{"id":23035,"date":"2016-06-15T12:29:00","date_gmt":"2016-06-15T10:29:00","guid":{"rendered":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/blog\/unkategorisiert\/demokratie-in-der-krise\/"},"modified":"2023-09-27T16:09:36","modified_gmt":"2023-09-27T14:09:36","slug":"demokratie-in-der-krise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/blog\/article\/demokratie-in-der-krise\/","title":{"rendered":"Demokratie in der Krise"},"content":{"rendered":"<p><i><span lang=\"DE\">Das Interview wurde von Aimilia Koukouma, \u00d6konomin und Forscherin am Nicos Poulantzas Institut, gemeinsam mit Petros-Iosif Stanganelli, Historiker und Mitherausgeber von \u201eAnagnoseis\u201c, einer Beilage in der griechischen Tageszeitung \u201eI Avgi\u201c, gef\u00fchrt.<\/span><\/i><br \/>\n<b><i><span lang=\"DE\">Vor fast zwei Jahren erw\u00e4hnten Sie in einem Interview im Viewpoint Magazine, dass es \u201ekontraproduktiv\u201c sei, \u201eWahlen einfach zu ignorieren oder diesen einen blo\u00df taktischen Wert als Mittel zum Zweck zuzuschreiben\u201c. Andererseits k\u00f6nnen wir die Tatsache nicht ignorieren, dass die EU im Fall Griechenlands trotz der Wahlergebnisse von Ende Januar 2015 und des Ausgangs des Referendums im Juli danach auf der strikten Fortf\u00fchrung der Austerit\u00e4tspolitik und strengen Ma\u00dfnahmenumsetzung gem\u00e4\u00df der Memoranden (MoU) beharrte. Dar\u00fcber hinaus erlebten wir in Portugal die unverz\u00fcgliche und umfassende Einmischung sowohl interner als auch externer Akteur_innen, die die Bildung einer Koalitionsregierung aus kommunistischen und sozialistischen Parteien zu verhindern versuchten. Denken Sie, dass dem Ausdruck des Bev\u00f6lkerungswillens in einem einzelnen Land dennoch eine wichtige Rolle zukommt?<\/span><\/i><\/b><br \/>\n<b><span lang=\"DE\">Geoff Eley: <\/span><\/b><span lang=\"DE\">Mein Zugang zur Beantwortung dieser Frage ber\u00fccksichtigt vorsichtig die Tatsache, dass die Materie sehr komplex ist und unterschiedlichste Ebenen und Faktoren umfasst, die wir ber\u00fccksichtigen m\u00fcssen, wenn wir die strategischen M\u00f6glichkeiten einer wirksamen politischen Intervention planen. Die Folgen dessen, was wir heute unter dem Begriff Neoliberalismus zusammenfassen (womit in Wirklichkeit die kapitalistische Um- und Neustrukturierung der Klassen gemeint ist; ein Prozess, der seit den 1970er Jahren in Europa seinen Lauf nimmt), machen diese Komplexit\u00e4t zu etwas Unumg\u00e4nglichen: Wirksames politisches Handeln hat keine andere Wahl, als die schwierigen und oft undurchsichtigen Beziehungen, die zwischen der Mikro- und der Makrosph\u00e4re bestehen, auszuhandeln. Es ist wichtig, dass wir uns dieser Komplexit\u00e4t bewusst sind und die strukturellen Zw\u00e4nge kennen, die sich auf das politische Handeln auswirken. Dies bedeutet, dass man so klar wie m\u00f6glich ausdr\u00fccken soll, was wir in einem Land oder einem einzelnen Wahlkampf zu erreichen hoffen d\u00fcrfen oder was wir auch von einer Wahlkampfstrategie erwarten k\u00f6nnen, die f\u00fcr sich alleine steht. Es ist von gr\u00f6\u00dfter Wichtigkeit, sich \u00fcber die eigenen Beschr\u00e4nkungen bewusst zu sein, um dem Teufelskreis aus schlecht definierten, aber umso \u00fcberh\u00f6htern Erwartungen vorzubeugen \u2013 der Teufelkskreis aus v\u00f6llig unrealistischen Erwartungen davon, was mit einer einzelnen Kampagne erreicht werden kann, und der totalen Ern\u00fcchterung, die sich einstellt, wenn sich der herbeibeschworene Sieg schlie\u00dflich doch als eine weitere Niederlage entpuppt.