{"id":22793,"date":"2015-10-28T12:51:00","date_gmt":"2015-10-28T11:51:00","guid":{"rendered":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/blog\/unkategorisiert\/zurueck-richtung-osten\/"},"modified":"2023-09-27T16:09:10","modified_gmt":"2023-09-27T14:09:10","slug":"zurueck-richtung-osten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/blog\/article\/zurueck-richtung-osten\/","title":{"rendered":"Zur\u00fcck Richtung Osten?"},"content":{"rendered":"<p><span lang=\"DE\">Mein Argument kann sowohl auf einer systemischen als auch auf einer lokalen Ebene erkl\u00e4rt werden. Wir haben es mit einer Krise des Transformationsmodells zu tun, die durch die Krise des Jahres 2008 verst\u00e4rkt wurde. Sie f\u00fchrte zu internen politischen Widerspr\u00fcchen und tiefgreifenden strukturellen Ungleichheiten innerhalb der spezifischen geopolitischen Bedingungen in der EU.<\/span><br \/>\n<span lang=\"DE\">Der Beitritt \u201eOsteuropas\u201c zur EU hat sich nie als gleichm\u00e4\u00dfiger und symmetrischer Prozess vollzogen. In Wirklickheit haben die Staaten, denen diese Europ\u00e4isierung zuteilwurde und deren Verh\u00e4ltnis zum Westen einer Sch\u00fcler-Lehrer-Beziehung \u00e4hnelte, ihren Status als semi-periphere Staaten behalten. Sie wurden blo\u00df f\u00fcr die unbegrenzte wirtschaftliche, politische und kulturelle Globalisierung ge\u00f6ffnet. Es gab im Beitrittsprozess schon immer ein starkes Element der Imitation, das f\u00fcr semi-periphere Staaten typisch ist.<\/span><br \/>\n<span lang=\"DE\">Der Krise von 2008 wurde mit einer fortdauernden Logik und der unvermeidlichen \u00dcberbeanspruchung des transformativen Narratives der tschechischen und in gewisser Weise auch zentraleurop\u00e4ischen Politik begegnet. Dieses Narrativ bezog sich auf die Idee einer \u201eR\u00fcckkehr nach Europa\u201c \u2013 ein einflussreicher Diskurs, der zwischen 1989 und 2004 vorherrschte. Der asymmetrische Charakter des Beitritts machte einen tats\u00e4chlichen Dialog zur Bedeutung Europas \u00fcberall auf diesem vielf\u00e4ltigen Kontinent unm\u00f6glich.<\/span><br \/>\n<span lang=\"DE\">Das transformative Modell bzw. Modernisierungsmodell basierte auf einem inh\u00e4renten zentraleurop\u00e4ischen Neoliberalismus. Der Binnenmarkt wurde als R\u00fcckgrat einer neuen, demokratischen, aus freien und wettbewerbsf\u00e4higen Individuen bestehenden Gesellschaft gefeiert, in der Solidarit\u00e4t ein \u00fcberholtes Relikt des Kommunismus darstellte. Die Schattenseite des \u00dcbergangs \u2013 verst\u00e4rkte gesellschaftliche Ungleichheit, Arbeitslosigkeit und Armut \u2013 wurde nicht angesprochen, oder man bediente sich in den Diskussionen dar\u00fcber einer Rhetorik, die Armut kriminalisierte und systemische Probleme individualisierte (wie etwa Arbeitslosigkeit). Dieses ideologiebasierte Schweigen hatte seine Konsequenzen, die auf unangenehme, jedoch unvermeidbare Weise an die Oberfl\u00e4che kamen.<\/span><br \/>\n<span lang=\"DE\">Es zeigte sich, dass die Krise des Jahres 2008 einen starken Indikator f\u00fcr die ideologischen Krise der westlichen Hegemonie darstellt. Hegemonische Modelle beginnen immer von au\u00dfen zu zerbr\u00f6ckeln. Die j\u00fcngste tschechische Debatte zu Migration und EU-weiten Fl\u00fcchtlingsaufnahmequoten beispielsweise, die eine eher negative Haltung zu diesen Themen einnimmt, verk\u00f6rpert eine faszinierende Mischung aus Imitation und Emanzipation, die von ihren zahlreichen Kritiker_innen bisher weitgehend unbemerkt blieb.