{"id":22608,"date":"2015-07-12T13:32:00","date_gmt":"2015-07-12T11:32:00","guid":{"rendered":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/blog\/unkategorisiert\/die-niederlage-verstehen-heisst-den-sieg-vorbereiten\/"},"modified":"2023-09-27T16:08:56","modified_gmt":"2023-09-27T14:08:56","slug":"die-niederlage-verstehen-heisst-den-sieg-vorbereiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/blog\/article\/die-niederlage-verstehen-heisst-den-sieg-vorbereiten\/","title":{"rendered":"Die Niederlage verstehen heisst den Sieg vorbereiten"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-weight: bold;\">1. Von der Erpressung zum Putsch<\/span><br \/>\n<i>Die Alternative zwischen Grexit und drittem Memorandum ist nicht die zwischen Reform und Revolution, sondern lediglich die von den Gl\u00e4ubigern diktierte Alternativlosigkeit. Sie entspricht dem europ\u00e4ischen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis, das vorl\u00e4ufig nur Niederlagen hervorbringen kann.<\/i><br \/>\nGriechenlands Erpressung durch die Gl\u00e4ubiger l\u00e4sst zwei Wege offen, die beide eine Niederlage sind. Diese ist unabwendbar. Erstens der Grexit, das bedeutet: Wir nehmen euch die M\u00f6glichkeit, den europ\u00e4ischen Klassenkonflikt im europ\u00e4ischen politischen Raum auszutragen. Wenn ihr weiter k\u00e4mpfen wollt, dann k\u00e4mpft zu Hause ums \u00dcberleben und lasst die Welt bei der Chancenlosigkeit dieses Kampfes zuschauen. Wenn ihr weiter im Namen eurer Bev\u00f6lkerung k\u00e4mpft, wird die Bev\u00f6lkerung die Konsequenzen daf\u00fcr zu sp\u00fcren bekommen. Ein Grexit macht das Problem europ\u00e4ischer Innenpolitik zu einem der Entwicklungspolitik und der humanit\u00e4ren Hilfe. Er isoliert den politischen Konflikt in Europa auf griechisches Territorium. Zweitens, ein neues Memorandum: Damit w\u00fcrde es bei der politischen Architektur der EU bleiben, wie sie ist, allerdings nur um den Preis der vollkommenen Unterwerfung und der nun auch eingeforderten politischen \u00dcberwachung. Die Programme der Eurogroup und des IWFs sind nicht nur eine Schuld- und Insolvenzverwaltung, sondern der Versuch eines Nation Buildung von au\u00dfen. Die Treuhand als Schattenregierung. Ihr Ziel ist ein neues griechisches Gemeinwesen im \u00f6konomisch-technokratischen Sinne: Deregulierung, Privatisierung, Kapitalismus mit \u201easiatischen Werten\u201c (Zizek).&nbsp;<br \/>\n<b>2. Politische Unterwerfung als Strategie<\/b><br \/>\n<i>Offensichtlich hat sich die Syriza-Regierung aus strategischen Gr\u00fcnden daf\u00fcr entschieden, die Politik der Verhandlungen mit einer symboltr\u00e4chtigen Niederlage zu beenden, um die fiskalpolitische und wirtschaftliche Lage zu \u201cberuhigen\u201d. An der sozialen Verheerung \u00e4ndert es nichts.<\/i><br \/>\nDie letzten Tage katapultierten Syriza in einen neuen Entscheidungsraum in einer vollkommen widerspr\u00fcchlichen Situation: Dem emphatischen Befreiungsschlag des popularen \u201eNein\u201c (Oxi) stand die intensivierte fiskalische Erpressbarkeit des Staates (Bankenschlie\u00dfung, Staatsbankrott) gegen\u00fcber. Der vollst\u00e4ndige Kollaps war eine Frage von Tagen. Das Geld ging aus. In den letzten Tagen wurde die vorl\u00e4ufig \u00e4u\u00dfere Grenze dieses institutionellen nationalen Aufstandes gegen die europ\u00e4ischen \u201eInstitutionen\u201c erreicht. Die Verhandlungen waren am Ende und der \u00f6konomische Krieg gegen die griechische Regierung auf seinem vorl\u00e4ufigen H\u00f6hepunkt. Tsipras erhofft sich von einem neuen Hilfspaket die Entspannung dieser dramatischen Lage. Und nicht wenige erhoffen sich die Zeit, um einen Grexit nun wirklich vorzubereiten.