{"id":23318,"date":"2018-03-22T11:54:00","date_gmt":"2018-03-22T10:54:00","guid":{"rendered":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/blog\/unkategorisiert\/nochmals-putin-wahlergebnisse-und-agenda-der-vierten-amtszeit\/"},"modified":"2023-09-27T16:10:20","modified_gmt":"2023-09-27T14:10:20","slug":"nochmals-putin-wahlergebnisse-und-agenda-der-vierten-amtszeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/blog\/article\/nochmals-putin-wahlergebnisse-und-agenda-der-vierten-amtszeit\/","title":{"rendered":"Nochmals Putin: Wahlergebnisse und Agenda der vierten Amtszeit"},"content":{"rendered":"<p>Die n\u00e4chsten sechs Jahre bleibt Wladimir Putin russischer Pr\u00e4sident. Das ist das haupts\u00e4chliche Ergebnis der Pr\u00e4sidentschaftswahl vom 18. M\u00e4rz 2018<sup>1<\/sup>. Der diesj\u00e4hrige Wahlkampf fand vor einem ganz anderen Hintergrund statt als jener von 2012. Die Wahlen 2012 waren von einer eher holprigen R\u00fcckkehr f\u00fcr Wladimir Putin (vom Premierminister zum Pr\u00e4sidenten) \u00fcberschattet, sowie einer konservativen Wende in der russischen Politik, und standen im Kontext der gegen die Regierung gerichteten Proteste vom Winter 2011\/2012.<\/p>\n<p>Die diesj\u00e4hrigen Wahlergebnisse spiegeln eher das Muster der Parlamentswahlen von 2016 wieder. Auch die Pr\u00e4sidentschaftswahlen f\u00fchrten zu politischer Hegemonie. Wladimir Putin ist mit einer Zustimmungsrate von 76&nbsp;% als klarer Sieger aus ihnen hervorgegangen, w\u00e4hrend die machthabende Partei Vereinigtes Russland 2016 eine verfassungs\u00e4ndernde Mehrheit gewann. Der haupts\u00e4chliche Unterschied liegt in der Tatsache, dass die Wahlbeteiligung bei den Pr\u00e4sidentschaftswahlen deutlich h\u00f6her war: 67&nbsp;% gegen\u00fcber 45,8&nbsp;% bei den Duma-Wahlen.<\/p>\n<p>Der Wahlkampf selbst hat sich als typischer Wahlkampf in einem kompetitiv-autorit\u00e4ren Regime gestaltet, mit einigen Verwerfungen im politischen Wettbewerb.<sup>2<\/sup> Derartige Wahlen sind verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig frei, aber nicht fair. Am deutlichsten wurde das im zweispurigen Wahlkampf. Der Amtsinhaber hat seine eigene Kampagne gef\u00fchrt, w\u00e4hrend alle anderen Kandidat_innen ihren eigenen Weg gingen, mit einer gewissen Trennung von Putin, dem sie nie in Fernseh- oder \u00f6ffentlichen Debatten gegen\u00fcbertraten.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft auch, dass die Wahl zwei verschiedene Dimensionen hat. Die erste ist die politische Arena, in der sich sieben Kandidat_innen um die Pr\u00e4sidentschaft beworben haben. Die zweite ist die staatliche, in der Putin als ein Staatsmann wahrgenommen und dargestellt wird, der politische Differenzen und programmpolitische Konflikte und Kritik \u00fcberragt.<sup>3<\/sup> Sein Wahlslogan hat das recht gut gezeigt: \u201eStarker Pr\u00e4sident \u2013 starkes Russland!\u201c (Ergo: \u201ePutin ist der Pr\u00e4sident.\u201c)<\/p>\n<p>Letzten Endes konnte sich keiner der gegen ihn antretenden Kandidat_innen als tragf\u00e4hige Alternative zu diesem Bild Wladimir Putins positionieren. Insofern war die Wahl eher ein Plebiszit mit einer grundlegenden Frage: \u201eBist du f\u00fcr Putin oder gegen ihn?