{"id":22176,"date":"2014-10-02T12:46:00","date_gmt":"2014-10-02T10:46:00","guid":{"rendered":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/blog\/unkategorisiert\/schottland-in-der-niederlage-liegt-der-erfolg-der-zukunft\/"},"modified":"2023-09-27T16:08:13","modified_gmt":"2023-09-27T14:08:13","slug":"schottland-in-der-niederlage-liegt-der-erfolg-der-zukunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/blog\/article\/schottland-in-der-niederlage-liegt-der-erfolg-der-zukunft\/","title":{"rendered":"Schottland: In der Niederlage liegt der Erfolg der Zukunft"},"content":{"rendered":"<p>Letztendlich war es ein Sieg f\u00fcr den britischen politischen Apparat und eine Niederlage f\u00fcr die Bef\u00fcrworter_innen der Unabh\u00e4ngigkeit. Und als gute Demokrat_innen haben die Verlierer_innen das Ergebnis akzeptiert.<br \/>\n<span lang=\"DE\">Und trotzdem wurden all jene, die davon ausgingen, dass die Bef\u00fcrworter_innen der Unabh\u00e4ngigkeit nun entmutigt seien und dass das Thema Unabh\u00e4ngigkeit nun mindestens f\u00fcr eine Generation vom Tisch sei, sehr schnell entt\u00e4uscht.<\/span><br \/>\n<span lang=\"DE\">Denn diese Niederlage tr\u00e4gt den Samen des zuk\u00fcnftigen Siegs in sich \u2013 und das aus mindestens drei Gr\u00fcnden:<br \/> Erstens, aufgrund die Art und Weise wie der Wahlkampf verlaufen war. Die Wahlbeteiligung war au\u00dferordentlich hoch. Nicht weniger als 97% der Wahlberechtigten hatten sich ins W\u00e4hler_innenverzeichnis eintragen lassen; 118.000 hatten sich noch innerhalb eines Monats vor dem 2. September, dem Ende der Eintragungsfrist, registriert. Diese Menschen geh\u00f6ren zur sogenannten \u201efehlenden Million\u201c, die sich aus Personen zusammensetzt, die nie w\u00e4hlen und sich oft nicht einmal registrieren lassen.<\/span><br \/>\n<span lang=\"DE\">Aber dieses Mal lie\u00dfen sie es sich nicht nehmen: Die Wahlbeteiligung lag bei stolzen 84%. Eine derma\u00dfen hohe Wahlbeteiligung wurde zuletzt im Jahr 1910 erreicht \u2013 wobei es damals noch kein allgemeines Wahlrecht gab. Viele dieser W\u00e4hler_innen wurden von der \u201eYes\u201c-Kampagne mobilisiert und motiviert. Im Zuge dieser Kampagne gingen Politiker_innen und Unterst\u00fctzer_innen von Haus zu Haus und sprachen mit den Leuten; auf lokaler Ebene fanden Diskussionen und Veranstaltungen statt, in denen dem radikalen Fl\u00fcgel der Kampagne eine Schl\u00fcsselrolle zukam.<\/span><br \/>\n<span lang=\"DE\">Zweitens l\u00e4sst die Analyse des Wahlergebnisses gewisse Schl\u00fcsse zu: Bei dieser Abstimmung wurde eindeutig klassenabh\u00e4ngig gew\u00e4hlt. In 32 Regionen und St\u00e4dten wurde abgestimmt; in vieren davon gab es eine Mehrheit f\u00fcr die \u201eYes\u201c-Fraktion. Dabei handelt es sich um Glasgow, Dundee und zwei Gebiete in der N\u00e4he Glasgows. Aus soziologischer Sicht handelt es sich dabei um klassische \u201eArbeiter_innenbezirke\u201c; es sind sozial schwache Gegenden mit hoher Arbeitslosigkeit und allen anderen Symptomen der Armut. Sie sind historisch und auch heute noch Hochburgen der Arbeiter_innenbewegung. Dar\u00fcber hinaus wissen wir jetzt, dass in den armen Nachbarschaften generell eher Pro-Unabh\u00e4ngigkeit gestimmt wurde. Diese Gegenden sind auch seit fast hundert Jahren in der Hand der Labour Party, wenn auch die <i>Scottish National Party<\/i> (SNP), die die Regierung in Edinburgh stellt, immer weiter in diese Gebiete vorgedrungen ist. Im Gegensatz dazu stimmten Gebiete, die seit den 1970ern als Hochburgen der SNP gelten und von einer eher durchmischten Bev\u00f6lkerung bewohnt werden, alle gegen die Unabh\u00e4ngigkeit.