<br \/>\nEs ist fraglich, ob diese Strategie aufgehen wird. Syriza erwartete sich von einem Memorandum Luft zum Atmen und die M\u00f6glichkeit, einen neuen politischen Angriff vorzubereiten. Die Gl\u00e4ubiger haben sich daher nun zum Ziel gesetzt, von der fiskalischen Erpressung zur direkten politischen Kontrolle \u00fcberzugehen &#8211; falls sie die Syriza-Regierung nicht doch noch zu Fall bringen k\u00f6nnen. Sie formulieren nicht nur den vertraglichen Rahmen griechischer Politik, sondern wollen nun die n\u00e4chsten Auszahlungen an die politische Folgsamkeit der Regierung binden und diese permanent \u00fcberwachen. Sie werden zu verhindern versuchen, dass Griechenland auch nur den Hauch eines Spielraums f\u00fcr eine neue Offensive zugestanden bekommt. Es geht in Br\u00fcssel jetzt nicht mehr um die \u00f6konomische Unterwerfung unter ein drittes Memorandum. Die Gl\u00e4ubiger zwingen Tsipras, seine \u201cGlaubw\u00fcrdigkeit\u201d zu beweisen, in dem er alles tut, was sie von ihm verlangen: sich gegen die Bev\u00f6lkerung, die \u201cAbweichler\u201d, die Partei stellen. Das ist jetzt eine Erpressung, deren Bedingung die \u00f6ffentlichkeitswirksame Zerst\u00f6rung der politischen Einheit ist. Darin gibt es keinen strategischen R\u00fcckzug, keine m\u00f6gliche Offensive der Zukunft. Aber so weit ist es noch nicht: Die bisher erreichte Unterwerfung kann und muss man kritisieren. Aber wer darin gleich den Abbruch eines politischen Projektes und den Tod des Reformismus sieht, sollte sich zur\u00fcckhalten. Denn das in der Luft liegende \u201eNein\u201c der Eurogruppe zur vorliegenden griechischen Unterwerfung wird nicht nur Syrizas Zukunft entscheiden, sondern auch die Konfiguration des k\u00fcnftigen Europas. Ob mit Grexit oder Memorandum: Ab Montag wissen alle, dass es h\u00f6chstwahrscheinlich keine M\u00f6glichkeit gibt, gemeinsam mit den Gl\u00e4ubigern die Lage in Griechenland auch nur geringf\u00fcgig zu verbessern. Und seit dem Referendum ist der Bruch eine gesellschaftliche Option. Ab Montag beginnt ein neuer politischer Prozess in Griechenland, der die Linke und die Partei vor eine Zerrei\u00dfprobe stellen wird.&nbsp;<br \/>\n<b>3. Regierung und kollektiver Prozess<\/b><br \/>\n<i>Die Regierung verselbst\u00e4ndigt sich gegen\u00fcber der Partei und der Bewegung. Der Prozess der Verhandlungen erschwert den demokratischen Prozess und konzentriert die Macht bei Wenigen, denen man vertrauen muss. Gerade das populare Moment des Referendum hat genau das paradoxerweise verst\u00e4rkt: Die Massen der Jungen und Armen, die nicht aktivistisch und organisiert sind, haben sich direkt an die Regierung und an die Person Alexis Tsipras gebunden.<\/i><br \/>\nSyriza erreichte durch seine Kampagne in den Vorst\u00e4dten und Armutsvierteln all jene, die sich nach einem \u201eLeben in W\u00fcrde\u201c sehnen, aber nicht nach einer Vollversammlung auf Dauer, die ihnen permanente Entscheidungen abverlangt. Diese soll eben jener f\u00fcr sie treffen, den sie mit ihrem \u201eNein\u201c bewusst daf\u00fcr erm\u00e4chtigt haben: Alexis Tsipras. Sie haben nicht nur \u201eNein\u201c gesagt, sondern auch Tsipras das Vertrauen geschenkt, damit er ihre Misere l\u00f6st. Das hat seine M\u00f6glichkeiten, eigenm\u00e4chtig zu entscheiden, gest\u00e4rkt.