{"id":23348,"date":"2018-11-08T10:59:22","date_gmt":"2018-11-08T09:59:22","guid":{"rendered":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/blog\/unkategorisiert\/die-politische-und-wirtschaftliche-situation-kroatiens-die-peripherie-europas-heute\/"},"modified":"2023-09-27T16:10:31","modified_gmt":"2023-09-27T14:10:31","slug":"die-politische-und-wirtschaftliche-situation-kroatiens-die-peripherie-europas-heute","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/blog\/article\/die-politische-und-wirtschaftliche-situation-kroatiens-die-peripherie-europas-heute\/","title":{"rendered":"Die politische und wirtschaftliche Situation Kroatiens \u2013 die Peripherie Europas heute"},"content":{"rendered":"<p>28 Jahre nach dem Beginn der Transition vom Sozialismus zum Kapitalismus befindet sich Kroatien am Rande Europas. <\/p>\n<h4>Zunehmende Arbeitslosigkeit und atypische Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse<\/h4>\n<p>In weiten Teilen ist das Land heute deindustrialisiert, die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Zahl der prek\u00e4ren Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse noch h\u00f6her. 10&nbsp;% der Bev\u00f6lkerung (etwa 176.000 Menschen) sind arbeitslos (noch mehr wurden k\u00fcnstlich aus der Statistik \u201egel\u00f6scht\u201c, als mit der Reform von 2017 pl\u00f6tzlich alle Arten zeitweiliger Besch\u00e4ftigung als \u201earbeitend\u201c gewertet wurden). Dazu kommt die gro\u00dfe Zahl an Fr\u00fchrentner_innen (diese Menschen wurden etwa im Rahmen der Privatisierungen in den Ruhestand geschickt, die verschiedene Unternehmen zerst\u00f6rt haben, oder es handelt sich dabei um Kriegsveteranen), die zu einem entsprechend unhaltbaren Verh\u00e4ltnis von Rentner_innen zu Arbeiter_innen f\u00fchrt. <\/p>\n<p>Im Augenblick stehen in den kroatischen Werften Uljanik und 3.&nbsp;Maj m\u00f6glicherweise K\u00fcndigungen an, eine Folge der hohen Verschuldung und des fehlenden Willens der Regierung, den Schiffbau als eine der letzten Exportbranchen zu sch\u00fctzen. Von Ende Oktober bis Ende November befanden sich \u00fcber 4.500&nbsp;Arbeiter_innen wegen ausstehender L\u00f6hne im Streik. Das war bereits der zweite Streik bei Uljanik und 3.&nbsp;Maj seit August. <\/p>\n<p>Weite Teile der arbeitenden Bev\u00f6lkerung sind emigriert, etwa 300.000 Menschen. Seit Beginn der Krise in den Jahren 2007\/08 ist jeder 11.&nbsp;Arbeitsplatz verlorengegangen. <\/p>\n<p>In Kroatien ist die Probezeit f\u00fcr Arbeitnehmer_innen beinahe zu einem Dauerzustand geworden. Atypische Arbeitsvertr\u00e4ge (\u00fcblicherweise 3-Monats-Vertr\u00e4ge) machen 8,4&nbsp;% der Arbeitsvertr\u00e4ge in Kroatien aus, der europ\u00e4ische Durchschnitt liegt bei 2,3&nbsp;%. Den zweith\u00f6chsten Wert hat Frankreich mit 4.8&nbsp;% befristeten bzw. atypischen Vertr\u00e4gen. Anfang der Krise waren in Kroatien nur 12.3&nbsp;% der Arbeitnehmer_innen befristet besch\u00e4ftigt. Heute hat sich diese Zahl verdoppelt. 22.2&nbsp;% der Arbeitnehmer_innen in Kroatien arbeiten in prek\u00e4ren Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen (damit ist Kroatien in der EU an 4.&nbsp;Stelle).<\/p>\n<h4>Niedrige Geh\u00e4lter und Austerit\u00e4t<\/h4>\n<p>Die Geh\u00e4lter in Kroatien geh\u00f6ren zu den niedrigsten in Europa. Das Durchschnittsgehalt liegt in Kroatien bei 6.190&nbsp;Kuna (etwa 836&nbsp;Euro). Eurostat zufolge geh\u00f6rt Kroatien zu den EU-L\u00e4ndern mit den niedrigsten Stundenl\u00f6hnen. Damit befindet sich das Land in einer f\u00fcr die \u00f6stlichen Mitgliedsstaaten der EU typischen Situation. 