{"id":23280,"date":"2017-06-21T13:12:22","date_gmt":"2017-06-21T11:12:22","guid":{"rendered":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/blog\/unkategorisiert\/die-linke-unter-macron\/"},"modified":"2023-09-27T16:10:03","modified_gmt":"2023-09-27T14:10:03","slug":"die-linke-unter-macron","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/blog\/article\/die-linke-unter-macron\/","title":{"rendered":"Die Linke unter Macron"},"content":{"rendered":"<p><span lang=\"DE\">Der zweite Wahlgang der Parlamentswahl 2017 verschaffte Frankreichs neuem Pr\u00e4sidenten Emmanuel Macron und seiner Partei <i>En Marche!<\/i> eine deutliche Mehrheit. <\/span><\/p>\n<p><span lang=\"DE\">W\u00e4hrend die Ergebnisse der franz\u00f6sischen Linken nach den vielversprechenden Prognosen f\u00fcr Jean-Luc M\u00e9lenchons Bewegung <i>France Insoumise<\/i> (\u201eUnbeugsames Frankreich\u201c) letztendlich entt\u00e4uschend ausfielen, konnte die Linke ihre Vertretung im Parlament immerhin verdreifachen \u2013 von 10 auf 30 Abgeordnete.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"DE\">Einer der Neuzug\u00e4nge der <i>Parti communiste fran\u00e7ais<\/i> (Franz\u00f6sische Kommunistische Partei &#8211; PCF) im franz\u00f6sischen Parlament ist <b>Elsa Faucillon<\/b>, die in Gennevilliers, einer Vorstadt im Nordwesten von Paris, zur Wahlsiegerin gek\u00fcrt wurde. Kurz vor der Wahl sprach sie mit <b>Maxime Benatouil<\/b> \u00fcber die Herausforderungen des Wahlkampfes und die Perspektiven eines Neuaufbaus der Linken.<\/span><\/p>\n<p><b><i><span lang=\"DE\">Maxime Benatouil: Bei der Pr\u00e4sidentschaftswahl schenkten 7 Millionen Menschen Jean-Luc M\u00e9lenchon ihre Stimme; im ersten Wahlgang der Parlamentswahl konnte France Insoumise jedoch nur 2,5 Millionen Stimmen auf sich vereinigen. Worauf ist dies deiner Meinung nach zur\u00fcckzuf\u00fchren?<\/span><\/i><\/b><\/p>\n<p><b><span lang=\"DE\">Elsa Faucillon: <\/span><\/b><span lang=\"DE\">Zu diesen 2,5 Millionen Stimmen m\u00fcssen noch jene f\u00fcr die PCF dazugerechnet werden, jene f\u00fcr den <i>Front de Gauche<\/i> (Linksfront; umfasst PCF, <i>Parti de Gauche<\/i> und <i>Ensemble<\/i>) und f\u00fcr andere Kandidat_innen, die sich mit Jean-Luc M\u00e9lenchons Programm f\u00fcr die Pr\u00e4sidentschaftswahl identifizierten oder die als Unterst\u00fctzer_innen seines Programms wahrgenommen wurden. So kommen wir zwar noch nicht auf 7 Millionen, aber auf \u00fcber 3 Millionen \u2013 vielleicht 3,5 Millionen. In meinem Wahlkreis etwa k\u00f6nnen jene Menschen, die mich gew\u00e4hlt haben, zu diesen 2,5 Millionen hinzugez\u00e4hlt werden.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"DE\">Ich sage das, weil viele von uns das von Jean-Luc M\u00e9lenchon bei der Pr\u00e4sidentschaftswahl propagierte Programm unterst\u00fctzt haben \u2013 nicht nur Mitglieder und Sympathisant_innen von France Insoumise. Auch ich bin kein Mitglied seiner Bewegung, habe aber sein Programm <i>L\u2019Avenir en Commun<\/i> (\u201eDie gemeinsame Zukunft\u201c) bef\u00fcrwortet.