{"id":22650,"date":"2015-08-03T07:39:00","date_gmt":"2015-08-03T05:39:00","guid":{"rendered":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/blog\/unkategorisiert\/die-austeritaet-ist-eine-sackgasse\/"},"modified":"2023-09-27T16:08:58","modified_gmt":"2023-09-27T14:08:58","slug":"die-austeritaet-ist-eine-sackgasse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/blog\/article\/die-austeritaet-ist-eine-sackgasse\/","title":{"rendered":"\u201eDie Austerit\u00e4t ist eine Sackgasse\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Am Mittwoch, 29.7.2015, \u00fcbertrug Sto Kokkino, der SYRIZA nahestehende Radiosender, ein langes Interview mit dem griechischen Ministerpr\u00e4sidenten. Im Folgenden einige wesentliche Ausz\u00fcge daraus, die einmalige Einblicke in die harten Verhandlungen zwischen Athen und seinen Gl\u00e4ubigern und zum finanziellen Staatsstreich gegen die griechische Linksregierung gew\u00e4hren.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">Lassen Sie uns \u00fcber diese sechs Monate dauernden Verhandlungen sprechen. Wie w\u00fcrden Sie sie zusammenfassen?<\/span><br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">Alexis Tsipras:<\/span> Wir m\u00fcssen in unseren Schlussfolgerungen objektiv bleiben. Hinter uns liegen sechs Monate hoher Anspannungen und starker Emotionen, aber Selbstgei\u00dfelung hilft niemandem. Gef\u00fchle von Freude, Stolz, Dynamik, Entschlossenheit, aber auch von Traurigkeit sind aufgetreten. Ich denke aber, dass wir am Ende des Tages, wenn wir den Prozess objektiv zu betrachten versuchen, nur stolz darauf sein k\u00f6nnen, diesen Kampf gef\u00fchrt zu haben. Unter widrigen Bedingungen und bei einem schwierigen Kr\u00e4ftegleichgewicht sowohl innerhalb Europas als auch auf der Welt haben wir versucht, die Sicht eines Volkes und die M\u00f6glichkeit eines alternativen Weges zu behaupten. Wenn zuletzt die M\u00e4chtigen imstande waren, uns ihren Willen aufzuzwingen, bleibt dennoch auf der internationalen Ebene die absolute Klarheit dar\u00fcber, dass die Austerit\u00e4t eine Sackgasse ist. Dieser Prozess hat in Europa eine g\u00e4nzlich neue politische Landschaft geschaffen.<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">Was ist mit dem Mandat des Volkes, das SYRIZA erhalten hat? Die Memoranden wurden ja nicht in der Luft zerrissen. Im Gegenteil: Die Ma\u00dfnahmen, die das Abkommen erfordert, sind besonders grausam \u2026<\/span><br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">Alexis Tsipras:<\/span> Das Mandat, das wir vom griechischen Volk erhalten haben, war \u2013 unter welchen politischen Bedingungen auch immer \u2013, alles in unserer Macht Stehende zu tun, um Bedingungen zu schaffen, das Ausbluten des griechischen Volkes zu beenden.<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">Sie sagten, die Memoranden w\u00fcrden mit einem einzigen Gesetz annulliert werden.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">Alexis Tsipras:<\/span> Vor den Wahlen sagte ich nicht, dass die Memoranden mit einem einzigen Gesetz annulliert werden k\u00f6nnten. Niemand sagte das. Wir haben dem griechischen Volk niemals einen Spaziergang im Park versprochen. Das ist der Grund, warum es sich der Schwierigkeiten bewusst ist, auf die wir gesto\u00dfen sind und denen es selbst mit einem auffallend k\u00fchlen Kopf begegnet. Wir sagten, wir w\u00fcrden den Kampf f\u00fchren, um uns aus dem W\u00fcrgegriff zu befreien, in dem das Land infolge der vor 2008 getroffenen politischen Entscheidungen gehalten wurde, die zu immer noch mehr Defiziten und Schulden gef\u00fchrt haben, die uns wiederum nach 2008 die H\u00e4nde