2017 hat der Europ\u00e4ische Gewerkschaftsbund festgestellt, dass in 10&nbsp;osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern L\u00f6hne beinahe nur gut halb so hoch waren wie in westeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern. In allen osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern sind die L\u00f6hne gesunken, doch am deutlichsten war das in Kroatien: Im Zeitraum von 2008 bis 2016 von 43&nbsp;% auf 37&nbsp;% der westeurop\u00e4ischen Durchschnittsgeh\u00e4lter. Unabh\u00e4ngige Gewerkschaften fordern eine Steigerung des Mindestlohns auf 50&nbsp;% des durchschnittlichen Bruttolohns. Der Leiter der kroatischen Nationalbank kommentierte bitter: \u201eDurch die Senkung der Arbeitskosten sind wir wettbewerbsf\u00e4higer geworden \u2013 und jetzt gibt es keine Arbeiter_innen mehr.\u201c Nat\u00fcrlich gibt es keine Arbeiter_innen, die ihre Arbeitskraft unter derart schlechten Bedingungen verkaufen wollen.<\/p>\n<p>Zum Beispiel wollen Arbeiter_innen zur Erntesaison nicht in der Obsternte arbeiten. Kapitalisten (\u201eUnternehmer\u201c) kritisieren Arbeiter_innen offen, bezeichnen sie als \u201efaul\u201c, obwohl die Obsternte zu den anstrengendsten Arbeiten geh\u00f6rt. Die L\u00f6hne sind ausbeuterisch und brutal, Erntehelfer_innen erhalten 20 Kuna (2,70&nbsp;\u20ac) in der Stunde. Das sind insgesamt 3.000&nbsp;Kuna (ca.&nbsp;400&nbsp;\u20ac) im Monat.<\/p>\n<p>Diese schlechten Arbeitsbedingungen sind die Folge mehrerer Arbeitsrechts-\u201eReformen\u201c. Die einschneidenste war die Reform von 2014 (eingebracht von der heute oppositionellen SDP), die prek\u00e4re Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse ansteigen lie\u00df und sie legitimiert hat.<\/p>\n<p>Vor allem behaupten die herrschende Mehrheit und die neoliberale Opposition, dass es \u201ekeinen Konflikt zwischen Arbeit und Kapital\u201c gibt (so steht es im k\u00fcrzlich ver\u00f6ffentlichten neuen Programm der SDP).<\/p>\n<p>Alle Regierungen verfolgen dieselbe Strategie der sich verschlechternden Standards (indem sie die Doktrin der erh\u00f6hten \u201eWettbewerbsf\u00e4higkeit\u201c f\u00f6rdern und in dem Zusammenhang L\u00f6hne und Arbeitnehmer_innenrechte abschmelzen), obwohl sie in anderen F\u00e4llen nicht die gew\u00fcnschten Ergebnisse gezeigt hat (das radikalste Beispiel hierf\u00fcr ist Mazedonien).<\/p>\n<p>Der wichtigste Wirtschaftszweig Kroatiens ist der Tourismus. Allein ist er aber nicht in der Lage, die gesamte Wirtschaft zu tragen, eine einzige schlechte Saison kann einem ganzen Land schaden.<\/p>\n<p>Auf nationaler und regionaler Ebene sind die politischen und wirtschaftlichen Horizonte durch eine sogenannte \u201eprogressive\u201c oder reformistische Politik beschr\u00e4nkt, in der schnell die Anbetung der und Mythenbildung um die transformatorischen Kr\u00e4fte der Gesellschaft durch ausl\u00e4ndische Investitionen und EU-Mittel erkannt ist. Dieser politische Horizont wird begleitet vom Sirenenruf der Austerit\u00e4t im \u00f6ffentlichen Sektor. Die bekannte Leier von der Vereinbarkeit von Kapital und Arbeit legitimiert Deregulierung, Flexibilisierung der Arbeit und Neoliberalisierung der Weltwirtschaft. Die neoliberale Politik behauptet, dass Kapital neue Arbeitspl\u00e4tze ersch\u00fcfe und die Trickle-Down-\u00d6konomie Vorteile f\u00fcr die gesamte Gesellschaft b\u00f6te. Allerdings sind Produktionsstrukturen und -bedingungen im Kapitalismus nicht auf die Erschaffung neuer Arbeitspl\u00e4tze ausgerichtet, sondern auf die Erschaffung von Mehrwert. Entsprechend erschafft das Kapital in Kroatien folgerichtig keine neuen Arbeitspl\u00e4tze.