{"id":23660,"date":"2020-12-17T09:52:04","date_gmt":"2020-12-17T08:52:04","guid":{"rendered":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/blog\/unkategorisiert\/hinterm-polarkreis-links\/"},"modified":"2023-09-27T16:11:22","modified_gmt":"2023-09-27T14:11:22","slug":"hinterm-polarkreis-links","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/blog\/article\/hinterm-polarkreis-links\/","title":{"rendered":"Hinterm Polarkreis Links"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-weight: bold; \">Am 1. Mai habt ihr 2017 die <span style=\"font-style: italic;\">S\u00f3s\u00edalistaflokkur \u00cdslands<\/span>, die Sozialistische Partei Islands, gegr\u00fcndet. Die Stadtratswahlen in Reykjavik waren die ersten Wahlen, an denen ihr euch beteiligt habt. Auf Anhieb habt ihr \u00fcber sechs Prozent und damit ein Mandat erreicht. Kannst du mir \u00fcber eure bisherigen Erfahrungen berichten?<\/span><\/p>\n<p>Unser Wahlkampf basierte darauf, dass wir die Erfahrungen derjenigen erz\u00e4hlt haben, die in unserer Gesellschaft am schlimmsten dran sind. Unsere Liste bestand aus Leuten, die selbst Armut erfahren haben, aus Working Poor, Migrant_innen, Menschen mit Behinderungen, Pensionist_innen und Mieter_innen. Meine bisherige Erfahrung hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, Menschen zu inkludieren, die die Auswirkungen dessen, was auf der politischen Ebene beschlossen wird, auch tats\u00e4chlich erfahren.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold; \">Kannst du das an einem konkreten Beispiel erkl\u00e4ren?<\/span><\/p>\n<p>Im Stadtparlament treffen wir zum Beispiel Entscheidungen \u00fcber den st\u00e4dtischen Wohnbau. Es reicht nicht, dass Menschen, die selbst die Erfahrung der Obdachlosigkeit gemacht haben, oder jene, die auf dem Markt nur schwer eine Wohnung finden k\u00f6nnen, in kleinem Rahmen ein bisschen mitreden d\u00fcrfen. Nein, sie sollten diejenigen sein, die von Anfang an diese Politik bestimmen.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold; \">Wie hat dich deine eigene Lebenserfahrung gepr\u00e4gt?&nbsp;<\/span><\/p>\n<p>Ich wurde von einer alleinerziehenden Mutter gro\u00dfgezogen, die sowohl einen Ganztags-, als auch einen Halbtagsjob hatte \u2013 einer davon war eine schlechtbezahlte Stelle in einem st\u00e4dtischen Kindergarten in Reykjavik. Manchmal denke ich, ich bin immer noch das kleine M\u00e4dchen, das mit seiner Mutter M\u00fcnzen sucht, damit wir etwas Geld haben, um uns Essen zu kaufen. Vor ungef\u00e4hr vier Jahren habe ich erstmals \u00f6ffentlich \u00fcber meine Erfahrung des Aufwachsens in Armut und die bis heute anhaltenden Auswirkungen davon gesprochen, und von da an traf ich immer mehr Leute, die an einer Ver\u00e4nderung der Gesellschaft arbeiten.&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold; \">Als ich 2019 das letzte Mal Reykjavik besuchte, bemerkte ich sehr viele Baustellen. In Wien haben wir das Problem, dass ein gro\u00dfer Teil der Baut\u00e4tigkeit von Investoren und deren Interessen gepr\u00e4gt wird. Leistbares und lebenswertes Wohnen f\u00fcr die breiten Massen hat keine Priorit\u00e4t. Habt ihr eine \u00e4hnliche Situation?&nbsp;<\/span><\/p>\n<p>Ja, wir kennen dieses Problem hier auch. Die Priorit\u00e4tensetzung zugunsten der Elite hat dazu gef\u00fchrt, dass wir jede Menge Wohnungseigentum haben, das sich niemand leisten kann. Wir haben Geb\u00e4ude mit Luxuswohnungen, die nun schon lange Zeit leer stehen. Gleichzeitig haben wir eine Menge Leute auf Wartelisten f\u00fcr leistbaren Wohnraum. Wof\u00fcr ich mich einsetze ist, dass niemand lange auf Wartelisten steht \u2013 aktuell betr\u00e4gt die Wartezeit f\u00fcr eine Sozialwohnung in Reykjavik drei Jahre.