\u201c Entsprechend hat die Pr\u00e4sidentschaftswahl ein polarisiertes Ergebnis hervorgebracht und einen entpolitisierten Putin mit etwa 76&nbsp;% der Stimmen als Hegemon best\u00e4tigt. Sogar in den Metropolen wie Moskau und Sankt Petersburg waren Putins Ergebnisse mit etwa 70&nbsp;% hoch. Auf der de facto russischen Krim hat Putin ein Rekordergebnis erzielt \u2013 den offiziellen Wahlergebnissen zufolge haben \u00fcber 90&nbsp;% f\u00fcr ihn gestimmt. Au\u00dferdem ist bemerkenswert, dass Putin 99&nbsp;% der Auslandswahlb\u00fcros gewonnen hat. Am wenigsten Unterst\u00fctzung (etwa 55-65&nbsp;%) hatte er in einigen Teilen Sibiriens und im Fernen Osten Russlands.<\/p>\n<h4><b>Die Kandidat_innen<\/b><\/h4>\n<p>Putins sieben Gegenkandidat_innen konnten nur 22,24&nbsp;% der Stimmen auf sich vereinen, also weniger als ein Drittel. Werfen wir einen kurzen Blick auf diese Kandidat_innen:<\/p>\n<p><b>Pawel Grudinin <\/b>war als Kandidat der Kommunistischen Partei eine \u00dcberraschung. Er sollte den Kommunistenf\u00fchrer Gennady Sjuganow ersetzen, der nach den erfolglosen Parlamentswahlen 2016 mit einer F\u00fchrungskrise zu k\u00e4mpfen hat. Die Partei ist seit der Dumawahl geschw\u00e4cht (sie hat 2016 etwa 6&nbsp;% verloren) und Sjuganow wollte seinen Ruf nicht riskieren und dann, wie von einigen Meinungsforscher_innen vorhergesagt, nur den dritten Platz belegen. Grudinin war sowohl f\u00fcr die Kommunistische Partei als auch f\u00fcr Sjuganow pers\u00f6nlich ein Au\u00dfenseiter. Damit ist er keine Bedrohung im innerparteilichen Machtkampf. Als Unternehmer im Bereich Landwirtschaft war Grudinin daran interessiert, sein eigenes politisches Profil zu sch\u00e4rfen, um bei zuk\u00fcnftigen Gouverneurswahlen in der Region Moskau antreten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><b>Wladimir Schirinowskis<\/b> Rolle ist dieselbe wie immer. Er war ein Spoilerkandidat f\u00fcr Protestw\u00e4hler_innen, die die sehr schwache liberale Opposition Russlands nicht unterst\u00fctzen wollten. Allerdings wird er sogar von den Unterst\u00fctzer_innen seiner Partei als f\u00fcr das Pr\u00e4sidentenamt ungeeignet angesehen, was sich in seinem Wahlergebnis widerspiegelt. Vermutlich waren das seine letzten Pr\u00e4sidentschaftswahlen.<\/p>\n<p><b>Xenija Sobtschak<\/b> war die einzige Frau unter den Kandidaten. Sie stand f\u00fcr eine der vielen Stimmen der liberalen Opposition Russlands. Sobtschak hat die Wahlen genutzt, um sich von einem Medienstar in eine liberale Politikerin zu verwandeln.<sup>4<\/sup>&nbsp;Zum Nachteil wurde ihr ihre wahrgenommene politische Unerfahrenheit. Das zweite Problem war ihr liberales Profil im Allgemeinen (und im Besonderen die Aussage, dass die Krim \u201eillegal besetzt\u201c sei).<\/p>\n<p>Der Liberale <b>Grigori Jawlinski<\/b> und der Nationalist <b>Sergej Baburin<\/b> sind beide Politiker aus der Vergangenheit; der H\u00f6hepunkt ihrer Karrieren lag jeweils in den 90ern. Das ist in sich keine sehr gute Ausgangsposition. Ihre Ergebnisse sind zu vernachl\u00e4ssigen.