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"DE\">Eine der St\u00e4rken von M\u00e9lenchons Wahlkampf lag darin, dass es ihm mit der Zeit gelang, die Menschen davon zu \u00fcberzeugen, dass sein Sieg durchaus realistisch ist. Das schenkte ihm einiges an Zuspruch. Ich begann im November, M\u00e9lenchons Kandidatur zu unterst\u00fctzen, und in einem von der Arbeiter_innenklasse dominierten Wahlkreis wie dem meinen war es unglaublich toll zu sehen, wie Menschen, die oft nicht von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen oder sich nur mit wenig Enthusiasmus f\u00fcr eine_n Kandidat_in entscheiden, pl\u00f6tzlich M\u00e9lenchons Programm und Reden w\u00f6rtlich zitierten. Sie taten das nicht nur, weil sie sich seinen Sieg w\u00fcnschten, sondern weil sie auf tiefgreifenden Wandel hofften.<\/span><\/p>\n<p><b><i><span lang=\"DE\">Maxime Benatouil: Wie erkl\u00e4rst du dir die Tatsache, dass sich diese Menschen nicht im selben Ma\u00dfe f\u00fcr die Parlamentswahl mobilisieren lie\u00dfen?<\/span><\/i><\/b><\/p>\n<p><b><span lang=\"DE\">Elsa Faucillon:<\/span><\/b><span lang=\"DE\"> W\u00e4hrend der Pr\u00e4sidentschaftswahl h\u00f6rte ich viele Menschen sagen: \u201eEr spricht f\u00fcr uns\u201c und \u201eEr spricht mit unserem Herzen und unserer Seele\u201c. Man war gewisserma\u00dfen stolz darauf, Teil einer Gemeinschaft zu sein, zu der die Arbeiter_innenklasse geh\u00f6rte. Das war kein Gef\u00fchl des engstirnigen R\u00fcckzugs, sondern ein Gef\u00fchl der Solidarit\u00e4t und Offenheit gegen\u00fcber anderen. Und es war stark. Aber es entwickelte sich mit dem Gef\u00fchl, dass ein Sieg in Reichweite war.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"DE\">Ich bin keine Politikwissenschafterin und kann die Dinge nur aus meiner Perspektive als Aktivistin und Kandidatin einsch\u00e4tzen. Die Pr\u00e4sidentschaftswahl ist das zentrale Ereignis der franz\u00f6sischen Politik, besonders in der F\u00fcnften Republik. Ihre Bedeutung wurde noch gr\u00f6\u00dfer, seit Sarkozy die Rolle der oder des Pr\u00e4sident_in noch zus\u00e4tzlich gest\u00e4rkt hat. Unter Hollande erlebten wir ein Parlament, das stets f\u00fcr die Vorhaben des Pr\u00e4sidenten stimmte. Damit hat es in Bezug auf seine Rolle als Beratungs- und Diskussionsgremium einen Schritt zur\u00fcck gemacht. Wenn sich die Menschen also fragen, ob die Wahl einer oder eines bestimmten Abgeordneten ihr Leben ver\u00e4ndern wird, glaube ich nicht, dass dies viele mit \u201eJa\u201c beantworten k\u00f6nnen. Die beiden Wahlen, die die Menschen in Frankreich als wichtig f\u00fcr ihr Leben erachten, sind die Pr\u00e4sidentschafts- und die Kommunalwahlen.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"DE\">Auch wenn Jean-Luc M\u00e9lenchon es schafft, mit seinen Reden viele Menschen anzusprechen, und das landesweite Aush\u00e4ngeschild von France Insoumise ist, ist die Parlamentswahl meiner Meinung nach eine andere B\u00fchne. Die Kampagnen f\u00fcr diese Wahlen sind weniger energiegeladen und weniger einflussreich als jene f\u00fcr die Pr\u00e4sidentschaftswahlen.<\/span><\/p>\n<p><b><i><span lang=\"DE\">Maxime Benatouil: Mit Ausnahme von etwa 50 Mandatar_innen schafften es France Insoumise und die PCF nicht, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen, um einen gemeinsamen Wahlkampf zu f\u00fchren. Warum?