<\/span><br \/>\n<span lang=\"DE\">Dies ist meine Sicht der Dinge, auf der meine Antwort auf Ihre Frage zum Thema Griechenland und Portugal basiert. Nat\u00fcrlich bin auch ich der Meinung, dass wir kaum einen Durchbruch in einem einzelnen, isolierten Land erwarten k\u00f6nnen, der eine wahrhaft radikale Politik nach sich zieht und zur \u00dcbernahme tats\u00e4chlicher demokratischer Verantwortung f\u00fchrt \u2013 besonders wenn dieses Land eine \u00e4u\u00dferst verletzliche Position im europ\u00e4ischen und globalen Machtgef\u00fcge innehat. Dies w\u00fcrde sogar ohne das immer strengere und st\u00e4rker auf Strafen basierende EU-Regulierungssystem zutreffen. Das bestehende EU-Regime geht bei der Umsetzung der Austerit\u00e4tsma\u00dfnahmen jedoch mit maximaler H\u00e4rte vor und beharrt nachdr\u00fccklich auf den Ma\u00dfnahmen, die von der politischen Exekutive des deutschen Kapitals und ihren ost- und nordeurop\u00e4ischen Verb\u00fcndeten umgesetzt werden. <\/span><br \/>\n<span lang=\"DE\">Das Problem ist nicht die politische Schwerpunktsetzung der Linken auf die Wahlen selbst, sondern einerseits die allzu h\u00e4ufige \u00dcberbewertung der Bedeutung eines einzelnen Wahlergebnisses und andererseits die ausschlie\u00dfliche Schwerpunktsetzung auf eine einzige Wahlkampfstrategie. In der Linken muss Wahlen eine besondere Priorit\u00e4t zukommen, da W\u00e4hler_innenmobilisierung auf Ebene der nationalen Politik einen der wenigen Schaupl\u00e4tze f\u00fcr demokratisch verfasstes, kollektives Handeln darstellt, die uns noch bleiben \u2013 so ern\u00fcchternd dies auch klingen mag. Richtig schwierig ist es jedoch (dabei handelt es sich um die gro\u00dfe ungel\u00f6ste Herausforderung, der sich die Linke nach dem Schwund der alten sozialistischen und kommunistischen Parteien seit den 1970ern stellen muss), Wege zu finden, solche nationalen Wahlkampfaktivit\u00e4ten in den Rahmen einer gr\u00f6\u00dferen politischen Strategie zu \u00fcbertragen, die dazu in der Lage ist, die Hoffnungen der Bev\u00f6lkerung und ihre Mobilisierung \u00fcber einen erfolgreichen Wahlkampf hinaus zu erhalten.<\/span><br \/>\n<span lang=\"DE\">Wenn sich Erfolg erst dann einstellen wird, wenn der Linken ein Durchbruch in den Kerngesellschaften der EU \u2013 besonders in Deutschland oder in den zentralen EU-Entscheidungsfindungsorganen selbst \u2013 gelingt, bedeutet das aber nicht, dass der Wandel nicht auch in der sogenannten Peripherie seinen Ausgang nehmen kann. Die Geschichte hat uns schlie\u00dflich gelehrt, dass Ketten stets am schw\u00e4chsten Glied zerbrechen. Das Ph\u00e4nomen Corbyn in Gro\u00dfbritannien und \u201eNuit debout\u201c sind jeweils Anzeichen einer sich entwickelnden Bewegung.<\/span><br \/>\n<b><i><span lang=\"DE\">Was halten Sie von Bernie Sanders\u2018 Pr\u00e4sidentschaftswahlkampf und wie erkl\u00e4ren Sie sich seinen gro\u00dfen Zuspruch? Seit den 1980er-Jahren hat die Sozialdemokratie in Europa ihre Rolle als Verteidigerin des Wohlfahrtsstaates an den Nagel geh\u00e4ngt und nimmt nicht einmal mehr Bezug auf das Thema soziale Ungleichheit; ganz zu schweigen von ihrer generellen politischen Linie, die kaum noch von der Politik der neoliberalen Kr\u00e4fte des politischen Mainstreams zu unterscheiden ist. Gibt es etwas, das die europ\u00e4ische Linke vom Ph\u00e4nomen Sanders lernen kann?