{"id":22052,"date":"2014-07-09T09:30:00","date_gmt":"2014-07-09T07:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/blog\/unkategorisiert\/der-moderne-kapitalismus-eine-oligarchische-gesellschaft\/"},"modified":"2023-09-27T16:08:10","modified_gmt":"2023-09-27T14:08:10","slug":"der-moderne-kapitalismus-eine-oligarchische-gesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/blog\/article\/der-moderne-kapitalismus-eine-oligarchische-gesellschaft\/","title":{"rendered":"Der moderne Kapitalismus = eine oligarchische Gesellschaft?"},"content":{"rendered":"<p>Die \u00bbPiketty-Debatte\u00ab, so die Bewertung des US-\u00d6konomen Paul Krugman, l\u00e4uft auf eine \u00bbRevolutionierung unserer Auffassungen von den langfristigen Trends in Sachen Ungleichheit\u00ab (Krugman 2014: 71) hinaus.<br \/>\nDiese These besagt nicht, dass mit Piketty alle methodischen und empirisch-theoretischen Fragen der modernen Verteilungsstrukturen gel\u00f6st seien, sondern: \u00bb\u00dcber Reichtum und Ungleichheit werden wir nie mehr so sprechen wie vorher.\u00ab (ebd.: 81) Diese Umw\u00e4lzung eines wissenschaftlichen und \u00f6ffentlichen Diskurses ist das Resultat einer Pr\u00e4sentation des aktuellen Zustandes und des historischen Wissens hinsichtlich der Dynamik der Verteilung des Reichtums und der Einkommen seit dem 18. Jahrhundert. (Piketty 2014: 571)<br \/>\nDas Schl\u00fcsselthema von Pikettys Untersuchungen ist die Ungleichheit in der Einkommens- und Verm\u00f6gensverteilung. Er will die Gr\u00fcnde der sozio-\u00f6konomischen Entwicklung aufdecken, die den modernen Kapitalismus mehr und mehr mit einer oligarchischen Gesellschaftsstruktur ausstatten. Mehr als in jedem anderen Land sieht sich die Mehrheit der B\u00fcrgerInnen der Vereinigten Staaten als eine Nation des Mittelstands. Der Ausdruck \u00bbmiddle class\u00ab bezeichnet daher in Amerika, anders als in vielen europ\u00e4ischen Staaten, nicht das B\u00fcrgertum (Mittelstand, gehobene Gehaltsbezieher, Freiberufler), sondern eine \u00bbmittlere Schicht\u00ab von B\u00fcrgerInnen, die sowohl die Armen als auch die Reichen an Zahl weit \u00fcbertreffen. Gegenw\u00e4rtig herrscht die Anschauung vor, dass sich der Traum von der US-Mittelschichtsgesellschaft seit geraumer Zeit in einen Albtraum von der Vernichtung der \u00bbmiddle class\u00ab verwandelt habe. Ungleiche Einkommensverteilung, Verm\u00f6genskonzentration und Ende der Mittelstandsgesellschaft \u2013 wegen dieser Themen ist der franz\u00f6sische \u00d6konom Thomas Piketty zum Bestsellerautor in Amerika geworden, wo seit Jahren reichlich Untersuchungen zur Transformation des US-Traumes vorgelegt wurden.<br \/>\nPiketty verfolgt Kapitalakkumulation und Einkommensverteilung in Westeuropa und den USA vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Gro\u00dfen Krise des 21. Jahrhunderts. Dabei stellt er fest, dass sich die Ungleichverteilung von Einkommen und Kapitalbesitz gegenw\u00e4rtig auf Werte zubewegt, die zuletzt am Ende des 19. Jahrhunderts erreicht wurden. Die Daten \u00fcber Verm\u00f6gens- und Einkommensverh\u00e4ltnisse \u00fcber 100 bis 200 Jahre sind alles andere als unstrittig.[1] So ist zum Beispiel in den oft verwendeten Steuerdaten der Aufbau von Guthaben in der Altersvorsorge, die f\u00fcr mittlere und untere Schichten prozentual viel bedeutender sind als f\u00fcr die Oberschicht, nicht ber\u00fccksichtigt. Nicht ber\u00fccksichtigt ist auch, dass die Steuersenkungen auf hohen Einkommen und Verm\u00f6gen in diversen L\u00e4ndern seit 1980 Umgehungsman\u00f6ver der Gro\u00dfverdiener reduziert haben d\u00fcrften. Steuerdaten k\u00f6nnten somit die Zunahme der Ungleichheiten \u00fcberzeichnen.[2]<br \/>\nEine zus\u00e4tzliche Kontroverse ist j\u00fcngst durch die Kritik ausgebrochen, wonach Piketty gewisse Daten unangemessen \u00bbangepasst\u00ab, gewichtet oder interpretiert habe. Auch nach Pikettys zehnseitiger Replik dieser Tage bleiben Fragen offen. Unter dem Strich ist es aber weiterhin plausibel, dass die Einkommens- und Verm\u00f6gensungleichheiten seit 1980 in vielen L\u00e4ndern zum Teil deutlich gestiegen sind. \u00bbDer Kerngedanke von \u203aDas Kapital im 21. Jahrhundert\u2039 besagt, dass wir nicht einfach nur zu Einkommensungleichheiten auf dem Niveau des 19. Jahrhunderts zur\u00fcckkehren, sondern dass wir uns auf dem R\u00fcckweg in einen \u203aPatrimonialkapitalismus\u2039 befinden. In ihm werden die Kommandoh\u00f6hen der Wirtschaft nicht von begabten Individuen kontrolliert, sondern von Familiendynastien.