{"id":22632,"date":"2015-07-11T12:46:00","date_gmt":"2015-07-11T10:46:00","guid":{"rendered":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/blog\/unkategorisiert\/warum-schaeuble-griechenland-aus-der-eurozone-draengen-will\/"},"modified":"2023-09-27T16:08:57","modified_gmt":"2023-09-27T14:08:57","slug":"warum-schaeuble-griechenland-aus-der-eurozone-draengen-will","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/blog\/article\/warum-schaeuble-griechenland-aus-der-eurozone-draengen-will\/","title":{"rendered":"Warum Sch\u00e4uble Griechenland aus der Eurozone dr\u00e4ngen will"},"content":{"rendered":"<p>Die Antwort kann nicht in der Wirtschaftswissenschaft gefunden werden, weil sie tief in der labyrinthischen Politik Europas liegt.<br \/>\nAls Griechenland 2010 insolvent wurde, gab es zwei Optionen f\u00fcr einen Verbleib in der Eurozone: Eine vern\u00fcnftige, die jeder anst\u00e4ndige Banker empfehlen w\u00fcrde, damit eine Umschuldung erfolgt und die Wirtschaft reformiert wird. Und eine toxische, n\u00e4mlich die Bereitstellung neuer Kredite&nbsp;an eine bankrotte K\u00f6rperschaft \u2013 und damit vort\u00e4uschend,&nbsp;diese sei weiterhin&nbsp;liquid.<br \/>\n<span style=\"font-family: Calibri, sans-serif; font-size: 11pt; line-height: 115%; \"><\/span>Das offizielle Europa w\u00e4hlte die zweite Option und gab damit der Rettung der franz\u00f6sischen und deutschen Banken gegen\u00fcber der sozio\u00f6konomischen Lebensf\u00e4higkeit Griechenlands den Vorrang. Eine Umschuldung h\u00e4tte Verluste f\u00fcr die Banken bedeutet. Weil sie ihren Parlamenten gegen\u00fcber nicht eingestehen wollten, dass die Steuerzahler_innen erneut f\u00fcr die Banken aufkommen m\u00fcssen, pr\u00e4sentierten die Amtstr\u00e4ger der EU die Insolvenz des griechischen Staates als Liquidit\u00e4tsproblem und rechtfertigten diese \u201eRettungsaktion\u201c als \u201eSolidarit\u00e4t\u201c mit den Griechen.<br \/>\nUm den zynischen Transfer unwiederbringlicher privater Verluste auf die Schultern der Steuerzahlenden als Versuch, Griechenland zur Raison zu bringen, zu pr\u00e4sentieren, wurde dem Land eine Rekord-Austerit\u00e4t aufgezwungen, worauf das Nationalprodukt um mehr als 25% zur\u00fcckging. Es braucht nicht mehr als die mathematische Kompetenz eines Achtj\u00e4hrigen um zu sehen, dass dieser Prozess kein gutes Ende nehmen kann.<br \/>\nSobald diese schmutzige Operation vollzogen war, fand Europa umgehend einen neuen Grund sich zu weigern, \u00fcber eine Umschuldung zu diskutieren: Sie w\u00fcrde die Brieftaschen der europ\u00e4ischen B\u00fcrger_innen belasten! Und so wurden zus\u00e4tzliche Dosen Austerit\u00e4t verabreicht, w\u00e4hrend die Verschuldung gr\u00f6\u00dfer wurde und die Gl\u00e4ubiger zwang, weitere Kredite mit weiteren Sparma\u00dfnahmen als Gegenleistung zu gew\u00e4hren.<br \/>\nDie griechische Regierung \u2013 die mit dem Auftrag gew\u00e4hlt wurde, diesem Teufelskreis ein Ende zu setzen und eine Umschuldung und die Beendigung der Austerit\u00e4t zu fordern \u2013 geriet bei den Verhandlungen mit den Gl\u00e4ubigern in eine Sackgasse, weil letztere darin fortfahren, jegliche Umschuldung zu verweigern, und darauf beharren, dass die Verschuldung parametrisch von den schw\u00e4chsten Griech_innen abgezahlt wird.<br \/>\nIn meiner ersten Woche als Finanzminister wurde ich von Jeroen Dijsselbloem, dem Vorsitzender der Euro-Gruppe, besucht und vor die klare Wahl gestellt: n\u00e4mlich entweder die Logik der \u201eRettungen\u201c zu akzeptieren und von Forderungen nach einer Umschuldung abzulassen oder mit der \u201eZertr\u00fcmmerung\u201c des Kreditabkommens und dem Zusammenbruch der griechischen Banken konfrontiert zu werden.