<\/span><br \/>\n<span lang=\"DE\">Erstens bezieht sich die tschechische Migrationsdebatte stark auf nicht-authentische Erfahrungen, die aus westlichen Staaten importiert wurden \u2013 viele davon ehemals gro\u00dfe Imperialm\u00e4chte. Offen gesagt ist die tschechische Gesellschaft auch im Jahr 2015 eine wei\u00dfe Gesellschaft. Beim Thema Xenophobie und Islamophobie versuchte man bisher haupts\u00e4chlich, andere Staaten zu imitieren. Der Westen stellt aber offensichtlich kein Modell mehr da, das es nachzuahmen gilt; das westliche Migrations- und Integrationsmodell wurde zu einem Negativbeispiel. Die tschechischen B\u00fcrger_innen stehen den Erfahrungen Westeuropas zunehmend kritisch gegen\u00fcber. Diese Einstellung wird durch nationalistische Populist_innen mit ihren EU-kritischen Argumenten, die sich einer wiedergefundenen Rhetorik der nationalen Souver\u00e4nit\u00e4t und Identit\u00e4t bedienen, ausgenutzt. Durch eine Mischung aus politischer Entfremdung, Misstrauen und egoistischem Individualismus (eine Ideologie, die in den vergangenen 26 Jahren sehr pr\u00e4sent war, nicht nur in der tschechischen Gesellschaft, sondern auch in anderen Staaten) gelangt die Kehrseite des \u00dcbergangs an die Oberfl\u00e4che. Von Solidarit\u00e4t ist blo\u00df eine lokale nationalistische Version geblieben, die sich \u00fcber die Unterbrechungen in der tschechischen Geschichte hinweg erhalten hat. Diese Art des Nationalismus hat lokale nationale Identit\u00e4ten geschaffen und baut haupts\u00e4chlich auf dem Ideal der Harmonie zwischen dem Staat und einer ethnisch homogenen Nation auf. Wie auch in anderen Staaten prallt hier Nationalismus mit dem supranationalen Projekt EU zusammen.<\/span><br \/>\nKurz gesagt: Regionale Differenzen spielen in der Tat eine wichtige Rolle. Jeder Versuch, diese einfach als Frage der Werte neu zu definieren, macht das Problem nur schlimmer. Zentraleuropa ist nicht auf die Bevormundung durch den Westen angewiesen, sondern muss mit seinen eigenen Problemen fertigwerden und eine innovative und positive Zukunftsvision schaffen. Vor dieser Aufgabe stehen nicht nur Tschechien oder Zentraleuropa, es handelt sich vielmehr um ein paneurop\u00e4isches Thema. Bislang scheint es, als ob das Schlachtfeld dieses \u201eKriegs\u201c um die Zukunft als <i>kultureller Krieg<\/i> definiert wird, gef\u00fchrt mit den Mitteln des politischen Populismus. Das bedeutet mit Sicherheit f\u00fcr niemanden in Europa etwas Gutes.&nbsp;<br \/>\n<span style=\"font-style: italic;\">\u00dcbersetzung: Veronika Peterseil<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fl\u00fcchtlingskrise und Migrationsbewegung haben alte Bruchlinien wieder aufgerissen und neue zwischen \u201edem Westen\u201c und \u201edem Osten\u201c der EU geschaffen. Wie k\u00f6nnen diese \u00fcber die oberfl\u00e4chliche Schubladisierung durch die Medien hinweg verstanden werden?<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":22794,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[61,2458],"tags":[],"class_list":["post-22793","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-article","category-artikel","person-veronika-susova-salminen-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22793","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=22793"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22793\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":27551,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22793\/revisions\/27551"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/22794"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=22793"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=22793"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=22793"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}