{"id":22479,"date":"2015-05-04T11:55:00","date_gmt":"2015-05-04T09:55:00","guid":{"rendered":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/blog\/unkategorisiert\/aufstand-der-subalternen-1\/"},"modified":"2023-09-27T16:08:41","modified_gmt":"2023-09-27T14:08:41","slug":"aufstand-der-subalternen-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/blog\/article\/aufstand-der-subalternen-1\/","title":{"rendered":"Aufstand der Subalternen [1]"},"content":{"rendered":"<p>In Deutschland ist das Thema Care-Revolution seit langem Gespr\u00e4chsstoff. Im M\u00e4rz 2014 trafen sich \u00fcber 500 politisch aktive Menschen aus verschiedenen Initiativen und Arbeitsfeldern sozialer Reproduktion (Gesundheit, Pflege, Assistenz, Erziehung, Bildung, Wohnen, Haushalts- und Sexarbeit) zu einer ersten Aktionskonferenz. Inzwischen entwickelte sich diese Initiative zu einem breiten Netzwerk (<link http:\/\/care-revolution.org\/ - external-link-new-window \"Opens external link in new window\">care-revolution.org<\/link>), das f\u00fcr ein grundlegendes Umdenken eintritt und Schritte in Richtung bed\u00fcrfnisorientierter Modelle sozialer Infrastruktur und kollektiver Lebensformen setzt. Eine politische Auseinandersetzung mit Care Revolution k\u00f6nnte, so die Perspektive, eine neu gewendete Debatte um sozialistische Visionen er\u00f6ffnen.<\/p>\n<h5>Who cares?<\/h5>\n<p>Die Auseinandersetzung dar\u00fcber, wie die Sorgearbeit zwischen bezahlter und unbezahlter T\u00e4tigkeit und wie diese wiederum zwischen Frauen und M\u00e4nnern aufgeteilt werden soll, wird auf vielen Ebenen mit gro\u00dfer Heftigkeit gef\u00fchrt. \u201eDie Kranken erhalten nicht mehr die umfassende Versorgung im Gesundheitssystem, die L\u00fccken sollen von pflegenden Familienmitgliedern ausgef\u00fcllt werden. Die Lernprozesse von Kindern sind in \u00fcberf\u00fcllten Klassen mit \u00fcberforderten Lehrpersonen nicht mehr zu realisieren und Familien werden zu Nachhilfebetrieben. Sorgearbeitende ben\u00f6tigen ein ausgekl\u00fcgeltes System des Zeitmanagements, um die vielf\u00e4ltigen Aufgaben \u00fcberhaupt realisieren zu k\u00f6nnen, nicht selten bricht ein solch prek\u00e4res System zusammen\u201c, schreibt die Mitbegr\u00fcnderin des Feministischen Instituts Hamburg, Prof. Gabriele Winker, in ihrem Buch \u201eCare Revolution\u201c [2], das auch auf dem gemeinsamen Kongress \u201e<link http:\/\/www.transform-network.net\/de\/kalender\/kalender-2015\/news\/detail\/Calendar\/the-strength-of-critique-trajectories-of-marxism-feminism.html - external-link-new-window \"Opens external link in new window\">Die Kraft der Kritik: Wege des Marxismus-Feminismus<\/link>\u201c der feministischen Sektion des <link http:\/\/www.inkrit.de\/ - external-link-new-window \"Opens external link in new window\">InkriT<\/link> mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung und mit Unterst\u00fctzung von transform! europe Ende M\u00e4rz in Berlin vorgestellt wurde. \u201eWas als individuelles Versagen gegen\u00fcber den allt\u00e4glichen Anforderungen erscheint, ist Folge einer neoliberalen Krisenbearbeitung.\u201c Notwendig sei ein grundlegender Perspektivenwechsel, \u201eeine Care Revolution, eine Kultur des Miteinanders und der Solidarit\u00e4t\u201c, so Winker.