{"id":23365,"date":"2019-01-15T16:40:00","date_gmt":"2019-01-15T15:40:00","guid":{"rendered":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/blog\/unkategorisiert\/zeige-uns-das-wunder-wo-ist-dein-wunder\/"},"modified":"2023-09-27T16:10:39","modified_gmt":"2023-09-27T14:10:39","slug":"zeige-uns-das-wunder-wo-ist-dein-wunder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/blog\/article\/zeige-uns-das-wunder-wo-ist-dein-wunder\/","title":{"rendered":"Zeige uns das Wunder! Wo ist dein Wunder?"},"content":{"rendered":"<p><b>&quot;Einmal fragst Du mich, was mir fehlt.&nbsp;<br \/> Eigentlich das Leben!&quot;<\/b> (GB 1: 159)<\/p>\n<p>Viele Politiker lassen sich auf einen Begriff bringen, Luxemburg aber ist ein Raum gelebter Widerspr\u00fcche. Obwohl sie das pers\u00f6nliche Leben sorgsam abschirmte und sich bis in Kleinigkeiten ihre freien R\u00e4ume bewahrte, waren dieses Leben und ihr politischer Aktivismus nur zwei Seiten ein und desselben erf\u00fcllten Lebens. Luxemburgs Welt- und Selbstverh\u00e4ltnis geh\u00f6ren untrennbar zusammen. Sie war immer wieder bereit, ihr Leben zu opfern \u2013 schon als Gymnasiastin, dann in der russischen Revolution von 1905\/06, in russischen und deutschen Gef\u00e4ngnissen und in der Novemberrevolution. Und sie genoss das Leben \u2013 je \u00e4lter sie wurde, umso bewusster und intensiver. Wer Luxemburg verstehen will, muss neben den Werken auch ihre Briefe lesen. In diesen Briefen erst wird deutlich, was ihr ein gelingendes Leben als Sozialistin bedeutete. Der Wechselbezug der politischen und theoretischen Schriften einerseits und der Briefe Luxemburgs andererseits spiegelt die Spannungen ihres Lebens, und wer diese nicht verstanden hat, hat nichts von Luxemburg verstanden. Ihr Leben kann man nicht allein an ihren Werken messen: Sie hat keinen Staat gegr\u00fcndet wie Lenin und kein Jahrtausendwerk wie Marx\u2019 \u00abKapital\u00bb geschrieben. Ihre politische Wirkung blieb begrenzt und ihre \u00f6konomischen Schriften sind bedeutsam, aber gleichranging mit denen einer Reihe anderer ihrer marxistischen Zeitgenossen.<\/p>\n<p>Misst man Luxemburg an dem, was ihr Werk unmittelbar bewirkt hat, verfehlt man ihre wirkliche nachhaltige Bedeutung, denn es gibt etwas, was Luxemburg weit heraushebt \u2013 ihr Leben selbst. [\u2026] Das Genie Luxemburgs dr\u00fcckte sich in diesem Leben aus. Es war zugleich hochpolitisch und hochpers\u00f6nlich, mit existenzieller Konsequenz praktisch eingreifend und theoretisch reflektierend, den Massen zugewandt als begnadete Journalistin und Rednerin und sich ganz auf sich selbst, Malerei, Musik, Pflanzen und Tiere zur\u00fcckziehend. Immer wieder vertiefte sie sich \u00abvon morgens bis abends nichts anderes\u00bb machend \u2013 in das Schreiben, das Malen, die Botanik. Sie war dann wie im Rausch (GB 5: 74, 234). Kurz darauf wieder jagte sie von einer Massenkundgebung zur anderen. Dies war kein Nebeneinander, sondern intensiv gelebte, sich wechselseitig ver\u00e4ndernde Gegens\u00e4tze. Wie Walter Jens schrieb, versuchte sie, eine Existenz zu leben, \u00abin der sich aus Privatperson und Zoon politikon ein harmonisches, von