<\/span><\/i><\/b><br \/>\n<b><span lang=\"DE\">Geoff Eley<\/span><\/b><span lang=\"DE\">: Es ist wichtig, den zweifellos bemerkenswerten und unerwarteten Erfolg von Bernie Sanders\u2018 Wahlkampf nicht \u00fcberzubewerten. Sein Erfolg zeugt nat\u00fcrlich von \u00e4u\u00dferst willkommener, breiter Zustimmung zu \u201esozialistischen\u201c Ideen und einer Reihe politischer Ma\u00dfnahmen, die \u00fcber den bestehenden Rahmen progressiven Denkens hinausgehen, der vom neoliberalen Konsens vorgegeben wird \u2013 ganz besonders seitens junger Menschen. So wurde sicherlich ein Raum f\u00fcr bestimmte Ideen und Politiken geschaffen, die so wieder legitimiert und f\u00fcr diskussionswert befunden wurden. Manche dieser Ideen muten sogar sozialdemokratisch an, wenn auch im bescheidensten Sinne der Umverteilung. Ich bin mir nicht sicher, ob der Diskurs so weit geht, dass man von einem Wiederaufleben einer Sprache der \u00f6ffentlichen G\u00fcter oder des Wohlfahrtsstaates sprechen kann, geschweige denn einer Neubewertung der Gewerkschaften und Arbeitnehmer_innenorganisationen. Bernie Sanders\u2018 Bereitschaft jedoch, v\u00f6llig unumwunden \u00fcber soziale Ungleichheit zu sprechen \u2013 und die Notwendigkeit dessen zu thematisieren \u2013, w\u00e4hrend er auch nicht davor zur\u00fcckscheut, sich (wie diffus auch immer) der Sprache des Sozialismus zu bedienen, ist zweifellos beeindruckend. Wie auch Sie sagen, hat sich die europ\u00e4ische Sozialdemokratie in den letzten Jahrzehnten selbst ins Abseits bef\u00f6rdert, ging aus den 1980ern als neu formierter neoliberaler Player hervor, und legte ab sofort nicht einmal mehr das geringste Ma\u00df an Einsatz f\u00fcr den Reformismus an den Tag, der zumindest bis in die 1960er-Jahre Teil ihrer Agenda war. <\/span><br \/>\n<span lang=\"DE\">Alleine aus der Tatsache, dass die Sprache der radikalen Reform und sogar des Sozialismus wieder v\u00f6llig legitim Einzug gehalten hat, wie dies die Sanders-Kampagne bewiesen hat, kann die Europ\u00e4ische Linke etwas lernen. Ganz grunds\u00e4tzlich illustriert der Wahlkampf, wie der normalerweise sehr diffuse Aktivismus, der in einzelnen St\u00e4dten und Regionen beobachtet werden kann, sich verbreiten und zahllose andere Anliegen und Wahlk\u00e4mpfe in sich vereinen kann. \u00dcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum hinweg kann so ein gewisses Ma\u00df an Kontinuit\u00e4t geschaffen werden, was schlie\u00dflich zu einer potentiellen Bewegung mit l\u00e4ngerfristiger Resonanz f\u00fchren kann, die auch \u00fcberregional wahrgenommen wird.<\/span><br \/>\n<b><i><span lang=\"DE\">Die extreme Rechte konnte einige bedeutende Siege einfahren \u2013 nicht nur in Zentral- und Osteuropa, sondern auch in Skandinavien. Weisen diese Erfolge Gemeinsamkeiten und ideologische \u00c4hnlichkeiten auf, oder m\u00fcssen wir diesen neuen Ausformungen der extremen Rechten vorsichtig gegen\u00fcbertreten und sie voneinander unterscheiden (um z.B. einerseits die wachsende Nazi-Nostalgie, die etwa in Ungarn und der Ukraine gehegt wird, und andererseits die skandinavischen xenophoben Rechtsau\u00dfen-Parteien voneinander zu trennen)?<\/span><\/i><\/b><br \/>\n<b><span lang=\"DE\">Geoff Eley<\/span><\/b><span lang=\"DE\">: Zweiterem stimme ich im Gro\u00dfen und Ganzen zu \u2013 man muss zwischen den selbsternannten, offen deklarierten neo-faschistischen Gruppen und dem breiteren Feld der rechten Aggressor_innen, die sich momentan ganz auf die Themen Migration, Fl\u00fcchtlingskrise, Angst vor Fremden und generelle Feindlichkeit gegen\u00fcber dem Islam fixieren, unterscheiden. Die deklariert neo-faschistischen Gruppen und Parteien sind in jedem Land normalerweise relativ klein, ob sie nun einheimischen Ursprungs sind, ob sie seit den 1940er-Jahren bestehen und sich einer Nazi-Nostalgie verschreiben oder ob sie eher stellvertretende Formen der Verbundenheit mit dem Nazismus oder dem italienischen Faschismus pflegen. <\/span><br \/>\n<span lang=\"DE\">Noch besorgniserregender ist sicherlich die breite rechtsextreme Aggressionswelle. Die