{"id":23568,"date":"2017-07-28T08:59:12","date_gmt":"2017-07-28T06:59:12","guid":{"rendered":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/blog\/unkategorisiert\/was-ist-oekofeminismus\/"},"modified":"2023-09-27T16:11:07","modified_gmt":"2023-09-27T14:11:07","slug":"was-ist-oekofeminismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/blog\/article\/was-ist-oekofeminismus\/","title":{"rendered":"Was ist \u00d6kofeminismus?"},"content":{"rendered":"<p>Der \u00d6kofeminismus kombiniert \u00d6kologiebewusstsein mit Feminismus. Umweltschutzbewegungen und sogar der \u00d6kosozialismus neigen dazu, zu \u00fcbersehen, dass es eine Verbindung zwischen dem kapitalistischen Patriarchat, der Unterdr\u00fcckung der Frau und der Umweltkrise gibt. Andererseits lassen die Frauenbewegung und der Feminismus wiederum h\u00e4ufig Umweltprobleme au\u00dfen vor. Darum ist eine Zusammenf\u00fchrung von \u00d6kologie und Feminismus notwendig \u2013 eben \u00d6kofeminismus. \u00d6kofeminismus stellt sowohl eine Bewegung von Globalisierungsgegner_innen, als auch eine ideologische Kritik an den historischen Erfahrungen der Frau mit sozialer Reproduktionsarbeit dar. Dar\u00fcber hinaus ist \u00d6kofeminismus auch eine akademische Disziplin mit Verbindungen zur feministischen \u00d6konomie und Care Economy. Der Begriff \u00d6kofeminismus wurde von Fran\u00e7oise d&#8217;Eaubonne (1920-2005) gepr\u00e4gt, die ihn 1974 einf\u00fchrte.<\/p>\n<h2>Die Wachstumsideologie in Frage stellen<\/h2>\n<p>Das Konzept des ewigen Wachstums stellt eine der S\u00e4ulen des Kapitalismus dar. Gr\u00f6\u00dferes Wachstum lautet das Mantra der heutigen Zeit, um st\u00e4ndig gr\u00f6\u00dfere und neue M\u00e4rkte zu erschlie\u00dfen \u2013 ein Streben, das kein Ziel und Ende kennt. Und dieses Streben f\u00fcgt der Umwelt und dem Klima gro\u00dfen Schaden zu. Die neoliberale Marktwirtschaft gilt als einzig m\u00f6gliche Form der wirtschaftlichen Entwicklung. Aber ist eine Wirtschaft, die sich allein auf Wachstum und gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Profit konzentriert, wirklich erstrebenswert? Eine Wirtschaft, die soziale Beziehungen zwischen Menschen zerst\u00f6rt und die Natur ausbeutet und zerst\u00f6rt? Maria Mies und Vandana Shiva nennen es das kapitalistisch-patriarchale Weltsystem \u2013 ein System, das \u201eauf der Kolonialisierung von Frauen, \u201afremden\u2018 Bev\u00f6lkerungen, deren Land und der Natur aufbaut, die es allm\u00e4hlich zerst\u00f6rt.\u201c<\/p>\n<h2>Die mechanische Sichtweise auf die Natur bedeutet deren Tod<\/h2>\n<p>Wir nehmen die Natur als eine unersch\u00f6pfliche Ressource wahr, die wir zu unseren Zwecken nutzen d\u00fcrfen. Diese Denkweise stammt von Philosophen wie Francis Bacon (1561\u20131626) und Ren\u00e9 Descartes (1596\u20131650). In deren Schaffensperiode fiel die naturwissenschaftliche Revolution; es vollzog sich ein Wandel in der Auffassung der Natur: Von der organischen Wahrnehmung, die die Natur als einen Organismus sah, als \u201eMutter Erde\u201c, ging man zu einer Weltsicht \u00fcber, die auf Mathematik und Naturwissenschaften beruhte. Bacon sagte etwa: Die Sprache der Natur ist Mathematik. Und f\u00fcr ihn war es von Bedeutung, ob es ihm gelang, die Natur bzw. ihre Gesetze zu beschreiben, denn dadurch konnte er sie verstehen und sie sich unterwerfen. Bacon werden auch die Worte \u201eWissen ist Macht\u201c zugeschrieben. Er teilte die Ansicht, dass die wissenschaftliche Analyse der Naturgesetze f\u00fcr den Menschen notwendig sei, um sie f\u00fcr seine Zwecke nutzbar zu machen. Descartes folgte seinem Beispiel. Descartes war Dualist und nahm die Welt als etwas wahr, das prinzipiell zweigeteilt ist: in die res cogitans (Gedankenwelt) und res extensa (Objektwelt). Nur die res cogitans ist wichtig; sie umfasst das rationale Handeln des Menschen. Alles andere ist die Objektwelt, der weder Bedeutung zukommt, noch zum rationalen Handeln f\u00e4hig ist \u2013 die nicht-menschliche Natur, die Tiere und der menschliche K\u00f6rper (jener Teil, der sich von der Seele unterscheidet). Nach Descartes vollzieht sich in der Natur alles nach dem Prinzip der Kausalit\u00e4t \u2013 