{"id":23399,"date":"2019-04-25T13:09:00","date_gmt":"2019-04-25T11:09:00","guid":{"rendered":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/blog\/unkategorisiert\/rosa-luxemburgs-sozialismus-der-arbeiterbewegung\/"},"modified":"2023-09-27T16:10:44","modified_gmt":"2023-09-27T14:10:44","slug":"rosa-luxemburgs-sozialismus-der-arbeiterbewegung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/blog\/article\/rosa-luxemburgs-sozialismus-der-arbeiterbewegung\/","title":{"rendered":"Rosa Luxemburgs Sozialismus der Arbeiterbewegung"},"content":{"rendered":"<p>Nur selten schrieb Rosa Luxemburg \u00fcber den Sozialismus als das k\u00fcnftige, die kapitalistische Welt abl\u00f6sende gesellschaftliche System. Weitaus wichtiger hingegen war ihr der Weg dorthin \u2013 der gesamte Prozess des Herauskommens aus den nicht zu l\u00f6senden Widerspr\u00fcchen der bestehenden gesellschaftlichen Wirklichkeit. Als Voraussetzung daf\u00fcr verstand sie die gesellschaftliche Position der Arbeiterklasse und die darauf basierende moderne Arbeiterbewegung, die sich nach der langen und mit unz\u00e4hligem Arbeiterblut bezahlten Suche im 19.Jahrhundert endg\u00fcltig aus dem politischen Fahrwasser des Liberalismus herausbegeben und eine sozialistische Zukunft als anzustrebendes Ziel entworfen hatte. Allerdings hatte sich in der sozialdemokratisch gef\u00fchrten Arbeiterbewegung im Westen Europas immer deutlicher die Vorstellung breit gemacht, dass der Sozialismus eingef\u00fchrt werden k\u00f6nne \u00fcber den Weg parlamentarischer Mehrheitsverh\u00e4ltnisse und dass die heroischen K\u00e4mpfe auf den Barrikaden der Revolutionen im 19. Jahrhundert einer blutigen und bereits vergangenen Zeit angeh\u00f6rten. <\/p>\n<p>Auch f\u00fcr Rosa Luxemburg war der Weg zum Sozialismus ein Weg, der zwingend Mehrheitsverh\u00e4ltnisse voraussetzte. An verschiedenen Stellen unterstrich sie immer wieder, dass ein Sozialismus ohne Mehrheit gar nicht m\u00f6glich sei, dass selbst der Weg aus der alten Gesellschaft heraus ein Weg sein m\u00fcsse, den eine Mehrheit unmissverst\u00e4ndlich wolle. F\u00fcr die gro\u00dfe Theoretikerin des europ\u00e4ischen Sozialismus stand au\u00dferdem fest, dass der Weg dorthin verlassen werden m\u00fcsse, wenn eine einmal errungene Mehrheit wieder verlorengehen sollte. Allerdings misstraute sie entschieden dem ausschlie\u00dflich parlamentarischen Weg, vielmehr setzte sie auf den revolution\u00e4ren Weg. In dieser Hinsicht nutzte sie ihre Erfahrungen aus der polnischen Arbeiterbewegung im Zarenreich, wodurch sie auch \u00fcber die besten Kenntnisse der russischen sozialistischen Bewegung verf\u00fcgte. <\/p>\n<p>Ausgangs des 19. Jahrhunderts eskalierte in der polnischen Arbeiterbewegung der Streit dar\u00fcber, ob der Weg zur nationalen Unabh\u00e4ngigkeit oder aber ob der enge Schulterschluss mit der Arbeiterbewegung in den russischen Industriezentren das richtige, erfolgsversprechende Konzept f\u00fcr die Durchsetzung der neuen, erhofften Gesellschaft sei. Die einen argumentierten, dass erst die eigenen nationalen Bedingungen \u2013 also die Losl\u00f6sung aus dem gesamtrussischen Staatsverband \u2013 den Bestrebungen nach einer sozialistischen Alternative die besten Voraussetzungen bieten, die anderen hingegen verwiesen auf die beiden gescheiterten polnischen Nationalaufst\u00e4nde des 19. Jahrhunderts und forderten umgekehrt ein enges Zusammengehen mit der russischen Arbeiterbewegung als die entscheidende Voraussetzung, um erstens die Zarenherrschaft zu st\u00fcrzen und im Russischen Reich die Republik zu errichten, damit zweitens der