gebunden haben. Wir hatten ein Programm und wir baten um die Unterst\u00fctzung des Volkes f\u00fcr die unter schwierigen Bedingungen stattfindenden Verhandlungen zur Umsetzung dieses Programms. Wir haben unter Bedingungen noch nie dagewesener finanzieller Erstickungsdrohung harte Verhandlungen gef\u00fchrt. Wir verhandelten sechs Monate lang und konnten zur selben Zeit einen Gro\u00dfteil unseres Wahlprogramms umsetzen \u2013 sechs Monate lang, in denen wir st\u00e4ndig in Sorge waren, ob wir die Geh\u00e4lter und Pensionen am Monatsende auszahlen und unseren Verpflichtungen gegen\u00fcber den Werkt\u00e4tigen im Land w\u00fcrden nachkommen k\u00f6nnen. Darin bestand unsere st\u00e4ndige Besorgnis. Und in diesem Zusammenhang gelang es uns,&nbsp;ein Gesetz zur humanit\u00e4ren Krise zu verabschieden. Tausenden unserer Mitb\u00fcrger_innen kommt dieses Gesetz gerade jetzt zugute. Es ist uns gelungen, schwerwiegende Ungerechtigkeiten zu beseitigen, wie z.B. jene, die den Putzfrauen vonseiten des Finanzministeriums widerfahren ist, aber auch den Schulwarten, den Angestellten des \u00f6ffentlichen Radio- und Fernsehsenders ERT, die beide wieder er\u00f6ffnet werden konnten. W\u00e4hrend wir versuchen, die Situation nicht festfahren zu lassen, sollten wir sie auch nicht negativer darstellen, als sie ist. Wenn einige Leute nun meinen, dass sich der Klassenkampf linear entwickelt, dass er mit einer einzigen Wahl gewonnen werden kann und nicht st\u00e4ndigen Kampf erfordert, sowohl innerhalb der Regierung als auch in der Opposition, sollen sie uns das bitte erkl\u00e4ren und Beispiele nennen, wie das geht. Wir stehen vor der g\u00e4nzlich neuen Erfahrung einer radikal linken Regierung innerhalb eines neoliberalen Europa. Wir k\u00f6nnen aber aus linken Regierungserfahrungen fr\u00fcherer Perioden lernen und wissen, dass Wahlen zu gewinnen nicht bedeutet, dass man von einem Tag auf den anderen Zugang zu den Schalthebeln der Macht bekommt. Den Kampf nur auf der Ebene der Regierung zu f\u00fchren, ist nicht genug. Er muss auf dem Feld der sozialen K\u00e4mpfe ausgetragen werden.<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">Warum haben Sie beschlossen, ein Referendum abzuhalten?<\/span><br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">Alexis Tsipras: <\/span>Ich hatte keine andere Wahl. Sie m\u00fcssen sich ansehen, womit ich und die griechische Regierung am 25. Juni konfrontiert wurden, das Abkommen, das sie uns vorgeschlagen haben. Ich muss zugeben, dass es eine sehr riskante Entscheidung war. Der Wille der griechischen Regierung widersprach ja nicht nur den Forderungen der Gl\u00e4ubiger, sondern auch jenen des internationalen Finanzsystems und ebenso jenen des politischen Systems und der Medien in Griechenland selbst. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir das Referendum verlieren w\u00fcrden, war umso h\u00f6her, als unsere europ\u00e4ischen Partner ihre Logik so weit trieben, dass die Banken schlie\u00dfen mussten. F\u00fcr uns war es allerdings der einzige Weg, da sie uns ein Abkommen anboten, das \u00e4u\u00dferst grausame Ma\u00dfnahmen beinhaltete, vergleichbar jenen, die wir im gegenw\u00e4rtigen Abkommen haben, wenngleich noch eine Spur schlimmer, aber auf jeden Fall grausame und meiner Meinung nach auch wirkungslose Ma\u00dfnahmen. Gleichzeitig haben sie uns keine M\u00f6glichkeit zum \u00dcberleben angeboten, da sie uns als Tausch gegen die Akzeptanz dieser Ma\u00dfnahmen \u20ac 10,6 Mrd. f\u00fcr f\u00fcnf Monate vorgeschlagen haben. Sie wollten, dass Griechenland, wenn es einmal seine Verpflichtungen erf\u00fcllt h\u00e4tte, das n\u00e4hme, was finanziell vom