4ndischen Hilfe zu verweigern, w\u00e4re riskant \u2013 patriotische Gef\u00fchle, von der Staatsmacht selbst kultiviert, h\u00e4tten selbst den Charakter von Protest annehmen k\u00f6nnen.<br \/>\nIn dieser Situation konnte die Politik des Kreml gar nicht anders als zweideutig und widerspr\u00fcchlich sein. Ein Moment der Wahrheit war die \u00dcbereinkunft zwischen Russland, der Ukraine und dem Westen, die in Genf am 17. April unterschrieben wurde. Auf den ersten Blick schien alles ganz befriedigend \u2013 der Aufruf zur Vers\u00f6hnung, Abr\u00fcstung und zu gegenseitigen Zugest\u00e4ndnissen. Jedoch noch vor dem Beginn des Treffens ging die russische Seite von ihrer Forderung nach der Teilnahme von VertreterInnen des S\u00fcdostens der Ukraine ab. Angeblich h\u00e4tte dies \u201etechnische\u201c Ursachen gehabt. Sp\u00e4ter wurde gesagt, dass die russische Delegation den Standpunkt ostukrainischer Organisationen dargelegt habe, wobei die Partei der Regionen und andere oligarchische Strukturen genannt wurden. Die Volksrepublik Donezk als einzige Kraft, die tats\u00e4chlich Menschen vereinigte und die Kontrolle \u00fcber die Situation vor Ort hatte, wurde noch nicht einmal erw\u00e4hnt.<br \/>\nDer Wortlaut des Abschlussdokumentes zeugt deutlich davon, dass Moskau nichts gegen die Liquidierung der Donezker Republik hatte: \u201eZu den Schritten, die wir zu realisieren aufrufen, geh\u00f6ren folgende: Alle ungesetzlichen bewaffneten Formationen m\u00fcssen entwaffnet werden, alle ungesetzlich besetzten Geb\u00e4ude m\u00fcssen den legitimen Besitzern zur\u00fcckgegeben werden, alle besetzten Stra\u00dfen, Pl\u00e4tze und andere \u00f6ffentlichen Orte in allen St\u00e4dten der Ukraine sollen ger\u00e4umt werden. Es soll eine Amnestie gegen alle Teilnehmer an den Protesten erlassen werden, mit Ausnahme derer, die schwere Verbrechen begangen haben.\u201c<br \/>\nDie Nichtanerkennung der Volksrepublik Donezk als politischer Fakt stellt im Prinzip die Hauptidee der \u00dcbereinkunft dar und ist der Konsens, der die Teilnehmenden verband und der die reale Grundlage der \u00dcbereinkunft wurde.<br \/>\nDer Abschnitt \u00fcber die Entwaffnung der \u201enichtgesetzlichen Formationen\u201c wurde in einer Weise formuliert, die der neuen Macht in Kiew angenehm ist. Es scheint, es gehe um die Entwaffnung beider Seiten. Doch der Kiewer Regierung verbleiben Armee, Geheimdienst und Nationalgarde. Die Donezker Republik hat keine bewaffneten Formationen au\u00dfer der \u201eungesetzlichen\u201c. Zwar meinte Lavrov, dass er zu den ungesetzlichen Formationen auch die Nationalgarde z\u00e4hle, doch im Text ist davon nicht die Rede. Die ukrainische Seite und der Westen werden die \u00dcbereinkunft nicht nur in einem anderen Sinne interpretieren, sondern sie haben auch Recht: Die Nationalgarde wurde durch eine offizielle Entscheidung der Regierung mit Zustimmung des Parlamentes geschaffen. Was \u201eandere\u201c Kampfverb\u00e4nde und den Teil des \u201eRechten Sektors\u201c, der bisher nicht durch die Nationalgarde legalisiert ist, betrifft, so tr\u00e4umt von deren Entwaffnung auch die Kiewer Regierung, da mit denen schon Konflikte aufgetreten sind.<br \/>\nNoch wichtiger ist aber die Forderung nach der R\u00e4umung besetzter Geb\u00e4ude und dem Abbau der Barrikaden auf Stra\u00dfen und Pl\u00e4tzen. Dieser Punkt bedeutet, falls er realisiert wird, die Selbstliquidation der Volksrepublik Donezk und der Lugansker Republik sowie die R\u00fcckkehr der von Kiew ernannten Machthaber auf ihre fr\u00fcheren Positionen. Durch diese Ernennungen war aber der Aufstand auch ausgel\u00f6st worden. Kiew hatte in die F\u00fchrung der s\u00fcd\u00f6stlichen Gebiete dem Volk verhasste Oligarchen berufen, die zus\u00e4tzlich zu ihrer wirtschaftlichen Macht nun auch noch politische Vollmachten erhielten.