entscheidende Impuls f\u00fcr die westeurop\u00e4ische Arbeiterbewegung gez\u00fcndet werde. <\/p>\n<p>Der zum Russischen Reich geh\u00f6rende polnische Teil war in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts zu einem der gro\u00dfen Industriezentren im Zarenreich geworden \u2013 vor allem deshalb, weil der schier unersch\u00f6pfliche russische Markt den Bedarf nach Industrieprodukten kr\u00e4ftig ankurbelte. Rosa Luxemburg selbst war entscheidend beteiligt an der Gr\u00fcndung der ersten sozialdemokratischen Partei im Zarenreich, die in der polnischen Bewegung f\u00fcr ein enges Zusammengehen mit der jungen russischen Arbeiterbewegung forderte. Das Ziel war die Durchsetzung der politischen Freiheit f\u00fcr das gesamte Reich \u2013 also die politische Revolution. Im Kern ging es um die Errichtung einer Republik mit dem gleichen Wahlrecht f\u00fcr alle und mit den entscheidenden drei politischen Freiheiten: der Meinungsfreiheit, der Versammlungsfreiheit und der Organisationsfreiheit. <\/p>\n<p>Einerseits sollten also Bedingungen durchgesetzt werden, die anderswo in Europa bereits im 19. Jahrhundert durch Klassenk\u00e4mpfe und Revolutionen durchgesetzt worden waren, insofern war die bevorstehende russische Revolution lediglich der letzte Schlusspunkt des europ\u00e4ischen Revolutionszyklus\u00b4 im 19. Jahrhundert. Andererseits aber war der Charakter einer Arbeiterrevolution entscheidender, denn damit werde die ganze Revolution weitergetrieben, bleibe nicht mehr stehen bei den durchzusetzenden b\u00fcrgerlichen Freiheiten. Ein Fanal f\u00fcr die gesamte europ\u00e4ische, den Sozialismus anstrebende Arbeiterbewegung.<\/p>\n<p>Die Revolution von 1905\/06 im Zarenreich schien Rosa Luxemburgs Annahmen vollkommen zu best\u00e4tigen. Die Arbeiter in den polnischen Zentren der maschinellen Gro\u00dfindustrie k\u00e4mpften unter der roten Fahne \u2013 gemeinsam mit ihren Klassenbr\u00fcdern in den Industriezentren im eigentlichen Russland. Anfang 1906 war Rosa Luxemburg bereits \u00fcberzeugt, dass der Sieg der Arbeiterrevolution nur noch eine Fragen weniger Monate sei. Auch wenn sie sich hierin irrte, denn die siegreiche Gegenrevolution machte einen dicken Strich durch die Rechnung auf Seiten der Arbeiterparteien, z\u00e4hlen ihre Schriften aus dieser Zeit zum Kern der revolutions- und Sozialismuskritik, der bis heute seine Faszination erhalten konnte. Ohne die Arbeiten \u00fcber die Revolution von 1905\/06 w\u00e4re das ber\u00fchmte Gef\u00e4ngnismanuskript vom Sp\u00e4tsommer 1918 nicht zu denken gewesen. <\/p>\n<p>Ein wichtiger, in dieser st\u00fcrmischen Zeit entwickelter Gedanke betraf das Weitertreiben der politischen (also b\u00fcrgerlichen) Revolution hin zu einer \u00d6ffnung in die sozialistische Richtung. Die Vorw\u00fcrfe, die gegen sie erhoben wurden, kennzeichnen genau den festen Platz, den sie nun eingenommen hatte: F\u00fcr die einen war sie jetzt zu \u201erevolution\u00e4r\u201c, \u00fcberzog die M\u00f6glichkeiten der Arbeiterbewegung, f\u00fchrte diese geradezu ins Chaos. F\u00fcr die anderen hingegen blieb sie zu \u201eparlamentarisch\u201c, machte \u00fcberhaupt zu viele Zugest\u00e4ndnisse an die alte Welt. Rosa Luxemburg war sich aber im Klaren, dass f\u00fcr eine geschichtlich kurze Periode eine in der Arbeiterrevolution errichtete Diktatur des Proletariats n\u00f6tig sei, um erstens die Gegenrevolution im Zaun halten zu k\u00f6nnen und um zweitens die Weichen entscheidend zu stellen in der Eigentumsfrage \u2013 der zentralen Frage f\u00fcr die k\u00fcnftige, den Kapitalismus abl\u00f6sende Gesellschaft. Aber diese