aktuelle Sprache der \u201eRasse\u201c konzentriert sich auf kulturelle Zugeh\u00f6rigkeit, soziale Anspr\u00fcche, aggressive Intoleranz gegen\u00fcber anderen und ein eng gefasstes Konzept der Staatsb\u00fcrgerschaft, die an der Hautfarbe oder dem Geburtsort einer Person festgemacht wird; all das wurde so zum haupts\u00e4chlichen Mobilisierungsfaktor. Der beunruhigendste Aspekt der Gegenwart, der in ganz Europa sp\u00fcrbar ist, ist die gegenseitige Ann\u00e4herung dieser beiden Ph\u00e4nomene: Auf der einen Seite stehen die selbst-deklarierten faschistischen Gruppierungen und auf der anderen die rechtspopulistischen Gruppen, die sich auf Rassenkonzepte st\u00fctzen und \u00fcber eine deutlich breitere Basis verf\u00fcgen. Wenn man von der autorit\u00e4ren Grundlage einer Politik von Recht und Ordnung ausgeht, dann umfasst die resultierende Koalition m\u00f6glicherweise auch Elemente des traditionelleren konservativen Sektors und schart auch noch unzufriedene Kleinb\u00fcrger_innen und W\u00e4hler_innen aus der Arbeiter_innenklasse um sich, die die Folgen der Austerit\u00e4tspolitik und der gesellschaftlichen Verschiebungen als Folge der kapitalistischen Umstrukturierung und der langfristigen Ver\u00e4nderung der Wirtschaft am deutlichsten sp\u00fcren. Sympathisant_innen in den Polizei- und Staatssicherheitsapparaten geben diesen Gruppierungen weiteren Aufwind.<\/span><br \/>\n<span lang=\"DE\">Ohne eine zielgerichtete, selbstbewusste und phantasievolle politische Reaktion der Linken wird die potentielle Gefahr einer st\u00e4ndig breiter werdenden rechten Vereinigung, die dazu imstande ist, den grundlegenden politischen Diskurs entscheidend nach rechts zu r\u00fccken, beunruhigend real.<\/span><br \/>\n<b><i><span lang=\"DE\">Wir leben in einer Zeit der multiplen Krisen. Wir erleben eine Wirtschaftskrise, deren Ende nicht abzusehen ist, eine Repr\u00e4sentationskrise, die mit einer sinkenden B\u00fcrger_innenbeteiligung einhergeht, sowie einen Aufschwung des Neo-Faschismus. Sind Sie der Meinung, dass die Gegenwart \u00c4hnlichkeiten mit den 1930er-Jahren aufweist?<\/span><\/i><\/b><br \/>\n<b><span lang=\"DE\">Geoff Eley<\/span><\/b><span lang=\"DE\">: Ich bin der Ansicht, dass es wichtig ist, einen Vergleich mit den 1930ern vorzunehmen \u2013 nicht, weil die beiden Wirtschaftskrisen etwa Gemeinsamkeiten aufweisen oder weil die linken und rechten politischen Formationen in diesen beiden Zeitabschnitten einander \u00e4hneln, sondern weil sich die konkreten Umst\u00e4nde der beiden politischen Krisen durch wichtige, gemeinsame Charakteristika auszeichnen. In dieser Hinsicht ist meine Ansicht noch immer deutlich von Poulantzas gepr\u00e4gt. Sowohl im Deutschland der fr\u00fchen 1930er-Jahre, als auch im heutigen Europa haben wir es mit einer doppelten Krise zu tun, die sich selbst \u00fcberlagert und immer akuter wird: In Poulantzas\u2018 Worten handelt es sich dabei um eine Repr\u00e4sentations- und Hegemoniekrise. Einerseits f\u00fchrt sie zum Erstarren des staatlich-institutionellen Komplexes, der seine Funktion aufgibt, sodass der \u00e4u\u00dferst wichtige Prozess der Aushandlung einer ausreichend stabilen und soliden Basis f\u00fcr die Hauptfraktionen der herrschenden Klassen immer schwieriger zu lenken ist. In diesem Fall gewinnen Alternativen zum parlamentarischen Konstitutionalismus, wie eine pr\u00e4sidentielle Diktatur (etwa gem\u00e4\u00df Artikel 48 der Weimarer Verfassung), eine \u201eExpertenregierung\u201c oder andere Formen einer autorit\u00e4ren, nicht demokratisch legitimierten Regierungsf\u00fchrung Unterst\u00fctzung bei der Rechten und ihren Verb\u00fcndeten, sodass