<\/p>\n<h4>Drei Mythen \u00fcber die Wirtschaft an der EU-Peripherie<\/h4>\n<p>F\u00fchrende Wirtschaftswissenschaftler_innen bef\u00fcrworten:<\/p>\n<p>&#8211; Stellenk\u00fcrzungen im \u00f6ffentlichen Sektor<\/p>\n<p>&#8211; Sparma\u00dfnahmen<\/p>\n<p>&#8211; verst\u00e4rkte ausl\u00e4ndische Investitionen und einen Abzug von EU-Mitteln <\/p>\n<p>Diese Strategie der Austerit\u00e4t ist selbst vom kapitalistischen Standpunkt aus unsinnig. Nicht nur erm\u00f6glichen derartige Ma\u00dfnahmen die Ausbeutung (die Senkung der Lohnkosten ist ein Beispiel der Klassenpolitik), derartige Strategien senken im Widerspruch zu ihrer eigenen Funktionslogik Kaufkraft und Kreditw\u00fcrdigkeit. F\u00e4llt der Konsum, sinkt auch die Besch\u00e4ftigung. Sozialdarwinistische Ma\u00dfnahmen gelten als der Weg, \u201eden realen Sektor von der Last des \u00f6ffentlichen Sektors zu befreien\u201c. In den Jahren nach der Krise von 2008 gingen in Kroatien 13.000 Stellen verloren, Sparma\u00dfnahmen haben jedoch nicht zu einer umfassenden finanziellen Konsolidierung gef\u00fchrt. Im Gegenteil: Sie haben unterentwickelte L\u00e4nder an der Peripherie Europas unter niedrigen Wachstumsraten und hohen Arbeitslosenzahlen versch\u00fcttet und diesen Zustand verfestigt.<\/p>\n<p>Der zweite Mythos ist der der ausl\u00e4ndischen Investitionen, die den Binnenmarkt ankurbeln. Diesem Narrativ zufolge muss Kroatien nur ausl\u00e4ndische Investor_innen einladen und ihnen ein \u201epositives Klima\u201c f\u00fcr das Unternehmertum bieten. Allerdings investieren ausl\u00e4ndische Investoren haupts\u00e4chlich in Sektoren, die relativ gefestigt sind und \u00fcber eine gut entwickelte Infrastruktur verf\u00fcgen, wie zum Beispiel die Telekommunikation. An der Finanzierung von Produktionsstandorten haben sie kein Interesse. Hohe Fixkosten (Geb\u00e4ude, Infrastruktur usw.) sind als Investitionen riskant, denn es gibt keine Garantien, dass diese Investitionen sich auszahlen. Ausl\u00e4ndische Investoren \u00fcbernehmen \u00f6ffentliche Unternehmen und Rohstoffe, sie \u00fcbernehmen K\u00fcsten und W\u00e4lder und erwerben Mietrechte. So f\u00fchrt zum Beispiel eine Monetisierung der Schnellstra\u00dfen nicht zu neuen Technologien und Gewinnen, es sind die Investor_innen, die die Gewinne einfahren. <\/p>\n<p>Der Schiffbau ist ein typisches Beispiel dieser Blindheit gegen\u00fcber aus- wie inl\u00e4ndischen Investitionen: Investor_innen versuchen, den Schiffbau zu verdr\u00e4ngen, um Touristenresorts und luxuri\u00f6se Yachth\u00e4fen zu er\u00f6ffnen. Auf dem Wege wurde Brodotrogir (Trogir) ruiniert, jetzt nimmt sich derselbe Investor (Danko Kon\u010dar) die Uljanik-Werft in Pula vor.<\/p>\n<p>Der dritte Mythos ist der Mythos der EU-Mittel. Die Kroat_innen glauben, dass diese Mittel die kroatische Wirtschaft st\u00e4rken k\u00f6nnen. Allerdings sind sie nicht m\u00e4chtig genug, um positive Auswirkungen auf die Wirtschaft zu entfalten, solange Kroatien f\u00fcr alle verf\u00fcgbaren Mittel 10-50&nbsp;% dazulegen muss. \u00dcblicherweise ist Polen das Beispiel, an dem der Nutzen der EU-Mittel gezeigt wird. Doch in den ersten Jahren seines Aufschwungs waren weniger als 5&nbsp;% der Investitionen EU-Gelder. Die Kroatien