{"id":23646,"date":"2020-09-23T07:30:07","date_gmt":"2020-09-23T05:30:07","guid":{"rendered":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/blog\/unkategorisiert\/nichts-zu-verlieren-als-unsere-ketten\/"},"modified":"2023-09-27T16:11:19","modified_gmt":"2023-09-27T14:11:19","slug":"nichts-zu-verlieren-als-unsere-ketten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/blog\/article\/nichts-zu-verlieren-als-unsere-ketten\/","title":{"rendered":"\u00bbNichts zu verlieren, als unsere Ketten\u00ab"},"content":{"rendered":"<p style><b style=\"color: rgb(255, 0, 0);\">The interview was conducted by Daniel Schukovits for the Austrian left-wing magazine <a href=\"http:\/\/volksstimme.at\/\" class=\"external-link-new-window\" title=\"Opens internal link in current window\">Volksstimme<\/a>.<\/b><\/p>\n<p><b><i>Upcoming: Analysis of the positions of left-wing parties on the protests in Belarus. Soon to be available on the website of transform! europe.<\/i><\/b><\/p>\n<p><b>Could you tell us a bit about yourself?<\/b><\/p>\n<p>My name is <a href=\"https:\/\/www.transform-network.net\/network\/authors\/detail\/pavel-katarzheuski\/\" class=\"external-link-new-window\" title=\"Opens internal link in current window\">Pavel Katarzheuski<\/a> and I am 24 years old. I am a member of the Central Committee of the Belarusian Left Party <i>Fair World<\/i> and one of the leaders of its youth organisation. I have a master&#8217;s degree in political science, and the topic of my master&#8217;s thesis was the ideological evolution of the communist parties in Europe. For several years now, I have been working in the field of higher education.<\/p>\n<p class=\"align-right\"><i>To read the interview in Romanian, <a title=\"Opens internal link in current window\" class=\"external-link-new-window\" href=\"https:\/\/ro.baricada.org\/pavel-katarzheuski-interviu\/\">click<\/a> here (website of transform! europe&#8217;s media partner Baricada).<\/i><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">Die aktuellen Massenproteste in Belarus dauern schon Monate an. Woher nimmt man die Kraft, fast t\u00e4glich auf die Stra\u00dfe zu gehen?&nbsp;<\/span><\/p>\n<p>Eigentlich haben die Proteste Mitte Mai begonnen, als die Wahlen vorbereitet wurden. Die hei\u00dfe Phase kam dann mit dem Wahltag. Sicher waren die absurden 80 Prozent f\u00fcr Lukaschenko ein wichtiger Grund. Aber hier hat es auch einen Umschlag von Quantit\u00e4t in Qualit\u00e4t gegeben. Mit seinem Amtsantritt hat Lukaschenko damit begonnen, demokratische wie soziale Rechte zu zerst\u00f6ren. Mitte der 2000er-Jahre wurden benachteiligte Gruppen wie Studierende, Pensionist*innen oder auch die Liquidator*innen, die in Tschernobyl im Einsatz waren, ihrer Zusch\u00fcsse beraubt. Zudem wurde ein Kurzzeit-System bei Arbeitsvertr\u00e4gen eingef\u00fchrt, das an Sklaverei erinnert. Hinzugekommen ist der Versuch, Arbeitslose zu bestrafen. Zwar ist ein gro\u00dfer Teil der Wirtschaft in Staatseigentum \u2013 das aber von einer B\u00fcrokratie verwaltet wird, die mit dem Regime verbunden ist. Der Lebensstandard ist immer weiter gesunken und es gibt keine M\u00f6glichkeit, das zu verhindern. Mit den Worten von Marx und Engels gesagt, haben die Menschen nichts mehr zu verlieren als ihre Ketten.