die konstitutionelle Demokratie demontiert und ausgeschaltet werden kann. Andererseits gestaltet sich die Mobilisierung einer ausreichend breiten Bev\u00f6lkerungsgruppe als zu schwierig. Die bestehenden Parteien sind nicht mehr imstande sind, die dazu n\u00f6tige Arbeit zu leisten, und ihre Apparate zerfallen. In diesem Fall beginnen die W\u00e4hler_innen, sich auch umzuorientieren. Wenn wir vom Konzept der doppelten Krise ausgehen, scheint mir, dass wir gute Instrumente zur Hand haben, um eine Analyse der negativen politischen Konsequenzen der Krise von 2008 anstellen zu k\u00f6nnen \u2013 ob auf Ebene der gesamten EU oder auf Basis einzelner L\u00e4nder, einzelner Kapitalismen oder einzelner politischer Systeme. Daher bin ich der Ansicht, dass die Krise der 1930er-Jahre durchaus etwas mit der heutigen Krise gemeinsam hat.<\/span><br \/>\n<b><i><span lang=\"DE\">Alexander E. Gauland, ein f\u00fchrender Politiker der AfD, behauptet, die AfD sei \u201eeine Partei der gew\u00f6hnlichen Menschen. Wir meinen damit Menschen, die nicht in der N\u00e4he von Quartieren f\u00fcr Asylwerber_innen leben wollen (\u2026). Wir m\u00fcssen sie ernst nehmen und bei ihren \u00c4ngsten und Sorgen ansetzen\u201c.<b><span style=\"font-size:11.0pt; font-family:&quot;Calibri&quot;,&quot;sans-serif&quot;\" lang=\"DE\">[1]<\/span><\/b><\/span> Wie kommentieren Sie das Auftreten dieser Partei in der deutschen Politik? K\u00f6nnen Sie eine allgemeine Anmerkung zur aktuellen Debatte \u00fcber die \u201enationale deutsche Identit\u00e4t\u201c abgeben?<\/i><\/b><br \/>\n<b><span lang=\"DE\">Geoff Eley<\/span><\/b><span lang=\"DE\">: Die Deutschen haben bisher eine erfolgreiche und konsistente Bereitschaft an den Tag gelegt, ihre vom V\u00f6lkermord gepr\u00e4gte Geschichte aufzuarbeiten, der alle Verbrechen des Nazismus und des Zweiten Weltkriegs umfasst, in deren Zentrum die Shoah und die gesamte genozidale Bilanz des Regimes steht \u2013 und dies in einem wirklich beeindruckenden und au\u00dfergew\u00f6hnlichen Ma\u00df. Das galt nicht immer gleichm\u00e4\u00dfig f\u00fcr alle Generationen, soziale Kategorien und die verschiedenen Teile des politischen Spektrums. Es ist auch die entscheidende Leistung der Debatten w\u00e4hrend der 1960er- und 1970er-Jahre, deren Errungenschaften immer wieder verteidigt und best\u00e4tigt werden mussten. Mitte der 1980er kam es nachgerade zu einer Explosion des \u00f6ffentlichen Interesses und der Kontroverse um diese Fragen (z.B. im Rahmen des Historikerstreits und \u00c4hnlichem). Die Deutsche Wiedervereinigung zog eine ganze Reihe solcher Debatten nach sich. Die Reaktionen auf Daniel Goldhagens&nbsp;\u201eHitler\u2018s Willing Executioners\u201c, die Wehrmachtsausstellung oder das Interesse an der Darstellung Deutschlands als Opfer des Bombenkriegs stellen weitere Bespiele daf\u00fcr dar \u2013 die Liste ist lang.<\/span><br \/>\n<span lang=\"DE\">Im Gro\u00dfen und Ganzen best\u00e4tigte die prinzipielle linke Position \u2013 dargestellt von J\u00fcrgen Habermas \u2013 erfolgreich die Wichtigkeit der ethisch-politischen Verantwortung Deutschlands und die fortdauernde Bedeutung, die der Vergangenheitsbew\u00e4ltigung zukommt. Dabei handelt es sich um eine vergleichsweise bemerkenswerte Besonderheit der europ\u00e4ischen Nachkriegsgeschichte; ein Beispiel, dem andere Gesellschaften folgen sollten. <\/span><br \/>\n<span lang=\"DE\">Gleichzeitig gilt, dass sich all diese Aufmerksamkeit zu stark und ausschlie\u00dflich auf den Holocaust konzentrierte, weshalb anderen Merkmalen der deutschen gewaltsamen Expansionspolitik im 20. Jahrhundert bisher nicht das gleiche Ma\u00df an Aufmerksamkeit