<\/span><br \/>\n<span lang=\"DE\">Eine am 20. September ver\u00f6ffentlichte Umfrage barg viele Anzeichen, die die Einschr\u00e4nkungen des \u201eNo\u201c-Siegs aufzeigten. Alle Altersgruppen au\u00dfer Menschen zwischen 18-24 (48%), 55-64 (43%) und \u00fcber 65 (27%) stimmten f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit. \u201eYes\u201c stimmten hingegen 71% der 16-17-j\u00e4hrigen, 59% der Altersgruppe zwischen 25-34 und 52-53% der Gruppe zwischen 35 und 54. Daraus kann man schlie\u00dfen, dass das Ergebnis auf das Abstimmungsverhalten der \u00e4lteren W\u00e4hler_innen zur\u00fcckzuf\u00fchren ist, und trotz der knappen Tendenz zum \u201eNein\u201c der 18-24-j\u00e4hrigen, konnte das \u201eYes\u201c-Lager einen Gesamtsieg f\u00fcr die Altersgruppe unter 55 einfahren. Man kann dieses Ergebnis aus arithmetischer Sicht akzeptieren, aber aus politischer Sicht ist tats\u00e4chlich noch lange nichts entschieden.<\/span><br \/>\n<span lang=\"DE\">Das geht aus den jeweiligen Motivationen der Ja- bzw. Nein-W\u00e4hler_innen hervor. F\u00fcr 10% der Bef\u00fcrworter_innen war die Perspektive, nie wieder eine konservative Regierung zu haben, ausschlaggebend f\u00fcr ihre Entscheidung; 20% waren der Meinung, einem unabh\u00e4ngigen Schottland st\u00fcnde eine bessere Zukunft bevor; 70% bef\u00fcrworteten das Prinzip, dass alle Entscheidungen, die Schottland betreffen, auch in Schottland getroffen werden sollten. Dieser letzte Wert ist m\u00f6glicherweise auch der wichtigste in dieser Umfrage: Diese 70% favorisieren also die Unabh\u00e4ngigkeit aus dem grundlegendsten aller Gr\u00fcnde: Demokratie. Denn die nationale Frage ist schlie\u00dflich eine demokratisch-politische Frage. Offensichtlich keine abstrakte Frage, denn Ja-W\u00e4hler_innen haben auch ganz klar ihren Widerstand gegen Neoliberalismus und Krieg und ihre Unterst\u00fctzung f\u00fcr soziale Gerechtigkeit und Verm\u00f6gensumverteilung ausgedr\u00fcckt.<\/span><\/p>\n<h3><b><span lang=\"DE\">\u201eProject Fear\u201c<\/span><\/b><\/h3>\n<p><span lang=\"DE\">Die entsprechenden Zahlen auf der Nein-Seite sind ebenso interessant: 47% gaben als Grund f\u00fcr ihre Entscheidung&nbsp; <\/span>die Risiken an, die mit der Unabh\u00e4ngigkeit Schottlands einhergehen. Das ist die Konsequenz von dem, was die Unterst\u00fctzer_innen der \u201eNein\u201c-Kampagne scheinbar \u201eProjekt Angst\u201c nannten: Sie sch\u00fcrten \u00c4ngste, eine Stimme f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit w\u00fcrde Arbeitspl\u00e4tze und Pensionen in Gefahr bringen, die Preise w\u00fcrden steigen, Schottland w\u00fcrde nicht in die Europ\u00e4ische Union aufgenommen werden, die Engl\u00e4nder_innen w\u00fcrden keine W\u00e4hrungsunion mit Schottland eingehen und das \u00d6l aus der Nordsee w\u00fcrde bald zu Ende gehen.<br \/>\n<span lang=\"DE\">Viele dieser \u00c4ngste haben sich als unbegr\u00fcndet oder zumindest \u00fcbertrieben herausgestellt. Sie wurden von den drei Unionist_innenparteien [1], den Medien und einflussreichen Gesch\u00e4ftsleuten jedoch immer wieder aufs Neue geweckt. Arbeitgeber_innen forderten ihre Mitarbeiter_innen schriftlich dazu auf, gegen die Unabh\u00e4ngigkeit zu stimmen \u2013 eine Praxis, die am Abend des 18. September sogar von einem Labour-Abgeordneten gerechtfertigt wurde. 20% stimmten dagegen, weil sie Versprechungen glaubten, dass Schottlands Parlament in Zukunft mehr Rechte \u00fcbertragen werden w\u00fcrden. Die Unionist_innenparteien nannten es einen \u201eEid\u201c: \u201eGanz sicher\u201c w\u00fcrde Schottland dann \u00fcber mehr Selbstbestimmung verf\u00fcgen. Leider wurde nie konkret gesagt, welche Rechte das sein w\u00fcrden, was u.a. daran lag, dass sich die Parteien dar\u00fcber selbst nicht einig waren.