<br \/>\nEs ist bezeichnend, dass dieser Punkt durch kein entsprechendes Zugest\u00e4ndnis ausgeglichen wurde. Es wurde z.B. nichts \u00fcber eine offizielle Abschaffung von Entscheidungen Kiews zu Antiterroroperationen im Osten des Landes oder zum Abzug von Armeeverb\u00e4nden in ihre Standorte gesagt. Das w\u00e4re allerdings vern\u00fcnftig, wenn man den Verlauf der Operation und den Zustand der Armee ber\u00fccksichtigt.<br \/>\nKurz gesagt, Moskau unterschrieb einen Vertrag, der die Kapitulation des Aufstandes voraussetzt, im Austausch f\u00fcr die abstrakte Zusage, in einen offenen und \u201einklusiven\u201c (ein in der russischen Lexik neues Wort) Verfassungsprozess einzutreten, und ohne, dass direkte Gespr\u00e4che mit den Aufst\u00e4ndischen vorgesehen w\u00e4ren. Selbstverst\u00e4ndlich waren auch keine belastbaren Verpflichtungen f\u00fcr die ukrainische Regierung im Rahmen der Vorbereitung einer solchen Reform gefordert worden.<br \/>\nDie russische Diplomatie hatte in Genf solche Eile, die \u00dcbereinkunft mit Kiew zu treffen, dass sie sich nicht einmal die M\u00fche machte, die Abschaffung des Einreiseverbots f\u00fcr erwachsene M\u00e4nner aus der Russischen F\u00f6deration zu fordern. Obwohl das ein offensichtlicher und direkter Versto\u00df gegen die Menschenrechte ist, der allen internationalen Normen widerspricht und zu dem sie im Beisein von VertreterInnen des Westens berufen gewesen w\u00e4re.<br \/>\nDas offizielle Kiew nutzte die ihm gegebene M\u00f6glichkeit. Der Ministerpr\u00e4sident Arsenij Jacenjuk fiel mit Drohungen \u00fcber die Donezker und Lugansker Aufst\u00e4ndischen her und forderte ihr sofortiges Aufgeben, wobei er auf die Genfer Vereinbarung verwies, in deren Rahmen \u201eRussland gezwungen war, den Extremismus zu verurteilen\u201c.<br \/>\nDie Festnahme von Konstantin Dolgov, einem der F\u00fchrer der linkszentristischen Koalition \u201eVolkseinheit\u201c (oder Einheit des Volkes), die Angriffe des \u201eRechten Sektors\u201c auf Kontrollpunkte der Volksrepublik Donezk, die Repressionen gegen AktivistInnen, die direkt nach der Unterzeichnung der Genfer Vereinbarungen ausgeweitet wurden, f\u00fchrten dazu, dass man in Kiew weder \u00fcber einen demokratischen Dialog noch \u00fcber eine friedliche L\u00f6sung nachdenkt. Und selbst dann, wenn die Regierung Tur\u010dinov\/Jacenjuk bereit w\u00e4re, Zugest\u00e4ndnisse zu machen, w\u00fcrde ihr das die national-radikalen Kr\u00e4fte, ohne deren Unterst\u00fctzung die neue Macht nicht existieren k\u00f6nnte, nicht erlauben.<br \/>\nIhrerseits erkl\u00e4rte die F\u00fchrung der Volksrepublik Donezk, dass sie froh sei, in den Genfer Absprachen eine Ver\u00e4nderung der Position der L\u00e4nder des Westens bez\u00fcglich der ukrainischen Ereignisse feststellen zu k\u00f6nnen. Aber da ihre Vertreter zum Treffen in Genf nicht eingeladen waren und das Dokument auch nicht unterzeichnet haben, f\u00fchlten sie sich daran nicht gebunden.