&nbsp;<b>Maxim Suraikin<\/b> von den Kommunisten Russlands war den W\u00e4hler_innen weitgehend unbekannt. Zuletzt ist der wirtschaftsfreundliche <b>Boris Titow<\/b> in seiner Kampagne ausdr\u00fccklich loyal gegen\u00fcber Putin, was auch ein taktischer Nachteil war. <\/p>\n<h4><b>Ergebnisse<\/b><b><sup>5<\/sup><\/b><b>:<\/b><\/h4>\n<table border=\"0\" cellpadding=\"0\" cellspacing=\"0\" style=\"border-collapse:collapse\">\n<tbody>\n<tr>\n<td style=\"padding:.75pt .75pt .75pt .75pt\">\n<p><b>Kandidat<\/b><\/p>\n<\/td>\n<td style=\"padding:.75pt .75pt .75pt .75pt\">\n<p><b>Partei<\/b><\/p>\n<\/td>\n<td style=\"padding:.75pt .75pt .75pt .75pt\">\n<p><b>Stimmen<\/b><\/p>\n<\/td>\n<td style=\"padding:.75pt .75pt .75pt .75pt\">\n<p><b>In&nbsp;%<\/b><\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"padding:.75pt .75pt .75pt .75pt\">\n<p>Wladimir Putin<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"padding:.75pt .75pt .75pt .75pt\">\n<p>Unabh\u00e4ngig<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"padding:.75pt .75pt .75pt .75pt\">\n<p>56.206.514<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"padding:.75pt .75pt .75pt .75pt\">\n<p>76,66&nbsp;%<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"padding:.75pt .75pt .75pt .75pt\">\n<p>Pawel Grudinin<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"padding:.75pt .75pt .75pt .75pt\">\n<p>Kommunistische Partei<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"padding:.75pt .75pt .75pt .75pt\">\n<p>8.648.147<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"padding:.75pt .75pt .75pt .75pt\">\n<p>11,80 %<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"padding:.75pt .75pt .75pt .75pt\">\n<p>Wladimir Schirinowski<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"padding:.75pt .75pt .75pt .75pt\">\n<p>Liberal-Demokratische Partei Russlands<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"padding:.75pt .75pt .75pt .75pt\">\n<p>4.151.063<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"padding:.75pt .75pt .75pt .75pt\">\n<p>5,66 %<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"padding:.75pt .75pt .75pt .75pt\">\n<p>Xenia Sobtschak<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"padding:.75pt .75pt .75pt .75pt\">\n<p>B\u00fcrgerinitiative<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"padding:.75pt .75pt .75pt .75pt\">\n<p>1.236.145<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"padding:.75pt .75pt .75pt .75pt\">\n<p>1,68 %<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"padding:.75pt .75pt .75pt .75pt\">\n<p>Grigori Jawlinski<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"padding:.75pt .75pt .75pt .75pt\">\n<p>Jabloko<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"padding:.75pt .75pt .75pt .75pt\">\n<p>765.122<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"padding:.75pt .75pt .75pt .75pt\">\n<p>1,04 %<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"padding:.75pt .75pt .75pt .75pt\">\n<p>Boris Titow<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"padding:.75pt .75pt .75pt .75pt\">\n<p>Wachstumspartei<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"padding:.75pt .75pt .75pt .75pt\">\n<p>555.189<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"padding:.75pt .75pt .75pt .75pt\">\n<p>0,76 %<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"padding:.75pt .75pt .75pt .75pt\">\n<p>Maxim Suraikin<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"padding:.75pt .75pt .75pt .75pt\">\n<p>Kommunisten Russlands<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"padding:.75pt .75pt .75pt .75pt\">\n<p>498.575<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"padding:.75pt .75pt .75pt .75pt\">\n<p>0,68 %<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"padding:.75pt .75pt .75pt .75pt\">\n<p>Sergej Baburin<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"padding:.75pt .75pt .75pt .75pt\">\n<p>Russische Volksunion<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"padding:.75pt .75pt .75pt .75pt\">\n<p>477.903<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"padding:.75pt .75pt .75pt .75pt\">\n<p>0,65 %<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"padding:.75pt .75pt .75pt .75pt\">\n<p>Gesamt:<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"padding:.75pt .75pt .75pt .75pt\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"padding:.75pt .75pt .75pt .75pt\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"padding:.75pt .75pt .75pt .75pt\">\n<p>99,84 %<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Die Abstimmung \u00fcber Putin und seinen Kurs fiel bei der Wahl zu seinen Gunsten aus. Dennoch ist klar, dass er in seiner vierten Amtszeit als Pr\u00e4sident (2018\u20132024) eine Reihe von Problemen angehen muss. Eines der grundlegenden ist die Tatsache, dass Putins Wahlkampagne auf der Grundlage einer geopolitischen Agenda mobilisiert hat, w\u00e4hrend seine echte Agenda f\u00fcr die n\u00e4chsten sechs Jahre haupts\u00e4chlich innenpolitisch und sozio\u00f6konomisch ist.<\/p>\n<p>Werfen wir einen kurzen Blick auf die drei miteinander in Zusammenhang stehenden Schwerpunkte:<\/p>\n<ol>\n<li>Beziehungen zum Westen<\/li>\n<li>Sozio\u00f6konomische Entwicklung<\/li>\n<li>Nachfolge<\/li>\n<\/ol>\n<h4><b>Beziehungen zum Westen<\/b><\/h4>\n<p>Wladimir Putins dritte Amtszeit war gepr\u00e4gt von der Krise in den Beziehungen zwischen Russland und dem Westen. 2014 hat sich diese Beziehung in eine der zunehmenden Konfrontation und des Wettbewerbs verwandelt, begleitet von einem rapiden Vertrauensverlust. Russland hat sich gegen\u00fcber dem Westen als konservative Macht dargestellt, die milit\u00e4rische Dimension seiner Souver\u00e4nit\u00e4t betont und klargestellt, dass es bereit ist, seine nationalen Interessen zu verteidigen \u2013 und zwar nicht nur im postsowjetischen Bereich (Ukraine), sondern auch im strategisch bedeutsamen Nahen Osten. Im Westen begegnete man dem mit Angst vor der \u201erussischen Aggression\u201c und mit einer Politik der Eind\u00e4mmung Russlands. Das Ergebnis war nicht nur eine Konfrontation, sondern der Ausschluss Russlands aus dem euro-atlantischen Raum und damit einhergehend die Abwendung Russlands von der sogenannten \u201eliberalen Ordnung\u201c, die der Westen als ihr Hegemon gern wahren m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Das postsowjetische Russland ist eine gro\u00dfe Milit\u00e4rmacht, aber es hat auch viele strategische Schw\u00e4chen in den Bereichen Wirtschaft, technologische Innovation und kulturelles Prestige. Eine lange und andauernde Konfrontation mit dem Westen, eine Ausweitung bzw. Vertiefung der westlichen Sanktionen und die Isolierung Russlands sind ganz sicher nicht im russischen Interesse. Putin muss darauf abzielen, die Konfrontation einzud\u00e4mmen, um sich Bewegungsspielraum zu sichern. Die Beziehungen zum Westen sind f\u00fcr die russische Entwicklung im derzeitigen Wirtschafts- und Finanzsystem von grundlegender Bedeutung, das, einigen Anzeichen einer alternativen Architektur zum Trotz, weitgehend von den USA und ihren westlichen Alliierten dominiert wird.