{"id":23642,"date":"2020-08-20T09:43:00","date_gmt":"2020-08-20T07:43:00","guid":{"rendered":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/blog\/unkategorisiert\/kaethe-leichter-1895-1942\/"},"modified":"2023-09-27T16:11:17","modified_gmt":"2023-09-27T14:11:17","slug":"kaethe-leichter-1895-1942","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/blog\/article\/kaethe-leichter-1895-1942\/","title":{"rendered":"K\u00e4the Leichter (1895 \u2013 1942)"},"content":{"rendered":"<p>Geboren als Marianne Katharina Pick in einem wohlhabenden, liberalen j\u00fcdischen Haushalt in Wien aufgewachsen, entschied sie sich als eine der ersten Frauen dazu, gegen erhebliche Widerst\u00e4nde ein Studium der Staatswissenschaften an der Universit\u00e4t Wien aufzunehmen. Unter den geistigen Impulsen, die sie dort erhielt, stechen zwei hervor: wie bei vielen austromarxistischen Theoretiker_innen f\u00fchrte der intellektueller Weg \u00fcber die Auseinandersetzung mit der Wiener Schule der National\u00f6konomie, dem wohl anspruchsvollsten Versuch des B\u00fcrgertums, der marxistischen Politischen \u00d6konomie ein geschlossenes System &nbsp;der \u00d6konomie gegen\u00fcberzustellen; zum anderen \u00f6ffnete ihr Carl Gr\u00fcnberg, der sp\u00e4tere Gr\u00fcndungsdirektor des Frankfurter Instituts f\u00fcr Sozialforschung, den Zugang zu Karl Marx\u2018 Soziologie und entwicklungstheoretischer Geschichtsphilosophie.&nbsp; &nbsp;<\/p>\n<p>Im Herbst 1917 inskribierte K\u00e4the Leichter in Heidelberg, da sie die Abschlusspr\u00fcfungen nicht an der Wiener Universit\u00e4t ablegen konnte, und promovierte mit Auszeichnung bei Max Weber.&nbsp; <\/p>\n<p>Neben dem Studium arbeitete sie w\u00e4hrend des Krieges als Erzieherin in einem Proletarierviertel in Wien D\u00f6bling, was sie auf radikale Weise mit der Not der Kinder und Arbeiter_innen konfrontierte. Ihrer Entfremdung von der b\u00fcrgerlichen Frauenbewegung folgte die Ann\u00e4herung an die sozialdemokratische Arbeiterbewegung. <\/p>\n<p>Der gro\u00dfe Streik der Arbeiterklasse im J\u00e4nner 1918 sah sie in den Reihen der <i>Linksradikalen<\/i>, die sich in Opposition zum Parteivorstand befanden. In der revolution\u00e4ren Bewegung, nach dem Zusammenbruch des Habsburger-Staats schloss K\u00e4the Leichter sich der R\u00e4tebewegung an, in der sie auch ihren sp\u00e4teren Mann, den bekannten sozialistischen Publizisten Otto Leichter kennenlernte. <\/p>\n<p>Im April 1919 berief Otto Bauer sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin in die <i>Staatskommission f\u00fcr &nbsp;Sozialisierung<\/i>. Nachdem die weitreichenden Sozialisierungspl\u00e4ne der Sozialdemokratie 1919 zum Scheitern gebracht worden waren, und ein Jahr sp\u00e4ter die Partei aus der Regierung ausschied, schied endete auch K\u00e4the Leichters Arbeit in der Sozialisierungskommission. Sie wechselte in die Arbeiterkammer Wien und \u00fcbernahm es, das neu gebildete Frauenreferat aufzubauen. Bereits ein Jahr sp\u00e4ter erschien die Studie <i>Wie leben die Wiener Hausgehilfinnen?<\/i> Im Herbst 1928 folgte die Studie <i>Wie leben die Wiener Heimarbeiter? Eine Erhebung \u00fcber die Arbeits- und Lebensverh\u00e4ltnisse von tausend Wiener Heimarbeitern<\/i>. Im Mai 1930 erschien das <i>Handbuch der Frauenarbeit<\/i>, eine von der AK-Wien herausgegebene 700 Seiten starke, von einem prominenten Autorinnenkollektiv unter der Leitung von K\u00e4the Leichter erstellte Studie. 1932 erschien schlie\u00dflich die auf der Befragung von 1320 Frauen basierende Studie \u00fcber das Leben der Wiener Industriearbeiterinnen<i> So leben wir<\/i>. &nbsp;<\/p>\n<p>Anfang der 30er-Jahre sprach K\u00e4the Leichter wieder f\u00fcr den linken Fl\u00fcgel der Partei. Fr\u00fcher als die Parteif\u00fchrung erkannte sie die f\u00fcr die \u00f6sterreichische Sozialdemokratie dr\u00e4uende Katastrophe.