Selbst-Identit\u00e4t und offenem Weltbezug gepr\u00e4gtes Wesen erg\u00e4be\u00bb (Jens 1995: 13). Luxemburg hat Sozialismus als solidarisch-emanzipatorische Bewegung in der Einheit von \u00c4nderung der Welt und Selbstver\u00e4nderung in einer Weise gelebt, die beispielhaft bleibt. [\u2026]<\/p>\n<p>Liest man Luxemburgs politische und theoretische Schriften, muss man durch eine heute weitgehend abgestorbene Sprache des Marxismus der Zweiten Internationale dringen. Viele Schl\u00fcsselworte haben keine lebendige Entsprechung mehr oder sie muss erst wieder neu hergestellt werden. Die Selbstverst\u00e4ndlichkeit, mit der sie von Arbeiterklasse oder Proletariat, von Reform und Revolution, von Partei und Sozialismus sprach, ist aus einer anderen Zeit. Aber dringt man durch diese Sprache hindurch, entschl\u00fcsselt man die Lebenswirklichkeit dahinter, dann entdeckt man den bleibenden Grund f\u00fcr ihre Ausstrahlung \u00fcber ein ganzes Jahrhundert hinweg \u2013 ihre empathisch einf\u00fchlende Beziehung zur Welt. Sie hat in allem nach einem Du gesucht und die Welt als Du angesprochen. Die Kraft dieser Ansprache resultierte aus der St\u00e4rke ihrer eigenen Pers\u00f6nlichkeit, aus ihrer \u00abSeele\u00bb. Gegen\u00fcber Leo Jogiches hatte sie 1899 in einem Brief bemerkt: \u00abNamentlich die Form des Schreibens befriedigt mich nicht, ich sp\u00fcre, dass mir \u2039in der Seele\u203a&nbsp;eine ganz neue originelle Form heranreift, die sich nichts aus Formeln und Schablonen macht und sie durchbricht \u2013 nat\u00fcrlich nur durch die Kraft des Geistes und der \u00dcberzeugung. Ich habe das Bed\u00fcrfnis, so zu schreiben, dass ich auf die Menschen wie der Blitz wirke, sie am Sch\u00e4del packe, selbstredend nicht durch Pathos, sondern durch die Weite der Sicht, die Macht der \u00dcberzeugung und die Kraft des Ausdrucks.\u00bb (GB 1: 307)<\/p>\n<p>Es gibt ein bleibendes Paradoxon: Luxemburg war sehend und blind zugleich. Sie hatte einen grenzenlosen Optimismus, wenn es um die Einsichtsf\u00e4higkeit der Arbeiterinnen und Arbeiter ging, ihre kapitalistische Abh\u00e4ngigkeit zu \u00fcberwinden. Jeder einzelne Kampf schien ihr \u00fcber das Jetzt und Hier hinauszuweisen. Das Einrichten im Gegebenen, die Selbstgen\u00fcgsamkeit waren ihr unertr\u00e4glich. Sie konnte hellsichtig die russische Revolution von 1905 als Ausdruck der lebendigsten Selbstorganisation und Selbsterm\u00e4chtigung von Menschen sehen und \u00fcbersah fast v\u00f6llig die unverzichtbare Rolle von fest gef\u00fcgten Organisationen oder griff sie an als Herrschaftsinstrumente. Sie insistierte auf der Solidarit\u00e4t der Klassen \u00fcber alle Grenzen von Nationalit\u00e4ten und Rassen und Geschlechter hinweg und verweigerte sich deshalb gegen\u00fcber den besonderen \u00abJudenschmerzen\u00bb, der Eigenst\u00e4ndigkeit von K\u00e4mpfen gegen das Patriarchat oder gegen die Vormacht einer Nation \u00fcber andere. Alles war f\u00fcr sie ein gemeinsamer sozialistischer Kampf, der keine Risse aufzeigen sollte. Deswegen findet man bei ihr aber auch kaum strategisch \u00fcberzeugende Antworten darauf, wie man unter Anerkennung dieser