<\/span><\/i><\/b><\/p>\n<p><b><span lang=\"DE\">Elsa Faucillon: <\/span><\/b><span lang=\"DE\">Ich bin seit 2005 Mitglied der PCF, also seit der Kampagne gegen die Europ\u00e4ische Verfassung. Diese Mobilisierung er\u00f6ffnete Aussichten auf eine vielversprechende Zusammenarbeit der linken Kr\u00e4fte, die in Richtung eines gesellschaftlichen Wandels arbeiten, und diese Linke schien auch Aussichten auf einen Sieg zu haben. So entstand der Front de Gauche; er war eine politische Alternative, die es der Linken erm\u00f6glichte, in all ihrer Vielfalt pluralistisch zusammenzuarbeiten. Innerhalb der PCF z\u00e4hlte ich zu den Unterst\u00fctzerinnen eines Modells der Zusammenarbeit und der Debatte, wie es im Front de Gauche gepflegt wurde. Trotz gro\u00dfer Bem\u00fchungen blieb der Front jedoch letztendlich eine Ansammlung von einzelnen Parteien, die durch ihre jeweiligen Parteispitzen handelten. Nat\u00fcrlich gab es au\u00dferdem gro\u00dfe Differenzen im Hinblick auf seinen strategischen Kurs. <\/span><\/p>\n<p><span lang=\"DE\">Diese Tatsache sowie sein Unverm\u00f6gen, sich einem breiteren Publikum zu \u00f6ffnen, f\u00fchrten schnell dazu, dass er zwischen die Fronten geriet und nicht mehr als Projekt zur Entwicklung einer neuen Linken wahrgenommen wurde. Daher wurde der Front de Gauche eine immer unattraktivere Wahloption. Die Pr\u00e4sidentschaftswahl kam zu einem Zeitpunkt, an dem er in keiner guten Verfassung war. Die PCF sprach sich f\u00fcr eine Teilnahme an den Vorwahlen der Linken aus (die schlie\u00dflich zu einem Ringen zwischen der <i>Parti socialiste<\/i> \u2013 PS \u2013 und Mitgliedern der kleinen B\u00fcndnispartner_innen wurden). Da M\u00e9lenchon bereits 2012 Kandidat des Front de Gauche war, ging er aber das Risiko ein und k\u00fcndigte seine eigene Kandidatur an. Die PCF diskutierte im Zuge ihres Parteitags ihre Handlungsoptionen, und die Debatten der letzten beiden Jahre zeigten Wirkung: Es dauerte eine Weile, bis ein Konsens erreicht werden konnte, aber gl\u00fccklicherweise schafften es die Kommunist_innen bis November 2016, sich f\u00fcr eine Unterst\u00fctzung von M\u00e9lenchons Kandidatur zu entscheiden.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"DE\">Die Dynamik des Front de Gauche war nicht mehr dieselbe wie im Jahr 2012. Und in diesem Kontext ist es nicht schwer zu verstehen, warum die Verhandlungen um die Parlamentswahl nicht von Erfolg gekr\u00f6nt waren. Das tut mir wirklich leid. Ich glaube nicht, dass uns eine gemeinsame Kandidatur tats\u00e4chlich zu einer Mehrheit verholfen h\u00e4tte \u2013 wir h\u00e4tten jedoch mit Sicherheit eine starke linke Alternative im Parlament darstellen k\u00f6nnen. Dann h\u00e4tte kein Zweifel daran bestanden, wer eine tats\u00e4chliche Alternative zu Macron darstellt. Diese Chance ist jedoch noch nicht vertan; eine solche Vereinbarung kann auch noch in der Zukunft geschlossen werden.<\/span><\/p>\n<p><b><i><span lang=\"DE\">Maxime Benatouil: Emmanuel Macron sicherte sich in der Parlamentswahl eine riesige Mehrheit, eine der gr\u00f6\u00dften in der Geschichte der F\u00fcnften Republik. Bedeutet das, dass sein Programm tats\u00e4chlich so breite Zustimmung findet? Und was umfasst sein Programm?