heute zur Verf\u00fcgung stehenden Mittel liegen deutlich unter dem Niveau der kroatischen Investitionen in den privaten und \u00f6ffentlichen Sektor vom Jahr vor der Krise. <\/p>\n<h4>Gest\u00f6rtes Gleichgewicht zwischen Ost- und Westeuropa<\/h4>\n<p>Die internationale linke Politik sollte darauf abzielen, den Einfluss des Kapitals zu unterbinden und eine neue Wirtschaftspolitik einerseits und auf Gleichheit und Solidarit\u00e4t beruhende internationale Beziehungen andererseits zu f\u00f6rdern. Die Armut des Ostens begr\u00fcndet sich im Reichtum des Westens! Eine Gleichheit der Rechte ist nicht unm\u00f6glich; Ungleichheiten sind in den internationalen Kapitalbeziehungen begr\u00fcndet. Osteuropa fungiert dabei als eine Ressource f\u00fcr schlechtbezahlte Arbeitskr\u00e4fte und Absatzmarkt f\u00fcr deutsche, franz\u00f6sische, italienische und schwedische Produkte.<\/p>\n<p>Es gibt ein Ungleichgewicht zwischen den L\u00e4ndern in der Mitte Europas und jenen an der Peripherie. Die Wirtschaft Griechenlands hat dieses Ungleichgewicht vorweggenommen, als das Land nach Beginn der Sparma\u00dfnahmen noch tiefer in die Rezession rutschte. <\/p>\n<p>Ein Beispiel unterstreicht die Theorie von den Beschr\u00e4nkungen der Einf\u00fchrung sozialer Regelungen und Verg\u00fcnstigungen f\u00fcr Arbeiter_innen. Die Arbeiter_innenfront aus dem linken Block hat in der Stadt Zagreb eine \u00c4nderung an einer st\u00e4dtischen Regelung eingebracht, um die Arbeiter_innen bankrotter Unternehmen zu entlasten. Damit w\u00e4re es der Stadt Zagreb m\u00f6glich gewesen, solchen Unternehmen mit ausstehenden L\u00f6hnen Zahlungen an \u00f6ffentliche Versorger_innen zu stunden. So w\u00e4ren die Arbeiter_innen in den Gl\u00e4ubigerlisten der Konkursverfahren weiter nach oben gerutscht. Wir konnten die \u00c4nderung nicht umsetzen, weil herrschende Mehrheit dagegen gestimmt hat. Unter anderem sagten sie, dass eine derartige Regelung dem Vertrag von Maastricht und dem Vertrag \u00fcber die Arbeitsweise der Europ\u00e4ischen Union, Artikel 107, Absatz 1 widerspr\u00e4che, der festlegt, dass jegliche Hilfe von Mitgliedsstaaten, die m\u00f6glicherweise durch die Bevorzugung einzelner Unternehmer_innen den Wettbewerb verzerrt, als marktbedrohlich einzustufen ist. (\u201esind staatliche oder aus staatlichen Mitteln gew\u00e4hrte Beihilfen gleich welcher Art, die durch die Beg\u00fcnstigung bestimmter Unternehmen oder Produktionszweige den Wettbewerb verf\u00e4lschen oder zu verf\u00e4lschen drohen, mit dem Binnenmarkt unvereinbar, soweit sie den Handel zwischen Mitgliedstaaten beeintr\u00e4chtigen.\u201c)<\/p>\n<p>Im Falle der kroatischen Werften wird der Vertrag \u00fcber die Arbeitsweise der Europ\u00e4ischen Union ebenfalls angef\u00fchrt. Artikel 107 besch\u00fctzt angeblich den \u201efreien Markt\u201c, doch niemand spricht \u00fcber die Ungleichheit, die zwischen den reichen Staaten Westeuropas und den armen L\u00e4ndern der Peripherie oder Semi-Peripherie Europas besteht. Niemand spricht \u00fcber die prim\u00e4re Anh\u00e4ufung von Kapital, die Rolle internationaler Lobbyorganisationen oder vorteilhafte Darlehen lokaler Banken, die den regionalen, reichen Industrien in Deutschland, D\u00e4nemark, Schweden oder Frankreich helfen. Diese L\u00e4nder haben ihre Volkwirtschaften vor langer Zeit vor dem \u201efreien Markt\u201c gesch\u00fctzt. Die bedingungslose Zustimmung zur Herrschaft der europ\u00e4ischen Union und nachteilige Bedingungen in den Vorbeitrittsverhandlungen haben Kroatien in die Knie gezwungen. <\/p>\n<h4>Mangel an Fantasie und politischer Weitsicht<\/h4>\n<p>Die derzeitige Linke konzentriert sich bestenfalls auf die Wiederherstellung des sozialen und wirtschaftlichen Status quo der Wohlfahrtsstaaten nach dem 2.