<\/p>\n<p>Auch der Polizeiterror darf nicht unerw\u00e4hnt bleiben. Nach aktuellem Stand sind f\u00fcnf Demonstrant*innen get\u00f6tet worden, viele sind verschwunden. Laut UN gab es mehr als 500 F\u00e4lle von Folter. Doch das sind keine vollst\u00e4ndigen Zahlen, weil viele Betroffene keine Beschwerde einreichen. Das System will, dass man stillh\u00e4lt, sonst wird man bestraft. Sollten die Proteste aufh\u00f6ren, w\u00fcrde sich die Repression versch\u00e4rfen. Wir m\u00fcssen gewinnen, um unsere Freiheit, unsere Rechte und auch unsere Leben zu verteidigen. Nur so k\u00f6nnen wir uns weiter frei bewegen, ohne Angst haben zu m\u00fcssen,<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">Du warst wie viele Demonstrierende im Gef\u00e4ngnis. Kannst du von deinen Erfahrungen in der Haft berichten?<\/span><\/p>\n<p>Ich war mit Genoss*innen auf dem Weg zu einer Demo, als ich festgenommen wurde. Eigentlich war es keine Festnahme, sondern Kidnapping. Leute in schwarzen Sturmhauben ohne Abzeichen haben uns in einen Kleinbus ohne Nummernschild gezerrt. Sie drohten uns mit dem Tod, verlangten, dass wir unsere Handys entsperren und sagten, sie w\u00fcrden uns sonst die Finger brechen. Nachdem wir bereits dort geschlagen wurden, haben sie uns in eine Polizeistation gebracht. Dort wurden unsere H\u00e4nde am R\u00fccken gefesselt, wir wurden auf den Boden geschleudert. Bei vielen waren die H\u00e4nde so abgeschn\u00fcrt, dass sie schwarz wurden. So mussten wir im Freien zw\u00f6lf bis vierzehn Stunden mit Gesicht auf dem Boden liegen. Man verpr\u00fcgelte alle, die versuchten, zu sprechen. Ein Mitgefangener mit Behinderung, der nach einem Arzt fragte, wurde so lange geschlagen, bis er verstummte.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter wurden wir in einem \u00fcberf\u00fcllten Haftwagen in das Gef\u00e4ngnis von Zhodino gebracht. Der Wagen heizte sich so auf, dass ein Mitgefangener kollabierte. Sie haben ihn rausgeholt und ich wei\u00df nicht, was mit ihm passiert ist. Im Gef\u00e4ngnis war es insofern besser, weil wir nicht geschlagen wurden. Sicherlich waren die Bedingungen grauenhaft. Wir waren 24 in einer Zelle mit acht Betten, das Essen war furchtbar und es gab kaum Sanit\u00e4reinrichtungen. Die meisten Mitgefangenen waren interessante und nette Menschen, die nur durch Zufall festgenommen wurden. K\u00f6nnt ihr euch vorstellen, wie es ist, am Weg in die Arbeit einfach gekidnapped, geschlagen und ins Gef\u00e4ngnis gebracht zu werden?<\/p>\n<p>Das Schlimmste war aber, dass es keinen Kontakt nach drau\u00dfen gab. Prim\u00e4r dachte ich an meine Familie, an die Genoss*innen, die uns in Krankenh\u00e4usern, Polizeistationen und Leichenhallen suchten. Sp\u00e4ter wurde ich in einem Schnellverfahren zu f\u00fcnf Tagen Haft verurteilt. Als ich herausgekommen bin, war ich erstaunt, dass die Proteste auch zu Streiks gef\u00fchrt haben. Vor dem Geb\u00e4ude warteten Taxis, die Freigelassene kostenlos bef\u00f6rdert haben. Ich bin dann in ein Krankenhaus gefahren, um meine Verletzungen zu dokumentieren. Was ich dort gesehen habe, werde ich nicht so schnell vergessen: Junge Menschen mit Gesichtern, die schwarz angeschwollen waren, viele im Rollstuhl. Dort erfuhr ich, dass ich mit dem Gef\u00e4ngnis in Zhodino Gl\u00fcck gehabt hatte. Im Gef\u00e4ngnis in Minsk wurden den Leuten die Knochen gebrochen, viele wurden mit Schlagst\u00f6cken vergewaltigt. Einige, die dort im Gef\u00e4ngnis waren, haben das Tageslicht nie wieder gesehen.