<\/span><\/i><\/b><\/p>\n<p><b><span lang=\"DE\">Elsa Faucillon: <\/span><\/b><span lang=\"DE\">Macrons Programm basiert auf neoliberalen Austerit\u00e4tsma\u00dfnahmen, die darauf abzielen, das geltende Arbeitsrecht zu zersetzen. Es deckt sich mit dem Programm der MEDEF [franz\u00f6sischer Arbeitgeber_innenverband]. Mehr noch als neoliberal ist dieses Programm autorit\u00e4r, ganz im Stil von Manuel Valls [ehem. Premier]. Auch wenn sich Macron als sanft und freundlich darstellt, sind die Pr\u00e4sidialdekrete, die er erlassen m\u00f6chte, zutiefst antidemokratisch. Er wird auch den Ausnahmezustand verl\u00e4ngern, was das autorit\u00e4re Klima im Land verst\u00e4rken wird.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"DE\">Das Projekt Macron, wie es er selbst, die Medien, die Gesch\u00e4ftswelt, sowie das politische System und die kulturelle Szene pr\u00e4sentieren, ist Teil eines Klimas der franz\u00f6sischen Gesellschaft und Politik, in dem keine politischen Konflikte mehr stattfinden sollen. Macron hat diesen Moment perfekt genutzt \u2013 mit seinem Gerede davon, \u201eweder links noch rechts\u201c zu sein und mit der Einbindung von Menschen, die aus dem Mitte-links- und dem rechten Parteienspektrum oder auch aus der Zivilgesellschaft stammen. Auch wenn dies wie ein geschickter Trick wirkt, holte er damit jene Mitglieder der franz\u00f6sischen Gesellschaft ab, die jammern, sie h\u00e4tten genug vom ewigen \u201edaf\u00fcr oder dagegen\u201c und von den immer gleichen Konflikten; sie wollen endlich, \u201edass Ruhe einkehrt\u201c. Das bedeutet jedoch auch ein Ruhigstellen des Klassenkampfes, indem pl\u00f6tzlich vorgegeben wird, es g\u00e4be keinen Unterschied zwischen den Interessen der Reichen und jenen der Armen. In Wirklichkeit \u00fcbte sich bereits Hollande in dieser These \u2013 auch wenn er sich nicht wie Macron ganz von den traditionellen Gro\u00dfparteien distanzierte.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"DE\">Was die Unterst\u00fctzung f\u00fcr sein Programm angeht \u2013 nun, er erreichte 24 Prozent der Stimmen im ersten Wahlgang der Pr\u00e4sidentschaftswahl; also kein ganz so \u00fcberragendes Ergebnis. Au\u00dferdem war die Wahlbeteiligung niedrig. Wir m\u00fcssen jedoch auch akzeptieren, dass sein hohes Wahlergebnis bei der Parlamentswahl bedeutet, dass er wohl einen gewissen Nerv der Bev\u00f6lkerung trifft und damit eine Chance verdient.<\/span><\/p>\n<p><b><i><span lang=\"DE\">Maxime Benatouil: Am 19. M\u00e4rz fand in Paris der Marsch f\u00fcr Gerechtigkeit und W\u00fcrde statt; eine Initiative, die von den Familien der Opfer von Polizeigewalt ins Leben gerufen wurde und von vielen Organisationen in den <\/span><\/i><span lang=\"DE\">quartiers populaires<i> [Arbeiter_innenbezirke, deren Bewohner_innen h\u00e4ufig migrantischer Herkunft sind] unterst\u00fctzt wurden. Ihre Forderungen umfassten das Ende der Gewalt und des staatlichen Rassismus, sowie friedliche Nachbarschaften. Denkst du, die traditionelle Linke hat diese Forderungen in der Vergangenheit in einem ausreichenden Ma\u00df unterst\u00fctzt? Und stehen sie im Zusammenhang mit der weitverbreiteten Entt\u00e4uschung der Menschen von der Politik?