fr\u00fcheren Programm \u00fcbrig blieb, ohne einen Euro mehr, denn das ist es, was die Niederlande, Finnland und Deutschland gefordert haben. Das politische Hauptproblem der nordeurop\u00e4ischen Regierungen bestand ja darin, dass sie um jeden Preis vermeiden wollten, vor ihre Parlamente zu treten und auch nur einem einzigen \u201ezus\u00e4tzlichen\u201c Euro an Griechenland zugestimmt zu haben. Sie sind Gefangene des populistischen Klimas, das sie selbst erzeugt hatten, indem sie ihre Bev\u00f6lkerungen glauben machten, dass sie f\u00fcr die faulen Griechen zahlen w\u00fcrden. Was war das Ergebnis der starken Position des griechischen Volkes, das sie, ungeachtet alle Hindernisse, im Referendum zum Ausdruck brachten? Diese Willensbekundung war imstande, das Problem zu internationalisieren, es \u00fcber die Grenzen Griechenlands hinauszutragen, das wahre Gesicht der europ\u00e4ischen Partner und Gl\u00e4ubiger zu demaskieren. Damit war das Referendum imstande, der internationalen \u00f6ffentlichen Meinung nicht das Bild eines faulen Volkes vorzuf\u00fchren, sondern eines Volkes, das Widerstand leistet und sowohl Gerechtigkeit als auch eine Zukunft f\u00fcr sich verlangt. Wir haben die Grenzen des Beharrens der Eurozone ausgetestet und wir haben Einfluss auf das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis genommen. Letztlich haben Frankreich, Italien und die nordeurop\u00e4ischen L\u00e4nder alle sehr unterschiedliche Positionen eingenommen. Das Ergebnis ist sicher \u00e4u\u00dferst schwer umzusetzen, andererseits aber ist die Eurozone unbestritten an ihre Grenzen hinsichtlich ihrer Beharrungsf\u00e4higkeit und ihres Zusammenhalts gebracht worden. Die n\u00e4chsten sechs Monate werden entscheidend sein, aber ebenso kritisch wird das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis sein, das in diesem Zeitraum aufgebaut werden kann. Gegenw\u00e4rtig sind Schicksal und Strategie der Eurozone in Frage gestellt. Es gibt nun mehrere M\u00f6glichkeiten. Diejenigen, die gesagt haben \u201ekeinen einzigen Euro mehr\u201c, haben letztendlich ihre Zustimmung nicht nur zu einem Euro, sondern zu 83 Milliarden gegeben. So sind wir von \u20ac 10,6 Mrd. f\u00fcr f\u00fcnf Monate auf 83 Mrd. f\u00fcr drei Jahre gekommen, mit der zus\u00e4tzlich wichtigen Zusage einen Schuldennachlass betreffend, \u00fcber den im November diskutiert werden soll. Das ist die Schl\u00fcsselfrage, die dar\u00fcber entscheidet, ob Griechenland einen Weg beschreiten kann, der das Land aus der Krise f\u00fchrt. Wir m\u00fcssen den Geschichten ein Ende setzen, die die Herren Samaras und Venizelos erz\u00e4hlten und in denen sie behauptet haben, dass sie uns aus den Memoranden herausf\u00fchren w\u00fcrden. Die Wirklichkeit ist, dass in dieser Geschichte ein gro\u00dfes Loch klafft und dieses besteht in den Schulden. Mit Schulden in der H\u00f6he von 180-200 Prozent des BNP kann man keine stabile Wirtschaft haben. Der einzige Weg, den wir nehmen k\u00f6nnen, ist der des Schuldennachlasses, der Schuldentilgung, der Schuldenerleichterung. Die Bedingung daf\u00fcr, dass das Land einen finanziellen Spielraum gewinnen kann, ist, dass es nicht mehr l\u00e4nger verpflichtet ist, hohe Budget\u00fcbersch\u00fcsse zu erwirtschaften, die f\u00fcr die Begleichung von unbezahlbaren Schulden vorgesehen sind.