<br \/>\nZugleich wird eine Leerstelle der Platzbewegungen markiert. Die Demokratie der Pl\u00e4tze hat zentralistischen Politiken bewusst eine Absage erteilt und damit auch der Figur der charismatischen F\u00fchrung. Wie sprechen Bewegungen zu jenen, die weder Bewegung sind noch werden wollen? Wie gehen wir um mit der m\u00f6glichen Differenz zwischen dem Plebiszit der Versammlungen und dem vermeintlichen Gemeinwillen aller? Die gesellschaftliche Menge der Nichtrepr\u00e4sentierten und \u201eUnsichtbaren\u201c sucht nicht zwangsl\u00e4ufig ihr Gl\u00fcck in Basisbewegungen und t\u00e4tiger Selbstorganisation. Wie handeln Bewegungen, wenn reale Mehrheitsverh\u00e4ltnisse unter den Bedingungen zeitgen\u00f6ssischer Post-Repr\u00e4sentation nicht nur m\u00f6glich, sondern auch entscheidbar sind? Die offene Frage des gesellschaftlichen und popularen Kollektivismus legt uns das Syriza-Experiment sp\u00e4testens jetzt neu auf den Tisch. Gut so!&nbsp;<br \/>\n<b>4. Erst das Fressen, dann der gro\u00dfe Wurf<\/b><br \/>\n<i>Das gr\u00f6\u00dfte Problem der gro\u00dfen Unterwerfung unter den europ\u00e4ischen Status Quo ist nicht der Verrat an einem l\u00e4ngt verrosteten Revolutionsbegriff der KKE oder anderer radikaler \u201cRevolution\u00e4re\u201d. Das gr\u00f6\u00dfte Problem ist, dass sich Griechenland und seine \u00c4rmsten in einer Situation unmittelbarer Dringlichkeit befinden. Die soziale Katastrophe l\u00e4sst sich nicht mit einem F\u00fcnf-Jahres-Plan verschieben.<\/i><br \/>\nInsofern wird sich an der Politik der Regierung in den n\u00e4chsten Monaten zeigen, ob sie tats\u00e4chlich kapituliert hat &#8211; nicht an einem St\u00fcck Papier. Die gebotenen Ma\u00dfnahmen k\u00f6nnen dabei auch in rechtlichen Grauzonen stattfinden oder einen n\u00e4chsten offenen Kampfschauplatz produzieren. Hauptsache er wird bestimmt und er\u00f6ffnet. \u201eAbsurd\u201c, \u201eKapitulation \u201c, \u201eHoffnungsh\u00e4ndler\u201c: Alle, die jetzt ihre eigene Radikalit\u00e4t aus dem \u201eScheitern\u201c von Syriza begr\u00fcnden, sollten sich vergewissern, wie sie entschieden h\u00e4tten. Fast alle \u201eLinksradikalen\u201c innerhalb von Syriza haben sich f\u00fcr dieses Memorandum ausgesprochen, gerade weil sie dagegen sind. F\u00fcr den Moment scheint es die einzige Option, die andere Optionen offen h\u00e4lt. Es war ein strategischer Fehler, andere Optionen nicht fr\u00fcher ins Auge zu fassen. Aber um das Wagnis ins Unbekannte gehen zu k\u00f6nnen, den geregelten Grexit und die Optionen der Nationalisierung der Produktion und Verstaatlichung der Banken, braucht es nicht nur Zeit und reale Mehrheiten, sondern unmittelbar jetzt auch eine \u201eAtempause\u201c. Syriza war f\u00fcr diesen Schritt nicht vorbereitet. Niemand war es.&nbsp;<br \/>\n<b>5. Grexit als L\u00f6sung?<\/b><br \/>\n<i>Die deutsche Grexit-Diskussion ist romantisch. Sie h\u00e4ngt in weiten Teilen einer alten parteikommunistischen Politikvorstellung an: Ein Prozess des Bruchs soll sich nicht etwa gesellschaftlich, als soziale Transformation und politische Bewegung, vollziehen. Er soll vielmehr per Dekret und nach einer technischen Diskussion von Gesellschaftsmodellen durch die Regierung erlassen werden. Zudem ist die Forderung verantwortungslos, weil sie \u2013 und das ist gewichtiger \u2013 nicht dem tats\u00e4chlichen politischen Prozess entspricht.