<\/i><\/span><\/b><\/p>\n<p><b><span lang=\"DE\">Elsa Faucillon:<\/span><\/b><span lang=\"DE\"> Als Mitglied einer traditionellen Linkspartei muss ich sagen: Nein, wir haben diese Forderungen nicht ernst genug genommen. Da haben wir noch viel Arbeit vor uns. Was den Zusammenhang mit einer verbreiteten Frustration mit der Politik angeht: Auch diesen gibt es nat\u00fcrlich. Sowohl f\u00fcr die PCF als auch f\u00fcr France Insoumise \u2013 auch wenn es sich dabei um keine Partei, sondern eine Bewegung handelt \u2013 , die Gr\u00fcnen und andere kleine Parteien ist noch viel zu tun. <\/span><\/p>\n<p><span lang=\"DE\">Es reicht jedoch nicht, dies anzuerkennen. Es besteht Handlungsbedarf. Was meine Partei angeht werden viele Debatten gef\u00fchrt und es besteht kein Konsens darin, was nun genau getan werden muss. Im Hinblick auf die Demonstration am 19. M\u00e4rz gab es Diskussionen dar\u00fcber, ob man nun daran teilnehmen solle oder nicht \u2013 wir entschlossen und schlie\u00dflich zur Teilnahme \u2013 , aber auch dar\u00fcber, welche Forderungen man stellen m\u00fcsse und mit wem man sich daran beteiligen solle. Es gab Gruppierungen, mit denen wir zusammenarbeiten wollten und jene, mit denen wir dies nicht tun wollten. Es gab wiederum auch Uneinigkeiten zwischen jenen, die sich mit diesen Fragen befassten.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"DE\">Als Frau stehe ich dieser Frage \u00e4hnlich gegen\u00fcber wie der Frage, wie Feminismus in den Parteien der Linken aufgenommen werden soll. Ich kenne mich in diesem Thema besser aus, da ich viel dar\u00fcber gelesen habe und es auch studiert habe. Ich wei\u00df beispielsweise, dass feministische Themen in der PCF zu einem bestimmten Zeitpunkt nur wenig Zuspruch fanden. Wir mussten Sexismus unter uns diskutieren, als Frauen; das Thema stie\u00df bei den M\u00e4nnern \u2013 und auch bei einigen Frauen \u2013 im kommunistischen Umfeld auf Desinteresse.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"DE\">Antirassismus und Feminismus befassen sich nicht mit derselben Frage, aber wir k\u00f6nnen heute \u00c4hnlichkeiten in den Debatten erkennen. Dar\u00fcber m\u00fcssen wir nachdenken. Wir k\u00f6nnen uns nicht selbst bel\u00fcgen \u2013 viele der Menschen, die sich organisieren, um sich gegen Gewalt und Polizeirassismus stark zu machen, sind nicht Mitglieder unserer Partei. Das ist jedoch ein gro\u00dfes gesellschaftliches Thema, das die Arbeiter_innenklasse besch\u00e4ftigt. Daran m\u00fcssen wir also arbeiten; wir m\u00fcssen neue Menschen dazu holen, Organisationen, Pers\u00f6nlichkeiten des \u00f6ffentlichen Lebens und Einzelpersonen vertrauen, die sich diesem Kampf stellen.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"DE\">Polizeigewalt stellt die PCF vor die generelle Frage: Welche Rolle soll die Polizei \u00fcberhaupt einnehmen? Wer \u00fcber Polizeigewalt spricht, hinterfragt n\u00e4mlich noch nicht ihre Rolle. Ja, wir k\u00f6nnen sagen, dass im Polizeiapparat Rassismus verbreitet ist, aber das sagt noch nichts \u00fcber die Rolle der Polizei aus. Ist es ihre Aufgabe, f\u00fcr Frieden zu sorgen und die franz\u00f6sische Bev\u00f6lkerung zu sch\u00fctzen? Bei der Diskussion dieser Frage besteht Zur\u00fcckhaltung, sogar auf soziologischer Ebene. Viele Polizeibeamt_innen w\u00e4hlen den Front National. Es ist jedoch wichtig, solche Fragen zu stellen.