<\/p>\n<h4><b>Sozio\u00f6konomische Entwicklung<\/b><\/h4>\n<p>Die russische Gesellschaft war an der Gestaltung ihrer Zukunft zuletzt nur passiv beteiligt. Tats\u00e4chlich hat die russische Wirtschaft stagniert, mit keinem oder nur sehr geringem Wachstum, sinkenden Realeinkommen und sich zuspitzenden sozialen Ungleichheiten<sup>6<\/sup>, w\u00e4hrend sie sich an die neue Realit\u00e4t des niedrigen \u00d6lpreises und der Militarisierung des Budgets angepasst hat. Entsprechend hat Medwedews Regierung neue und recht radikale Budgetk\u00fcrzungen unter anderem im Bildungs- und Gesundheitswesen und im sozialen Bereich eingef\u00fchrt. In einem Land wie Russland bedeutet das effektiv eine Abkehr von Humankapital, das bereits von seiner sowjetischen und postsowjetischen Vergangenheit aus der Bahn geworfen wurde. Eine unabh\u00e4ngige Meinungsstudie hat k\u00fcrzlich gezeigt, dass die russische Gesellschaft sich einen Wandel w\u00fcnscht, auch wenn dieser Wunsch nicht sehr spezifisch ist.<sup>7<\/sup> Nichtsdestotrotz ist klar, dass die Bereiche Soziales, Wohlfahrt, Bildung und Lebensqualit\u00e4t oberste Priorit\u00e4t haben, selbst wenn sie vorrangig durch ein paternalistisches Prisma betrachtet werden (dass also der Staat sich f\u00fcr die Menschen interessieren sollte).<\/p>\n<p>Dieser Trend bzw. diese gesellschaftliche Stimmung wurden in Putins Rede vom 1.&nbsp;M\u00e4rz deutlich angesprochen. Er erw\u00e4hnte, dass dem Humankapital und der gesellschaftlichen Entwicklung politische Priorit\u00e4t einger\u00e4umt werden sollte, denn Russland sei eine stabile Gesellschaft, deren Sicherheit jetzt garantiert w\u00e4re. Dieses neue Narrativ entsprach den Erwartungen der Masse, selbst wenn der zweite, milit\u00e4rische Teil derselben Rede diese Botschaft seines mobilisierenden Charakters wegen ein wenig verwischt hat, in dem es um geopolitische Fragen und solche der Sicherheit ging. Und doch passt es auch zu Putins au\u00dfenpolitischen Ambitionen. Kurz: Er muss die ewig neue Frage beantworten, wie man trotz einer schwachen Wirtschaft und einer Gesellschaft in der sozialen bzw. demografischen Krise und Stagnation eine Gro\u00dfmacht darstellen kann. Putin zufolge ist es kein \u00e4u\u00dferer Feind, sondern die russische Unterentwicklung, der Verzug im Vergleich zu den (westlichen) innovativen Gesellschaften, von denen die innere Bedrohung ausgeht.<\/p>\n<p>Es gibt zwei grundlegende Aufgaben zu l\u00f6sen. Das erste ist die Wegentwicklung des russischen Wirtschaftsmodells vom immer noch bestehenden \u201e\u00d6lstaat\u201c und der Abh\u00e4ngigkeit vom \u00d6lpreis und dem anderer Rohstoffe. Hier ist das zugrundeliegende Problem die politische \u00d6konomie des Regimes, die zu weiten Teilen auf der Umverteilung von \u00d6l- und Gaseink\u00fcnften durch den Staat beruht und durch den Staat auf die Mitglieder der oligarchischen Elite. Die zweite Aufgabe ist der Kampf gegen den chronischen Mangel an Kapitalinvestitionen, die Offshorisierung und die Kapitalabwanderung \u2013 typische Probleme von Volkswirtschaften an der Peripherie.