<\/span><br \/>\n<span lang=\"DE\">Nur 27% w\u00e4hlten aus Verbundenheit mit dem Vereinigten K\u00f6nigreich \u201eNein\u201c. Diese Zahlen best\u00e4tigen, was alle l\u00e4ngst wissen sollten: Die Beweggr\u00fcnde f\u00fcr die Unterst\u00fctzer_innen der Unabh\u00e4ngigkeit sind viel tiefgr\u00fcndiger, als jene ihrer Gegner_innen.<\/span><\/p>\n<h3><b><span lang=\"DE\">Pro-Unabh\u00e4ngigkeitsparteien am Erfolgspfad<\/span><\/b><\/h3>\n<p><span lang=\"DE\">Den dritten Anlass zum Zweifel am Abstimmungsergebnis vom 18. September finden wir, wenn wir uns ansehen, was seither passiert ist. Es ist erstaunlich. Die Menschen str\u00f6men geradezu zu den Pro-Unabh\u00e4ngigkeitsparteien, die damit eine gro\u00dfe Beitrittswelle erleben. Die SNP konnte innerhalb von vier Tagen ihre Mitgliederanzahl verdoppeln und \u00fcberschritt damit die 50.000-Mitglieder-Marke. Die Gr\u00fcne Partei stockte von 2000 auf 5000 Mitglieder auf. Die <i>Scottish Socialist Party<\/i> (SSP) gewann 2500 neue Mitglieder. Die <i>Radical Independence Campaign<\/i> (RIC), eine Koalition aus Parteien und Bewegungen der Linken und Unabh\u00e4ngigen, hat bereits mindestens 7000 Anmeldungen f\u00fcr die bevorstehende Konferenz im November erhalten. Um einen Vergleichswert anzugeben; bei den beiden vorhergehenden Konferenzen 2012 und 2013 wurden etwa 900 \u2013 1000 Teilnehmer_innen verzeichnet, was bereits einen Erfolg darstellte [2].<\/span><br \/>\n<span lang=\"DE\">Die Menschen, die sich jetzt engagieren, wollen den Kampf weiterf\u00fchren, weil tats\u00e4chlich noch nichts entschieden ist: Weder der Kampf, der auf die \u00dcbertragung des Maximums an Rechten von der gesamtbritischen Regierung an die schottische abzielt, noch der Kampf um die baldm\u00f6glichste Wiederaufnahme des Themas auf die Tagesordnung. Im Rahmen der Umfrage wurden die Teilnehmer_innen auch gefragt, wie lange das Ergebnis ihrer Meinung nach wohl halten w\u00fcrde. Von den Ja-W\u00e4hler_innen gaben 45% an, dass es f\u00fcnf Jahre und 16%, dass es zehn Jahre gelten w\u00fcrde. <\/span><br \/>\n<span lang=\"DE\">Daher gehen paradoxerweise jene Parteien, die das Referendum verloren haben, als die gro\u00dfen Gewinner_innen hervor. Und wer werden die Verlierer_innen sein? Die Konservativen und die Liberal Democrats haben eher niedrige Zustimmungswerte in Schottland. Die gr\u00f6\u00dfte Verliererin wird wahrscheinlich die <i>Labour Party<\/i> sein. In der \u201eNein\u201c-Kampagne (\u201eBetter Together\u201c) spielte sie eine zentrale Rolle, besonders durch den Beitrag von Ex-Premier Gordon Brown, der den \u201eEid\u201c in den letzten beiden Wochen ins Spiel gebracht hatte, als das Nein-Lager wegen der Perspektive eines Sieges der Unabh\u00e4ngigkeitsbef\u00fcrworter_innen in Panik geriet.<\/span><br \/>\n<span lang=\"DE\">Gut m\u00f6glich, dass sich dieser Sieg f\u00fcr Labour noch als Pyrrhus-Sieg entpuppt. Erstens haben 37% der W\u00e4hler_innen dieser sehr stark unionistisch-orientierten Partei f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit gestimmt. Und zweitens scheint es, als g\u00e4be es dort so etwas wie einen gegenl\u00e4ufigen Trend zu dem, was in den Pro-Unabh\u00e4ngigkeitsparteien passiert: Die Menschen verlassen die Partei. Am links\u00e4u\u00dferen Rand der Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung ist die Ablehnung f\u00fcr Labour sehr stark verbreitet. Niemandem w\u00fcrde einfallen, die Konservativen als Verr\u00e4ter_innen zu bezeichnen \u2013 denn die waren schon immer der Feind. Labour wird aber zur Rechenschaft gezogen.