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">Erzielen die repressiven Ma\u00dfnahmen deiner Ansicht nach den gew\u00fcnschten Effekt? Lassen sich die Menschen einsch\u00fcchtern?<\/span><\/p>\n<p>Die Gewalt hat die Proteste weiter befeuert. In Fabriken kam es zu Widerstand und die spontane Bewegung \u00bbFrauen in Wei\u00df\u00ab hat sich gegr\u00fcndet, die \u00bbKetten der Solidarit\u00e4t\u00ab an den Stra\u00dfen organisiert. Viele fr\u00fchere Anh\u00e4nger*innen von Lukaschenko haben sich aufgrund der Gewalt vom Regime distanziert.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">Hat sich im Laufe der Zeit etwas an den Protesten und ihrer Zusammensetzung ver\u00e4ndert?<\/span><\/p>\n<p>Seit den 1990er Jahren hat sich jetzt erstmals die Arbeiter*innenklasse wieder zu Wort gemeldet. W\u00e4hrend der Protest anfangs eher abstrakt war, f\u00fchrte der Terror dazu, dass die Industriearbeiter*innen zu einem Motor des Protests geworden sind. Dazu kommen auch Gruppen, die bisher als \u00bbR\u00fcckgrat des Regimes\u00ab gegolten haben. Viele der Streik-Komitees wurden aber zerschlagen, und jetzt herrscht ein Gef\u00e4ngnisregime in den Fabriken. Trotzdem geht der Widerstand weiter. Hervorheben m\u00f6chte ich einen Helden dieser Tage: Der Minenarbeiter Yuri Korzun hat sich in einer Tiefe von 300 Metern angekettet und wird erst wieder herauskommen, wenn Lukaschenko zur\u00fcckgetreten ist. Was die offiziellen Gewerkschaften angeht, so verteidigen sie nicht die Arbeiter*innen, sondern die Unternehmen. Unabh\u00e4ngige Gewerkschaften sind sehr schwach, eine Folge ihrer Einschr\u00e4nkung. Jetzt unterst\u00fctzen sie den Kampf gegen die Diktatur.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">In den westlichen Medien werden die Proteste als liberales Ph\u00e4nomen dargestellt, w\u00e4hrend das Regime von Lukaschenko teilweise als kommunistisch beschrieben wird. Wie w\u00fcrdest du die Stellung der linken Opposition beschreiben?<\/span><\/p>\n<p>Entgegen der Berichterstattung haben Personen wie die Kandidatin Svetlana Tikhanovskaya kaum Einfluss. Der Protest ist dezentral und selbstorganisiert. Menschen unterschiedlicher politischer Meinung, auch Unpolitische, beteiligen sich. Sie fordern lediglich Neuwahlen und ein Ende des Autoritarismus. Das Regime l\u00e4sst sich kaum als \u00bbkommunistisch\u00ab einstufen, nachdem es s\u00e4mtliche soziale und demokratische Rechte zerst\u00f6rt hat. Lukaschenko hat bereits 1996 das Parlament ausgeschaltet, dem eine gro\u00dfe kommunistische Fraktion angeh\u00f6rte und hat im Prinzip das gleiche wie Jelzin in Russland gemacht. Nur ohne Panzer, daf\u00fcr aber mit der Festnahme und Ermordung politischer Gegner*innen. Dabei setzt er auf eine gewisse Sowjet-Nostalgie, um \u00e4ltere W\u00e4hler*innen zu halten. Unsere Partei wurde damals durch ein Man\u00f6ver von Lukaschenko gespalten, der sp\u00e4ter die Gr\u00fcndung einer regimetreuen KP veranlasste. Diese unterst\u00fctzt das Regime und fungiert als dessen Propaganda-Instrument. Aus diesen Gr\u00fcnden hat sich meine Partei zur Linkspartei \u00bbGerechte Welt\u00ab umbenannt.