{"id":23663,"date":"2021-03-02T19:41:56","date_gmt":"2021-03-02T18:41:56","guid":{"rendered":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/blog\/unkategorisiert\/wer-war-rosa-luxemburg\/"},"modified":"2023-09-27T16:11:23","modified_gmt":"2023-09-27T14:11:23","slug":"wer-war-rosa-luxemburg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/blog\/article\/wer-war-rosa-luxemburg\/","title":{"rendered":"Wer war Rosa Luxemburg?"},"content":{"rendered":"<p> W\u00e4hrend in den Forschungen zu Marx, Engels oder Lenin immer auch das famili\u00e4re Umfeld eine gro\u00dfe Rolle spielte, kennen wir eigentlich die Familie Luxemburg (genauer Luxenburg) erst seit einer unl\u00e4ngst ver\u00f6ffentlichten Darstellung von Holger Politt und Krzysztof Pilawski etwas genauer. Viele der einseitigen Zuschreibungen als Anbeterin der Spontaneit\u00e4t und Reformfeindin, oder eben als Revolutionsfeindin h\u00e4ngen zwar oft weniger mit ihr selbst zusammen, als mit den Interessen ihrer Kontrahent*innen. Aber es ist gerade die auch aus ihrer Herkunft erwachsende Vielschichtigkeit der Pers\u00f6nlichkeit Luxemburgs, die diesen Einseitigkeiten oder Verleumdungen eine Projektionsfl\u00e4che bot und bietet. Sie entsprach als selbstbestimmt lebende Frau, Intellektuelle, Lehrende und Propagandistin mit j\u00fcdischen Wurzeln so gar nicht dem noch weit in die zweite H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts eher kleinb\u00fcrgerlich-patriarchal gepr\u00e4gten Bild des sozialdemokratischen oder dann kommunistischen Funktion\u00e4rs. Noch weniger als bei anderen Gr\u00f6\u00dfen der Linken ist sie auf eine Losung reduzierbar \u2013 nicht auf die \u201eFreiheit der Andersdenkenden\u201c, nicht auf die Aussage, dass au\u00dfer der Revolution \u201ealles andere Quark\u201c sei. <\/p>\n<p>Rosa Luxemburg wurde am 5. M\u00e4rz 1871 in Zamo\u015b\u0107 im russisch besetzten Polen geboren. Sie entstammte einer traditionsreichen j\u00fcdischen H\u00e4ndler-Familie. Wie die meisten der heute als Klassiker betrachteten Pers\u00f6nlichkeiten war sie mit der Breite des von Aufkl\u00e4rung und Humanismus gepr\u00e4gten b\u00fcrgerlichen Bildungskanon bestens vertraut und lebte ihn auf eine ganz besondere Weise. Nach dem Umzug der Familie nach Warschau besuchte sie dort das Gymnasium. Im Jahr 1889 entschlie\u00dft sie sich, zum Studium nach Z\u00fcrich zu gehen. Dass sie aus Warschau aus politischen Gr\u00fcnden fl\u00fcchtete, ist inzwischen als einer der nicht wenigen Mythen um ihre Person erkannt. Dort lernte sie Leo Jogiches kennen, der f\u00fcr viele Jahre ihre Partner werden sollte und sie in die politische Arbeit einf\u00fchrte. 1893 wurde sie Mitbegr\u00fcnderin der Partei \u201eSozialdemokratie des K\u00f6nigreiches Polen\u201c (SDKP). Bevor sie 1898 nach Deutschland \u00fcbersiedelte, promovierte sie 1897 zur wirtschaftlichen Entwicklung Polens. Ihre theoretischen und politischen Positionen wurden von den Erfahrungen dieser Jahre in Z\u00fcrich und den Auseinandersetzungen um den Weg der polnischen Sozialdemokratie entscheidend gepr\u00e4gt. Allerdings sind bisher nur Bruchteile ihrer polnischsprachigen Schriften f\u00fcr Menschen, die dieser Sprache nicht m\u00e4chtig sind, erschlossen. F\u00fcr ein breiteres Publikum wird es erst in den n\u00e4chsten Jahren m\u00f6glich sein \u2013 auf der Grundlage der gerade entstehenden englischen Ausgaben ihrer Schriften \u2013, sich mit diesem gro\u00dfen Teil ihres Werkes vertraut zu machen. In diesen Jahren formte sich nicht zuletzt auch ihr eigenes Parteiverst\u00e4ndnis und damit eng verbunden das zum Verh\u00e4ltnis von Demokratie und Diktatur. Die bisher bekannten fr\u00fchen Schriften setzen sich vor allem