Risse, ja Spaltungen, eine solidarische Politik verwirklichen kann \u00fcber die Appelle an das Gemeinsame hinaus. Sie sah sich selbst als Idealistin, so sehr sie sich auf die \u00f6konomischen Interessen berief. [&#8230;]<\/p>\n<p>Luxemburg [\u2026] suchte in der Wirklichkeit das, was ihr selbst entsprach \u2013 die Lust, mit erhobenem Haupt die Welt menschlicher zu gestalten, die Radikalit\u00e4t, die ganze Emanzipation zu wollen, die Liebe, die den anderen ganz ergreift und im Innersten erfasst, die Sch\u00f6nheit, die in jedem Blatt, in jedem Vogelruf, in jedem Wohlklang liegt, die Idee, die eine neue Sicht auf die Welt offenbart. [\u2026] Ihr Ich sollte ihr nicht verlorengehen in dem Kontakt zur Au\u00dfenwelt (GB 2: 290). Aus dem Gef\u00e4ngnis heraus schrieb sie im Krieg: \u00abWas mich anbelangt, so bin ich in der letzten Zeit, wenn ich schon nie weich war, hart geworden wie geschliffener Stahl und werde nunmehr weder politisch noch im pers\u00f6nlichen Umgang auch die geringste Konzession machen.\u00bb (GB 5: 151)<\/p>\n<p>Und zugleich gab es die Kehrseite h\u00f6chster Verletzlichkeit, wie sie ihrem Freund Hans Diefenbach (der im Oktober 1917 an der Front fiel) am 30. M\u00e4rz 1917 schrieb: \u00abMitten in meinem m\u00fchsam aufgebauten sch\u00f6nen Gleichgewicht packte mich gestern vor dem Einschlafen wieder eine Verzweiflung, die viel schw\u00e4rzer war als die Nacht. Und heute ist auch noch ein grauer Tag, statt Sonne \u2013 kalter Ostwind [\u2026] Ich f\u00fchle mich wie eine erfrorene Hummel [\u2026] Es war immer mein Gesch\u00e4ft, an solchen erfrorenen Hummeln niederzuknien und sie mit dem warmen Atem meines Mundes zum Leben zu wecken. Wenn mich Arme doch die Sonne auch schon aus meiner Todesk\u00e4lte erwecken wollte!\u00bb (GB 5: 195)<\/p>\n<p>Luxemburgs oberster Grundsatz war: \u00abstets ich selbst zu sein, ganz ohne Ansehen der Umgebung und der andere\u00bb. Sie f\u00fcgte hinzu: \u00abIch bin [\u2026] Idealist und will es bleiben, sowohl in der deutschen als auch in der polnischen Bewegung.\u00bb (GB 1: 323) Sie suchte in Anderen und der Welt, was ihrem Innersten entsprach. Wenn sie emphatisch \u00fcber Sozialismus sprach, \u00fcber den elementaren Erfindungsgeist von Menschen, die sich in Bewegung versetzt haben, \u00fcber das, was eine Partei zu tun hat, \u00fcber vorkapitalistische oder nachkapitalistische Gesellschaften \u2013 sie erfasste sie immer von der Seite, die sie begeisterte und bei ihr selbst erklang. Und wenn sie \u00fcber den Tod in einem Armenhaus, von den Opfern des Kolonialismus oder des Kriegs, von einem gepr\u00fcgelten B\u00fcffel schrieb \u2013 sie dr\u00fcckte zugleich das eigene Leid aus.<\/p>\n<p>So schrieb sie, dass die \u00abteuerste Hinterlassenschaft\u00bb von Marx die Verbindung zweier Gegens\u00e4tze sei: \u00abtheoretische Vertiefung, um unsern Tageskampf nach dem festen Steuer des Prinzips zu lenken, und entschlossene revolution\u00e4re Tatkraft, damit die gro\u00dfe Zeit, der wir entgegengehen, nicht ein kleines Geschlecht finde\u00bb (GW 3: 184). Es war dies ein Selbstportr\u00e4t. Ihre Bewunderung f\u00fcr den politischen Massenstreik dr\u00fcckte sie in Worten aus, die dem entsprachen, was sie f\u00fcr ihr eigenes Wirken erhofft: \u00abAus dem Wirbel und Sturm, aus Feuer und Glut der Massenstreiks, der Stra\u00dfenk\u00e4mpfe steigen empor wie die Venus aus dem Meeresschaum: frische, junge, kr\u00e4ftige und lebensfrohe \u2013 Gewerkschaften.