\u00ab (Krugman 2014: 72)<br \/>\nKrugman betont zu Recht, dass die bisherigen Kenntnisse und Einsch\u00e4tzungen \u00fcber die Ungleichheit der Einkommens- und Reichtumsverteilung sich haupts\u00e4chlich auf Umfragen st\u00fctzen. \u00bbBei aller N\u00fctzlichkeit unterliegen Umfragedaten jedoch wichtigen Einsch\u00e4tzungen. In der Tendenz untersch\u00e4tzen sie die Einkommen jener Handvoll Leute an der oberen Spitze der Einkommensskala, wenn sie diese nicht sogar verfehlen\u2026 An dieser Stelle kommen Piketty und seine Kollegen ins Spiel, weil sie eine v\u00f6llig andere Informationsquelle aufgetan haben: Steuerunterlagen\u2026 Piketty et al. &#8230; haben nun ganz neue Verfahren entwickelt: sie verkn\u00fcpfen die Steuerdaten mit anderen Quellen und gelangen so zu Erkenntnissen, welche die Umfrageergebnisse auf entscheidende Weise erg\u00e4nzen.\u00ab (ebd.: 74)[3]<br \/>\nDie Ver\u00e4nderungen der letzten Jahrzehnte f\u00fchrten zu einer Umkehr der \u00bbgro\u00dfen Verdichtung\u00ab der 1950er Jahre, als sich die Kluft zwischen Arm und Reich sukzessive verringerte. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat die Ungleichheit in den USA ein Ausma\u00df erreicht, wie man es seit der Weltwirtschaftskrise von 1929 nicht mehr kannte. Die USA gleichen immer weniger den Mittelstandsdemokratien Westeuropas und immer mehr einer \u00bboligarchisch\u00ab strukturierten Gesellschaft \u2013 so wie man es aus Lateinamerika oder dem postsowjetischen Russland kennt, wo sich der Reichtum auf wenige konzentriert, die einer riesigen Unterschicht gegen\u00fcberstehen. Studien haben gezeigt, dass \u00fcber die H\u00e4lfte der Gewinne aus dem Wirtschaftswachstum der letzten Jahrzehnte an das reichste Prozent der amerikanischen Bev\u00f6lkerung gegangen ist, weshalb die Occupy-Wall-Street-Bewegung diese neue \u00f6konomische Elite kurzerhand \u00bbThe One Percent\u00ab genannt hat.<br \/>\nDie Generalthese von Pickettys Untersuchungen lautet: Die USA und die meisten modernen kapitalistischen Gesellschaften ver\u00e4ndern ihre soziale Gestalt in Richtung einer hierarchischen Ordnung, in der eine kleine Schicht sehr m\u00e4chtiger und sehr reicher Leute alle wesentlichen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Bereiche durch finanzielle, wirtschaftliche und politische Macht dominiert und die eigene Macht auch \u00fcber weitere Generationen hinweg festigen kann.<br \/>\nPiketty vergleicht heutige Statistiken mit Daten aus dem 19. Jahrhundert und hat so eine Formel gefunden, die seiner Meinung nach den zentralen langfristigen Trend des Kapitalismus erfasst: r &gt; g. Die Rendite auf Privatverm\u00f6gen (r) ist gr\u00f6\u00dfer als das Wirtschaftswachstum (g). Ganz ohne Formeln und Zahlen dr\u00fcckt es Piketty so aus: \u00bbDas Kapital ist zur\u00fcck.\u00ab (Siehe Abbildung 1.)<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/RTEmagicC_Piketty_Abb_1_01.png\" width=\"549\" height=\"343\" alt=\"\" \/><br \/>\n<br \/>In den USA entwickelte sich der Einkommensanteil der reichsten zehn Prozent der Bev\u00f6lkerung 1910 bis 1940 auf einem hohen Niveau von 40 bis 45% der nationalen Einkommen. In den 1940er Jahren setzte dann ein deutlicher Absturz dieser Einkommensgruppe ein: Zwischen Mitte der 1940er Jahre bis Ende der 1970er Jahre bewegte sich der Einkommensanteil des Top Dezils auf dem vergleichsweise niedrigen Niveau von unter 35%. In verschiedenen Untersuchungen zu den US-Verteilungsverh\u00e4ltnissen wird diese Entwicklungsetappe auch als \u00bbgro\u00dfe Kompression\u00ab charakterisiert. Gemeint ist damit, dass unter den Bedingungen eines starken technologischen Wandels (\u00bbskill biased technological change\u00ab) durch entsprechende Ma\u00dfnahmen der Verteilungspolitik f\u00fcr eine Prosperit\u00e4tsphase des gesellschaftlichen Mittelstandes gesorgt wurde.[4]&nbsp; Ein Blick auf die Dynamik der Verteilungsverh\u00e4ltnisse der kapitalistischen Hauptl\u00e4nder w\u00e4hrend des 20. Jahrhunderts zeigt \u2013 bei deutlichen Unterschieden in den einzelnen L\u00e4ndern \u2013, dass in den letzten Jahrzehnten erneut eine Verdichtung oder Verengung der sozialen Ungleichheit auf eine schmale Gruppe von Verm\u00f6genden und hohen Einkommensbeziehern feststellbar ist. Piketty hebt als wesentliche Trends f\u00fcr die R\u00fcckkehr zu patrimonialen oder oligarchischen Strukturen des Kapitalismus hervor:<\/p>\n<ol start=\"1\" type=\"1\" style=\"margin-top: 0cm; \">\n<li>An der Spitze der Gesellschaften ergibt sich die vorhandene massive Ungleichheit aus einer Mischung von Verm\u00f6genswerten (mit entsprechenden Einkommen) und Arbeitseinkommen.