{"id":23493,"date":"2019-09-26T17:52:00","date_gmt":"2019-09-26T15:52:00","guid":{"rendered":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/blog\/unkategorisiert\/europaeisches-parlament-mehrheit-versucht-erinnerung-auszuloeschen\/"},"modified":"2023-09-27T16:10:53","modified_gmt":"2023-09-27T14:10:53","slug":"europaeisches-parlament-mehrheit-versucht-erinnerung-auszuloeschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/blog\/article\/europaeisches-parlament-mehrheit-versucht-erinnerung-auszuloeschen\/","title":{"rendered":"EP: Mehrheit versucht Erinnerung auszul\u00f6schen"},"content":{"rendered":"<p>An jenem Freitagabend&nbsp;wartete ich gerade bei einer von der<i> Articolo-1-<\/i>Partei organisierten Veranstaltung auf Tsipras, als mir ein Genosse im Internet einen Auszug aus der \u201e<a title=\"Opens internal link in current window\" class=\"external-link-new-window\" href=\"http:\/\/www.europarl.europa.eu\/doceo\/document\/TA-9-2019-0021_EN.html\">Entschlie\u00dfung des Europ\u00e4ischen Parlaments zur Bedeutung des europ\u00e4ischen Geschichtsbewusstseins f\u00fcr die Zukunft Europas<\/a>\u201c zeigte. Ich muss zugeben, dass ich zun\u00e4chst abwinkte: \u201eSiehst du denn nicht, dass das Fake News sind?\u201c Was mich zu der Frage f\u00fchrte: \u201eAber wer verbreitet solche Fake News?\u201c<\/p>\n<p>In Wirklichkeit war der Text so haarstr\u00e4ubend, dass er meines Erachtens aus der Feder der neofaschistischen <i>Casa Pound<\/i> h\u00e4tte stammen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Erst am n\u00e4chsten Tag wurde mir klar, dass etwas eingetreten war, was ich niemals f\u00fcr m\u00f6glich gehalten h\u00e4tte: dass nur 66&nbsp;MdEPs von 748 gegen diese Entschlie\u00dfung gestimmt hatten, die au\u00dferordentlich besch\u00e4mend ist. Nicht nur, weil sie eine abscheuliche Verzerrung der Geschichte darstellt, sondern auch&nbsp;\u2013 angesichts dieser haarstr\u00e4ubenden Fehlinterpretation historischer Fakten&nbsp;\u2013 weil sie das Prestige der parlamentarischen Institution infrage stellt, die sie verabschiedet hat: eine Institution, der \u00fcbrigens bis vor wenigen Jahren auch Altiero Spinelli als unabh\u00e4ngiger, wenn auch gew\u00e4hlter Vertreter in der Liste der Kommunistischen Partei Italiens angeh\u00f6rt hatte.<\/p>\n<p>Bemerkenswert ist der entscheidende und wichtige \u201ehistorische Beitrag\u201c von Parlamentspr\u00e4sident Sassoli: \u201eAber da waren bewaffnete Panzer in Prag!\u201c Ganz zu schweigen von der Rufsch\u00e4digung f\u00fcr eine Gruppe von MdEPs, die sich aus ehemaligen kommunistischen und sozialistischen AktivistInnen zusammensetzt, die diese Erinnerung in sich trugen.<\/p>\n<p>Doch zu meiner \u00dcberraschung kam es noch schlimmer. Um einen Kommentar zu dieser Angelegenheit gebeten, lie\u00df der franz\u00f6sische Philosoph \u00c9tienne Balibar aus New York (wo er seit einiger Zeit lehrt) verlauten:&nbsp;<br \/> \u201e<i>Ich wei\u00df von dieser Geschichte nichts. Die Presse hier berichtet dazu nichts und auch nicht die franz\u00f6sische Presse, die ich nach wie vor verfolge<\/i>.\u201c<\/p>\n<p>Ich fragte in Paris nach und rief unseren alten Chefkorrespondenten in Frankreich an, Alexandre Bilous. Er war entgeistert; von dieser Resolution hatte er noch nie etwas geh\u00f6rt. Kurze Zeit sp\u00e4ter rief er mich zur\u00fcck: Keine Zeitung, wirklich keine, nicht einmal&nbsp;<i>l\u2019Humanit\u00e9<\/i>[1], hatte von dieser europ\u00e4ischen Abstimmung berichtet. Nur eine ausgezeichnete Website,&nbsp;<i>Mediapart<\/i>, erw\u00e4hnte sie in einem Brief, den Charles Heinberg, ein Schweizer Geschichtsdozent aus Genf, geschickt hatte. Dem Himmel sei Dank! Dann gr\u00fcbelte ich \u00fcber die Tatsache, dass in der letzten Europawahl gar keine Abgeordneten der PCF und nicht einmal der PSF gew\u00e4hlt wurden.