\u00bb (GW 2: 118)<\/p>\n<p>1915 schrieb sie \u00fcber das Wirken in sozialistischen Organisationen: \u00abAllein wir w\u00e4ren nicht wert, die nach freiem Menschentum d\u00fcrstende Seele je an den Quellen des Sozialismus gelabt und neues Leben aus ihnen getrunken zu haben, k\u00f6nnte uns das alles und manches andere noch gen\u00fcgen, was die Stunde von uns fordert. Was wir f\u00fcr die Organisation und durch sie wirken, muss wie eine Schale bis an den Rand mit sozialistischem Geiste erf\u00fcllt sein. Dadurch erst und dadurch allein erh\u00e4lt er seinen wahren Sinn und seine h\u00f6here Weihe.\u00bb (GW 7: 936)<\/p>\n<p>Sie sah sich als jemand, der diesem Geist Ausdruck verleiht. Ohne diesen Geist war ihr die Schale nur eine tote H\u00fclle und pers\u00f6nlich eine H\u00f6lle. Ihre Bereitschaft, lieber Niederlagen, auch den eigenen Tod hinzunehmen, als nicht in Identit\u00e4t mit den eigenen Idealen zu leben, r\u00fchrte her aus dieser direkten Einheit des Innersten ihrer Pers\u00f6nlichkeit und der weltumspannenden Bewegung, f\u00fcr die sie eintrat. Sie sah sich als \u00abein Land der unbeschr\u00e4nkten M\u00f6glichkeiten\u00bb (GB 5: 157) und suchte in der Wirklichkeit solche Bewegungen, solche Menschen, solche Gedanken und Formen, die ebenfalls die Grenzen zu sprengen suchten.<\/p>\n<h2>Im Gef\u00e4ngnis \u2013 bei sich und der Welt<\/h2>\n<p>Der Charakter eines Menschen offenbart sich dann vor allem, wenn ihm der Schutzraum des Privaten entzogen wird. Gef\u00e4ngnisse sind solche Orte. [\u2026] Rosa Luxemburg war schon vor dem Ersten Weltkrieg mehrfach eingesperrt gewesen. W\u00e4hrend des Krieges war sie ein Jahr im \u00abWeibergef\u00e4ngnis\u00bb in der Barnimstra\u00dfe in Berlin und dann, nach kurzer Unterbrechung im Fr\u00fchjahr 1916, als \u00abSchutzh\u00e4ftling\u00bb in Wronke und Breslau, von wo aus sie erst im November 1918 entlassen wurde. Sie verfasste in \u00abunfreiwilliger Mu\u00dfe\u00bb (GB 5: 130) im Berliner Gef\u00e4ngnis u.a. die \u00abJunius-Brosch\u00fcre\u00bb und eine Auseinandersetzung mit der Kritik an ihrer \u00abAkkumulation des Kapitals\u00ab, ihre \u00abAntikritik\u00bb. W\u00e4hrend der sp\u00e4teren Gef\u00e4ngniszeit \u00fcbersetzte sie den ersten Teil der Erinnerungen des russisch-ukrainischen sozialrevolution\u00e4ren Schriftstellers Wladimir G. Korolenko und schrieb eine Einleitung dazu, konnte viele Artikel nach au\u00dfen schmuggeln und setzte sich nicht zuletzt mit der russischen Revolution auseinander.<\/p>\n<p>Genauso bemerkenswert wie ihre theoretischen und politischen Gef\u00e4ngnisschriften und Voraussetzung daf\u00fcr, sie verfassen zu k\u00f6nnen, waren ihre F\u00e4higkeit und Willenskraft, im Gef\u00e4ngnis zu leben und dies mit gro\u00dfer Intensit\u00e4t. Sie folge, so schrieb sie, einem Imperativ \u2013 \u00abvor allem muss man jederzeit als voller Mensch leben\u00bb (GB 5: 177).