<\/i><br \/>\nDie Menschen haben mit ihrem Nein nicht f\u00fcr den Austritt gestimmt, sie haben die \u201eliberale\u201c Politik der Angst zur\u00fcckgewiesen, sie sind in ihrer Kampfbereitschaft ein gro\u00dfes St\u00fcck weiter in Richtung eines wirklichen Bruches gegangen, aber haben nicht das Momentum des revolution\u00e4ren Wunsches formuliert. Unabh\u00e4ngig davon, ob wir es gerne anders h\u00e4tten. Verantwortungslos w\u00e4re ein Grexit zu diesem Zeitpunkt auch deshalb, weil er nicht vorbereitet ist. Weder von Syriza als Regierung oder Partei, noch von kommunalen und lokalen sozialen R\u00e4ten, geschweige den von Versammlungen der Bewegungen. Damit liegen Fragen f\u00fcr die weitere Strategie und n\u00e4chste Schritte auf dem Tisch. Aber f\u00fcr den Moment gilt: der Bruch mit dem europ\u00e4ischen Fiskalregime w\u00fcrde jetzt das soziale Desaster verschlimmern und das plebiszit\u00e4re Moment des OXI w\u00fcrde umschlagen in eine gelenkte Demokratie und letztlich den Autoritarismus einer linken Regierung, die eine soziale Katastrophe zunehmend autorit\u00e4r verwalten und gegen die gesellschaftliche Mehrheit den Staat und die Wirtschaft neu organisieren m\u00fcsste. Der revolution\u00e4re Grexit argumentiert aus bequemer Distanz und ignoriert letztlich diejenigen, die tats\u00e4chlich seit sechs Jahren k\u00e4mpfen, hungern, leiden, hoffen. Sie alle haben Zeit zum Luftholen verdient. Sie entscheiden \u00fcber den richtigen Zeitpunkt, nicht das Zentralkomitee von Syriza oder eine ferne Revolutionsromantik.&nbsp;<br \/>\n<b>6. Notwendiges Scheitern?<\/b><br \/>\n<i>Unabh\u00e4ngig davon, welche Ideologien und falsche Vorstellungen es bei Syriza \u00fcber die M\u00f6glichkeit von Reformen geben mag: die Linie der letzten Monate entsprach dem tendenziellen Mehrheitswillen. Die Hoffnung auf eine L\u00f6sung im Rahmen der europ\u00e4ischen Vertr\u00e4ge ist der Ausgangspunkt der politischen Strategie von Syriza gewesen. Darin hat sie die Gesellschaft radikalisiert.<\/i><br \/>\nDie Regierung hat die Bev\u00f6lkerung hinter sich und diesem Wunsch versammelt und gemeinsam mit der europ\u00e4ischen \u00d6ffentlichkeit erfahren, dass dieser Wunsch unrealistisch, wie verh\u00e4rtet die neoliberale Ordnung bereits ist. H\u00e4tten sie diese Erkenntnis einer revolution\u00e4ren Minderheit einfach zum Ausgangspunkt ihrer Politik gemacht, w\u00e4ren sie grandios gescheitert. Die letzten Monate haben der ganzen Welt die M\u00f6glichkeit gegeben, die faktische Existenz des Antagonismus zu erfahren, zu sehen, zu sp\u00fcren. Syriza hat nicht reformistische W\u00fcnsche geweckt, sondern sie in einem praktischen Anschauungsunterricht zerst\u00f6rt \u2013 ob gewollt oder nicht. Damit ist die reale M\u00f6glichkeit des Bruchs, \u00fcber den jetzt zum ersten Mal in der gesamten Gesellschaft ernsthaft geredet wird, erst als eine reale Option hervorgebracht worden. Diese jetzt gewonnenen Erfahrungen konnte niemand voraussetzen, ohne damit zu einer Entfremdung von Bev\u00f6lkerung und Partei beizutragen. Syriza hat nicht bei den eigenen Wahrheiten begonnen, sondern beim Stand des Bewusstseins der Bev\u00f6lkerung und dieses radikalisiert. Insofern hat sie einen revolution\u00e4ren Prozess begonnen \u2013 etwas, wozu die meisten derer, die es jetzt schon immer gewusst oder verk\u00fcndet haben wollen, nicht in der Lage sind. Die Frage ist jetzt, ob die Regierung hinter diesen Prozess zur\u00fcckfallen wird.