<br \/>\nEs folgten f\u00fcnf Monate Verhandlungen unter Umst\u00e4nden finanzieller Erstickung und eines Bank Runs unter Aufsicht und Ausf\u00fchrung der Europ\u00e4ischen Zentralbank. Die Botschaft war klar: Wenn wir nicht kapitulieren w\u00fcrden, w\u00e4ren wir bald mit Kapitalverkehrskontrollen, Barabhebungen an Bankomaten, l\u00e4ngerfristig geschlossenen Banken und letztendlich einem Grexit konfrontiert.<br \/>\nDie Drohung eines Grexit durchlief eine kurze historische Achterschleife. Im Jahr 2010 ver\u00e4ngstigte sie die Bankiers, weil ihre Banken mit griechischen Schulden vollgestopft waren. Selbst noch 2012, als der deutsche Finanzminister Wolfgang Sch\u00e4uble entschied, dass die Kosten des Grexit es als \u201eInvestition\u201c f\u00fcr die Disziplinierung Frankreichs und anderer L\u00e4nder wert w\u00e4ren, erschreckte diese Perspektive fast alle anderen zu Tode.<br \/>\nAb jenem Moment aber, als Syriza&nbsp;im Januar 2015 die Wahlen gewann, hatte die gro\u00dfe Mehrheit der Eurogruppe (unter Vormundschaft Sch\u00e4ubles) \u2013 als ob sie unsere Position best\u00e4tigen wollte, dass die \u201eRettungen\u201c nichts mit der Rettung Griechenlands (sondern vielmehr mit der Absicherung des n\u00f6rdlicheren Europa) zu tun hatten \u2013 den Grexit entweder als favorisiertes Ergebnis oder als Waffe der Wahl gegen unsere Regierung adoptiert.<br \/>\nDie Griech_innen zittern zu Recht beim Gedanken an das Ausscheiden aus der W\u00e4hrungsunion. Das Ausscheiden aus einer gemeinsamen W\u00e4hrung \u00e4hnelt keineswegs dem Verlassen eines Verbunds, wie es 1992 Gro\u00dfbritannien tat, als es aus den Europ\u00e4ischen Wechselkursmechanismus (ERM) ausstieg. Griechenland verf\u00fcgt leider nicht \u00fcber eine W\u00e4hrung, deren Anbindung an den Euro einfach aufgehoben werden kann. Vielmehr hat es den Euro \u2013 eine Fremdw\u00e4hrung unter voller Verwaltung eines Gl\u00e4ubigers, der einer Restrukturierung unserer untragbaren Schulden feindlich gegen\u00fcbersteht.<br \/>\nUm auszuscheiden, h\u00e4tten wir aus dem Nichts eine neue W\u00e4hrung zu schaffen. Im besetzten Irak brauchte es fast ein Jahr, ungef\u00e4hr zwanzig Boeings 747, die Mobilisierung des US-amerikanischen Milit\u00e4rs, drei Druckereiunternehmen und hunderte LKWs, um eine neue W\u00e4hrung einzuf\u00fchren. Ohne eine solche Unterst\u00fctzung w\u00fcrde ein Grexit der Ank\u00fcndigung einer gro\u00dfen Abwertung 18 Monate im Voraus entsprechen: ein Rezept zur Liquidierung aller griechischen Verm\u00f6genswerte und ihres Transfers ins Ausland mit allen Mitteln.<br \/>\nW\u00e4hrend die Grexit-Drohung den von der EZB verursachten Bank Run verst\u00e4rkte, stie\u00dfen unsere Bem\u00fchungen, die Umschuldung zur\u00fcck an den Verhandlungstisch zu bringen, auf taube Ohren. Immer und immer wieder wurde uns gesagt, dies sei ein Thema, das sich in unbestimmter Zukunft stellen w\u00fcrde, nach der \u201eerfolgreichen Vollendung des Programms\u201c \u2013 ein Paradoxon, weil das \u201eProgramm\u201c ohne Umschuldung niemals gelingen kann.<br \/>\nDieses Wochenende steuern die Verhandlungen auf ihren H\u00f6hepunkt zu, wenn mein Nachfolger Efklidis Tsakalotos sich bem\u00fchen wird, erneut das Pferd vor den Karren zu spannen \u2013 indem er versucht, eine feindliche Eurogruppe davon zu \u00fcberzeugen, dass eine Umschuldung n\u00f6tig ist, um Griechenland zu reformieren, und nicht eine Belohnung im Nachhinein. Warum das so schwer zu vermitteln ist? Ich sehe drei Gr\u00fcnde.<br \/>\nErstens ist die Tr\u00e4gheit der Institutionen schwer zu besiegen. Zweitens gibt die nicht tragf\u00e4hige Verschuldung den Gl\u00e4ubigern ungeheure Macht \u00fcber die Schuldner \u2013 und wie wir wissen, verdirbt die Macht auch die Besten. Der dritte Grund ist jedoch der bedeutendste und meiner Meinung nach interessanteste.