<\/span><br \/>\n<span lang=\"DE\">Ein F\u00fchrungswechsel der Partei gilt als wahrscheinlich: Es ist jedoch mehr als zweifelhaft, dass dies ausreichen wird. Die Labour-W\u00e4hler_innen begannen, sich von der Partei abzuwenden, als diese zwischen 1997 und 2010 die Regierung in London stellte und zwischen 1999 und 2007 die in Edinburgh. Die Ereignisse des Wahlkampfes k\u00f6nnten diesen Prozess noch beschleunigen und verst\u00e4rken.<br \/> Wie soll man nun die heutige Lage bewerten? Im Vergleich zu den Hoffnungen, die bis zum 18. September bestanden, ist das Resultat entt\u00e4uschend. Jedoch im Vergleich zur Lage zu Beginn der Kampagne f\u00fcr eine Volksabstimmung haben wir einen riesigen Schritt nach vorne gemacht. Er war noch nicht gro\u00df genug f\u00fcr einen Sieg, und trotzdem gewaltig. Wie bereits angesprochen, stimmten die W\u00e4hler_innen haupts\u00e4chlich \u201eNein\u201c wegen der \u00c4ngste, die das Nein-Lager verbreitet hatte und wegen Versprechungen, die nat\u00fcrlich noch auf ihre Umsetzung warten. Im Jahr 2012 ging Premierminister David Cameron noch von einem 70%-30%-Sieg f\u00fcr das unionistische Lager aus \u2013 wie falsch er doch lag; beinahe h\u00e4tte er verloren.<\/span><\/p>\n<h3><b><span lang=\"DE\">Tiefgreifende Politisierung<\/span><\/b><\/h3>\n<p><span lang=\"DE\">Dieser Wahlkampf brachte eine weitreichende Mobilisierung und tiefgreifende Politisierung der schottischen Gesellschaft mit sich, die besonders jene betraf, die sich normalerweise nicht f\u00fcr Politik interessieren und zu den \u00e4rmsten Teilen der Bev\u00f6lkerung geh\u00f6ren. Wir k\u00f6nnen uns jedoch ziemlich sicher sein, dass wir die Geister, die wir riefen, nun so schnell nicht wieder loswerden. Dar\u00fcber hinaus wurden alle Teile der Bev\u00f6lkerung in die Kampagne eingebunden. Da auch B\u00fcrger_innen der Europ\u00e4ischen Union, die in Schottland leben, zur Wahl zugelassen waren, erlebten wir das Entstehen sogenannter: \u201eUnabh\u00e4ngigkeitspole\u201c. Kurz darauf wurden die <i>Women for Independence<\/i> (\u201eFrauen f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit\u201c), eine Gruppierung mit starker linker Orientierung; die <i>Scots Asians for Independence<\/i> (\u201eSchottische Asiat_innen f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit\u201c) und zu guter Letzt die <i>English Scots for Independence<\/i> (\u201eEnglische Schott_innen f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit\u201c) gegr\u00fcndet. Au\u00dferdem stimmte offenbar der Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung mit pakistanischen Wurzeln und etwa ein Viertel der in Schottland lebenden Engl\u00e4nder_innen f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit.<br \/> Die Unabh\u00e4ngigkeitsbef\u00fcrworter_innen sind in einer starken Position, die \u00dcbertragung von mehr Macht auf die schottische Regierung zu fordern. Der SNP-Vorsitzende Alex Salmond legte sein Amt als Regierungs- und Parteichef der SNP nieder. Niemand hatte das von ihm verlangt \u2013 seine Bilanz ist besser als gut. Er machte das, um diese Position f\u00fcr seine sehr wahrscheinliche Nachfolgerin zu freizumachen; seine \u00e4u\u00dferst f\u00e4hige Stellvertreterin Nicola Sturgeon. In ihrem ersten Interview nach der Bekanntgabe ihrer Kandidatur als Nachfolgerin weigerte sie sich, ein neuerliches Referendum innerhalb der n\u00e4chsten f\u00fcnf Jahre auszuschlie\u00dfen, sollte London nicht gen\u00fcgend Befugnisse an Schottland abtreten. Das \u201eperfide Albion\u201c wurde also gewarnt. Und Salmond wird im \u00dcbrigen nicht in den Ruhestand gehen, sondern weiterhin Parlamentsabgeordneter bleiben und eine starke Kraft bleiben, auf die man z\u00e4hlen kann.