{"id":23410,"date":"2019-05-23T20:56:32","date_gmt":"2019-05-23T18:56:32","guid":{"rendered":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/blog\/unkategorisiert\/historischer-materialismus-willkommen-in-athen\/"},"modified":"2023-09-27T16:10:47","modified_gmt":"2023-09-27T14:10:47","slug":"historischer-materialismus-willkommen-in-athen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/blog\/article\/historischer-materialismus-willkommen-in-athen\/","title":{"rendered":"Historischer Materialismus \u2013 Willkommen in Athen"},"content":{"rendered":"<p>ver\u00f6ffentlicht bei: <a title=\"Opens external link in new window\" href=\"https:\/\/medienblog.hypotheses.org\/5693\">medienblog.hypotheses.org<\/a> (Vollversion);<\/p>\n<p>Mehr als 450 Pr\u00e4sentationen und an die 1000 Besucher. Mit diesen Zahlen ging am Sonntag die \u201eHistorical Materialism\u201c-Konferenz zu Ende. Urspr\u00fcnglich als <a rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.historicalmaterialism.org\/\">Zeitschrift<\/a> 1995 an der <a rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.lse.ac.uk\/\">London School of Economics and Political Science<\/a> gegr\u00fcndet, wurde 2004 der Schritt zur Tagung gewagt. Seitdem treffen sich jedes Jahr linke WissenschaftlerInnen und AktivistInnen aus der ganzen Welt, um ihre Forschung und ihren Aktivismus vorzustellen. Inzwischen ein Gro\u00dfunternehmen. In Athen: bis zu elf Panels und Plenary Sessions gleichzeitig. Von der \u201epolitischen \u00d6konomie der K\u00e4mpfe Lateinamerikas\u201c \u00fcber \u201eFrauen, Familie und Reproduktion im modernen Griechenland\u201c bis hin zu \u201eErfahrungen von Gefl\u00fcchteten und ihrer politischen K\u00e4mpfe\u201c. Das konnte schon fast \u00fcberfordern. Was soll man sich anh\u00f6ren? Und wo bleibt die Zeit, Netzwerke mit anderen kritischen ForscherInnen aufzubauen? Vor diese Frage waren vermutlich viele gestellt, sodass manche Sitzungen trotz der hohen Gesamtteilnehmerzahl nur gering besucht waren. Oder lockte einfach die Akropolis zu sehr?<\/p>\n<p>Dies betraf auch kommunikationswissenschaftlich ausgerichteten Panels, von denen nur eine Handvoll im Programm zu finden waren: f\u00fcnf von 119 Veranstaltungen zu Journalismus und Medien. Ein kleines Schlaglicht auf den Stand kritischer Medienforschung.<\/p>\n<p>Das Panel \u201eRadikaler Journalismus und radikale Politik in dunklen Zeiten: Erforschung radikaler linker und faschistischer Medien\u201c besch\u00e4ftigte sich unter anderem mit rechten Zeitungen im griechischen Mediensystem und ihrer angeblichen \u201eRadikalit\u00e4t\u201c. Ausgehend von einer Kritik an der Extremismus-Hufeisentheorie (vgl. Forum f\u00fcr kritische Rechtsextremismusforschung 2011), wiesen Eugenia Siapera und Lambrini Papadopoulou in einer Inhaltsanalyse nach, dass faschistische Zeitungen in Griechenland keinerlei eigene Berichterstattung betreiben, sondern nur Meldungen aus den gro\u00dfen Medien \u00fcbernehmen und, ihrem eigenen Narrativ entsprechend, umschreiben. Diese k\u00f6nne man auch nicht als radikal, also das \u00dcbel an der Wurzel packend, bezeichnen, da diese Presse vor allem Minderheiten wie Gefl\u00fcchtete und Juden oder die politische Linke ins Visier nehme. Machtstrukturen w\u00fcrden so nicht wirklich angegriffen werden. Im Gegenteil: Mit positiver Berichterstattung \u00fcber Milit\u00e4r und Polizei werden diese sogar aufrechterhalten.