<\/p>\n<p>(Und dennoch: Selbst wenn sie nicht im Parlament sind, haben die Menschen denn nicht gemerkt, welche schwerwiegenden Auswirkungen diese Entschlie\u00dfung auf unsere gemeinsame Erinnerung hat, wurde sie doch von den schlimmsten rechten Gruppen Europas verfasst? Und wie rechtfertigte Rapha\u00ebl Glucksmann, Sohn des bekannten franz\u00f6sischen Intellektuellen der <i>Nouvelle Philosophie<\/i>, Andr\u00e9 Glucksmann, und heute Anf\u00fchrer einer ungenau definierten Neugruppierung sozialistischen Ursprungs, seine Zustimmung?)<\/p>\n<p>Stille auch in der deutschen Presse, die normalerweise f\u00fcr Fragen, die das historische Ged\u00e4chtnis betreffen, sensibel ist&nbsp;\u2013 sowohl in den linken als auch in den rechten Medien.<\/p>\n<p>Weniger \u00fcberrascht mich die Zustimmung der Gr\u00fcnen, deren traditioneller Antikommunismus schon oft zu politischen Mehrdeutigkeiten gef\u00fchrt hat.<\/p>\n<p>In Italien kommentierte, offensichtlich neben der kommunistischen Tageszeitung<i> Il Manifesto<\/i>&nbsp;(gl\u00fccklicherweise hat die Resolution kein juristisches Gewicht, da ansonsten, weil es sich um eine kommunistische Tageszeitung handelt, ein Verbot derselben drohen w\u00fcrde), das Mitte-Links-Blatt&nbsp;<i>La Repubblica<\/i>&nbsp;die Geschehnisse. Ansonsten ist fast nichts zu h\u00f6ren&nbsp;\u2013 abgesehen freilich von den Jubelrufen von rechts.<\/p>\n<p>Von einer historischen Analyse des Textes werde ich absehen; dar\u00fcber haben HistorikerInnen mit mehr Kompetenz geschrieben. Und weitere werden es ganz sicher in Zukunft tun.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte hier nur deutlich sagen, dass unsere Reaktion, dass wir alle, die fassungslos und schockiert waren, nicht auf dieser Stufe stehen bleiben k\u00f6nnen, nein, es auch nicht d\u00fcrfen. Wir d\u00fcrfen nicht einfach nur dar\u00fcber staunen, dass so etwas geschehen konnte, sondern m\u00fcssen diejenigen an den Pranger stellen, die so etwas erm\u00f6glicht haben, und kraftvoll, direkt und \u00fcberall darauf reagieren. Denn anderenfalls werden wir uns letztlich dar\u00fcber wundern, dass das Geschehene vielen egal ist&nbsp;\u2013 v\u00f6llig egal.<\/p>\n<p>Wir laufen Gefahr, dass uns die Entdeckung sprachlos macht. Und was dann? Zun\u00e4chst einmal ist es gut, dass sich die MdEPs Massimiliano Smeriglio und Pierfrancesco Majorino der Disziplin der sozialdemokratischen Fraktion im Europ\u00e4ischen Parlament widersetzt und ihre Zustimmung verweigert haben, aber das reicht nicht aus.<\/p>\n<p>Etwas muss getan werden, eine Debatte muss er\u00f6ffnet werden: mit der&nbsp;<i>Nationalen Vereinigung der PartisanInnen Italiens<\/i>&nbsp;(ANPI) mit Luca Pastorino und Francesco Laforgia vom linken Parteienb\u00fcndnis <i>Liberi e Uguali <\/i>sowie Nicola Fratoianni von der <i>Sinistra Italiana<\/i>, die in Italien unmittelbar reagiert haben und als Abgeordnete im italienischen Unterhaus hier Initiativen ansto\u00dfen k\u00f6nnen, und vor allem mit all denen, die emp\u00f6rt sind. Insbesondere in der sozialdemokratischen<i> Partito Democratico<\/i>. Erinnerung ist nicht etwas, das wir allein spezialisierten HistorikerInnen \u00fcberlassen k\u00f6nnen. Erinnerung ist ein elementarer Bestandteil unserer Gegenwart.