<\/li>\n<li>In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts war (bei gewissen Einschr\u00e4nkungen im Fall der USA) in erster Linie die Ungleichheit im Besitz von Verm\u00f6genswerten f\u00fcr den Zustand der Klassenstruktur verantwortlich.<\/li>\n<li>Auch heute ergibt sich in den obersten R\u00e4ngen der Gesellschaften eine krasse Ungleichheit aus dem Einkommen aus Kapitalverm\u00f6gen. Gleichzeitig hat aber das Gewicht der Erwerbseinkommen der obersten Schichten der Gesellschaft f\u00fcr die gesamte Ungleichheit zugenommen.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Die Erkl\u00e4rungen von Piketty f\u00fcr die Dynamik der sozialen Ungleichheit \u00fcber das gesamte 20. Jahrhundert hinweg sind nach wie vor strittig. Dies gilt vor allem f\u00fcr die Behauptung, dass in den letzten Jahrzehnten die Returns auf Kapitalverm\u00f6gen schneller gewachsen sind als die gesamtgesellschaftliche Leistung. Piketty ber\u00fccksichtigt nicht die Dynamik des wachsenden Angebots an Geldkapital, damit die seit Anfang der 1980er Jahre fallende Zinsrate in ihrer R\u00fcckwirkung auf den Preisanstieg bei Wertpapieren und Immobilienverm\u00f6gen. Au\u00dferdem ist mit den Hinweisen auf die Ersch\u00f6pfung der Produktivit\u00e4tsentwicklung und das r\u00fcckl\u00e4ufige Wachstum der Bev\u00f6lkerung mit Sicherheit die Auseinandersetzung um die Gr\u00fcnde der Abschw\u00e4chung des Wirtschaftswachstums und eines m\u00f6glichen \u00dcbergangs in eine Phase s\u00e4kularer Stagnation nicht beendet.<br \/>\nDie Kritik an einer zu oberfl\u00e4chlichen oder pauschalen Betrachtung der verschiedenen Strukturkomponenten der Kapitalakkumulation und damit der Verteilung betrifft auch die Entwicklung der Lohn- und Arbeitseinkommen. Wir sehen im Verlauf des 20. Jahrhunderts eine Aufw\u00e4rtsbewegung der Masseneinkommen infolge der Steigerung von Organisationsgrad und Einfluss der Gewerkschaften. In den letzten Jahrzehnten hat es dann aber wegen des R\u00fcckganges der gewerkschaftlichen Bindung und der Verbindlichkeit von Tarifabkommen einen Niedergang der Lohnquote und eine Aufsplitterung der Lohneinkommen gegeben. Die Strukturver\u00e4nderungen sowie das h\u00f6here Gewicht des Finanzbereichs und der politisch verst\u00e4rkten Deregulierungspolitik bleiben bei Pikettys \u00dcberblick \u00fcber l\u00e4ngere Zeitr\u00e4ume ausgeklammert.<br \/>\nDas Hauptthema von Pikettys Buch sind nicht die Einkommen, sondern die Verm\u00f6gen. Der Anteil der Verm\u00f6gen in den H\u00e4nden der Reichsten ist mittlerweile in den USA gr\u00f6\u00dfer als in Europa. Die reichsten 10% der Amerikaner besitzen 70%, das reichste 1% besitzt 35% aller Verm\u00f6gen. In Europa besitzen die reichsten 10% 60% aller Verm\u00f6gen und das reichste 1% 25%. Verm\u00f6gen zementieren die \u00f6konomischen und indirekt politischen Machtverh\u00e4ltnisse besonders stark, da sie noch weit weniger als die Einkommen an die Leistungsf\u00e4higkeit der Personen gebunden sind und vererbt werden. (Siehe Abbildung 2.)<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/RTEmagicC_Piketty_Abb_2_01.png\" width=\"549\" height=\"379\" alt=\"\" \/><br \/>\n<br \/>Das Kapital, also der Wert von Unternehmen, Immobilien, Wertpapieren oder Anleihen, w\u00e4chst in den letzten Jahrzehnten schneller als die gesamtwirtschaftliche Leistung. Daher haben die Kapitaleigent\u00fcmer die Lohnabh\u00e4ngigen und auch die Mittelschichten der Gesellschaft abgeh\u00e4ngt. Seit Ende der 1970er Jahre endete die Phase der gro\u00dfen Kompression, das Wirtschaftswachstum lie\u00df nach, die Senkung der Steuern verst\u00e4rkten die Kapitaleinkommen und die Kapitalrenditen explodierten auch wegen der Expansion des Finanzsektors. Das Gewicht des Kapitals nimmt fast \u00fcberall zu, und dieses Verm\u00f6gen konzentriert sich weiter in den H\u00e4nden von wenigen. Das geschieht nicht nur, weil die Reichen oft h\u00f6here Renditen mit ihrem Kapital erzielen als die kleinen Sparer, sondern mehr noch, weil die Verm\u00f6gen an eine sinkende Zahl von Kindern vererbt werden.[5]<br \/>\nPiketty legt in der vorliegenden Untersuchung das Schwergewicht auf die Entwicklung der Kapitalseite. Aber auch er \u00fcbersieht \u2013 wie andere Ungleichheitsforscher \u2013 nicht, dass es bei den Ursachen der Versch\u00e4rfung der Ungleichheit um ein Mischungsverh\u00e4ltnis von Kapital- und Arbeitseinkommen geht. Eindeutig ist, dass an der Spitze der Gesellschaft das Einkommen aus Kapitalverm\u00f6gen die Eink\u00fcnfte aus Gehalt und Boni \u00fcbertrifft.