<\/p>\n<p>Letztendlich muss es Putin gelingen, die Grenze zwischen Stabilisierung und Stagnation sauber zu ziehen, ein weiteres typisches Dilemma konservativer russischer Politik, wie wir sie aus der russischen und sowjetischen Geschichte kennen. Sein Erfolg wird haupts\u00e4chlich auf seiner F\u00e4higkeit beruhen, die paternalistischen W\u00fcnsche der Mehrheit zu befriedigen, insbesondere hinsichtlich der sozio\u00f6konomischen Leistungen, der staatlichen Unterst\u00fctzung, der Renten und so weiter.<\/p>\n<h4><b>Nachfolge<\/b><\/h4>\n<p>Das russische politische System ist extrem personengebunden. Es beruht auf einem demokratischem Modell, das allerdings von informellen Beziehungen (\u201eParapolitik\u201c) und einer autorit\u00e4ren politischen Kultur gepr\u00e4gt ist. Daraus folgt, dass die Suche nach einer_m Nachfolger_in ein vordringliches Problem ist. Der derzeitigen Verfassung nach kann Putin 2024 nicht wiedergew\u00e4hlt werden.<\/p>\n<p>In der russischen und sowjetischen Geschichte l\u00e4sst sich ein Muster beobachten: Machtwechsel werden von schweren politischen Krisen oder Aufruhr begleitet. Besonders gravierend waren die Probleme im 18.&nbsp;Jahrhundert und in den 90ern des letzten Jahrhunderts, als gleichzeitig ein Wechsel des politisch-\u00f6konomischen Systems stattfand. Entsprechend steht Putin vor der Aufgabe, einen Weg f\u00fcr eine reibungslose Macht\u00fcbergabe 2024 zu finden, oder genauer, Russland auf ein Leben und eine Politik ohne Putin vorzubereiten.<\/p>\n<p>Das Problem der Nachfolge ist derzeit ungel\u00f6st und sein Ausgang nur schwer vorherzusagen. Im Allgemeinen sind drei Szenarien denkbar, wenn man unvorhersehbare M\u00f6glichkeiten wie einen Regimewechsel ausschlie\u00dft.<\/p>\n<p>1. Das \u201echinesische\u201c Szenario: Putin bleibt im Amt, die Verfassung wird angepasst. Das vertagt die Frage der Nachfolge, l\u00f6st das Problem aber nicht.<\/p>\n<p>2. Eine Regierungsreform: Putin ver\u00e4ndert das derzeitige System in Richtung einer st\u00e4rker kollektiven und institutionalisierten Entscheidungsfindungsstruktur und bleibt f\u00fcr die \u00dcbergangszeit im Hintergrund t\u00e4tig.<\/p>\n<p>3. Ein neuer Nachfolger erscheint: Putin w\u00e4hlt einen Nachfolger, bereitet ihn vor und f\u00fchrt ihn als seinen Nachfolger ein, w\u00e4hrend er f\u00fcr die \u00dcbergangszeit im Hintergrund t\u00e4tig ist.<\/p>\n<p>Alle drei Szenarien bringen Risiken mit sich und h\u00e4ngen mit vielen miteinander in Verbindung stehenden Faktoren zusammen. Unter anderem sind das a)&nbsp;die Wahrnehmung innerer und \u00e4u\u00dferer Bedrohungen (Stabilit\u00e4t als Faktor), b)&nbsp;die Beziehungen innerhalb der regierenden Elite und ihren Fraktionen sowie deren Wahrnehmung des Status quo und c) die sozio\u00f6konomische Situation im Land.<\/p>\n<p><b>Anmerkungen:<\/b><\/p>\n<p>1. Das Datum hat eine gewisse symbolische Bedeutung, am 18. M\u00e4rz 2014 hat Russland die Krim annektiert.<\/p>\n<p>2. Siehe Levitsky Steven-Way, A. Lucan<i>, Competitive Authoritarianism. Hybrid Regimes after the Cold War<\/i>, Cambridge University Press: Cambridge-New York 2010.