<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">Das \u201eNein\u201c des Referendums war ein \u201eNein\u201c zur Austerit\u00e4t \u2026<\/span><br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">Alexis Tsipras:<\/span> Die Frage des Referendums bestand aus zwei Teilen. Teil A betraf die fr\u00fcher von uns geforderten Ma\u00dfnahmen und Teil B den Finanzierungsplan. Um ehrlich zu sein und nichts zu besch\u00f6nigen: Das Abkommen, das auf das Referendum folgte, ist, sofern es Teil A betrifft, \u00e4hnlich dem, das das griechische Volk abgelehnt hat. Andererseits m\u00fcssen wir auch, was Teil B betrifft, ehrlich sein und diesbez\u00fcglich besteht ein Unterschied wie zwischen Tag und Nacht. Zuvor hatten wir 10,6 Mrd. f\u00fcr f\u00fcnf Monate [in denen unsere \u00f6ffentlichen Ausgaben besonders genau \u00fcberpr\u00fcft werden w\u00fcrden]. Jetzt haben wir 83 Mrd. \u2013 was einer mittelfristigen finanziellen Gesamtabdeckung (2015-2018) entspricht, wobei 47 Mrd. f\u00fcr die R\u00fcckzahlung ausl\u00e4ndischer Schulden vorgesehen sind, 4,5 Mrd. f\u00fcr R\u00fcckst\u00e4nde des \u00f6ffentlichen Sektors und 20 Mrd. f\u00fcr die Rekapitalisierung der Banken und schlie\u00dflich ist da noch die zentrale Verpflichtung die Schuldenfrage betreffend. Somit besteht, was Teil A betrifft, ein Zur\u00fcckweichen der griechischen Regierung, hinsichtlich Teil B jedoch eine Verbesserung: Das Referendum hat eine Funktion erf\u00fcllt. Am Mittwochabend vor der Abstimmung waren bestimmte Kreise im Land damit besch\u00e4ftigt, die Grundlage f\u00fcr einen Staatsstreich zu legen, wobei sie die Notwendigkeit der Erst\u00fcrmung des Amts des Ministerpr\u00e4sidenten verk\u00fcndeten, behaupteten, dass die Regierung das Land in eine schreckliche wirtschaftliche Katastrophe f\u00fchre, wobei sie auf die Menschenschlangen vor den Banken verwiesen. Ich muss sagen, dass das griechische Volk einen k\u00fchlen Kopf bewahrt hat, was soweit ging, dass es Fernsehleuten schwer gefallen ist, Menschen zu finden, die sich \u00fcber die Situation beschwerten \u2013 die Gefasstheit der Bev\u00f6lkerung war wirklich unglaublich. An jenem Abend habe ich mich in einer Ansprache an die griechische Bev\u00f6lkerung gewandt und die Wahrheit gesagt. Ich sagte nicht: \u201eIch halte ein Referendum \u00fcber den Austritt aus dem Euro ab.\u201c Ich sagte: \u201eIch halte ein Referendum ab, um uns eine Verhandlungsdynamik zu geben.\u201c Das \u201eNein\u201c zum schlechten Abkommen war kein \u201eNein\u201c zum Euro, kein \u201eJa\u201c zur Drachme. Man mag mich schlechter Berechnung zeihen, mir vorwerfen, dass ich Illusionen gehabt h\u00e4tte, aber in jedem einzelnen Moment habe ich die Dinge klar benannt; zweimal habe ich das Parlament informiert; ich habe dem griechischen Volk die Wahrheit gesagt.<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">Mit den 61,2% in H\u00e4nden, mit denen die griechische Bev\u00f6lkerung Sie ausgestattet hat: Was w\u00e4re denn das Abkommen gewesen, das Sie gerne aus Br\u00fcssel mitgebracht h\u00e4tten?<\/span><br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">Alexis Tsipras:<\/span> Am Morgen des Freitag, 25. Juni, des Tages des Ultimatums, als sich bereits die Aussicht der Erniedrigung abzeichnete, haben wir w\u00e4hrend eines Treffens in Br\u00fcssel beschlossen, das Referendum voranzubringen. Ihre Haltung war ja: Friss oder stirb. \u201eDas Spiel ist vorbei\u201c, hat Donald Tusk, der Vorsitzende des Europ\u00e4ischen Rates, wiederholte Male gesagt. Sie machten kein Geheimnis daraus; sie wollten einen politischen Wandel in Griechenland. Wir hatten gar keine andere Wahl; wir w\u00e4hlten den Weg der Demokratie und lie\u00dfen das griechische Volk zu Wort kommen. Als ich an jenem Abend nach Griechenland zur\u00fcckkehrte, berief ich den Regierungsrat ein und wir haben die Entscheidung getroffen. Ich habe das Treffen unterbrochen, um mit Angela Merkel und Fran\u00e7ois Hollande zu sprechen und sie \u00fcber meine Entscheidung in Kenntnis zu setzen; an jenem Morgen hatte ich ihnen noch erl\u00e4utert, dass das, was sie vorschlugen, keine ehrliche L\u00f6sung sei. Sie fragten mich, was ich der griechischen Bev\u00f6lkerung raten w\u00fcrde und ich sagte ihnen, dass ich den Menschen raten w\u00fcrde, mit \u201eNein\u201c zu stimmen und zwar nicht, um auf Konfrontationskurs zu gehen, sondern als M\u00f6glichkeit, die Verhandlungsposition Griechenlands zu st\u00e4rken. Und ich bat sie, mir dabei behilflich zu sein, diesen Prozess erfolgreich und in Ruhe abzuschlie\u00dfen, und auch, mir dabei zu helfen, die Eurogruppe, die sich 48 Stunden sp\u00e4ter treffen sollte, zu einer einw\u00f6chigen Verl\u00e4ngerung des Programms zu bewegen, sodass das Referendum unter sicheren Bedingungen stattfinden k\u00f6nnte und nicht unter Bedingungen der Erpressung, mit geschlossenen Banken. Allein, die Kanzlerin warnte mich, dass sie ein \u00f6ffentliches Statement zum Referendum abgeben w\u00fcrde, in dem sie es als eine Frage \u00fcber den Verbleib Griechenlands im Euro darstellen w\u00fcrde. Ich sagte ihr, dass ich absolut nicht damit einverstanden w\u00e4re, dass die Frage nicht w\u00e4re, Euro oder Drachme, dass sie aber frei w\u00e4re zu sagen, was sie wollte. Das war der Punkt, an dem das Gespr\u00e4ch endete. Dieses Versprechen wurde nicht gehalten. 48 Stunden sp\u00e4ter traf die Eurogruppe eine g\u00e4nzlich andere Entscheidung. Ihre Entscheidung fiel in dem Moment, als das griechische Parlament der Abhaltung des Referendums zustimmte. In nur 24 Stunden f\u00fchrte die Entscheidung der Eurogruppe zu jener der EZB, den ELA-Rahmen [Notfall-Liquidit\u00e4tshilfe, von der die griechischen Banken abh\u00e4ngig sind] nicht noch weiter zu erh\u00f6hen, was uns dazu zwang, Kapitalkontrollen einzuf\u00fchren, um den Zusammenbruch des Bankensystems abzuwehren. Die Entscheidung, die Banken zu schlie\u00dfen, war meiner Meinung nach ein Racheakt gegen die Entscheidung der Regierung, sich an ihr Volk zu wenden.<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">Haben Sie dieses Ergebnis erwartet?<\/span><br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">Alexis Tsipras: <\/span>Ich gestehe, dass ich bis Mittwoch [vor dem Referendum] den Eindruck hatte, dass das Ergebnis unentschieden sein w\u00fcrde. Am Donnerstag begann ich zu erkennen, dass das \u201eNein\u201c gewinnen w\u00fcrde, und am Freitag war ich davon \u00fcberzeugt. Angesichts dieses Siegs kam das Versprechen, das ich dem griechischen Volk gegeben hatte, nicht mit einer humanit\u00e4ren Katastrophe zu spielen, zum Tragen. Ich habe nicht mit dem \u00dcberleben des Landes und seiner Bev\u00f6lkerung gespielt. Danach wurden in Br\u00fcssel mehrere Schreckensszenarien auf den Tisch gelegt. Ich wusste, w\u00fcrde ich w\u00e4hrend der siebzehn Stunden, in denen ich diesen Kampf f\u00fchren musste \u2013 allein und unter schwierigen Bedingungen \u2013, das tun, was mein Herz wollte, n\u00e4mlich aufstehen, mit der Faust auf den Tisch schlagen und abreisen \u2013 die ausl\u00e4ndischen Zweigstellen der griechischen Banken noch am selben Tag zusammenbrechen w\u00fcrden. Innerhalb von 48 Stunden w\u00fcrde die Liquidit\u00e4t, die Abhebungen in der H\u00f6he von \u20ac 60 erlaubte, versiegen und, was noch schlimmer war, die EZB w\u00fcrde sich f\u00fcr eine Absenkung der Sicherheiten der griechischen Banken entscheiden und sogar R\u00fcckzahlungen fordern, die zu einem Zusammenbruch des gesamten Bankensystems gef\u00fchrt h\u00e4tten. In diesem Fall h\u00e4tte ein Zusammenbruch keine Verringerung der Spareinlagen, sondern ihre Aufl\u00f6sung