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">Wie steht deine Partei zur Verwendung der wei\u00df-rot-wei\u00dfen Flagge bei den Protesten? Ist das nicht auch ein Ankn\u00fcpfen an die b\u00fcrgerliche Opposition zu Zeiten des realen Sozialismus und an die Zeit der Nazi-Besatzung?<\/span><\/p>\n<p>Die wei\u00df-rot-wei\u00dfe Fahne wird oft als Symbol des Nationalismus, Antikommunismus, fast schon als faschistisch angesehen. Historisch gesehen, war die Flagge 1917 ein sozialdemokratisches Symbol. Aber es gibt auch eine dunkle Seite: Diese Fahne wurde vom NS-System genutzt und war direkt nach dem Ende der UdSSR Staatsflagge. Seit Mitte der 90er Jahre gilt sie eher als liberales und nationales Symbol. Ich lehne eine \u00c4nderung der Staatssymbole jedenfalls ab und werde so eine Fahne niemals tragen. Aber ich bin auch froh, dass sich die Bedeutung dieser Farben ver\u00e4ndert hat und dass sie jetzt auch ein Symbol der Demokratie und des zivilen Ungehorsams sind.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">Steuert Belarus, sofern die Proteste erfolgreich sind, auf eine neue Republik zu? Welche Perspektiven k\u00f6nnten sich dabei f\u00fcr das Spannungsverh\u00e4ltnis zwischen Russland und der EU ergeben?<\/span><\/p>\n<p>Die Proteste haben keinen geopolitischen Charakter. Auf den Demos gibt es weder anti- noch pro-russische Slogans. Dasselbe trifft auch f\u00fcr die EU zu. Es stimmt aber, dass man sich mit den Protesten in Sibirien solidarisiert hat. Die Menschen in Wei\u00dfrussland und Russland haben gemeinsam gegen den Faschismus gek\u00e4mpft, und jetzt k\u00e4mpfen sie gemeinsam gegen bonapartistische Diktaturen, das ist sehr inspirierend. Im Falle eines Sieges der Proteste w\u00e4re ein neutraler Status f\u00fcr Belarus die beste L\u00f6sung, die Neutralit\u00e4t ist bereits in der Verfassung angelegt.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">Wie k\u00f6nnen die Europ\u00e4ische Linke und die fortschrittlichen Parteien in der EU euren Kampf unterst\u00fctzen?<\/span><\/p>\n<p>Liebe Genoss*innen, ihr habt mit euren Solidarit\u00e4tserkl\u00e4rungen bereits viel getan. Die \u00bblinken\u00ab Unter st\u00fctzer:in nen des Regimes sch\u00e4digen die linke Opposition enorm. Die Leute protestieren gegen die Repression, gegen Mord und Wahlf\u00e4lschung, und manche \u00bblinke\u00ab Partei \u00fcbt dann Kritik daran. Das diskreditiert doch die Linke in den Augen der gesamten Bev\u00f6lkerung. Der Antikommunismus beginnt immer auch damit, wenn die Linke rebellierende Arbeiter*innen verr\u00e4t, daf\u00fcr gibt es viele historische Beispiele. Erz\u00e4hlt euren Freund*innen und Genoss*innen, was in unserem Land passiert. Ich danke euch jedenfalls f\u00fcr eure Solidarit\u00e4t!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>The interview was conducted by Daniel Schukovits for the Austrian left-wing magazine Volksstimme. Upcoming: Analysis of the positions of left-wing parties on the protests in Belarus. Soon to be available on the website of transform! europe. Could you tell us a bit about yourself? 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