<\/span><\/p>\n<p><b><span lang=\"DE\">Maxime Benatouil: In der Pr\u00e4sidentschaftswahl versuchte France Insoumise auf der franz\u00f6sischen Politb\u00fchne etwas Neues zu schaffen \u2013 mittels einer linkspopulistischen Strategie, die auf einer Trennung in Menschen vs. Oligarchie beruhte. Dabei wich die Bewegung allerdings vom breiten linken Ansatz ab, auf den sich die Linke vormals verst\u00e4ndigt hatte. Dieser Ansatz litt unter Meinungsdifferenzen, die insbesonders die M\u00f6glichkeit einer reformierten EU, sowie Umweltfragen wie etwa Atomkraft betrafen. Wird es m\u00f6glich sein, diese politischen und strategischen Differenzen im Prozess des Neuaufbaus der Linken zu \u00fcberwinden?<\/span><\/b><\/p>\n<p><b><span lang=\"DE\">Elsa Faucillon:<\/span><\/b><span lang=\"DE\"> Ich bin der Ansicht, dass der Charakter des Neuartigen von France Insoumise auf der politischen B\u00fchne und ihr Bruch mit der Vergangenheit wichtige Elemente ihres Erfolgs sind. Das bewies die Pr\u00e4sidentschaftswahl. Jede linke Kraft, die die Gesellschaft ver\u00e4ndern m\u00f6chte, muss eine Grundlage daf\u00fcr schaffen, sich zu einem Player mit tats\u00e4chlichen Gewinnchancen zu machen \u2013 diese Grundlage muss sich sowohl in Ideen als auch im Wahlkampf widerspiegeln. France Insoumise ist dies gelungen.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"DE\">Obwohl ich denke, dass France Insoumise ihren Betrag geleistet hat, glaube ich allerdings, dass die Bewegung die vielf\u00e4ltige Natur der transformativen Linken nicht ausreichend anerkennt \u2013 dies k\u00f6nnte noch zu einem Problem f\u00fcr sie werden. Populismus ist au\u00dferdem nicht meine politische Kultur. Ich glaube, wir m\u00fcssen die Trennung in Links und Rechts f\u00fcr unsere Arbeit nutzen, da sie f\u00fcr einen Gro\u00dfteil der franz\u00f6sischen Bev\u00f6lkerung noch immer von Bedeutung ist. Als Kandidatin der Stichwahl ist die Tatsache, dass ich sagen kann, dass ich die Linke vereine, wichtig \u2013 das verstehen die Leute und mobilisiert sie. Die Trennung in Rechts und Links ist f\u00fcr viele eine wichtige Orientierungshilfe. Es stimmt aber auch, dass die Trennlinie f\u00fcr viele Menschen nach den Regierungen Sarkozy und Hollande immer schwerer auszumachen ist. Die Trennung Dominierender vs. Dominierter und Menschen vs. Oligarchie l\u00e4sst auch neue Arten der Identifikation zu. Das verstand France Insoumise sehr gut f\u00fcr sich zu nutzen.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"DE\">Es ist wichtig, eine Strategie f\u00fcr einen Bruch mit der Sozialdemokratie zu entwickeln. Heute erleben wir in Frankreich n\u00e4mlich eine Sozialdemokratie, die sich vollst\u00e4ndig mit dem Neoliberalismus identifiziert. Wir m\u00fcssen diesen Bruch vollziehen, um der Bev\u00f6lkerung klarzumachen, dass es eine Linke gibt, die nichts mit Neoliberalismus zu tun hat, sondern ein Projekt f\u00fcr den gesellschaftlichen Wandel vorschl\u00e4gt. Am heutigen Scheideweg der franz\u00f6sischen Gesellschaft, wo eine neue Kraft nur schwer entstehen kann, m\u00fcssen wir uns auf eine komplexere Aufgabe einlassen: Wir m\u00fcssen die Trennung in Links und Rechts im Kontext der Beziehung zwischen den Menschen und der Oligarchie definieren. Das ist nicht ganz einfach. Ich glaube aber nicht, dass es uns gelingen wird, die Menschen zu erreichen, wenn wir das nicht schaffen. Einige