<\/span><\/p>\n<h3><b><span lang=\"DE\">\u201eIch bin kein Nationalist, ich bin ein Internationalist\u201c<\/span><\/b><\/h3>\n<p><span lang=\"DE\">Wir hoffen, dass es nun auch alle die nicht in Schottland leben, verstanden haben: die Bewegung f\u00fcr die schottische Unabh\u00e4ngigkeit fu\u00dft nicht auf engstirnigem Nationalismus \u2013 f\u00fcr viele ihrer Mitglieder ist sie \u00fcberhaupt nicht nationalistisch. Am Vortag der Abstimmung fand eine Massenkundgebung am Hauptplatz von Glasgow statt, im Zuge derer der Aktivist und Rechtsanwalt Aamer Anwar gro\u00dfen Applaus f\u00fcr seine Aussage \u201e\u201eIch bin kein Nationalist, ich bin ein Internationalist\u201c bekam.<\/span><br \/>\n<span lang=\"DE\">Die Bewegung stellt sich auch nicht gegen England; sie setzt sich f\u00fcr Demokratie, soziale Gerechtigkeit, eine neue Gesellschaft und gegen Krieg ein. Die Mehrheit ihrer Aktivist_innen ist im weitesten Sinne links gerichtet. Dadurch kann man aber nicht automatisch auf den Charakter der Bewegung schlie\u00dfen. Die Bewegung ist das Ergebnis von Ver\u00e4nderungen, die sich in den letzten 30 Jahren vollzogen haben. Erstens gab es in den 1980ern und 1990ern bei der SNP einen F\u00fchrungswechsel, als eine Gruppe von neuen politischen Leitfiguren \u2013 personifiziert durch Salmond, der die Parteif\u00fchrung 1990 \u00fcbernahm \u2013 die B\u00fchne betrat, um die Labour Party von links abzudr\u00e4ngen und ihr W\u00e4hler_innen f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeitsidee abzuwerben. Man muss dazu sagen, dass die SNP dabei besonders von der Entwicklung der Partei zu <i>New Labour<\/i> unter Tony Blair profitierte.<\/span><br \/>\n<span lang=\"DE\">Der Gro\u00dfteil der radikalen Linken in Schottland schaffte es in den 1980ern und 1990ern, \u00fcber einen sterilen ideologischen Diskurs hinauszukommen, in dem die Ansicht verbreitet war, dass sich Sozialist_innen&nbsp; <\/span>gegen die Unabh\u00e4ngigkeit stellen m\u00fcssten, damit sich die britische Arbeiter_innenklasse nicht spalten w\u00fcrde. Die radikale Linke begann also die Unabh\u00e4ngigkeit zu bef\u00fcrworten und gab ihr einen sozialistischen Inhalt. Diese Entwicklung war \u00e4u\u00dferst wichtig, da es links der SNP noch Spielraum gab. Dieses Vakuum wurde zwischen 1999 und 2007 von der SSP ausgef\u00fcllt, bevor diese jedoch von der Krise getroffen wurde, von der sie sich nun zu erholen scheint. Dieses Potential existiert nach wie vor und wurde w\u00e4hrend des Wahlkampfs von der RIC, der SSP, den Gr\u00fcnen und Bewegungen, wie den <i>Women for Independence<\/i> genutzt.<br \/>\n<span lang=\"DE\">Die radikale Linke spielt eine wichtige Rolle: Die SNP ist wohl links von Labour anzusiedeln und bleibt aber doch eine sozialdemokratische Mitte-Links-Partei, was in der heutigen Lage auch gar nicht so schlecht ist. Das erm\u00f6glichte es den Gr\u00fcnen und der SSP, sich in die \u201eoffizielle\u201c Kampagne des \u201eYes\u201c-Lagers (\u201eYes Scotland\u201c) einzubringen, in der die SSP den Vorsitz hatte, w\u00e4hrend sie gleichzeitig auch Teil der RIC war.<\/span><br \/>\n<span lang=\"DE\">Die SNP ist in Sozialthemen relativ progressiv, jedoch wendet sie sich nicht gegen den Kapitalismus \u2013 weder in Schottland, noch auf internationaler Ebene. Zu Beginn der Kampagne zeigte Salmond, dass er nicht zu radikal sein w\u00fcrde \u2013 beispielsweise schlug er vor, die Queen weiterhin als Staatsoberhaupt zu behalten und die seit langen Jahren bestehende Abneigungshaltung seitens der SNP gegen\u00fcber der NATO aufzugeben. Diese Entscheidung wurde im Zuge einer SNP-Konferenz mit einer geringen Mehrheit gef\u00e4llt. Sie f\u00fchrte zum R\u00fccktritt zweier SNP-Abgeordneten im schottischen Parlament; auch ein dritter Abgeordneter trat zur\u00fcck, erkl\u00e4rte aber, dass er damit bis zum Ende der Kampagne warten w\u00fcrde.