&nbsp;Weltkrieg: soziale Rechte, besser bezahlte Arbeit, soziale Absicherung, \u00f6ffentliche Bildung usw. H\u00e4ufig \u00fcberlagern organisatorische und strukturelle Fragen (\u201edie notwendige Einigkeit\u201c) solche zu den Inhalten linker Politik. Das Ungleichgewicht zwischen Mitte und Peripherie der EU ist eines der grundlegenden Probleme, die von der derzeitigen EU-Linken angegangen werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Neue Wirtschaftspolitik muss aus den Volkswirtschaften hervorgehen. Um zu einer Produktion zu finden, die auf systematischer Wirtschaftsplanung und nachhaltiger Entwicklung beruht, einer Produktion, die direkt der Leitung und Aufsicht der Arbeiter_innen unterstellt ist, sollte die Linke einerseits von bestehenden gemeinsamen Problemen ausgehen, Beispiele w\u00e4ren Staatsverschuldung oder Sparma\u00dfnahmen und andererseits von Belangen, die im Ungleichgewicht zwischen Zentrum und Peripherie subsummiert sind. Die westeurop\u00e4ischen Genoss_innen sollten die \u00f6stlichen unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Anstatt auf Konsum, Importe oder die Anh\u00e4ufung neuer Schulden und neuer Reicht\u00fcmer f\u00fcr die Elite sollte die wirtschaftliche Entwicklung Kroatiens auf etwas Anderes ausgerichtet sein: Ein Modell der wirtschaftlichen Entwicklung, aufgebaut auf Reindustrialisierung, Vollbesch\u00e4ftigung, systematischer Planung, wirtschaftlich nachhaltiger Entwicklung und der F\u00f6rderung von Unternehmen, die unter direkter Leitung und Kontrolle der Arbeitnehmer_innen stehen, w\u00e4re ein Gegengewicht.<\/p>\n<p>Ein interessantes Narrativ \u00fcber die kroatische Automobilindustrie illustriert gleichzeitig das Problem der derzeitigen Haltung Kroatiens zu seiner eigenen wirtschaftlich-politischen Situation und die Blindheit gegen\u00fcber der Lage Kroatiens an der Peripherie in der EU. Kroatien ist im Automobilbau, im Bau von Autos als fertigen Produkten, die auf dem Weltmarkt profitabel verkauft werden k\u00f6nnen, kaum wettbewerbsf\u00e4hig. Dennoch hat der junge kroatische Gesch\u00e4ftsmann Mate Rimas begonnen, schnelle und sorgf\u00e4ltig designte Autos zu bauen. Bilder des Jungunternehmers gingen durch die Medien und machten Mate Rimac zum Inbegriff der Marktwirtschaft. Dabei hat Rimac nur wenige Autos hergestellt, n\u00e4mlich Prototypen f\u00fcr die zuk\u00fcnftige Produktion. Er hat nur sehr wenige Fahrzeuge verkauft. Die Automobilindustrie ist ein \u201efeuchter Traum\u201c Europas. Wenn Pol_innen wie Deutsche leben wollen, wenn Kroat_innen wie Deutsche leben wollen, tr\u00e4umen sie von Autos als sorgf\u00e4ltig designten, industriell und technologisch leistungsstarken Produkten. Dieser osteurop\u00e4ische Traum wird verst\u00e4rkt vom Bild von Deutschland als dem idealen Land. (Allein 2016 sind 55.000 Menschen von Kroatien nach Deutschland ausgewandert.) Wie das kommt? Die deutsche Automobilindustrie steht f\u00fcr ein unumstrittenes Marktmodell, dass von \u201ejungen, kreativen K\u00f6pfen\u201c nicht angefochten werden kann: Nur nationaler Protektionismus kann ihr etwas anhaben.