alle Vorg\u00e4nge haben eine Ursache und eine Wirkung. In der Folge ist die Natur nur \u201eMaterie in Bewegung\u201c und gleicht einer rein mechanischen Maschine. Nach Carolyn Merchant vereinte diese neue mechanische Philosophie den Kosmos, die Gesellschaft und das Selbst in einer neuen Metapher \u2013 jener der Maschine. Anders als die organische Sichtweise auf die Natur, in der die Natur als n\u00e4hrende Mutter gesehen wird, ist die mechanische Perspektive auf die Natur von aller Arten von Bedeutungen und Geheimnisse ausgeschlossen; die Natur ist tote Materie in Bewegung. Der Mensch steht \u00fcber der Natur und hat das Recht, sie zu beherrschen und auszubeuten.<\/p>\n<p>Als Mensch werden hier aber nicht Mann und Frau gesehen: Frauen sind haupts\u00e4chlich durch Gef\u00fchle und nicht-rationales Denken charakterisiert, daher bleibt fragw\u00fcrdig, ob sie als zum rationalen Handeln f\u00e4hige Menschen bezeichnet werden k\u00f6nnen. Frauen wurden daher immer von der Philosophie ausgeschlossen. Die westliche Geschichtsphilosophie wird von wei\u00dfen, wohlhabenden M\u00e4nnern mittleren Alters geschrieben. Frauen und die Natur waren immer etwas, das beherrscht und kontrolliert werden konnte und sollte. Descartes\u2018 mechanische Sicht auf die Natur hatte einen immensen Einfluss auf die Philosophie und die Wissenschaft und kann auch heute noch als die vorherrschende Sichtweise auf die Natur bezeichnet werden. Eine Sicht auf die Natur, in der diese und ihre Prozesse respektiert werden, ist verschwunden. Auch wenn viele von uns heute v\u00f6llig von der Natur entfremdet sind, m\u00fcssen wir die Natur neu denken und lernen, sie wieder zu respektieren \u2013 schlie\u00dflich h\u00e4ngt unser aller Leben von ihr ab.<\/p>\n<h2>Kritik an der mechanischen Sichtweise auf die Natur und Wissenschaft<\/h2>\n<p>Auch wenn die mechanische Sichtweise auf die Natur schnell popul\u00e4r wurde \u2013 sie passte gut zum aufkommenden Kapitalismus und den Anf\u00e4ngen der Rohstoffgewinnung \u2013 wurde diese Perspektive auch damals schon kritisiert. Eine Zeitgenossin Descartes\u2018 \u2013 als weibliche Philosophin etwas sehr Ungew\u00f6hnliches \u2013 \u00e4u\u00dferte Anne Conway (1632\u20131679) harsche Kritik an Descartes\u2018 mechanischer Sichtweise. Sie trat f\u00fcr eine vitalistische Perspektive auf die Natur ein, in der alles lebendig ist. Ihre Sichtweise war ganzheitlich und von Respekt f\u00fcr die Natur gepr\u00e4gt. Heute ist sie vergessen, aber Descartes nach wie vor einer der \u201egro\u00dfen\u201c Philosophen. Offen bleibt, warum Descartes\u2018 Sichtweise nach wie vor en vogue ist und nicht ihre. Und ebenso bleibt offen, wie die Welt heute aussehen w\u00fcrde, h\u00e4tte sich die vitalistische Perspektive gegen die mechanische durchgesetzt.<\/p>\n<h2>Werthierarchien<\/h2>\n<p>Der sozialistische \u00d6kofeminismus versucht die Verfehlungen des Sexismus, der Klassenrepression und der Ausbeutung der Natur wieder gut zu machen. Die sozialistischen \u00d6kofeminist_innen sehen die Unterdr\u00fcckung und Ausbeutung von Menschen aufgrund von Geschlecht, Klasse und Rasse bzw. nicht-menschlichen Spezies als Ausdruck einiger ideologischen Dualismen, in denen der erste Teil eines Begriffspaars Privilegien gegen\u00fcber dem zweiten hat:<\/p>\n<ul>\n<li>Mensch \u2013 Natur<\/li>\n<li>Seele \u2013 K\u00f6rper<\/li>\n<li>Ratio \u2013 Gef\u00fchle<\/li>\n<li>Kultur \u2013 Natur<\/li>\n<li>Das Selbst \u2013 das Andere<\/li>\n<li>Wei\u00df \u2013 schwarz<\/li>\n<li>Produktion \u2013 Reproduktion<\/li>\n<li>Globaler Norden \u2013 globaler S\u00fcden<\/li>\n<li>Mann \u2013 Frau<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Liste ist lang und strukturiert unbewusst unsere Weltanschauung. Sie wird nach Ariel Salleh von den hegemonialen Strukturen von Religion, Philosophie, Gesetzen, Wissenschaft und Wirtschaft gest\u00fctzt. Diese dienen der fortdauernden Ausbeutung der Frau und Natur durch das kapitalistisch-patriarchale Weltsystem.