{"id":23495,"date":"2019-09-23T10:30:00","date_gmt":"2019-09-23T08:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/blog\/unkategorisiert\/die-griechische-linke-seit-den-1940ern-geschichtsreise-nach-athen\/"},"modified":"2023-09-27T16:10:57","modified_gmt":"2023-09-27T14:10:57","slug":"die-griechische-linke-seit-den-1940ern-geschichtsreise-nach-athen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/blog\/article\/die-griechische-linke-seit-den-1940ern-geschichtsreise-nach-athen\/","title":{"rendered":"Die griechische Linke seit den 1940ern. Geschichtsreise nach Athen"},"content":{"rendered":"<p>Bei unserer bereits zum dritten Mal stattfindenden Reise nach Griechenland legten wir den Schwerpunkt dieses Mal auf Athen und die Geschichte der Linken seit den 1940ern. Es ging uns insbesondere um folgende Fragen: Welche Rolle spielt die Geschichte f\u00fcr politische Auseinandersetzungen heute? Wie kann Vergangenheit erz\u00e4hlt und repr\u00e4sentiert werden, um der Vielschichtigkeit der griechischen Gesellschaft gerecht zu werden?<\/p>\n<p>Wir starteten unsere 5-t\u00e4gige Reise zun\u00e4chst mit einer Einf\u00fchrungsrunde auf der Dachterrasse unseres Hotels. Im Anschluss unternahmen wir einen Spaziergang mit Historiker Kostis Karpozilos im Stadtzentrum. Anhand von Beispielen aus den Umbruchphasen der 1940er und 1970er Jahren bekamen wir einen ersten Einblick in die Zeitgeschichte Griechenlands. Den ersten Abend lie\u00dfen wir bei einem gemeinsamen Abendessen ausklingen.<\/p>\n<p>In Kleingruppen erarbeiteten wir am n\u00e4chsten Tag Texte zu verschiedenen Zeitperioden und Fragen der Erinnerungskultur Griechenland. Bei einer anschlie\u00dfenden gemeinsamen Diskussion wurde deutlich, dass die Bewertung der Vergangenheit in engem Bezug zu den politischen Machtverh\u00e4ltnissen der Nachkriegszeit steht. Am Nachmittag trafen wir uns mit der Aktivistin Angelina Giannopoulou und dem Politikwissenschafter Antonis Galanopoulos zu einem Gespr\u00e4ch \u00fcber aktuelle linke Politik. Dabei diskutierten wir \u00fcber die M\u00f6glichkeiten und Grenzen linker Regierungen, die Rolle sozialer Bewegungen und die europ\u00e4ischen Rahmenbedingungen.<br \/>In den folgenden beiden Tagen besch\u00e4ftigten wir uns detaillierter mit dem Themenkomplex der 1940er Jahre und umk\u00e4mpften Erinnerungsdiskursen. Bei einem Tagesausflug in das Bergdorf Kal\u00e1vrita besuchten wir das Museum und die Gedenkst\u00e4tte in Erinnerung an ein Massaker der <i>Wehrmacht <\/i>im Dezember 1943. Nach einer Geiselnahme deutscher Soldaten durch griechische Partisan*innen ermordete die <i>Wehrmacht <\/i>die gesamte m\u00e4nnliche Zivilbev\u00f6lkerung des Dorfes &#8211; kein Einzelereignis im besetzten Griechenland. <\/p>\n<p>Am vierten Tag besuchten wir Kaisarian\u00ed, ein Viertel im \u00f6stlichen Athen. Kaisarian\u00ed wurde in den 1920ern von griechischen Fl\u00fcchtlingen aus der T\u00fcrkei gegr\u00fcndet und war w\u00e4hrend der Nazi-Besatzung bedeutend f\u00fcr die Widerstandsbewegung. Eine Schie\u00dfst\u00e4tte, in der die Nazis politische H\u00e4ftlinge exekutieren, ist seit den 1980ern eine Gedenkst\u00e4tte. An die Geschichte des B\u00fcrgerkriegs wird in Kaisarian\u00ed jedoch nicht sichtbar erinnert, obwohl auch dort K\u00e4mpfe stattgefunden haben. <\/p>\n<p>Die unterschiedliche Darstellung der Geschichte in Kal\u00e1vrita und Kaisarian\u00ed wurde in der Gruppe in Folge kontrovers diskutiert. W\u00e4hrend in Kal\u00e1vrita eine vermeintlich unpolitische Opfererz\u00e4hlung vorherrscht, betont Kaisarian\u00ed die linken Helden. Wie kann die Vergangenheit erz\u00e4hlt werden, um der Komplexit\u00e4t der Ereignisses zwischen (zivilen) Opfern, Widerstandsk\u00e4mpfer*innen und Kollaborateuren gerecht zu werden?<\/p>\n<p>Den vierten Tag beendeten wir schlie\u00dflich mit einem Input der Filmwissenschafterin Anna Poupou zum Thema <i>Repr\u00e4sentation der Vergangenheit im griechischen Kino 1962-1975<\/i>. Im Kontext einer beginnenden Demokratisierung, die ab 1967 jedoch durch die Milit\u00e4rdiktatur unterbrochen wurde, entstanden zu dieser Zeit erstmals Filme \u00fcber die Nazi-Besatzung. Erst in den 1980er thematisierten Filme den B\u00fcrgerkrieg, bis heute ein kontroverses Thema. Filme spielen eine wichtige Rolle f\u00fcr die Konstruktion von Geschichte, gleichzeitig spiegeln sich gesellschaftliche Konflikte in Filmen. <\/p>\n<p>Am letzten Tag unserer Reise besuchten wir das ASKI (Contemporary Social History Archives), das seit 1992 Quellen der Geschichte der Linken und sozialer Bewegungen f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich macht. Bei einem Input von Kostis Karpozilos und Ioanna Vogli wurde deutlich, dass auch die Geschichte linker Archive in engem Wechselverh\u00e4ltnis zu den politischen Debatten seit den 1940ern steht. Offene Fragen, die wir w\u00e4hrend der Reise gesammelt hatten, konnten wir dort nochmals aufgreifen. Wir beendeten unsere Reise mit einer Abschlussrunde und einem gemeinsamen Abendessen im kretischen Restaurant Oxo Nou.<\/p>\n<p>Reiseorganisation und \u2013 begleitung: Milena Jana Gegios, Elisabeth Luif, Barbara Steiner<\/p>\n<p><b>Urspr\u00fcnglich ver\u00f6ffentlicht auf der <a title=\"Opens internal link in current window\" href=\"https:\/\/present-history.at\/geschichtsreisen\/griechenland\/griechenland-2019\">Webseite von present:history<\/a><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei unserer bereits zum dritten Mal stattfindenden Reise nach Griechenland legten wir den Schwerpunkt dieses Mal auf Athen und die Geschichte der Linken seit den 1940ern. Es ging uns insbesondere um folgende Fragen: Welche Rolle spielt die Geschichte f\u00fcr politische Auseinandersetzungen heute? 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