&nbsp; [&#8230;]<\/p>\n<h2>Das Wahr-Sprechen<\/h2>\n<p>In ihren Reden und Artikeln wiederholte Luxemburg immer wieder: \u00abWie Lassalle sagte, ist und bleibt die revolution\u00e4rste Tat, immer \u2039das laut zu sagen, was ist\u203a.\u00bb (GW 2: 36, siehe auch die Fu\u00dfnote in GW 7.2: 577 mit dem Quellennachweis bei Lassalle) Dieses Wahr-Sprechen hatte bei Luxemburg verschiedene Dimensionen.<\/p>\n<p>Erstens ergab sich daraus die Forderung, politische R\u00e4ume zu schaffen und zu erhalten, in denen die Freiheit des Anders-Denkenden als h\u00f6chstes Gut gesch\u00fctzt wird. Als Sprechender sollte auch der Feind unangetastet bleiben. Nur in dem Raum des Frei-Sprechens k\u00f6nnten sich Selbsterm\u00e4chtigung und Selbstbestimmung entfalten. Demokratie war f\u00fcr sie deshalb keine Durchgangsstufe und die Diktatur des Proletariats sollte gepr\u00e4gt sein durch \u00abeine freie, ungehemmte Presse, \u2026 ungehindertes Vereins- und Versammlungsleben\u00bb. Wie sonst, fragte sie, soll denn \u00abHerrschaft breiter Volksmassen\u00bb (GW 4: 358) m\u00f6glich sein?<\/p>\n<p>Zweitens ist Luxemburgs Wahr-Sprechen nicht mit unverbindlichem Gerede zu verwechseln. [\u2026] Die Wahrheit liegt zun\u00e4chst einmal in der oder dem Sprechenden selbst. Es sind in erster Linie Selbstaussagen, verb\u00fcrgt durch das eigene Tun. Luxemburgs Verm\u00e4chtnis liegt vor allem darin, dass sie sich den Widerspr\u00fcchen des Lebens als Sozialistin mit \u00e4u\u00dferster Konsequenz stellte, bis \u00fcber den Punkt hinaus, wo Konsequenz zur gr\u00f6bsten Fahrl\u00e4ssigkeit wird und Tod bedeuten kann. Als der kaiserliche Staatsanwalt sie 1913 wegen m\u00f6glicher Fluchtgefahr sofort in Gewahrsam nehmen wollte, rief sie am Ende ihrer Verteidigungsrede im Gerichtssaal aus: \u00abEin Sozialdemokrat flieht nicht. Er steht zu seinen Taten und lacht Ihrer Strafen. Und nun verurteilen Sie mich!\u00bb (GW 3: 406)<\/p>\n<p>Dieses Zu-den-eigenen Worten-Stehen zeichnete sie aus. Sie war auch in dieser Hinsicht radikal. Und nur dies machte sie zu einer w\u00fcrdigen Wahr-Sprecherin. Die Wahrheit ihres Sprechens lag in der Wahrheit ihres Lebens. Das Wahr-Sprechen war vor allem ein Ausdruck der im eigenen Leben verb\u00fcrgten Wahrheit. Sie hielt es mit der Offenbarung des Johannes: \u00abWeil du aber lau bist und weder kalt noch warm, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.\u00bb (Offenbarung 3: 16)&nbsp;<br \/> Drittens nimmt das Wahr-Sprechen den dadurch Angesprochenen in die Pflicht. Auch die Anderen sollen nicht lau bleiben. Dies galt f\u00fcr sie politisch wie menschlich. So schrieb sie an Kostja Zetkin, sich auf ihre \u00abJunius-Brosch\u00fcre\u00bb vorbereitend: \u00abHeute war ich im Opernhaus Konzert, Beethovens Klavierkonzert war wundersch\u00f6n. W\u00e4hrend ich die Musik h\u00f6rte, reifte in mir wieder der kalte Hass gegen das Menschenpack, unter dem ich leben muss. Ich f\u00fchle, jetzt muss \u00fcber das, was vorgeht, ein Buch geschrieben werden, das weder Mann noch Weib gelesen, auch nicht die \u00e4ltesten Leute, ein Buch, das mit Keulenschl\u00e4gen auf diese Herde einschl\u00fcge.