[6]<\/p>\n<h3>Aneignung des obersten 0,1% der Gesellschaft[7]<\/h3>\n<p>Unstrittig ist die These, dass die Einkommensungleichheit seit den 1980er Jahren massiv zugenommen hat, w\u00e4hrend die Reichtumskonzentration moderat gewachsen ist. Unhaltbar ist aber die Behauptung, dass die zunehmende Ungleichheit ein reines Ph\u00e4nomen der Arbeitseinkommen ist. Dann bleibt zu erkl\u00e4ren, weshalb in den USA die kleine Gruppierung der 0,01% der h\u00f6chsten Einkommensbezieher sich in den letzten beiden Jahrzehnten gleichsam explosionsartig einen extrem hohen Anteil am gesamten Reichtum sichern konnten (siehe Abbildung 3).<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/RTEmagicC_Piketty_Abb_3_01.png\" width=\"549\" height=\"393\" alt=\"\" \/><br \/>\n<br \/>Piketty betont gerade f\u00fcr die USA das Gewicht der wirtschaftlichen Elite (die obersten 10%) an der Versch\u00e4rfung der sozialen Ungleichheit. Seaz und Zucman, die den Untersuchungsansatz weiterf\u00fchren und ausbauen, spitzen den Befund noch st\u00e4rker zu, dass vor allem der Anteil der 0,01% des obersten Ranges mit ihren Spitzengeh\u00e4ltern (fixed income claims) f\u00fcr den scharfen Anstieg der Ungleichheit verantwortlich ist. Damit wird die Frage nach der Ursache f\u00fcr diese Verschiebung in der Verteilung der Arbeitseinkommen noch dr\u00e4ngender.<br \/>\nDer Aufstieg einer kleinen Spitzengruppe der wirtschaftlichen Elite, d.h. die Aneignung eines \u00fcberproportionalen Anteils am gesellschaftlichen Reichtum, setzt sich in den Abstieg der gro\u00dfen Mehrheitsklasse um. Sicherlich ist bei den 90% auch weiter zu differenzieren \u2013 dies betrifft die Dynamik der Prekarisierung der Lohnarbeit und der working poor sowie den Druck auf die gesellschaftlichen Mittellagen. Die Bewegung der Sparrate dieser Mehrheit \u2013 faktisch ein Prozess, der vor der gro\u00dfen Krise in einen deutlichen R\u00fcckgang der R\u00fccklagen \u00fcbergeht (Entsparen) \u2013 ist ein starker Beleg f\u00fcr die Verschiebungen in den Verteilungsverh\u00e4ltnissen in den USA.<br \/>\nDie Kluft zwischen Arm und Reich war in den USA seit der Weltwirtschaftskrise von 1929 nie so gro\u00df wie heute. Dem Anstieg des Anteils der obersten Elite am gesellschaftlichen Reichtum entspricht der Niedergang bei der gro\u00dfen Mehrheit. Die Verschlechterung der eigenen Einkommens- und Verm\u00f6gensposition findet ihren Ausdruck darin, dass 85% der sich selbst der Mittelklasse zuordnenden Erwachsenen in den USA der Auffassung sind, dass es heute schwieriger ist f\u00fcr Menschen aus den Mittelklassen, ihren Lebensstandard zu bewahren als noch zehn Jahre zuvor. 62% derer, die dies sagen, machen daf\u00fcr vor allem den Kongress, 54% Banken und Finanzinstitutionen, 47% gro\u00dfe Unternehmen (Aktiengesellschaften), 44% die Bush-Administration, 39% die ausl\u00e4ndische Konkurrenz und 34% die Obama-Administration verantwortlich. Gerade 8% geben daf\u00fcr der Mittelklasse selbst eine Schuld.<\/p>\n<p style=\"line-height: 15.6pt; background-image: initial; background-attachment: initial; background-size: initial; background-origin: initial; background-clip: initial; background-position: initial; background-repeat: initial; \"><span style=\"font-size: 10pt; font-family: Georgia, serif; \">&nbsp;<\/span><\/p>\n<h3>Finanzmarktkapitalismus<\/h3>\n<p>Wachsende soziale Ungleichheit und das damit einhergehende \u00bbVerschwinden der Mitte\u00ab (Krugman) sind keineswegs auf die USA beschr\u00e4nkt. Ausgehend von den USA hat sich vielmehr seit den 1970er Jahren in allen kapitalistischen L\u00e4ndern die Tendenz zu einer Eigent\u00fcmergesellschaft, zur Herrschaft der Verm\u00f6gensbesitzer durchgesetzt und die \u00c4ra des \u00bbsozial regulierten Kapitalismus\u00ab abgel\u00f6st. Dieses je nach national-his\u00adtorischen Besonderheiten moderierte System schlug sich in einer Erweiterung von sozialen Rechten und sozialen Eigentums (Sicherungssysteme mit Anspr\u00fcchen) nieder, ohne dass damit eine Au\u00dferkraftsetzung der kapitalistischen Akkumulationsdynamik und der Verteilungsprozeduren verbunden war.