&nbsp;<br \/>\n<b>7. Bewegung und Regierung<\/b><br \/>\n<i>Syriza ist nach knapp sechs Monaten vorerst an die Grenze der Protestregierung gesto\u00dfen. Die Partei muss jetzt tats\u00e4chlich \u201eRegierungsverantwortung\u201c \u00fcbernehmen. Sie kann sich nicht auf programmatische Positionen zur\u00fcckziehen, sondern steht vor einem tats\u00e4chlichen Dilemma, f\u00fcr das es keine pragmatische L\u00f6sung gibt. Das bringt zwangsl\u00e4ufig auch die politische Entfremdung zwischen den Bewegungen und der Regierung mit sich.<\/i><br \/>\nDas aber ist gut und alles andere als schlecht. Bewegungen handeln im besten Sinne auch f\u00fcr sich, sie m\u00fcssen dies tun in ihren unmittelbaren K\u00e4mpfen und radikalen Forderungen, die nicht immer gesellschaftliche Mehrheiten umfassen \u2013 etwa die Solidarit\u00e4t mit den Fl\u00fcchtlingen in Griechenland, der Kampf gegen die Sondergef\u00e4ngnisse, die Polizeigewalt, die faschistische Gefahr, gegen den ruin\u00f6sen Extraktivismus (Goldabbau). Linke Parteien, die nicht allein durch ihre eigene St\u00e4rke an die Regierung kommen, sondern auch, weil die politische Kaste des Austerit\u00e4tsregimes implodierte, sollten versuchen, linke Politik f\u00fcr Mehrheitsverh\u00e4ltnisse zu denken und m\u00fcssen die allt\u00e4glichen Lebensverh\u00e4ltnisse der Vielen tats\u00e4chlich verbessern. Dies gilt besonders unter den Bedingungen der alptraumhaften Verarmung und des Sturzes ins Nichts durch die zwei Memoranden der Troika.<br \/>\nAuch die Kampagne des Oxi lebte in der fieberhaften Woche der permanenten Mobilisierung nicht von einer zentralen Leitung, sondern durch die freie Selbsterm\u00e4chtigung unz\u00e4hliger AktivistInnen, die \u00fcber die sozialen Medien und auf den Stra\u00dfen ihr eigenes Oxi begr\u00fcndeten, vervielf\u00e4ltigten und damit auch vergesellschaftlichten.<br \/>\nSteht das alles jetzt zur Disposition? Ja, wahrscheinlich. Die Entt\u00e4uschung ist mit den H\u00e4nden greifbar. Muss das so bleiben? Beginnt jetzt wieder das alte und reichlich \u00f6de Spiel des parlamentarischen Reformismus versus radikale Bewegungen, die mehr wollen? Kann sein, aber es gibt noch etwas anderes. Die Beziehung zwischen weiten Teilen der Bewegung und der Regierung existiert noch immer, sie ist gedem\u00fctigt, aber nicht gebrochen. Entscheidend wird sein, wie Syriza seine Entscheidung in dieser Situation nicht nur erkl\u00e4rt, sondern zum Ausgangspunkt einer weiteren Mobilisierung der Gesellschaft macht. Erst darin wird sich eine m\u00f6gliche Kapitulation ausbuchstabieren. Entscheidend ist aber auch, ob die Bewegungen weiter versuchen, Druck auf ihre Regierung auszu\u00fcben. Ob sie tats\u00e4chlich in der Lage sind, die Frage der Vergesellschaftung des Bruchs mit dem bestehen Fiskalregime, verk\u00f6rpert auch durch den Euro, nicht nur zu denken, sondern auch als sozialen Prozess von Vielen organisieren zu k\u00f6nnen. Wir haben da keinerlei Ratschl\u00e4ge und halten uns bewusst zur\u00fcck. Dass sich aber unter den gegebenen Verh\u00e4ltnissen unpragmatisch regieren lassen kann, scheint uns genauso klar, wie dass die Bewegungen sich nicht der Logik des Regierens unterordnen d\u00fcrfen und werden.&nbsp;<br \/>\n<b>8. Neusortierung des Politischen<\/b><br \/>\n<i>Was auch immer passiert: Das Referendum hat den politischen Raum nicht nur in Griechenland, sondern auch in Europa neu vermessen. Es hat die Krise und das europ\u00e4ische Regime in jeder fast denkbaren Hinsicht politisiert. Die technokratischen H\u00fcllen fallen und die nackte Gewalt der Politik tritt hervor. Ihre Naturgesetze bestimmen die Gesetze ihrer Politik, aber ihre Gesetze k\u00f6nnen in Frage gestellt werden. Der Alternativlosigkeit steht jetzt die soziale Demokratie gegen\u00fcber.