<br \/>\nAuf der Marxismus-Feminismus Tagung nahm auch die Care-Debatte breiteren Raum ein. In Vortr\u00e4gen und Workshops wurde auf die Krise der Reproduktionsarbeit hingewiesen, die durch stagnierende L\u00f6hne, Erwerbsarbeitslosigkeit, Abbau der Sozialsysteme, Stress und Verlagerung der Care-Arbeit in den unsichtbaren privaten Bereich versch\u00e4rft wird. Aus der Geschichte der Frauenunterdr\u00fcckung entwickelte Frigga Haug in ihrer <link https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=MLBi8URECU8&#038;feature=youtu.be - external-link-new-window \"Opens external link in new window\">Einf\u00fchrung<\/link> die These: <i>Geschlechterverh\u00e4ltnisse sind Produktionsverh\u00e4ltnisse<\/i>. Die Produktion des Lebens soll in den Produktionsverh\u00e4ltnissen einbegriffen sein. Es gehe darum, die Bereiche der erwerbsarbeitsm\u00e4\u00dfig erbrachten Lebensmittelproduktion und der privat-\u00f6ffentlich gemischt geregelten sozialen Reproduktion von ihrer kapitalistischen Hierarchisierung zu emanzipieren und um die vernachl\u00e4ssigten Bereiche der Selbstentwicklung und des politischen Handelns als gleicherma\u00dfen und gleichberechtigt jedem Individuum zustehend zu erg\u00e4nzen, so Haug, die diesen Ansatz in ihrer <i>Vier-in-einem-Perspektive<\/i> (2008) verfolgt.<\/p>\n<h5>Neoliberale Krisenbew\u00e4ltigung<\/h5>\n<p>Den wertsch\u00f6pfungsstarken und damit f\u00fcr die Kapitalseite interessanten Sparten der Wirtschaft stehen solche wie die Care-\u00d6konomie gegen\u00fcber, die wertsch\u00f6pfungsschwach sind und deshalb der privaten Initiative oder dem Staat \u00fcberlassen werden. Die staatliche T\u00e4tigkeit wird aus Steuern und Abgaben finanziert. Mit anderen Worten: Der Staat sch\u00f6pft einen Teil der Gewinne und L\u00f6hne ab, um Sorgearbeit im institutionellen Rahmen (Kinderg\u00e4rten, Schulen, Krankenh\u00e4user, Pflegeheime, etc.) zu erm\u00f6glichen. Staatliche Sparpolitik wirkt sich also mehr oder weniger direkt auf Quantit\u00e4t und Qualit\u00e4t dieser Sorgearbeit aus. Am griechischen Beispiel k\u00f6nnen wir verfolgen, welch katastrophale Auswirkungen die Austerit\u00e4tspolitik hat: \u201eMehr Totgeburten, HIV-Neuinfektionen, Tuberkulose- und Depressionsf\u00e4lle sowie Suizide: Der drastische Sparkurs in Griechenland hat einer Studie zufolge verheerende Auswirkungen. Eine Hilfsorganisation spricht von einer vollst\u00e4ndigen Verletzung der Menschenw\u00fcrde.\u201c 800.000 Griech_innen sind ohne Krankenversicherung, die Suizidrate stieg innerhalb von vier Jahren um 45 Prozent (\u201espiegel-online\u201c, 22.2.2014).<br \/>\n\u201eIm Gegensatz zur Lohnarbeit spielt die Reproduktionsarbeit im politischen Handeln bislang keine Rolle. Die derzeitige politische Regulierung ist beinahe ausschlie\u00dflich darauf ausgerichtet, mit Wachstum welcher Art auch immer die Profitmaschine wieder flott zu machen, die Lebensinteressen vieler B\u00fcrger_innen werden nicht ernst genommen\u201c, meint Gabriele Winker.<\/p>\n<h5>Vernetzter Widerstand<\/h5>\n<p>So wie bei den Netzwerktreffen z.B. in Hannover Ende M\u00e4rz d.J. \u00fcber geb\u00fcndelten Widerstand, Kampagnenplanungen, Inputs zum Streik im Sozial- und Erziehungsdienst oder den 1. Mai als \u201eTag der unsichtbaren Arbeit\u201c zu gestalten nachgedacht wurde, regt sich auch in \u00d6sterreich Gegenwehr. Unter der Bezeichnung \u201eCaREvolution\u201c hat sich in Salzburg eine Initiative f\u00fcr die bessere Bezahlung von Pflegekr\u00e4ften gebildet. Ausgangspunkt war die neue EU-Arbeitszeitregelung, nach der nicht mehr als 48 Stunden und nicht l\u00e4nger als 13 Stunden am St\u00fcck gearbeitet werden darf. Das provozierte den Widerstand von \u00c4rzt_innen wegen der Gehaltsschm\u00e4lerungen durch Wegfall von \u00dcberstunden und Zulagen. Ihr Protest war erfolgreich und brachte der \u00c4rzteschaft eine 30prozentige Gehaltserh\u00f6hung, wof\u00fcr das Land Salzburg 13,5 Millionen Euro in die Hand nahm.