<br \/>\nKennzeichen der finanzmarktgetriebenen Kapitalakkumulation ist eine wachsende soziale Polarisierung \u2013 sowohl der Einkommen wie auch der Verm\u00f6gen. Diese Tendenz hat sich verfestigt, wie aus den von der OECD ver\u00f6ffentlichen Daten (Zeitraum 2007 bis 2011) zur Einkommensverteilung hervorgeht. \u00bbDer Anteil des reichsten 1% am gesamten Einkommen vor Steuern ist in den meisten OECD-L\u00e4ndern in den letzten drei Jahrzehnten deutlich gestiegen, vor allen in einigen englischsprachigen, aber auch etlichen n\u00f6rdlichen (von niedrigem Niveau aus) und s\u00fcdlichen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern.<br \/>\nBesagte 1% haben heutzutage Anteile zwischen 7% in D\u00e4nemark und den Niederlanden bis zu 20% in den USA. Dieser Zuwachs ist das Resultat der Tatsache, dass sich das oberste 1% einen unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gro\u00dfen Anteil des Einkommenszuwachses \u00fcber die letzten drei Jahrzehnte angeeignet hat \u2013 bis zu 37% in Kanada und sogar 47% in den USA. Dies erkl\u00e4rt, weshalb f\u00fcr die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung der Blick auf die Entwicklung der eigenen Einkommen mit der Entwicklung der statistischen Durchschnittseinkommen nicht in \u00dcbereinstimmung zu bringen ist. Zur gleichen Zeit haben Steuersenkungen in nahezu allen OECD-Mitgliedstaaten dazu gef\u00fchrt, dass die oberen Einkommenssteuers\u00e4tze deutlich gesenkt worden sind. Die Krise hat diese Trends f\u00fcr eine gewisse Zeit unterbrochen \u2013 aber die vorhergehende Entwicklung nicht umgedreht. In einigen L\u00e4ndern haben sich die Spitzeneinkommen bereits 2010 wieder erholt.\u00ab (OECD 2014) (Siehe Abbildung 4.)<br \/>\n<span style=\"font-family: Georgia, serif; font-size: 10pt; line-height: 15.6pt;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/RTEmagicC_Piketty_Abb_4_01.png\" width=\"549\" height=\"437\" alt=\"\" \/><br \/><\/span><br \/>Im Blickpunkt der politischen Auseinandersetzung um die durch den Finanzmarktkapitalismus ausgel\u00f6ste Versch\u00e4rfung des Gegensatzes der Klassen stehen die unter Druck geratenen \u00bbMittelklassen\u00ab, \u00bbMittelschichten\u00ab bzw. die\u00bbgesellschaftliche Mitte\u00ab. Sie werden definiert nach der H\u00f6he des Einkommens, Qualifikation und sozialer Stellung im Beruf. \u00bbMitte\u00ab l\u00e4sst sich \u00bb\u00fcber drei zentrale Merkmale definieren: ein hinreichendes Einkommen, ein bestimmtes Ma\u00df an Bildung bzw. beruflicher Qualifikation und eine berufliche Position jenseits gering qualifizierter und k\u00f6rperlicher Arbeit\u00ab. (Bertelsmann-Stiftung 2012: 48) Ein genauerer Blick auf die auf diese Weise bestimmte \u00bbMitte\u00ab zeigt allerdings, dass hier ganz disparate Personenrubriken zusammengefasst werden: u.a. qualifizierte Lohnarbeiter des Kapitals, Besch\u00e4ftigte des \u00f6ffentlichen Dienstes, Solo-Selbst\u00e4ndige und auch Nichterwerbspersonen (Rentner, Pension\u00e4re), die selbst, je nach Stellung im gesellschaftlichen Produktions- und Reproduktionsprozess,[8] ganz unterschiedlichen Arbeits- und Lebensbedingungen unterliegen.<br \/>\nWeder neoliberale Politik der 1980er und 1990er Jahre noch die Politik der \u00bbNeuen Mitte\u00ab haben ihr Versprechen, die Lage der \u00bbMitte\u00ab durch F\u00f6rderung der Verm\u00f6genstitel bzw. durch Entkleidung des Lohns von Sozialleistungen zu stabilisieren und ihr Spielr\u00e4ume f\u00fcr private Absicherung zu schaffen, einl\u00f6sen k\u00f6nnen. Die Folge war auch innerhalb der \u00bbMitte\u00ab eine wachsende Distanz zum politischen System und die weitere Erosion der ehemaligen Volksparteien.<br \/>\nDiese Verunsicherung der \u00bbMitte\u00ab und die Krise ihrer politischen Repr\u00e4sentanz kann auch von der herrschenden politischen und \u00f6konomischen Elite nicht bestritten werden. Gleichwohl behaupten Teile dieser Elite gegen alle auch empirisch nachweisbaren Entwicklungstendenzen, dass schrumpfende Mittelschicht und Einkommenspolarisierung blo\u00dfe Mythen sind und die Statuspanik der \u00bbMitte\u00ab unbegr\u00fcndet ist.<br \/>\nGleichzeitig wird allerdings \u2013 damit dem Zersetzungsprozess der \u00bbMitte\u00ab durchaus Rechnung tragend \u2013 ein weitreichender Paradigmenwechsel vollzogen, den man auch als Abschied von der \u00bbMitte\u00ab als tragendem Fundament b\u00fcrgerlicher Politik bezeichnen k\u00f6nnte: \u00bbFraglich ist allerdings, ob die Mittelschicht tats\u00e4chlich eine moderne und komplexe Gesellschaft wie die unsrige zusammenhalten kann und wie wichtig damit eine gro\u00dfe Mittelschicht ist. (\u2026) Fakt ist: Eine stabile Gesellschaft mit sozialem Frieden ist nicht auf eine gro\u00dfe Mittelschicht angewiesen, sondern kann auch \u00fcber Mobilit\u00e4tschancen gew\u00e4hrleistet werden.