<\/span><br \/>\n<span lang=\"DE\">Einige neue Mitglieder der SNP entschlossen sich mit dem Ziel, die Partei nach links r\u00fccken zu wollen, zu diesem Beitritt. Wir w\u00fcnschen ihnen viel Gl\u00fcck \u2013 es gibt schon ein linkes Spektrum der SNP. Viel wichtiger scheint es, eine politische Kraft links der SNP zu schaffen; eine radikale Linke, die f\u00fcr die Republik und f\u00fcr den Sozialismus k\u00e4mpft.<\/span><br \/>\n<span lang=\"DE\">Die Bestandteile einer solchen Linken gibt es bereits und sie haben einen gro\u00dfen Beitrag zur \u201eYes\u201c-Kampagne geleistet. Jetzt aber m\u00fcssen sie sich vereinigen und organisieren, um sich neuen Herausforderungen stellen zu k\u00f6nnen.<\/span><br \/>\n<span lang=\"DE\">Seit dem Referendum ist das Publikum f\u00fcr die Ideen der radikalen Linken um ein Vielfaches gewachsen. Dies stellt f\u00fcr uns eine Chance dar, die wir mit beiden H\u00e4nden nutzen m\u00fcssen.<\/span><br \/>\n<span lang=\"DE\">&nbsp;<\/span><br \/>\n<b><span lang=\"DE\">Anmerkungen<\/span><\/b><br \/>\n<span lang=\"DE\">[1] Diese umfassen die Scottish Conservative Party, die Liberal-Democrats und die Labour Party. Die Konservativen und Liberal-Democrats stellen eine Koalitionsregierung in London. Alle drei Parteien bilden die Opposition zur SNP-Regierung in Edinburgh.<\/span><br \/>\n<span lang=\"DE\">[2] Diese Zahlen sind n\u00e4herungsweise zu verstehen. Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Artikels waren sie so exakt wie m\u00f6glich; sie wurden m\u00f6glicherweise jedoch schon bald wieder \u00fcberholt.<\/span><br \/>\n<span lang=\"DE\">Erstmals ver\u00f6ffentlicht unter <link http:\/\/links.org.au\/node\/4076 - - \"Opens external link in new window\"><span style=\"font-size:7.5pt; line-height:115%; font-family:&quot;Times New Roman&quot;,&quot;serif&quot;\" lang=\"EN-US\">http:\/\/links.org.au\/node\/4076<\/span><\/link><link http:\/\/links.org.au\/node\/4076 - - \"Opens external link in new window\"><span style=\"font-size:7.5pt; line-height:115%; font-family:&quot;Times New Roman&quot;,&quot;serif&quot;\" lang=\"EN-US\">Links International Journal of Socialist Renewal<\/span><\/link><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach einem Wahlkampf von zwei Jahren stimmte Schottland am 18. September \u00fcber die Unabh\u00e4ngigkeit vom Vereinigten K\u00f6nigreich ab. Das Ergebnis lautete \u201eNein\u201c: 55% stimmten gegen eine Unabh\u00e4ngigkeit, w\u00e4hrend sich 45% daf\u00fcr aussprachen.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[61,2458],"tags":[],"class_list":["post-22176","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-article","category-artikel","person-murray-smith-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22176","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=22176"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22176\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":27437,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22176\/revisions\/27437"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=22176"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=22176"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=22176"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}