<\/p>\n<p>Yiannis Mylonas (2019) zeigte in einer kritischen Diskursanalyse griechischer, d\u00e4nischer und deutscher Mainstreammedien auf, wie rassistische, neoliberale Stereotype die mediale Konstruktion der sogenannten Griechenland-Krise pr\u00e4gten. Stichwort: \u201eDer faule Grieche\u201c. Eine sensationalistische und entpolitisierte Form der Berichterstattung sollte von den eigentlichen Strukturen politischer und \u00f6konomischer Macht hinter der Wirtschaftskrise Europas ablenken. In der Berichterstattung fanden sich vor allem Aussagen (von \u201eExperten\u201c), die die Sichtweise der Eliten wiedergaben und zum Beispiel historische Perspektiven vernachl\u00e4ssigten. Mylonas interpretierte die Ergebnisse so weit, dass er in der Berichterstattung \u00fcber den \u201egriechischen Schmarotzer\u201c eine Warnung an die arbeitenden Menschen in Deutschland und D\u00e4nemark sah, \u00f6ffentliche Zustimmung f\u00fcr weitere neoliberale Reformen zu zeigen, da es ihnen ansonsten wie den Griechen ergehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>In vielen Beitr\u00e4gen wurde deutlich, dass die Debatte um \u201eNeutralit\u00e4t\u201c und \u201eParteilosigkeit\u201c in der Wissenschaft hier schon einen Schritt weiter gekommen ist. Nicht mehr \u201eob\u201c, sondern das \u201ewie\u201c stand im Raum. Viele der Vortragenden waren Teil der Bewegungen, \u00fcber die sie sprachen. So zum Beispiel Olga Lafazani, die in der gro\u00dfen Plenary Session \u201eMigration \u2013 Marxism \u2013 Movements\u201c am Samstagabend vor mehreren hundert Zuh\u00f6rerInnen \u00fcber das Gefl\u00fcchtetenprojekt <a rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/best-hotel-in-europe.eu\/\">City Plaza<\/a> sprach und zugleich eine der wichtigsten Koordinatorinnen ist. Zuvor hatte bereits Professor Sandro Mezzadra (Bologna) gesprochen, der unter anderem zu Flucht und Grenzregimen forscht. Letztes Jahr organisierte er mit einigen Bekannten (zum Beispiel Professor Michael Hardt) ein eigenes Schiff, die Mare Jonio, das Gefl\u00fcchtete im Mittelmeer rettete. Im M\u00e4rz war es von italienischen Beh\u00f6rden <a rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/walbei.wordpress.com\/2019\/03\/22\/die-operation-mediterranea-als-politischer-akt\/\">beschlagnahmt<\/a> worden. Die Organisierung des Schiffes war f\u00fcr Mezzadra weniger humanit\u00e4re Hilfe, denn politischer Akt gegen die Kriminalisierung der Rettung von Menschen in Not. Mit Professor Ranabir Samaddar, der Teil der Calcutta Research Group in den Westbengalen (Indien) ist, und der marxistischen Feministin Shahrzad Mojab, die urspr\u00fcnglich aus dem Iran stammt und nun an der University of Toronto lehrt, waren nur Personen auf der B\u00fchne, die aus dem globalen S\u00fcden kommen. Eine positive Seltenheit auf Konferenzen dieser Gr\u00f6\u00dfe.<\/p>\n<p>Auch die Entwicklungen in der T\u00fcrkei und Kurdistan spielten eine Rolle. In der Session \u201eDas Neue aufbauen: Radikale Demokratie, Frauenbefreiung, Medien und \u00d6kologie in Rojava und dar\u00fcber hinaus\u201c wurde \u00fcber die \u201eRevolution in Rojava\u201c diskutiert. Die Politikwissenschaftlerin Rosa Bur\u00e7 stellte das Konzept des \u201eDemokratischen Konf\u00f6deralismus\u201c im Rahmen des Nahen und Mittleren Ostens vor und verdeutlichte das dialektische Verh\u00e4ltnis zwischen den Ideen der kurdischen Freiheitsbewegung und Staatlichkeit. H\u00fcseyin Rasit ging auf die autonomen Strukturen der kurdischen Frauenbewegung ein und stellte sie als Beispiel f\u00fcr das Konzept einer dezentralen Avantgarde-Bewegung vor, also dem komplexen Verh\u00e4ltnis von R\u00e4tedemokratie und Kader-AktivistInnen. Der Autor dieser Zeilen stellte erste Ergebnisse seiner Dissertationsforschung zum \u201estaatenlosen\u201c kurdischen Mediensystem mit besonderem Fokus auf Nordsyrien vor. Das Selbstverst\u00e4ndnis kurdischer Medienarbeiter ist dabei von einem aktivistischen Journalismus gepr\u00e4gt, der sich als Teil der gesellschaftlichen Umgestaltung versteht. Pr\u00e4gend ist dabei die Philosophie der \u201eFreien Presse\u201c, die vor allem in Medien der kurdischen Freiheitsbewegung vorherrschend ist und auf Bildung des Publikums setzt.