\u00ab (Enste u.a. 2011: 15)<br \/>\nEine \u00fcberzeugende politische Konzeption zur Stabilisierung der gesellschaftlichen \u00bbMitte\u00ab in der Gro\u00dfen Krise ist bei den Aufkl\u00e4rern \u00fcber den \u00bbMythos Mittelschicht\u00ab allerdings nicht erkennbar.<\/p>\n<p style=\"line-height: 12pt; background-image: initial; background-attachment: initial; background-size: initial; background-origin: initial; background-clip: initial; background-position: initial; background-repeat: initial; \"><b>Literatur<br \/><\/b>Atkinson, Anthony B.\/Piketty, Thomas\/Saez, Emmanuel (2011), \u00bbTop Incomes in the Long Run of History\u00ab, Journal of Economic Literature, 49(1), pp. 3-71.<\/p>\n<p style=\"line-height: 12pt; background-image: initial; background-attachment: initial; background-size: initial; background-origin: initial; background-clip: initial; background-position: initial; background-repeat: initial; \">Bertelsmannstiftung (2012): Burckhard, Christoph\/Grabka, Markus M.\/Groh-Samberg, Olaf\/Lott, Yvonne\/Mau, Steffen: Mittelschicht unter Druck, G\u00fctersloh.<\/p>\n<p style=\"line-height: 12pt; background-image: initial; background-attachment: initial; background-size: initial; background-origin: initial; background-clip: initial; background-position: initial; background-repeat: initial; \">Bischoff, Joachim u.a. (1982): Jenseits der Klassen? Gesellschaft und Staat im Sp\u00e4tkapitalismus, Hamburg.<\/p>\n<p style=\"line-height: 12pt; background-image: initial; background-attachment: initial; background-size: initial; background-origin: initial; background-clip: initial; background-position: initial; background-repeat: initial; \">Castel, Robert\/D\u00f6rre, Klaus (Hrsg.) (2009): Prekariat, Abstieg, Ausgrenzung, Frankfurt a.M.<\/p>\n<p style=\"line-height: 12pt; background-image: initial; background-attachment: initial; background-size: initial; background-origin: initial; background-clip: initial; background-position: initial; background-repeat: initial; \">Deutsche Bundesbank (2013): Verm\u00f6gen und Finanzen privater Haushalte in Deutschland: Ergebnisse der Bundesbankstudie, Monatbericht Juni.<\/p>\n<p style=\"line-height: 12pt; background-image: initial; background-attachment: initial; background-size: initial; background-origin: initial; background-clip: initial; background-position: initial; background-repeat: initial; \">Enste, Dominik H.\/Erdmann, Vera\/Kleineberg, Tatjana (2011): Mythen \u00fcber die Mittelschicht, Roman Herzog Institut, Information Nr. 9.<\/p>\n<p style=\"line-height: 12pt; background-image: initial; background-attachment: initial; background-size: initial; background-origin: initial; background-clip: initial; background-position: initial; background-repeat: initial; \"><span lang=\"EN-US\">Kopczuk, Wojciech\/Saez, Emmanuel\/Song, Jae (2010), \u00bbEarnings Inequality and Mobility in the United States: Evidence from Social Security Data since 1937\u00ab, Quarterly Journal of Economics, 125(1), S. 91-128.<\/span><\/p>\n<p style=\"line-height: 12pt; background-image: initial; background-attachment: initial; background-size: initial; background-origin: initial; background-clip: initial; background-position: initial; background-repeat: initial; \">Krugman, Paul (2011): Infusion f\u00fcr die Wirtschaft statt Aderlass, in: Frankfurter Rundschau 26.9.<\/p>\n<p style=\"line-height: 12pt; background-image: initial; background-attachment: initial; background-size: initial; background-origin: initial; background-clip: initial; background-position: initial; background-repeat: initial; \">Krugman, Paul (2014): Thomas Piketty oder die Vermessung der Ungleichheit, in: Bl\u00e4tter f\u00fcr deutsche und Internationale Politik, Heft 6, 2014.<\/p>\n<p style=\"line-height: 12pt; background-image: initial; background-attachment: initial; background-size: initial; background-origin: initial; background-clip: initial; background-position: initial; background-repeat: initial; \"><span lang=\"EN-US\">Leigh, Andrew (2007): \u00bbHow Closely Do Top Income Shares Track Other Measures of Inequality?\u00ab, The Economic Journal.<\/span><\/p>\n<p style=\"line-height: 12pt; background-image: initial; background-attachment: initial; background-size: initial; background-origin: initial; background-clip: initial; background-position: initial; background-repeat: initial; \">M\u00fcller, Bernhard (2013): Erosion der gesellschaftlichen Mitte. Mythen \u00fcber die Mittelschicht \u2013 Zerkl\u00fcftung der Lohnarbeit \u2013 Prekarisierung &amp; Armut \u2013 Abstiegs\u00e4ngste, Hamburg.