<\/p>\n<p>3. Politcom.ru: \u041f\u0440\u0435\u0437\u0438\u0434\u0435\u043d\u0442\u0441\u043a\u0438\u0435 \u0432\u044b\u0431\u043e\u0440\u044b \u0432 \u0420\u043e\u0441\u0441\u0438\u0438: \u043e\u0441\u043d\u043e\u0432\u043d\u044b\u0435 \u0432\u044b\u0432\u043e\u0434\u044b,&nbsp;<link http:\/\/politcom.ru\/22943.html>http:\/\/politcom.ru\/22943.html<\/link>.<\/p>\n<p>4. Es sollte erw\u00e4hnt werden, dass Xenia Sobtschak die Tochter von Putins Mentor Anatoli Sobtschak, dem B\u00fcrgermeister von Sankt Petersburg, ist.<\/p>\n<p>5. Siehe Zentrale Wahlkommission der Russischen F\u00f6deration:&nbsp;<link http:\/\/www.cikrf.ru\/analog\/prezidentskiye-vybory-2018\/itogi-golosovaniya\/>http:\/\/www.cikrf.ru\/analog\/prezidentskiye-vybory-2018\/itogi-golosovaniya\/<\/link>&nbsp;(Ergebnisse ver\u00f6ffentlicht am 21\/03\/2018).<\/p>\n<p>6. \u0418\u043b\u044c\u0438\u043d, \u0412.\u0410. \u00ab\u041a\u0430\u043f\u0438\u0442\u0430\u043b\u0438\u0437\u043c \u0434\u043b\u044f \u0441\u0432\u043e\u0438\u0445\u00bb \u2013 \u0438\u0441\u0442\u043e\u0447\u043d\u0438\u043a \u0441\u043e\u0446\u0438\u0430\u043b\u044c\u043d\u043e\u0433\u043e \u043d\u0435\u0440\u0430\u0432\u0435\u043d\u0441\u0442\u0432\u0430 \u0432 \u0441\u043e\u0432\u0440\u0435\u043c\u0435\u043d\u043d\u043e\u0439 \u0420\u043e\u0441\u0441\u0438\u0438 [\u0422\u0435\u043a\u0441\u0442] \/ \u0412.\u0410. \u0418\u043b\u044c\u0438\u043d \/\/ \u042d\u043a\u043e\u043d\u043e\u043c\u0438\u0447\u0435\u0441\u043a\u0438\u0435 \u0438 \u0441\u043e\u0446\u0438\u0430\u043b\u044c\u043d\u044b\u0435 \u043f\u0435\u0440\u0435\u043c\u0435\u043d\u044b: \u0444\u0430\u043a\u0442\u044b, \u0442\u0435\u043d\u0434\u0435\u043d\u0446\u0438\u0438, \u043f\u0440\u043e\u0433\u043d\u043e\u0437. \u2013 2017. \u2013 \u2116 6. \u2013 C. 9-23. \u2013 DOI: 10.15838\/esc.2017.6.54.1 (Ilyin V., A. Kapitalizm dlya svoih \u2013 istochnik socialnogo neravnenstva v&nbsp;sovremennoy Rossiyi).<\/p>\n<p>7. Andrei Kolesnikov\/Denis Volkov: The Perils of Change. Russians\u2019 Mixed Attitudes Toward Reform,&nbsp;<link http:\/\/carnegie.ru\/2018\/02\/06\/perils-of-change-russians-mixed-attitudes-toward-reform-pub-75436>http:\/\/carnegie.ru\/2018\/02\/06\/perils-of-change-russians-mixed-attitudes-toward-reform-pub-75436<\/link>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Abstimmung \u00fcber Wladimir Putin und seinen Kurs fiel bei der Wahl zu seinen Gunsten aus. Dennoch ist klar, dass Putin in seiner vierten Amtszeit als Pr\u00e4sident (2018\u20132024) eine Reihe von Problemen angehen muss.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":12895,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[61,2458],"tags":[],"class_list":["post-23318","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-article","category-artikel","person-veronika-susova-salminen-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23318","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=23318"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23318\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":27686,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23318\/revisions\/27686"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/12895"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=23318"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=23318"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=23318"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}