franz\u00f6sische, europ\u00e4ische und internationale Intellektuelle haben uns aus der Alten Welt ein paar Dinge hinterlassen, die es wert sind, bewahrt zu werden, und ich w\u00fcrde diese Rechts-Links-Trennung zu diesem Verm\u00e4chtnis z\u00e4hlen. <\/span><\/p>\n<p><b><i><span lang=\"DE\">Maxime Benatouil: Gibt es in diesem Projekt auch Raum f\u00fcr die \u00dcberbleibsel der Parti socialiste? Im ersten Wahlgang der Pr\u00e4sidentschaftswahl st\u00fcrzte die PS auf 6 % ab, was einem historischen Tief gleichkommt. Dieses negative Ergebnis wiederholte sie dann im ersten Wahlgang der Parlamentswahl. Kann sie in einer progressiven Linken eine Rolle spielen?<\/span><\/i><\/b><\/p>\n<p><b><span lang=\"DE\">Elsa Faucillon: <\/span><\/b><span lang=\"DE\">Zuallererst m\u00f6chte ich sagen, dass ich glaube, dass wir \u2013 die PCF und die transformative Linke \u2013 unsere eigene Strategie zu stark in Hinblick auf unsere Beziehung zur PS hinterfragt haben. Wir waren mit einer PS konfrontiert, die die Sozialdemokratie ausschlie\u00dflich als neoliberales Projekt verstanden hatte, und mussten stets betonen, dass das nicht die Linke ist. Ich glaube, in der Pr\u00e4sidentschaftswahl gelang es uns, dies den Menschen klarzumachen, worauf uns die Menschen neu definierten und neu einsch\u00e4tzten.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"DE\">Auch Jean-Luc M\u00e9lenchon versuchte mit der Sozialdemokratie zu brechen, was ihm teilweise auch gelang. Das ist zu begr\u00fc\u00dfen; au\u00dferdem glaube ich, dass f\u00fcr einen Neuanfang ein Bruch mit der Sozialdemokratie notwendig ist. Er kl\u00e4rte die Verh\u00e4ltnisse und repr\u00e4sentiert einen Fortschritt \u2013 ich sehne mich wirklich nicht nach den Zeiten zur\u00fcck, als wir der Neuaufbau der Linken haupts\u00e4chlich von der PS abh\u00e4ngig machen mussten. Sie muss sich nun mit der L\u00f6sung ihrer eigenen Probleme befassen.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"DE\">Ein Teil der franz\u00f6sischen Gesellschaft bleibt der PS nach wie vor treu und identifiziert sich mit ihrer Politik. Ich glaube nicht, dass wir mit diesen Menschen den Konflikt suchen: Sie geh\u00f6ren immer noch zur Linken. Ich glaube, dass sie eine Orientierungshilfe suchen. Und wir m\u00fcssen der Aufgabe gewachsen sein, ihnen ein Umfeld zu bieten, in dem sie sich willkommen f\u00fchlen.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"DE\">Es ist schwer zu sagen, wer die PS heute ist. Ihre Repr\u00e4sentant_innen, ihre Mitarbeiter_innen und ihre Mitglieder bilden keine Einheit. Ein Teil von ihnen hat sich Macron und En Marche! zugewandt. Man muss sich auch bewusst dar\u00fcber sein, dass der Grund f\u00fcr ihr 6-Prozent-Resultat ist, dass die PS f\u00fcr eine Niederlage steht und nach den Jahren der Regierung Hollande absolut keine Chance auf einen Wahlsieg hatte. Viele Menschen waren von der Partei entt\u00e4uscht. Ich wei\u00df nicht, was aus der PS in Zukunft werden soll. Die Kommunistische Partei wurde in der Vergangenheit bereits oft totgesagt, hat aber solche Behauptungen stets \u00fcberlebt.