<\/p>\n<p style=\"line-height: 12pt; background-image: initial; background-attachment: initial; background-size: initial; background-origin: initial; background-clip: initial; background-position: initial; background-repeat: initial; \">Noll, Heinz-Herbert\/Weick, Stefan (2011): Schichtzugeh\u00f6rigkeit nicht nur vom Einkommen bestimmt. Analysen zur subjektiven Schichteinstufung in Deutschland, in: Informationsdienst Soziale Indikatoren, Ausgabe 45, Februar; zitiert in: B\u00f6ckler Impuls 6\/2011, In den K\u00f6pfen hat die Mittelschicht Bestand, S. 6f.<\/p>\n<p style=\"line-height: 12pt; background-image: initial; background-attachment: initial; background-size: initial; background-origin: initial; background-clip: initial; background-position: initial; background-repeat: initial; \"><span lang=\"EN-US\">OECD (2013a): Crisis squeezes income and puts pressure on inequality and poverty.&nbsp;<\/span>New Results from the OECD Income Distribution Database.<\/p>\n<p style=\"line-height: 12pt; background-image: initial; background-attachment: initial; background-size: initial; background-origin: initial; background-clip: initial; background-position: initial; background-repeat: initial; \">OECD (2013b): Krise steigert Ungleichheit und Armutsrisiko in OECD L\u00e4ndern \u2013 Deutschland und \u00d6sterreich im Vergleich positiv, Presseerkl\u00e4rung 15.&nbsp;<span lang=\"IT\">Mai,&nbsp;<\/span><link http:\/\/www.oecd.org\/berlin\/presse\/einkommen-verteilung-ungleichheit.htm _blank external-link-new-window \"Opens external link in new window\"><span lang=\"IT\">www.oecd.org\/berlin\/presse\/einkommen-verteilung-ungleichheit.htm<\/span><\/link><span lang=\"IT\">.<\/span><\/p>\n<p style=\"line-height: 12pt; background-image: initial; background-attachment: initial; background-size: initial; background-origin: initial; background-clip: initial; background-position: initial; background-repeat: initial; \"><span lang=\"EN-US\">OECD (2014): FOCUS on Top Incomes and Taxation in OECD Countries: Was the crisis a game changer?, Mai 2014.<\/span><\/p>\n<p style=\"line-height: 12pt; background-image: initial; background-attachment: initial; background-size: initial; background-origin: initial; background-clip: initial; background-position: initial; background-repeat: initial; \"><span lang=\"EN-US\">Piketty, Thomas (2014): Capital in the 21st Century, Harvard University Press.<\/span><\/p>\n<p>Saez, Emmanuel (2013): \u00bbStriking it Richer: The Evolution of Top Incomes in the United States (updated with 2012 preliminary estimates).\u00ab<\/p>\n<p><b>Anmerkungen<\/b><\/p>\n<blockquote><p>[1] Chris Giles, ein Journalist der \u00bbFinancial Times\u00ab, hatte Piketty fragw\u00fcrdige Berechnungen vorgeworfen. Piketty r\u00e4umt zwar ein, dass die Quellenlage zur Verm\u00f6gensverteilung deutlich schlechter sei als bei der Einkommensungleichheit. Die von der \u00bbFT\u00ab vorgeschlagenen Korrekturen seien jedoch \u00bb\u00fcberwiegend relativ unbedeutend und beeinflussen nicht die langfristige Entwicklung und meine Gesamtanalyse\u00ab. Zugleich beruhten sie selbst auf \u00bbrecht fragw\u00fcrdigen\u00ab methodischen Ans\u00e4tzen. Keine Frage: Die Datenlage kann mit Sicherheit optimiert werden, aber die Grundtatbest\u00e4nde werden dadurch nicht infrage gestellt. Piketty hat, unterst\u00fctzt von Kollegen wie Anthony Atkinson (Oxford) und Emmanuel Saez (Berkeley), seit mehr als zehn Jahren historische Steuerlisten ausgewertet und f\u00fcttert seinen Rechner mit Wirtschaftsdaten aus 20 L\u00e4ndern.<br \/>\n[2] Wie das Beispiel Deutschland und der Steuer-CD&#8217;s zeigt, ist die Praxis der Steuervermeidung gerade bei Unternehmen und Verm\u00f6gensbesitzern immer noch sehr verbreitet. Insofern unterzeichnen Steuerdaten nach dieser Seite eher die Ungleichheit. Ob der Steuervollzug in anderen L\u00e4ndern besser funktioniert, w\u00e4re zu \u00fcberpr\u00fcfen.<br \/>\n[3] Die Bundesbank hat die gesamtwirtschaftliche Verm\u00f6gensbilanz mit Ergebnissen einer Umfrage PHF konfrontiert: Im Ergebnis ist die \u00bbAbdeckung des Verm\u00f6gens durch die PHF als gut zu bezeichnen. Die Nettoverm\u00f6gen des Sektors \u203aPrivate Haushalte\u2039 (&#8230;) wird vom PHF zu 90% abgedeckt\u00ab (Deutsche Bundesbank 2013). Die aus der subjektiven Befragung gewonnenen Daten unterzeichnen dabei das tats\u00e4chliche Verm\u00f6gen. Die Unterschiede erkl\u00e4ren sich u.a. daraus, \u00bbdass die extrem reichen deutschen Haushalte typischerweise nicht in den Stichproben repr\u00e4sentiert sind. (\u2026) Dies hat vor allem Auswirkungen auf die Mittelwerte.