<br \/>\nDer diplomierte Gesundheits- und Krankenpfleger und Betriebsrat bei den Salzburger Landeskliniken, Fabian Dworzak, meint dazu: \u201eEs gibt ein Krankenanstalten-Arbeitsgesetz und kein \u00c4rzte-Arbeitszeit-Gesetz.\u201c Ohne \u00dcberstunden und Zulagen w\u00fcrden die Pflegekr\u00e4fte nach dem neuen Arbeitszeitgesetz bis zu 500 Euro ihres ohnehin karg bemessenen Gehaltes (brutto 1.545,-; netto 1.182,99 Euro; im Schnitt 8,28 Euro netto pro Stunde) verlieren. In einem Bundesland mit hohen Lebenshaltungskosten ist das untragbar, gefordert wird auch f\u00fcr den Pflegebereich eine 30prozentige Gehaltserh\u00f6hung. Die Zentralbetriebsratsvorsitzende Christine Vierhauser unterst\u00fctzt diese Forderung so wie auch Teile der \u00c4rzteschaft.<br \/>\nDas Land h\u00fcllt sich in beredtes strategisches Schweigen. Doch \u201edie Regierung soll merken, dass die Krankenpflege in der Lage ist, den Betrieb zum Stehen zu bringen\u201c, meint Dworzak in einem Interview mit <i>Salzburg24<\/i>. Der Funke sprang unterdes mit der \u201eOperation Menschlichkeit\u201c bereits auf Ober\u00f6sterreich \u00fcber, auch Gesundheitseinrichtungen in Tirol, Vorarlberg und der Wiener Krankenanstalten Verbund zeigten sich solidarisch.<br \/>\n<br \/><span style=\"font-weight: bold;\">Anmerkungen:<\/span><br \/>\n[1] Antonio Gramsci beschreibt mit Subalternit\u00e4t gesellschaftliche Gruppen, denen der Zugang zu hegemonialen Teilen der Gesellschaft verschlossen ist. Subalterne Gesellschaftsschichten sind durch hegemoniale Strukturen und die Herrschaftsaus\u00fcbung anderer Gesellschaftsteile stark eingeschr\u00e4nkt in ihren M\u00f6glichkeiten, sich ihrer politischen Interessen und ihrer potentiellen politischen St\u00e4rke bewusst zu werden und sich politisch und \u00f6ffentlich zu artikulieren.<br \/>\n&nbsp;[2] Gabriele Winker: \u201eCare Revolution\u201c. Schritte in eine solidarische Gesellschaft. (transcript) X-Texte, transcript Verlag Bielefeld, 2015<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es brodelt, schl\u00e4gt Wellen \u2013 und wird von der Politik weitgehend ignoriert. Die Unzufriedenheit jener Menschen, die im Pflegebereich erwerbsarbeiten oder unbezahlte Sorgearbeit verrichten, formiert sich zu Widerstand.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":22480,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[61,2458],"tags":[],"class_list":["post-22479","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-article","category-artikel","person-barbel-danneberg-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22479","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=22479"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22479\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":27492,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22479\/revisions\/27492"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/22480"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=22479"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=22479"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=22479"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}