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"DE\">Man hat es nun also geschafft, der PS den Titel als f\u00fchrende Kraft der Linken wegzunehmen. Das hei\u00dft nicht, dass wir es schaffen werden, die ganze Linke um uns zu scharen. Um ein konkretes Beispiel zu geben: In meinem eigenen Wahlkreis Gennevilliers gab es einen Abgeordneten der PS. Er wurde 2012 zeitgleich mit Hollandes Wahlsieg in das Amt gew\u00e4hlt und beerbte damit den PCF-Abgeordneten Roland Muzeau. In der Kommune Colombes im selben Wahlkreis hatte Muzeau 2012 2.000 Stimmen erreicht. Wenn man meine Stimmenanzahl aus dem ersten Wahlgang der Parlamentswahl und die Stimmen f\u00fcr France Insoumise zusammenz\u00e4hlt, kommt man auf exakt 2.000 Stimmen. Auch wenn also die PS zusammengebrochen war und Jean-Luc M\u00e9lenchon in der Pr\u00e4sidentschaftswahl ein gutes Ergebnis eingefahren hatte, konnte die transformative Linke in Colombes das Ergebnis von 2012 nicht verbessern.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"DE\">Die PS ist zwar nicht mehr die wichtigste Kraft der Linken, aber die Linke selbst ist noch nicht in einer guten Verfassung. Was mich wirklich interessiert ist, wie wir die herausfordernde Aufgabe meistern k\u00f6nnen, die Linke neu aufzubauen. Wir brauchen eine Linke, die sich mit dem Marsch f\u00fcr Gerechtigkeit und W\u00fcrde befasst; eine Linke, die Feminismus als ein f\u00fcr unsere Zeit relevantes Thema erachtet; eine Linke, die die Arbeiter_innenklasse zur\u00fcck auf das politische Terrain f\u00fchrt. Wir wollen im Parlament diese Menschen vertreten, in all ihrer Vielfalt. Das ist die Herausforderung, vor der wir stehen. Einige Zutaten daf\u00fcr haben wir schon beisammen, aber noch nicht das ganze Rezept. <br \/><\/span><\/p>\n<p><span lang=\"DE\">&nbsp;<\/span><\/p>\n<p><b><span lang=\"DE\">Elsa Faucillon<\/span><\/b><span lang=\"DE\"> ist Parlamentsabgeordnete der PCF f\u00fcr den Wahlkreis Gennevilliers im Nordwesten von Paris.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10px;\" lang=\"DE\">Erstver\u00f6ffentlichung des Interviews bei <i>Jacobin<\/i> am 18. Juni 2017 (in englischer Sprache), <link https:\/\/www.jacobinmag.com\/2017\/06\/macron-french-communist-party-elections-en-marche-melenchon>https:\/\/www.jacobinmag.com\/2017\/06\/macron-french-communist-party-elections-en-marche-melenchon<\/link><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die neugew\u00e4hlte PCF-Abgeordnete Elsa Faucillon im Interview \u00fcber Frankreichs gespaltene Linke und deren Kampf gegen Emmanuel Macron.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":12539,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[61,2458],"tags":[],"class_list":["post-23280","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-article","category-artikel","person-maxime-benatouil-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23280","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=23280"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23280\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":27650,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23280\/revisions\/27650"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/12539"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=23280"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=23280"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=23280"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}