<\/p>\n<p>Die Forschung hat bewiesen (als letzter Chang Ha-Joon), dass es im Grunde kein historisches Beispiel gibt, wo sich ein Land in einem v\u00f6llig freien Markt ganz ohne Protektionismus (also Schutz der eigenen Industrie vor der viel st\u00e4rkeren ausl\u00e4ndischen Konkurrenz) in der Anfangsphase h\u00e4tte entwickeln k\u00f6nnen. Die kroatischen Werften stehen infolge der Vertr\u00e4ge mit der EU-Kommission und den sich aus ihnen ergebenden Einschr\u00e4nkungen staatlichen Eingreifens vor Problemen. (Am 3. Mai hatte die kroatische Werft in Rijeka wegen derartiger Einschr\u00e4nkungen schwere Probleme, obwohl die Auftragsb\u00fccher voll waren.)<\/p>\n<p>Da gibt es keine einfache L\u00f6sung. Aber eines ist klar: Zum Entwerfen neuer Wirtschaftsmodelle m\u00fcssen wir die bestehenden verlassen. Um das bestehende Wirtschaftsmodell zu \u00fcberwinden, muss die Linke bestehende Narrative und Mythen infrage stellen. <\/p>\n<p>Eine gewinnorientierte Wirtschaftsordnung, die private Vorteilsnahme f\u00f6rdert, sollte durch eine ganz andere ersetzt werden. Wirtschaftliches Wachstum und private Gewinne der Kapitalist_innen sind die wichtigsten Elemente gesellschaftlicher Stabilit\u00e4t und Wohlstand. Wir brauchen ein Wirtschaftsmodell, das soziale Bed\u00fcrfnisse insgesamt erf\u00fcllt und Vollbesch\u00e4ftigung sichert. Ein Wirtschaftssystem, das w\u00e4chst, w\u00e4hrend 10&nbsp;% der arbeitenden Bev\u00f6lkerung arbeitslos sind, kann nicht als erfolgreiches Wirtschaftssystem betrachtet werden. Jeder Mensch sollte ein Recht auf Arbeit haben und durch die Aus\u00fcbung dieses Rechtes seine grundlegenden Bed\u00fcrfnisse befriedigen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das derzeitige Wirtschaftssystem Kroatiens, aber auch der Welt, beruht auf den materiellen Interessen der (kapitalistischen) Eliten, die durch Privatisierungen hervorgebracht wurden, und auf den Interessen der (arbeitenden) Mehrheit.<\/p>\n<p>Eine erfolgreiche Wirtschaft kann nicht nur auf Tourismus und Dienstleistungen aufbauen. Kroatien braucht deshalb eine Reindustrialisierung, doch mit einer derartigen Wirtschaftspolitik und Durchl\u00e4ssigkeit f\u00fcr die viel st\u00e4rkeren Wettbewerber der entwickelten westeurop\u00e4ischen L\u00e4nder durch den EU-Binnenmarkt ist diese so gut wie ausgeschlossen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Text umrei\u00dft die politische und wirtschaftliche Situation Kroatiens und unterstreicht die Bedeutung der europ\u00e4ischen Linken \u2013 einer starken politischen Kraft, die im Licht des politisch-wirtschaftlichen Ungleichgewichts zwischen dem Zentrum und der Peripherie Europas Probleme aufzeigen kann.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":13131,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[61,2458],"tags":[],"class_list":["post-23348","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-article","category-artikel","person-katarina-peovic-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23348","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=23348"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23348\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":27705,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23348\/revisions\/27705"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/13131"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=23348"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=23348"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=23348"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}