&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold; \">Die Stadtregierung in Reykjav\u00edk besteht aus Sozialdemokrat_innen, der Gr\u00fcn-Linken Partei, den Pirat_innen und den Liberalen. F\u00fcr \u00f6sterreichische Verh\u00e4ltnisse wirkt das bereits wie eine ziemlich linke Stadtregierung. Ist links davon \u00fcberhaupt noch Platz?&nbsp;<\/span><\/p>\n<p>Schaut man sich aber die politische Entwicklung in Island n\u00e4her an, erkennt man, dass die Vertreter_innen dieser Parteien sich leider immer weiter von ihren Wurzeln entfernt haben. Die politischen Parteien vertreten nicht mehr diejenigen, die sie zu vertreten h\u00e4tten. Im nationalen Parlament regiert die Links-Gr\u00fcne Partei gemeinsam mit der Unabh\u00e4ngigkeitspartei, und viele Menschen waren sehr entt\u00e4uscht, dass eine sogenannte linke Partei mit einer dem rechten Fl\u00fcgel zuzuordnenden Partei zusammenarbeiten kann.&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold; \">Das finde ich interessant: Auch in \u00d6sterreich haben wir eine Regierung, in der die Gr\u00fcnen als Koalitionspartner f\u00fcr eine konservative, rechte Partei herhalten. Wie \u00e4u\u00dfert sich dieses Zusammenspiel dieser vermeintlich gegens\u00e4tzlichen politischen Pole?<\/span><\/p>\n<p>Viele Menschen f\u00fchlen sich von der links-gr\u00fcnen Partei betrogen. Die konservative Unabh\u00e4ngigkeitspartei hat die sozialstaatlichen Errungenschaften immer bek\u00e4mpft. Wir k\u00f6nnen momentan dabei zusehen, wie eine einstmals linke Partei aufgegeben hat, wof\u00fcr sie einst stand. Wir sehen, dass diejenigen, die man wirtschaftlich und sozial im Stich gelassen hat, noch immer im Stich l\u00e4sst. Ich setzte einmal gro\u00dfe Hoffnungen darauf, dass eine linke Partei in der Regierung bedeuten w\u00fcrde, dass wir eine humanere Gesetzgebung gegen\u00fcber jenen haben w\u00fcrden, die Asyl und internationalen Schutz suchen. Stattdessen sind wir Zeug_innen geworden, wie Menschen mitten in der Nacht von der Polizei verschleppt und au\u00dfer Landes gebracht wurden, darunter auch schwangere Frauen.&nbsp;<\/p>\n<p>Anstatt die Bosse und Unternehmen anzugreifen, die die Arbeitenden ausbeuten, funktioniert die Regierung so, dass sie jene Menschen, die Hilfe suchen und wirklich schwierigen Situationen entflohen sind, ins Visier nehmen. W\u00e4hrend der linke Part unserer amtierenden Regierung sich verbal gegen Rassismus und Xenophobie stark macht, unterst\u00fctzt er gleichzeitig Ma\u00dfnahmen, die ungerecht sind. Man kann sagen, dass bei ihnen Worte und Taten auseinanderklaffen.&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold; \">Schon seit einigen Jahren f\u00fchrt Island Rankings wie den Weltfriedensindex oder den Global Gender Gap Report an. Lass mich eine provokante Frage stellen: Braucht es in Island noch eine sozialistische Partei?<\/span><\/p>\n<p>Das ist eine interessante Frage, die ich gerne sehr pers\u00f6nlich beantworte. Ich wurde, wie bereits erw\u00e4hnt, von einer alleinerziehenden Mutter gro\u00dfgezogen, die einen Vollzeitjob in einem Kindergarten hatte, au\u00dferdem hatte sie einen Teilzeitjob als Putzfrau. Obwohl wir das Geld, das sie verdiente, nur f\u00fcr unsere Grundbed\u00fcrfnisse ausgaben, hatten wir nie genug f\u00fcr den ganzen Monat.