<\/p>\n<h2>Care Economy und feministische \u00d6konomie<\/h2>\n<p>Wie von den Dualismen illustriert, besteht ein Gegensatz zwischen Mann und Natur. Der Mann bzw. das M\u00e4nnliche steht au\u00dferhalb und \u00fcber der Natur, die Frau hingegen nicht. Zwischen der Frau und der Natur gibt es viele Parallelen und es sind jeweils dieselben Mechanismen, die beide unterdr\u00fccken und ausbeuten. Die von Frauen unentgeltlich geleistete Reproduktionsarbeit wird auf die gleiche Weise ausgenutzt, wie die Natur ausgebeutet wird, um dem kapitalistischen Patriarchat zu dienen. Sozialistische \u00d6kofeminist_innen w\u00fcnschen sich eine priorit\u00e4re Stellung der reproduktiven Arbeit \u2013 ohne Reproduktion keine Produktion! In der globalisierten neoliberalen Markt\u00f6konomie stellt die weibliche Reproduktionsarbeit keinen Faktor dar. Die deutsche Soziologin Christa Wichterich teilt die Ansicht, der kapitalistische Markt k\u00f6nne allein deshalb funktionieren, weil er reproduktive Arbeit nutzt, die ohne Gewinnabsicht erbracht wird. Die hegemoniale neoliberale Wirtschaft intensiviert die Nutzung menschlicher, sozialer und nat\u00fcrlicher Ressourcen trotz erh\u00f6hter Effizienz. Eine solche Wirtschaft funktioniert nicht nachhaltig, da sie die sozialen und \u00f6kologischen Grenzen des Wachstums ignoriert. Wir m\u00fcssen unterstreichen, dass soziale Reproduktion und Care-Arbeit auch Wert schaffen.<\/p>\n<h2>Sozialistischer \u00d6kofeminismus<\/h2>\n<p>Sozialistischer \u00d6kofeminismus steht im st\u00e4ndigen Dialog mit \u00d6kosozialismus, den er zu beeinflussen versucht, indem er die Reproduktion anstelle der Produktion als Schl\u00fcsselkonzept einer sozial gerechten und nachhaltigen Welt unterstreicht. Er geht davon aus, dass die nicht-menschliche Natur die materielle Basis des Lebens darstellt und dass Essen, Kleidung, Obdach und Energie zur Lebensf\u00fchrung unverzichtbar sind. Die Natur und die Menschheit sind soziale und historische Konstrukte und haben sich durch menschliches Handeln ver\u00e4ndert. Die Natur ist kein passives Objekt, das dominiert und beherrscht werden muss, sondern ein aktives Subjekt, mit dem Menschen eine nachhaltige Beziehung entwickeln m\u00fcssen. Sozialistischer \u00d6kofeminismus sieht das kapitalistische Patriarchat kritisch und konzentriert sich auf die Dialektik zwischen Produktion und Reproduktion und zwischen Produktion und \u00d6kologie. Er bietet einen guten Ausgangspunkt f\u00fcr die Analyse \u00f6kologischer Ver\u00e4nderungen und den Vorschlag gesellschaftlicher Aktionen, die zu einer gerechteren und nachhaltigeren Welt f\u00fchren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 700; \">We recommend&nbsp;<\/span><span style=\"font-weight: 700; \"><a href=\"https:\/\/www.transform-network.net\/de\/netzwerk\/autorinnen\/detail\/julia-marti-comas\/\" class=\"external-link-new-window\" title=\"Opens internal link in current window\">J\u00falia Mart\u00ed Comas<\/a>,&nbsp;<\/span><span style=\"font-weight: 700; \"><a href=\"https:\/\/www.transform-network.net\/de\/publications\/detail\/ecofeminist-review-of-the-proposals-for-a-green-new-deal\/\" class=\"external-link-new-window\" title=\"Opens internal link in current window\">\u00d6kofeministische Analyse aktueller Green New Deal Konzepte<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gitte Pedersen erl\u00e4utert historische Aspekte sowie die Philosophie und Politik hinter dem sozialistischen \u00d6kofeminismus<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":12582,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[61,2458],"tags":[],"class_list":["post-23568","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-article","category-artikel","person-gitte-pedersen-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23568","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=23568"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23568\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":27773,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23568\/revisions\/27773"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/12582"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=23568"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=23568"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=23568"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}