<\/i><br \/>\nDie Parteien der alten \u201eLinken\u201c, ob nun in Frankreich, Spanien, Italien, England oder besonders: Deutschland (SPD), sind nur noch \u201eManager des globalen Kapitalismus\u201c (Badiou). Ihr JA gegen Syriza und die griechische Bev\u00f6lkerung hat die letzten Spuren des Keynesianismus und die letzten Momente sozialdemokratischer Solidarit\u00e4t in ihrem Ged\u00e4chtnis gel\u00f6scht. Die erste machtvolle Gegenoffensive gegen den Neoliberalismus und seine Austerit\u00e4t wurde mit versammelten Kr\u00e4ften abgewehrt. Es war eine Kriegserkl\u00e4rung gegen das Neue und den Ausbruch aus der Ordnung. Das haben viele verstanden und viele fanden es in dieser Form der unverf\u00e4lschten Offenheit emp\u00f6rend, wie die demokratische Selbsterm\u00e4chtigung bis zum letzten Moment durch Angst und Manipulation der \u201efiskalischen Strukturreform\u201c unterworfen werden sollte. Europa ist nicht mehr wie zuvor. Es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis die Forderung eines europ\u00e4ischen Referendums zu TTiP auf den Tisch kommt, bis auch andere Ausgeschlossene ihr Recht einfordern. Die Krise der Repr\u00e4sentation kennt seit Jahrzehnten die rechte Antwort: Ungarn, Le Pen, D\u00e4nemark, Pegida. Jetzt hat sie eine linke Antwort bekommen, die mittelfristig nicht mehr verschwinden kann, egal welche Gestalt sie im Konkreten annimmt. Sie haben sich als politische Kraft in Stellung gebracht, weit vor den 34 Prozent der Wahl vom Januar. Und selbst im beginnenden Pr\u00e4sidialen liegt \u2013 zumindest noch auf l\u00e4nger \u2013 die M\u00f6glichkeit des revoltierenden \u00dcberschusses. OXI bleibt der zentrale politische Antagonismus der n\u00e4chsten Jahre und ist dem Rest der Bewegungen in Europa zugleich zehn Jahre voraus.&nbsp;<br \/>\n<b>9. Das Empire wird von innen zerst\u00f6rt, nicht von au\u00dfen<\/b><br \/>\n<i>Wer sagt, dass das europ\u00e4ische Empire nicht zu reformieren sei, sollte daraus nicht den Schluss ziehen, dass man es deswegen verlassen soll. Nat\u00fcrlich darf man tats\u00e4chlich nichts von Merkel erwarten. Sie ist eine wahre Kriegerin ihrer Klasse. Aber nat\u00fcrlich sollte und muss man gerade dort sein und bleiben wo der Gegner ist, wo die eigene Feindschaft markiert werden kann.<\/i><br \/>\nMan k\u00e4mpft ja schlie\u00dflich auch in der Fabrik und im Stadtteil und nicht dort, wo die Herrschaftsverh\u00e4ltnisse abwesend sind. Diesen Ort gibt es sowieso nicht und Griechenland wird dieser Ort nach dem Grexit nicht sein. Egal ob im oder au\u00dferhalb des Euros und der EU: Die europ\u00e4ischen Verh\u00e4ltnisse bilden die objektive Grenze des griechischen Aufbruchs. Hier beginnt die Verantwortung der europ\u00e4ischen Bewegungen, besonders in Deutschland. Die \u00dcberschreitung liegt jetzt in unseren H\u00e4nden. Das betrifft alle sozialen Bewegungen und politischen K\u00e4mpfe f\u00fcr ein Europa der Rechte f\u00fcr Alle und der wahren Demokratie. Das betrifft transnationale Fixpunkte des Protestes wie Blockupy, wie alle anderen grenz\u00fcberschreitenden Verbindungen der radikalen Linken. Und nat\u00fcrlich betrifft es die \u201eEurop\u00e4ische Linke\u201c um die DIE LINKE. Alle m\u00fcssen etwas \u00e4ndern, alle m\u00fcssen ihre Politiken \u00fcberpr\u00fcfen und sich fragen: Wie k\u00f6nnen wir die griechische Sache internationalisieren und das Oxi europ\u00e4isieren? Zusammen, getrennt, vereint, an den jeweiligen Orten, in den jeweiligen Formen. Wir m\u00fcssen unsere Praxis erneuern &#8211; in dieser Konstellation.