<br \/>\nDer Euro ist ein Hybrid zwischen einem System stabiler Wechselkurse (wie der ERM der 1980er-Jahre oder der Goldstandard in den 1930ern) und einer staatlichen W\u00e4hrung. Ersteres basiert auf der Angst vor einem Ausscheiden, um vereint gehalten zu werden. Auf der anderen Seite umfasst die staatliche W\u00e4hrung Mechanismen eines Recyclings der \u00dcbersch\u00fcsse zwischen den Mitgliedstaaten (wie ein f\u00f6derativer Haushalt oder gemeinsame Anleihen). Die Eurozone liegt irgendwo in der Mitte \u2013 sie ist etwas mehr als ein Wechselkurssystem und etwas weniger als ein Staat.<br \/>\nUnd genau darin liegt der Haken. Nach der Krise 2008\/2009 wusste Europa nicht, wie es reagieren soll. Den&nbsp;Boden f\u00fcr mindestens ein Ausscheiden (wie den Grexit) vorbereiten, um die Disziplin zu f\u00f6rdern? Oder sich in Richtung einer F\u00f6deration bewegen? Bisher hat es nichts von beidem getan, w\u00e4hrend sich das existentielle Problem verst\u00e4rkt. Sch\u00e4uble ist \u00fcberzeugt, dass es so, wie die Dinge liegen, einen Grexit geben muss, damit sich die Lage auf die eine oder andere Weise kl\u00e4rt. Die auf Dauer&nbsp;nicht tragf\u00e4hige griechische Verschuldung, ohne die das Risiko eines Grexit abklingen w\u00fcrde, erwirbt f\u00fcr Sch\u00e4uble pl\u00f6tzlich einen neuen Nutzen.<br \/>\nWas ich damit meine? Nach monatelangen Verhandlungen bin ich der \u00dcberzeugung, dass der deutsche Finanzminister Griechenland aus der gemeinsamen W\u00e4hrung hinausdr\u00e4ngen will, um Frankreich das F\u00fcrchten zu lehren&nbsp;und sein Modell eines Zuchtmeister der Eurozone anzunehmen.<\/p>\n<p style=\"font-size: 10px; \">Englisches Original ver\u00f6ffentlicht in&nbsp;<link http:\/\/www.theguardian.com\/commentisfree\/2015\/jul\/10\/germany-greek-pain-debt-relief-grexit - - \"Opens external link in new window\">The Guardian<\/link>, unter dem Titel \u201eGermany won\u2019t spare Greek pain \u2013 it has an interest in breaking us\u201c, 10 July 2015<\/p>\n<p style=\"font-size: 10px; \">Siehe auch: \u201eBehind Germany\u2019s refusal to grant Greece debt relief\u201c (urspr\u00fcnglicher Titel des Autors) auf <link http:\/\/yanisvaroufakis.eu\/2015\/07\/11\/behind-germanys-refusal-to-grant-greece-debt-relief-op-ed-in-the-guardian\/ - - \"Opens external link in new window\">The Yanis Varoufakis Blog<\/link>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Griechenlands Finanzdrama dominiert die Schlagzeilen seit f\u00fcnf Jahren aus einem Grund: Der hartn\u00e4ckigen Weigerung unserer Gl\u00e4ubiger, einen unentbehrlichen Schuldenerlass anzubieten. Warum aber widerstehen sie \u2013 entgegen dem gesunden Menschenverstand, dem Urteil des IWF und der Alltagspraxis von Banken gegen\u00fcber ihren Schuldnern \u2013 einer Umschuldung?<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":22633,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[61,2458],"tags":[],"class_list":["post-22632","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-article","category-artikel","person-yanis-varoufakis-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22632","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=22632"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22632\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":27524,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22632\/revisions\/27524"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/22633"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=22632"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=22632"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=22632"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}