zukam \u2013 insbesondere der ma\u00dflosen wirtschaftspolitischen \u00dcbermacht Deutschlands innerhalb des Regulierungsregimes der EU. Ebenso fehlt die Bezugnahme auf die fr\u00fchere Ausformung dieser Expansionspolitik, wie wir sie etwa in den 1940er-Jahren erlebten. Ich muss Sie nicht an die aktuellste Erscheinungsform dieses Syndroms erinnern, wie etwa das Verhalten der deutschen Regierung w\u00e4hrend der fortdauernden Krise der griechischen Wirtschaft. Ein gewisses Ma\u00df an Selbstreflexion \u00fcber die Auswirkungen der deutschen Machtposition in der Welt stellt in dieser sonst beeindruckenden Bilanz an Vergangenheitsbew\u00e4ltigung einen blinden Fleck dar. Ihr kommt nat\u00fcrlich keine v\u00f6llig gleichwertige Bedeutung zu; au\u00dferdem war die Haltung Deutschlands in anderen Bereichen der internationalen Politik wiederum sehr beeindruckend: Etwa Angela Merkels anf\u00e4ngliche Reaktion auf die mit der syrischen Fl\u00fcchtlingskrise einhergehende politische und ethische Notsituation, als sich andere europ\u00e4ische Regierungen als beunruhigend reaktionslos erwiesen. Ein etwas h\u00f6heres Ma\u00df an Selbstreflexion zu den tiefgreifenden<a name=\"_GoBack\"><\/a> Auswirkungen der deutschen Politik auf den Osten und S\u00fcdosten des Kontinents w\u00fcrde die Bilanz allerdings noch beeindruckender ausfallen lassen.<\/span><br \/>\n<i><span lang=\"DE\">Aus dem Englischen von Veronika Peterseil<\/span><\/i><br \/>\n<span style=\"font-size: 10px;\" lang=\"DE\">Das Interview erschien&nbsp;auf Griechisch ver\u00f6ffentlicht unter: <link http:\/\/avgi-anagnoseis.blogspot.gr\/2016\/05\/blog-post_66.html>http:\/\/avgi-anagnoseis.blogspot.gr\/2016\/05\/blog-post_66.html<\/link>.<\/span><\/p>\n<div>\n<hr \/>\n<div id=\"ftn1\"><a href=\"file:\/\/\/T:\/newsletter\/2016\/5_2016\/Interview%20mit%20Geoff%20Eley%20DE_red%20EH.docx#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><span lang=\"DE\"><span style=\"font-size:10.0pt; font-family: &quot;Calibri&quot;,&quot;sans-serif&quot;\" lang=\"DE\">[1]<\/span><\/span><\/a><span lang=\"DE\"> <\/span>Anm. d. \u00dcbers.: In Ermangelung des<span lang=\"DE\"> Originalzitats handelt es ich hier um eine R\u00fcck\u00fcbersetzung aus dem Englischen.<\/span><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geoff Eley ist Professor f\u00fcr Zeitgeschichte an der Universit\u00e4t Michigan und spricht \u00fcber die Repr\u00e4sentations- und Hegemoniekrise, die die Entkoppelung und Delegitimierung der Prozesse der kapitalistischen Umstrukturierung und Neustrukturierung der Klassen mit sich bringt. Dar\u00fcber hinaus analysiert er die Herausforderungen f\u00fcr die Linke und die Antworten der Rechten auf diese doppelte Krise.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":23036,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[61,2458],"tags":[],"class_list":["post-23035","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-article","category-artikel","person-aimilia-koukouma-de","person-geoff-eley-de","person-petros-iosif-stanganellis-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23035","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=23035"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23035\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":27601,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23035\/revisions\/27601"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/23036"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=23035"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=23035"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=23035"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}