<br \/>\nUnd noch etwas: Syriza braucht keinen Fanclub. Wir sollten den Wert der Linskregierung verstehen, ohne moskautreu zu werden. \u201eLeider verlangen kleine Fortschritte noch immer gro\u00dfe Opfer\u201c, textete uns per SMS am aufw\u00fchlenden Freitag der Entscheidung ein Genosse des Diktyo aus dem tiefen Raum der Regierung. Ja, das ist ein gro\u00dfer Mist. Weitermachen. Was sonst?<\/p>\n<p><b><i>Blockupy goes Athens, 12. Juli 2015 (12.00 Uhr, Berlin)<\/i><\/b><br \/>\n<b>PS:<\/b> Wir als Team beenden unsere Berichterstattung und machen zugleich weiter. Was immer noch kommt, die zur\u00fcckliegende Zeit hat uns schon ver\u00e4ndert. In Athen haben wir mit abgek\u00e4mpften, aber weitsichtigen GenossInnen geredet und sehr mutige&nbsp;common people&nbsp;kennengelernt, die uns ihr Oxi erkl\u00e4rten. Wir haben gemerkt, wie sehr wir uns w\u00fcnschen, dass es mehr griechische Freundschaft gegen die deutsche Ordnung gibt. Es war aufw\u00fchlend, es war historisch und: wir haben gelernt.<br \/>\n<b>PPS:<\/b> Alle unsere Einsch\u00e4tzungen bleiben bestehen, aber alles kann in den n\u00e4chsten Stunden und Tagen noch ganz anders kommen. Denn die Berliner Pastoralmacht will offenbar mehr. Die pure Alternativlosigkeit soll siegen: Shock and Awe (\u201eSchrecken und Ehrfurcht\u201c), nichts darf \u00fcberleben. Wenn die gro\u00dfe Unterwerfung nicht reicht, wird die griechische Gesellschaft den gro\u00dfen Sprung ins Unbekannte wagen m\u00fcssen. Oder sie bleibt beim wiederholten Nichts oder geht noch darunter. Dann ist vorerst wieder etwas vorbei. Das allerdings entscheidet dann nicht allein die Regierung, sondern dann geht es auf der Stra\u00dfe tats\u00e4chlich um alles.<span style=\"font-size:11.5pt; line-height:115%; font-family:&quot;Arial&quot;,&quot;sans-serif&quot;; color:#444444\"><\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 10px;\"><br \/>Urspr\u00fcnglich ver\u00f6ffentlicht auf dem Blog: <\/span><span style=\"font-size: 10px;\"><link http:\/\/athens.blockupy.org\/post\/123881416885\/die-niederlage-verstehen-heisst-den-sieg>http:\/\/athens.blockupy.org\/post\/123881416885\/die-niederlage-verstehen-heisst-den-sieg<\/link><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das griechische Dilemma und wir: Neun provisorische \u00dcberlegungen nach dem popularen Oxi und dem Ja von Syriza zum Memorandum. Geschrieben nach der Abstimmung im griechischen Parlament und vor der endg\u00fcltigen Entscheidung der Eurogruppe. Alles ist in diesem Moment offen, wir haben nur ein paar Gewissheiten. Alles kann anders werden, einiges wird aber bleiben.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":22609,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[61,2458],"tags":[],"class_list":["post-22608","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-article","category-artikel"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22608","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=22608"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22608\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":27520,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22608\/revisions\/27520"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/22609"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=22608"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=22608"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=22608"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}