Phase sollte in ihrem Verst\u00e4ndnis erstens zeitlich so kurz wie m\u00f6glich gehalten werden und kein Dauerzustand werden, zweitens aber sollten auch unter den Bedingungen der Diktatur des Proletariats zu keiner Zeit Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Organisationsfreiheit aufgegeben werden. Und entscheidend: Sollte in diesem Prozess keine Mehrheit gefunden werden, m\u00fcsse der Weg abgebrochen werden, m\u00fcsse die Revolution sich wieder zur\u00fcckziehen und einen neuen Anlauf suchen. <\/p>\n<p>W\u00e4hrend Rosa Luxemburg der Arbeiterbewegung im Westen ins Stammbuch schrieb, den Gedanken an die Arbeiterrevolution nicht aufzugeben, weil sonst ein Hinauskommen aus der gegenw\u00e4rtigen, auf menschliche Ausbeutung berufenden Gesellschaft unm\u00f6glich sei, so schrieb sie der russischen Arbeiterbewegung aber ebenso unmissverst\u00e4ndlich ins Stammbuch, den Weg zum Sozialismus nicht alleine zu suchen, denn sie alleine werde nicht imstande sein, das jahrhunderteschwere Erbe der Zarenherrschaft aus den Tiefen der russischen Gesellschaft herauszuschmei\u00dfen. Die Revolutionsschriften Rosa Luxemburgs gleichen so auch immer der Warnung vor der Wiederkehr der Zarenherrschaft in einem anderen Gewande. <\/p>\n<p>Rosa Luxemburg hatte ihren Sozialismus vor sich \u2013 die Aussicht auf die neue Gesellschaft gab ihr im Ersten Weltkrieg die Kraft, die lange Gef\u00e4ngnishaft durchzustehen. Der Ausbruch der Revolution in Deutschland ganz am Ende des langen Kriegs galt ihr als die erhoffte Fortsetzung der in Russland 1905\/06 bzw. 1917 begonnenen Entwicklung mit den entsprechenden Auswirkungen auf die gesamte Entwicklung in Nachkriegseuropa. Sie hoffte auf einen Weg zum Sozialismus in den wichtigsten industrialisierten L\u00e4ndern Europas. Das von der Zarenherrschaft befreite Russland galt ihr als ein fester Bestandteil in diesem erhofften Ringen um eine neue Gesellschaftsordnung. <\/p>\n<p>Unser Sozialismus liegt hinter uns. Der hatte sich anders durchgesetzt und anders aufgebaut als es Rosa Luxemburg gedacht und erwartet hatte. Insofern \u2013 auch wenn das heute nur noch ein schwacher Trost sein kann \u2013 hat es den Sozialismus, den Rosa Luxemburg erwartet und f\u00fcr den sie bis zu ihrer Ermordung gek\u00e4mpft hat, noch gar nicht gegeben. Einmal angenommen, Rosa Luxemburg w\u00fcrde f\u00fcr einen kurzen Augenblick in die K\u00e4mpfe unserer heutigen Zeit geschleudert werden. Die erste Forderung w\u00e4re: &quot;<b>Zeigt mir eure Arbeiterbewegung!<\/b>&quot; <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anl\u00e4sslich des 100. Jahrestages ihrer Ermordung ver\u00f6ffentlicht transform! europe eine Artikelreihe zum Leben und Werk von Rosa Luxemburg.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":23400,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[61,2458],"tags":[],"class_list":["post-23399","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-article","category-artikel","person-holger-politt-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23399","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=23399"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23399\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":27733,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23399\/revisions\/27733"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/23400"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=23399"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=23399"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=23399"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}