<\/p>\n<p>Auf der Konferenz waren mit Muzaffer Kaya, Latife Aky\u00fcz, \u00dcmit Akcay, G\u00fclay Kilicaslan und Deniz Yonucu zudem eine Reihe von AkademikerInnen anwesend, die im Januar 2016 einen Friedensappell an die t\u00fcrkische Regierung unterzeichnet hatten und daraufhin das Land verlassen mussten. Im Exil setzen sie nun ihre wissenschaftliche Besch\u00e4ftigung mit der T\u00fcrkei fort. So sprach Kilicaslan \u00fcber Zwangsmigration und Vertreibung in den 1990er Jahren von Nordkurdistan in den Westen der T\u00fcrkei, Kaya \u00fcber den Kampf gegen den Autoritarismus und Akcay \u00fcber die wirtschaftliche Krise seines Heimatlandes.<\/p>\n<p>Der Gro\u00dfteil der Vortragenden kam aus Griechenland selbst. Ihnen wurde so die M\u00f6glichkeit gegeben, \u00fcber ihre eigene Forschung zu sprechen. Auf die Frage in einem Medien-Panel, ob die Ergebnisse auch auf der kommenden IAMCR-Tagung in <a rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/iamcr.org\/madrid2019\">Madrid<\/a> vorgestellt werden, lautete die Antwort nur: \u201eZu teuer, das k\u00f6nnen wir uns nicht leisten\u201c. Schon deshalb war die Entscheidung nach Athen, in den S\u00fcden Europas, zu gehen, richtig. Wem das trotzdem zu weit war, kann vom 7. bis zum 10. November 2019 auf die n\u00e4chste \u201e<a rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.historicalmaterialism.org\/conferences\/sixteenth-annual-conference\">Historical Materialism<\/a>\u201c kommen, diesmal wieder in der englischen Hauptstadt.<\/p>\n<p><u>Literaturangaben<\/u><\/p>\n<p>Forum f\u00fcr kritische Rechtsextremismusforschung (Hrsg.): Ordnung. Macht. Extremismus. Effekte und Alternativen des Extremismus-Modells. Heidelberg: Springer 2011.<\/p>\n<p>Yiannis Mylonas: The \u201eGreek Crisis\u201d in Europe. Leiden: Brill 2019.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach London, Sydney, New York, Beirut, Montreal und Toronto fand die \u201eHistorical Materialism\u201c-Konferenz zum ersten Mal im S\u00fcden Europas statt. In der griechischen Hauptstadt Athen trafen sich vom 2. bis zum 5. Mai hunderte Menschen, um \u00fcber Widerstand und Strategie in Zeiten der Krise zu diskutieren. Ein Tagungsbericht.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":23411,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[61,2458],"tags":[],"class_list":["post-23410","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-article","category-artikel","person-kerem-schamberger-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23410","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=23410"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23410\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":27737,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23410\/revisions\/27737"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/23411"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=23410"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=23410"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=23410"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}