&nbsp; Bereits auf dem Parteitag im November 1931 forderte sie, die Taktik der vergangenen Jahre einer kritischen Revision zu unterziehen, um zu verhindern, dass \u201eaus der Wirtschaftskrise eine Vertrauenskrise der Partei\u201c w\u00fcrde. Auf dem Parteitag 1932 stellte sie fest, dass \u201enur die Politik, die bewusste Machtpolitik, die immer wieder bereit ist, alle Kampfmittel, auch revolution\u00e4re Kampfmittel anzuwenden, imstande ist, den Kampfboden der Demokratie zu sichern.\u201c<\/p>\n<p>Nach dem austrofaschistischen Staatsstreich im Februar 1934 wurde K\u00e4the Leichter in der illegalen sozialistischen Bewegung aktiv und schloss sich den <i>Revolution\u00e4ren Sozialisten<\/i> an, an deren Bildungsarbeit sie f\u00fchrend beteiligt war. <\/p>\n<p>In den ersten Wochen nach der Annexion \u00d6sterreichs im M\u00e4rz 1938, 70.000 \u00d6sterreicher_innen waren von der Gestapo verhaftet worden, wurde der weitere Aufenthalt der J\u00fcdin, revolution\u00e4ren Sozialistin und herausragenden Intellektuellen K\u00e4the Leichter im Land lebensgef\u00e4hrlich. &nbsp;Durch einen Spitzel, der sich ihrem engsten Freundeskreis bewegte, war die Gestapo \u00fcber jeden ihrer Schritte informiert. Otto Leichter und die beiden S\u00f6hne Heinz und Franz konnten in die USA fl\u00fcchten. K\u00e4the Leichter z\u00f6gerte ihre Abreise mit R\u00fccksicht auf ihre in Wien lebende Mutter aber hinaus und wurde am 30. Mai 1938 von der Gestapo verhaftet. Nach zweij\u00e4hriger Haft wurde sie trotz internationaler Interventionen in das Konzentrationslager Ravensbr\u00fcck deportiert. Im M\u00e4rz 1942 wurde sie in der T\u00f6tungsanstalt Bernburg gemeinsam mit 1.500 Mith\u00e4ftlingen ermordet. Als Todestag wurde von Schergen der 17. M\u00e4rz angegeben.<\/p>\n<p>Der kommunistische Historiker Herbert Steiner, der 1973 einen repr\u00e4sentativen Band \u00fcber K\u00e4the Leichter vorlegte, schreibt am Beginn seiner Biographe: \u201eHistorische Vergleiche sind immer gewagt und berechtigter Kritik ausgesetzt. Der Lebensweg Rosa Luxemburgs, einer der gro\u00dfartigsten Frauen der internationalen Arbeiterbewegung, weist jedoch manche \u00c4hnlichkeit auf, so dass man der Versuchung unterliegt, daran zu erinnern.\u201c<\/p>\n<p>Literaturempfehlung zu K\u00e4the Leichter:<\/p>\n<p>Steiner, Herbert: K\u00e4the Leichter Leben und Werk, Wien, Europaverlag 1973, Wien 1973<\/p>\n<p>Hauch, Gabriele: K\u00e4the Leichter, geb. Pick (1895-1942). Spuren eines Frauenlebens, in: Hauch, Gabriella: Frauen bewegen Politik. \u00d6sterreich 1848\u20131938. Innsbruck, Wien, Bozen: Studien-Verlag 2009 (Studien zur Frauen- und Geschlechterforschung, Bd. 10), S. 225-247<\/p>\n<p>Duma, Veronika: Engagierte Wissenschaft. Die Sozialwissenschafterin K\u00e4the Leichter, in: Kranebitter, Andreas\/Reinprecht, Christoph (Hg.): Die Soziologie und der Nationalsozialismus in \u00d6sterreich. Bielefeld: transcript Verlag 2019, S. 328\u2013342<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 20. August, vor 125 Jahren wurde K\u00e4the Leichter geboren: Sozialdemokratin, Linksradikale, Sozialwissenschaftlerin, Gewerkschafterin, Frauenpolitikerin, Austromarxistin und Revolution\u00e4re Sozialsitin. Ermordet im M\u00e4rz 1942 in der NS-Vernichtungsanstalt Bernburg.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":13836,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[61,2458],"tags":[],"class_list":["post-23642","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-article","category-artikel","person-walter-baier-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23642","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=23642"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23642\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":27786,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23642\/revisions\/27786"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/13836"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=23642"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=23642"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=23642"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}