bedeutet. Trotz alledem habe ich diesen Kampf gef\u00fchrt und versucht, Logik und Leidenschaft in Einklang zu bringen. Ich wusste, wenn ich aufstand und ging, w\u00fcrde ich wiederkommen m\u00fcssen und mit noch ung\u00fcnstigeren Bedingungen konfrontiert werden. Ich stand also vor einem Dilemma. Die \u00f6ffentliche Meinung auf der ganzen Welt verk\u00fcndete \u201e#This Is A Coup\u201c, es ging sogar so weit, dass dies in jener Nacht auf Twitter zum f\u00fchrenden Hashtag weltweit wurde. Auf der einen Seite stand die Logik; auf der anderen die politische Vernunft. Im R\u00fcckblick bleibe ich bei der \u00dcberzeugung, dass die richtige Entscheidung darin bestand, das Volk zu besch\u00fctzen. Andererseits h\u00e4tten die versch\u00e4rften Vergeltungsakte das Land zerst\u00f6rt. Ich habe eine verantwortungsvolle Entscheidung getroffen.<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">Sie glauben nicht an das Abkommen und haben dennoch die Abgeordneten gebeten, daf\u00fcr zu stimmen. Was haben Sie im Sinn?<\/span><br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">Alexis Tsipras: <\/span>Ich denke, und das habe ich auch dem Parlament gesagt, dass das, was unsere europ\u00e4ischen Partner und Gl\u00e4ubiger errungen haben, ein Pyrrhus-Sieg ist, dass dieser aber gleichzeitig f\u00fcr Griechenland und seine Linksregierung einen gro\u00dfen moralischen Sieg darstellt. Es ist ein schmerzhafter Kompromiss, sowohl auf der wirtschaftlichen als auch auf der politischen Ebene. Sie wissen, Kompromisse sind Teil der politischen Realit\u00e4t und auch Teil der revolution\u00e4ren Taktik. Lenin war der erste, der \u00fcber den Kompromiss gesprochen hat, und zwar in seinem Buch \u201e<link http:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/lenin\/1920\/linksrad\/index.html - - \"Opens external link in new window\">Der \u201aLinke Radikalismus\u2018, die Kinderkrankheit im Kommunismus<\/link>\u201c, in dem er mehrere Seiten lang erkl\u00e4rt, dass Kompromisse Teil revolution\u00e4rer Taktik sind. In einer Passage erw\u00e4hnt er das Beispiel eines Banditen, der seine Pistole gegen dich richtet und sagt: \u201eGeld oder Leben?\u201c Was tut ein Revolution\u00e4r in dieser Situation? Sein Leben hergeben? Nein, er muss das Geld hergeben, um sein Recht zu leben zu behaupten, und den Kampf fortf\u00fchren. Wir sahen uns&nbsp;mit einem Dilemma unter Gewaltandrohung konfrontiert. Heute machen die Oppositionsparteien und die etablierten Medien viel Aufhebens, wobei sie sogar so weit gehen<a name=\"_GoBack\"><\/a>, dass sie strafrechtliche Schritte gegen Yanis Varoufakis fordern. Es ist uns v\u00f6llig bewusst, dass wir in diesem politischen Kampf unseren Kopf riskieren. Aber wir f\u00fchren ihn gemeinsam mit der \u00fcberwiegenden Mehrheit der griechischen Bev\u00f6lkerung an unserer Seite. Und das ist es, was uns Kraft verleiht.<br \/>\n<span style=\"font-style: italic;\">\u00dcbersetzt von Hilde Grammel <\/span><br \/>\nDas Interview wurde gef\u00fchrt von Kostas Arvanitis (STO kokkino), Erstver\u00f6ffentlichung auf Franz\u00f6sisch in <span style=\"font-style: italic;\"><link http:\/\/www.humanite.fr\/alexis-tsipras-lausterite-est-une-impasse-580605 - external-link-new-window \"Opens external link in new window\">L\u2019Humanit\u00e9<\/link><\/span>, 31. Juli 2015<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Unter widrigen Bedingungen und bei einem schwierigen Kr\u00e4ftegleichgewicht sowohl innerhalb Europas als auch auf der Welt haben wir versucht, die Sicht eines Volkes und die M\u00f6glichkeit eines alternativen Weges zu behaupten. 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