\u00bb (GB 5: 28) [&#8230;]<\/p>\n<p>Viertens war das Wahr-Sprechen bei Rosa Luxemburg Erzeugung einer wahren Realit\u00e4t \u2013 wahrer Beziehungen, wahrer Lebensformen, wahrer Politik, und sei es als Vor-Schein, wie Ernst Bloch es nennt. Ihre Sprachpraxis verstand sich als gelebte Antizipation dessen, was m\u00f6glich ist, Wirklichkeit werden k\u00f6nnte, wenn Menschen in der Wahrheit leben. In ihrer Schrift \u00abZur russischen Revolution\u00bb formulierte sie gegen den entstehenden \u00abRealsozialismus\u00bb bolschewistischer Pr\u00e4gung ihre Vision: \u00abDas sozialistische Gesellschaftssystem soll und kann nur ein geschichtliches Produkt sein, geboren aus der eigenen Schule der Erfahrung, in der Stunde der Erf\u00fcllung, aus dem Werden der lebendigen Geschichte, die genau wie die organische Natur, deren Teil sie letzten Endes ist, die sch\u00f6ne Gepflogenheit hat, zusammen mit einem wirklichen gesellschaftlichen Bed\u00fcrfnis stets auch die Mittel zu seiner Befriedigung, mit der Aufgabe zugleich die L\u00f6sung hervorzubringen.\u00bb (GW 4: 360)<\/p>\n<p>Dieser Sozialismus w\u00e4re eine Gesellschaft lebendigster Vielfalt, die Rosa Luxemburg in ihrem innersten Gehalt nahekommt, jener Rosa Luxemburg, von der Paul Levi 1922 schrieb: \u00abIhre im Tiefsten ausgeglichene Seele kannte keine Scheidungen und W\u00e4nde. Ihr war das All ein lebendiger Prozess des Werdens, in dem nicht Hebelkraft und Sauerstoffbeh\u00e4lter das Walten der Natur ersetzen k\u00f6nnen, in dem das K\u00e4mpfen, Ringen, Streben der Menschen, in dem der gro\u00dfe Kampf, der dem Einzelnen, der den Geschlechtern, der den St\u00e4nden, der den Klassen obliegt, die Form des Werdens war. In der sie drum nicht wollte, dass keiner k\u00e4mpfe, weil alles von selber werde; in der sie den lebendigsten Kampf wollte, weil er die lebendigste Form des Werdens ist.\u00bb (Levi 1990: 223f.)<\/p>\n<p>F\u00fcnftens erfolgte Luxemburgs Wahr-Sprechen aus dem Marxismus heraus. [\u2026] Luxemburg hat die Widerspr\u00fcche dieses Marxismus gelebt. F\u00fcr sie war er weder die reine Lehre noch der Orden der \u00dcberzeugten, weder formalisierte Ideologie noch blo\u00dfes politisches Instrument, sondern Lebenspraxis und einzig m\u00f6gliche \u2013 revolution\u00e4re \u2013 Realpolitik. Luxemburg sah sich damit konfrontiert, wie sie 1903 schrieb, dass sich \u00abein gewisser dr\u00fcckender Einfluss Marxens auf die theoretische Bewegungsfreiheit mancher seiner Sch\u00fcler nicht leugnen\u00bb (GW 1.2: 364) lie\u00dfe. Es g\u00e4be eine \u00abpeinliche Angst, um beim Denken ja \u203aauf dem Boden des Marxismus\u2039 zu bleiben\u00bb (ebd.). Dies k\u00f6nne in \u00abeinzelnen F\u00e4llen f\u00fcr die Gedankenarbeit ebenso verh\u00e4ngnisvoll [\u2026] sein wie das andere Extrem \u2013 die peinliche Bem\u00fchung, gerade durch die vollkommene Abstreifung der Marxschen Denkweise um jeden Preis die \u203aSelbst\u00e4ndigkeit des eigenen Denkens\u2039 zu beweisen\u00bb (ebd.). Das wirft nat\u00fcrlich auch die Frage auf, ob im Rahmen des Marxismus \u2013 oder welches Marxismus \u2013 die von Luxemburg