&nbsp;<\/p>\n<p>Island wird oft als eine Art Gleichberechtigungsparadies gesehen, in dem es Frauen besonders gut h\u00e4tten. Aber das entspricht \u00fcberhaupt nicht den Tatsachen. Wie ich es sehe, haben wir uns die ganze Zeit \u00fcber auf den Mittelklassefeminismus konzentriert, das hei\u00dft darauf, dass wir mehr Frauen in gut bezahlte Spitzenpositionen bringen und dort ihre Sichtbarkeit erh\u00f6hen. Mit der Zeit bemerkte ich, dass der Mainstream-Feminismus in Island nicht die Befreiung aller Frauen und marginalisierten Menschen aus Unterdr\u00fcckungsverh\u00e4ltnissen zum Ziel hat. Ich sah, dass er haupts\u00e4chlich die Bed\u00fcrfnisse wei\u00dfer Frauen der Mittelklasse, die in Island geboren und aufgewachsen waren, bediente. Also von Frauen, die einen ziemlich guten finanziellen Status genie\u00dfen und die es nicht n\u00f6tig haben, \u00fcber Dinge nachzudenken, wie man die Kinder satt bekommt oder wie man mit den \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln zum zweiten Job kommt. Das sagt eine, deren Mutter heute nach einem Burn-out eine Berufsunf\u00e4higkeitspension bezieht.&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold; \">Besch\u00e4ftigt dich diese Ungleichheit auch bei deiner T\u00e4tigkeit als Stadtr\u00e4tin?<\/span><\/p>\n<p>Ja, nat\u00fcrlich. W\u00e4hrend wir in unserer Arbeit in der Stadtverwaltung mit anderen Stadtr\u00e4t_innen diskutierten, war ich sehr erstaunt dar\u00fcber, dass diese nicht zu sehen scheinen, dass sie Frauen ein Gehalt zahlen, das nicht einmal zur Deckung der Grundbed\u00fcrfnisse ausreicht. J\u00fcngst konnten die Gewerkschafter_innen der Gruppe <span style=\"font-style: italic;\">Efling <\/span>einen Sieg erringen. Nach einem Streik wurden die niedrigsten L\u00f6hne in einigen Bereichen der Stadtverwaltung, etwa bei den Kinderg\u00e4rten, erh\u00f6ht. Es zeigt uns die Bedeutung von Einheit und Solidarit\u00e4t.&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold; \">Danke f\u00fcr das Gespr\u00e4ch und viel Erfolg f\u00fcr die Parlamentswahlen im n\u00e4chsten Jahr.<\/span><\/p>\n<div style=\"text-align: justify; \">\n<p><span style=\"color: rgb(255, 0, 0); font-weight: 700; \">Urspr\u00fcnglich auf der <a href=\"http:\/\/volksstimme.at\/index.php\/blog\/item\/424-linkes-island-hinterm-polarkreis-links.html \" class=\"external-link-new-window\" title=\"Opens internal link in current window\">Website <\/a><\/span><b style=\"color: rgb(255, 0, 0);\"><a href=\"http:\/\/volksstimme.at\/index.php\/blog\/item\/424-linkes-island-hinterm-polarkreis-links.html \" class=\"external-link-new-window\" title=\"Opens internal link in current window\">Volksstimme<\/a>&nbsp;<\/b><span style=\"color: rgb(255, 0, 0); font-weight: 700; \">ver\u00f6ffentlicht<\/span><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei unaussprechlichen Vulkanen und brachialen Fu\u00dfball-Fanges\u00e4ngen denken viele an Island. Weniger bekannt ist, dass im 350.000 Einwohner-Staat eine neu gegr\u00fcndete sozialistische Partei f\u00fcr einiges an Furore sorgt. Klemens Herzog sprach mit der Reykjav\u00edker Stadtr\u00e4tin Sanna Magdalena M\u00f6rtud\u00f3ttir \u00fcber das linke Potential am Polarkreis.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":14079,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[61,2451],"tags":[],"class_list":["post-23660","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-article","category-interview","topic-iceland"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23660","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=23660"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23660\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":27799,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23660\/revisions\/27799"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/14079"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=23660"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=23660"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=23660"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}