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus beruht die moralische Verkommenheit der initiierten Leugnungsoperation auf der Tatsache, dass ihr unmittelbar die heimliche Motivation zugrunde liegt, wirtschaftliche Sanktionen gegen Russland zu verst\u00e4rken und die in h\u00f6chstem Ma\u00dfe verantwortungslose europ\u00e4ische Politik \u201enach dem Mauerfall\u201c zu versch\u00e4rfen. Damit wird nicht nur die Gelegenheit verpasst, auf die Gorbatschow vergeblich gedr\u00e4ngt hatte, n\u00e4mlich endg\u00fcltig den Weg der europ\u00e4ischen Unabh\u00e4ngigkeit von den beiden Milit\u00e4rbl\u00f6cken einzuschlagen und Russland in ein gemeinsames Projekt (das gemeinsame europ\u00e4ische Haus) einzubinden. Stattdessen entschied man sich f\u00fcr den Weg, die NATO so weit nach Osten zu erweitern, dass sie ihre Raketen unmittelbar unter der Nase von Moskau stationieren kann. Wenn Putin, dem sich kein Demokrat und keine Demokratin zugeneigt f\u00fchlen kann, die Macht in seinem Land konsolidiert hat (und zudem deutlich beliebter werden konnte, als es uns die westlichen Medien glauben machen), liegt das daran, dass er in der Lage war, sich den durch diese Umzingelung gesch\u00fcrten Chauvinismus zunutze zu machen.<\/p>\n<p>Wie soll Moskau denn jetzt reagieren, da die EU erkl\u00e4rt hat, dass die 22&nbsp;Millionen russischen Frauen und M\u00e4nner, die, als sie den entscheidenden Beitrag zum Sieg \u00fcber den Nationalsozialismus leisteten, ihr Leben lie\u00dfen, eigentlich unsere Feinde sind?<\/p>\n<p><b>Urspr\u00fcnglich ver\u00f6ffentlicht in&nbsp;<a title=\"\u00d6ffnet die interne Verkn\u00fcpfung im aktuellen Fenster\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/ilmanifesto.it\/europarlamento-assuefatti-a-una-memoria-azzerata\/\" rel=\"noopener\">Il Manifesto <br \/><\/a><\/b><\/p>\n<p>&nbsp;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<\/p>\n<p><b>Anmerkung<\/b><\/p>\n<p>[1] Am 26. September ver\u00f6ffentlichte <i>L&#8217;Humanit\u00e9<\/i> dazu <a title=\"Opens internal link in current window\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.humanite.fr\/revisionnisme-historique-le-deshonneur-du-parlement-europeen-677700\" rel=\"noopener\">einen Redaktionskommentar.<\/a><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold; \">Wir empfehlen:&nbsp;<\/span><a href=\"https:\/\/www.transform-network.net\/de\/blog\/article\/respect-for-historical-memory-in-europe-2\/\" class=\"external-link-new-window\" title=\"Opens internal link in current window\">Die Vergangenheit Europas korrekt erinnern<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber linkes Schweigen und die au\u00dfenpolitische Motivation f\u00fcr den historischen Revisionismus in der Resolution des Europ\u00e4ischen Parlaments. Ein Kommentar von Luciana Castellina.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":19452,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[61,2458],"tags":[],"class_list":["post-23493","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-article","category-artikel","person-luciana-castellina-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23493","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=23493"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23493\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":27750,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23493\/revisions\/27750"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/19452"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=23493"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=23493"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=23493"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}