gelebten Widerspr\u00fcche produktiv ausgehalten werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<h2>Freiheit ist immer die Freiheit der Anderen<\/h2>\n<p>Gegen jeden Opportunismus gewandt, forderte Rosa Luxemburg, dass Freiheit, damit sie wirkliche Freiheit ist und nicht der verdeckte Zwang zur Anpassung, die Freiheit der anderen als Andersseiende aktiv bef\u00f6rdern m\u00fcsse. In dieser Hinsicht nahm sie die modernen sozialen Bewegungen vorweg. Sie strebte nach einer lebendigen Welt, in der viele Welten Platz haben. Die Gleichheit in der Freiheit ist eine Gleichheit der Verschiedenen. Das Verhalten als freier Mensch, so verstand und praktizierte sie es, besteht genau darin, anderen die M\u00f6glichkeit zu geben, als Andere frei zu sein. Und bevor diese Freiheit ein Recht ist, ist sie ein Anspruch an eigenes Handeln, alle Verh\u00e4ltnisse von Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung \u2013 nicht zuletzt der Andersdenkenden \u2013 zu \u00fcberwinden.&nbsp;<\/p>\n<p>Freiheit in Rosa Luxemburgs Verst\u00e4ndnis ist unendlich weit vom marktliberalen Egoismus oder dem Selbstverwirklichungs-Kult entfernt. Freiheit, wie sie Rosa Luxemburg selbst als soziale Tugend praktizierte, war Kampf f\u00fcr die Freiheit der Anderen. Nicht jene Gesellschaft ist eine Gesellschaft von Freien, deren B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger sich nur gegen die eigene Unterdr\u00fcckung wehren. Zu schnell, so lehrt die Erfahrung, sind sie dabei, andere zu unterdr\u00fccken, wenn Machtverh\u00e4ltnisse es erlauben und eigene Egoismen es als vorteilhaft erscheinen lassen. Nur jene Menschen sind wirklich frei, die sich gegen die Unterdr\u00fcckung anderer auch dann wehren, wenn sie selbst von dieser Unterdr\u00fcckung profitieren. In Luxemburgs Verst\u00e4ndnis ist Freiheit ein Verhalten, das Verh\u00e4ltnisse konstituiert, durch die anderen die Bedingungen von Freiheit zur Verf\u00fcgung gestellt werden. Dies betrifft gleicherma\u00dfen die Frage grundlegender Freiheitsg\u00fcter wie den Abbau jener Privilegien, die nicht zur \u00dcberwindung von sozialer Ungleichheit beitragen. Dies aber ist ohne die grundlegende Ver\u00e4nderung der Eigentums- und Machtverh\u00e4ltnisse und die \u00dcberwindung von Profitdominanz \u00fcber Wirtschaft und Gesellschaft unm\u00f6glich. Deshalb war sie Sozialistin.<\/p>\n<p>Nur jene Gesellschaft ist frei zu nennen, in der jede und jeder einzelne frei ist. Dies aber ist nur m\u00f6glich, wenn die freie Entwicklung einer und eines jeden zur solidarischen Entwicklung aller beitr\u00e4gt. Und nur Blindgl\u00e4ubige oder Zyniker k\u00f6nnen glauben, so Luxemburg, dass dies die \u00abunsichtbaren\u00bb H\u00e4nde des Marktes oder die \u00absichtbaren\u00bb H\u00e4nde des Staates auch ohne unser Zutun besorgen w\u00fcrden. [&#8230;] Die jetzt neu durchgesetzte Freiheit, sich die genetischen Kodes und die Wissensbest\u00e4nde als privates Eigentum aneignen zu d\u00fcrfen, h\u00e4tte sie als verbrecherischen Raub gegei\u00dfelt. Die Vernichtung der biologischen Vielfalt dieser Erde h\u00e4tte sie, die mit jedem geschundenen Tier und jeder zertretenen Pflanze litt, als Barbarei verflucht.