<br \/>\n\u201eWir m\u00fcssen konstatieren, dass unsere Warnung zur juristischen Nichtigkeit und politischen Sinnlosigkeit eines \u201aallukrainischen\u2018 Dialogs ohne Beteiligung der gesetzlichen Vertreter des Ostens der Ukraine und der Volksrepublik Donezk sich als gerechtfertigt erwiesen hat. Das Ignorieren des Willens des Volkes des Donbass f\u00fchrte zu einem gesetzm\u00e4\u00dfigen und bedr\u00fcckenden Ergebnis: Die Resultate der Gespr\u00e4che kann man nicht anders bewerten, denn als Zusammenstellung sinnloser, kaum miteinander im Zusammenhang stehender und in der Praxis undurchf\u00fchrbarer Aufrufe, bei denen unklar ist, an wen sie gerichtet sind und wann und wie sie zu erf\u00fcllen w\u00e4ren. Gegenw\u00e4rtig widerspiegeln sie weder die politische Realit\u00e4t noch die rechtliche Situation, die nach der Proklamierung der souver\u00e4nen Volksrepublik Donezk entstanden ist. Sie haben auf deren Territorium keine G\u00fcltigkeit.\u201c<br \/>\nDie Genfer Vereinbarung wird nicht erf\u00fcllt werden. Wie wollt ihr Menschen dazu zwingen, sie zu realisieren, wenn diese Menschen gerade ihre Kraft f\u00fchlen, Menschen, vor denen Panzer gefl\u00fcchtet sind, die allein mit Beschimpfungen Armeekolonnen gestoppt haben? Das Volk gibt seine Positionen nicht einfach deshalb auf, weil irgendwelche wichtigen Leute in Genf, ohne die Menschen vor Ort zu fragen, \u00fcber deren Zukunft entscheiden wollen.<br \/>\nF\u00fcr diejenigen in Donezk, Lugansk, Odessa, Charkov (und auch in Kiew), die hofften, dass das Russland Putins mit seiner solidarischen Einmischung alle Probleme l\u00f6sen w\u00fcrde, ist das Geschehene eine ern\u00fcchternde Entt\u00e4uschung. Aber diese Entt\u00e4uschung nutzt der Bewegung. Die Revolution muss sich nicht nur auf die eigene Kraft st\u00fctzen, sondern besitzt auch schon hinreichende Kraft, um Erfolge zu erzielen. Umso mehr, als unabh\u00e4ngig von der Position des Kreml das Mitgef\u00fchl der russischen Gesellschaft auf der Seite des aufst\u00e4ndischen Volkes des Bruderlandes ist.<br \/>\nWas Russland selbst betrifft, so riskieren die f\u00fchrenden Kreise, so scheint es, in eine Grube zu fallen, die sie selber gegraben haben. Die Aufgabe von Positionen in der Frage der Ukraine f\u00fchrt dazu, dass sie gegen sich selbst die gleichen patriotischen Gef\u00fchle aktivieren, deren Wachsen in den vergangenen Monaten in jeder Hinsicht bef\u00f6rdert wurde. Es versteht sich, dass die, die Putin als einen strahlenden Helden oder umgekehrt als den perfekten B\u00f6sewicht betrachten, von Fakten nicht zu \u00fcberzeugen sind. Doch solche Leute sind eine Minderheit, auch wenn sie 70 Prozent des Internets mit ihrem Unsinn vollspammen.<\/p>\n<p style=\"font-size: 10px; \">Publiziert am 22.04.2014<\/p>\n<p>\u00dcbersetzung aus dem Russischen: <span style=\"font-weight: bold; \"><link http:\/\/www.transform-network.net\/network\/authors\/news\/detail\/AuthorStandalone\/\/48.html - external-link-new-window \"Opens external link in new window\">Lutz Brangsch<\/link><\/span><\/p>\n<p><i><span lang=\"DE\">*&nbsp;Anm. des \u00dcbers.: Vatnik, w\u00f6rtl. Mensch in Steppjacke, hat sich als russophobes Schimpfwort etabliert; Ausgangspunkt war wohl H\u00e4ftlingskleidung, jetzt in Darstellungen in Anlehnung an SpongeBob Schwammkopf.<\/span><\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die russischen B\u00fcrokraten waren sehr erstaunt \u00fcber die Reaktionen des offiziellen Westens. Solch eine Entr\u00fcstung und einm\u00fctige Verurteilung hatten sie nicht erwartet. Europ\u00e4ische Politiker sind heftig erz\u00fcrnt. Die Mainstream-Presse erz\u00e4hlt den LeserInnen f\u00fcrchterliche Geschichten \u00fcber die russische Aggression gegen die Ukraine. 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