\u00ab (ebd. S. 28). Vgl. dazu: Joachim Bischoff\/Bernhard M\u00fcller: Europameister in sozialer Ungleichheit. Verm\u00f6gensverteilung in Deutschland, in Sozialismus 7-8\/2013, S. 36ff.<br \/>\n[4] Sozialwissenschaftler wie Streeck sprechen vom \u00bbEnde des demokratischen Kapitalismus\u00ab. Verteilungspolitisch steckt in dieser Formel ein Urteil \u00fcber den Kapitalismus im 20. Jahrhundert. Piketty dr\u00fcckt dies so aus: \u00bbOhne Zweifel: Das Wachstum der durch Erbschaft (oder Besitz) beg\u00fcnstigten Mittelklasse war die strukturelle Ver\u00e4nderung in der Verteilung in den entwickelten L\u00e4ndern des 20. Jahrhunderts.\u00ab (Picketty 2014: 260)<br \/>\n[5] Bei den Verm\u00f6gens- und Kapitaleinkommen geht es um \u00bbleistungslose Einkommen\u00ab. Piketty stellt klar: \u00bbEs ist also signifikant, dass die W\u00f6rter Rente oder Rentier im 20. Jahrhundert eine hoch pejorative Bedeutung hatten. Ich benutze den Begriff in diesem Buch in dem urspr\u00fcnglich beschreibenden Sinn, um die j\u00e4hrlichen Kapitalertr\u00e4gnisse und die Einkommen derer zu beschreiben, die davon leben.\u00ab (Piketty 2014: 422)<br \/>\n[6] Wir sind mit einer doppelten Entgrenzung konfrontiert. Die Werte der \u00bbcapital assets\u00ab steigen und auch die daraus abgeleiteten Einkommen. Auch die Arbeitseinkommen nehmen enorm an Spreizung zu; die Arbeitseinkommen der Wohlhabenden (sowohl die obersten 10%, aber vor allem der h\u00f6chs\u00adten 0,01%) sind in den letzten Jahrzehnten explodiert. Verteilungspolitisch geht es daher um zwei \u00bbStellschrauben\u00ab: eine Regulation der Lohn- und Arbeitskommen sowie eine Besteuerung der Verm\u00f6gen und Verm\u00f6genseinkommen.<br \/>\n[7] Vgl. dazu: Emmanuel Saez (UC Berkeley), Gabriel Zucman (LSE and UC Berkeley), The Distribution of US Wealth, Capital Income and Returns since 1913, March 2014.<br \/>\n[8] Eine Aktualisierung der \u00f6konomischen Anatomie der Klassen in den entwickelten kapitalistischen L\u00e4ndern auf Basis der Kritik der politischen \u00d6konomie bleibt eine wichtige Zukunftsaufgabe der sozialistischen Linken, deren Umsetzung allerdings entsprechende Ressourcen (Zeit, Geld) voraussetzt (siehe Bischoff u.a. 1982).<\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-style: italic; \">Originaltext&nbsp;erschienen in&nbsp;<span style=\"font-weight: bold; \">Sozialismus Heft Nr.&nbsp;7-8, Juli 2014<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"font-size: 10px; \">Quelle:&nbsp;<link http:\/\/www.sozialismus.de\/heft_nr_7_8_juli_2014\/detail\/artikel\/der-moderne-kapitalismus-eine-oligarchische-gesellschaft\/ - external-link-new-window \"Opens external link in new window\">http:\/\/www.sozialismus.de\/heft_nr_7_8_juli_2014\/detail\/artikel\/der-moderne-kapitalismus-eine-oligarchische-gesellschaft\/<\/link><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Thomas Piketty, ein \u00d6konom, der sich seit etlichen Jahren mit dem von Anthony Atkinson und Emmanuel Saez gepr\u00e4gten Feld der Verteilungsverh\u00e4ltnisse in den kapitalistischen Gesellschaften besch\u00e4ftigt, hat in der Wissenschaft und der \u00f6ffentlichen Diskussion einen Bruch mit \u00fcberlieferten Bewertungen und gesellschaftlichen Sichtweisen ausgel\u00f6st.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":10210,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[61,2458],"tags":[],"class_list":["post-22052","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-article","category-artikel","person-bernhard-muller-de","person-joachim-bischoff-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22052","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=22052"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22052\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22073,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22052\/revisions\/22073"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/10210"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=22052"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=22052"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=22052"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}