<\/p>\n<p>Es geh\u00f6rt zu den hartn\u00e4ckigsten Vorurteilen der liberalen Gesellschaften, Freiheit st\u00fcnde im Gegensatz zu Gleichheit und Gerechtigkeit. Rosa Luxemburgs Verst\u00e4ndnis von Freiheit hat Solidarit\u00e4t als Grundlage. Nur die, die anderen ein freies Leben erm\u00f6glichen, handeln gerecht. [\u2026] Dieses Verm\u00e4chtnis hinterlassen zu haben, dadurch mit ihrem Leben gezeugt zu haben, macht das Wunder der Rosa Luxemburg aus.<br \/> &nbsp;<\/p>\n<h4>Literatur<\/h4>\n<ul>\n<li>Heraklit (2011): Fragmente. In: Marciano, Laura Gemelli (Hrsg.), Die Vorsokratiker. Band 1. Griechisch \u2013 Deutsch. Berlin, 284-329.<\/li>\n<li>Hetmann, Frederik (1998): Eine Kerze, die an beiden Seiten brennt. Freiburg.<\/li>\n<li>Jens, Walter (1995): Rosa Luxemburg. Weder Poetin noch Petroleuse. In: Soden, Kristine von (Hrsg.), Rosa Luxemburg. Berlin, 6-17.<\/li>\n<li>Levi, Paul (1990): Einleitung zu\u202f\u00abDie Russische Revolution. Eine kritische W\u00fcrdigung. Aus dem Nachlass von Rosa Luxemburg\u00bb. In: Institut f\u00fcr Geschichte der Arbeiterbewegung (Hrsg.), Rosa Luxemburg und die Freiheit der Andersdenkenden. Extraausgabe des unvollendeten Manuskripts \u00abZur russischen Revolution\u00bb und anderer Quellen zur Polemik mit Lenin. Zusammengestellt und eingeleitet von Annelies Laschitza. Berlin, 177-231.<\/li>\n<li>Veerkamp, Ton (2013): Die Welt anders. Politische Geschichte der Gro\u00dfen Erz\u00e4hlung. Hamburg\/Berlin.<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"color: rgb(232, 0, 0);\"><b>Dieser Beitrag ist zuerst erschienen in<\/b>&nbsp; <b><b><i><a class=\"external\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.sozialismus.de\/heft_nr_1_januar_2019\/\" rel=\"noopener\">Sozialismus.de NeuesHeft<\/a><\/i><\/b><\/b><b>, Heft 1-2019 (Vollversion), gek\u00fcrzt auf der <a title=\"Opens internal link in current window\" class=\"external-link-new-window\" href=\"https:\/\/www.rosalux.de\/publikation\/id\/39794\/zeige-uns-das-wunder-wo-ist-dein-wunder\/\">Website der Rosa Luxemburg Stiftung<\/a>;<br \/><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rosa Luxemburg neu entdecken. Michael Brie \u00fcber die Bedeutung von Luxemburgs Werk f\u00fcr sozialistische Politik heute.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":13280,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[61,2458],"tags":[],"class_list":["post-23365","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-article","category-artikel","person-michael-brie-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23365","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=23365"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23365\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":27722,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23365\/revisions\/27722"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/13280"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=23365"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=23365"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=23365"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}