mit den blanquistischen Tendenzen der fr\u00fchen Sozialdemokratie auseinander, die f\u00fcr sich in Anspruch nahmen, f\u00fcr das Proletariat zu sprechen. Schon hier finden wir die Forderung der Einheit von Reform, Revolution und gemeinsamem Lernen von Masse und F\u00fchrung. Dieses Herangehen, urspr\u00fcnglich gegen die Blanquisten gerichtet, brachte sie aber auch schnell in Gegensatz zu der aufsteigenden revisionistischen Str\u00f6mung in der SPD, aber auch zu den organisationspolitischen Auffassungen Lenins. Innerparteiliche Demokratie war f\u00fcr sie ein hohes Gut, dass sie durch den leninschen Zentralismus wie auch durch die zunehmende Dominanz parlamentarischer Erw\u00e4gungen und Kompromisse in der SPD bedroht sah. Wenn die Massen nur noch als Objekt des F\u00fchrens betrachtet werden, muss die Sozialdemokratie scheitern. Durch die russische Revolution 1905\/1907 fand sie sich best\u00e4tigt. Nach deren Ausbruch ging sie illegal nach Warschau, wurde aber bald verhaftet und im Juni 1906 gegen Kaution freigelassen. Zur\u00fcck in Deutschland wurde sie 1907 Lehrerin an der Parteischule der SPD und arbeitete dort bis 1914. Aus den Erfahrungen dieser Revolution zog sie in Berlin Schlussfolgerungen f\u00fcr die deutsche ArbeiterInnenklasse und profilierte sich als F\u00fchrerin der linken Str\u00f6mung in der deutschen Sozialdemokratie. In Fragen der Rolle des Massenstreiks, parlamentarischer Taktik, der Milit\u00e4r- und Kolonialpolitik geriet sie zunehmend in Gegensatz zum Parteivorstand der SPD und Parteigr\u00f6\u00dfen wie August Bebel und Karl Kautsky. Diese Auseinandersetzungen f\u00fchrten sie neben ihrer Arbeit in der Parteischule wieder zu ihren akademischen Wurzeln \u2013 der marxschen Kritik der politischen \u00d6konomie. Anders als andere Theoretiker der II. Internationale behandelte sie Marx in marxscher Tradition, n\u00e4mlich kritisch. In ihren wirtschaftspolitischen Analysen Ende des 19. Jahrhunderts hatte sie sich bereits mit den imperialistischen Tendenzen der aktuellen Politik auseinandergesetzt. W\u00e4hrend ihrer T\u00e4tigkeit an der Parteischule stie\u00df sie auf die Schwierigkeit, diese Tendenzen schl\u00fcssig aus der marxschen Theorie zu erkl\u00e4ren. Ihre Auseinandersetzung mit der marxschen Reproduktionstheorie best\u00e4tigte, dass diese weiterzuentwickeln sei. Indem sie die Rolle der Kolonien und abh\u00e4ngigen, nicht-kapitalistischen Gebiete und Sektoren in ihrer Rolle f\u00fcr die Reproduktion des Kapitalverh\u00e4ltnisses in den Blick nahm, unterstrich sie die Bedeutung einer konsequent antimilitaristischen und antikolonialen Position der Sozialdemokratie. Ihre Sichtweise provozierte marxistische Theoretiker*innen wie z.B. Otto Bauer oder W.I. Lenin (auch wenn letzterer das nicht zugegeben hat), das Ganze der Reproduktion zu untersuchen und so die marxsche Kritik der politischen \u00d6konomie zu einer makro\u00f6konomischen Konzeption weiterzuentwickeln. Dieser Umstand machte, wenn auch nur f\u00fcr wenige Jahre, ihr \u00f6konomisches Hauptwerk \u201eDie Akkumulation des Kapitals\u201c zu der entscheidenden Grundlage f\u00fcr die Programmatik der jungen KPD. Das Werk hat unzweifelhaft Schw\u00e4chen und Fehler. In einem Punkt ist es allerdings unangreifbar \u2013 in der Ableitung der vielf\u00e4ltigen aggressiven Formen der Durchsetzung kapitalistischer Markt- und Eigentumsverh\u00e4ltnisse im globalen Ma\u00dfstab aus der Natur des Kapitalverh\u00e4ltnisses unter den Bedingungen des fr\u00fchen 20. Jahrhunderts. <\/p>\n<p>Diese Linien ihres Wirkens und Denkens haben bis heute ihre Bedeutung und ihre inspirierende Wirkung behalten. Organisationsfrage und Demokratie, best\u00e4ndiges Lernen mit und von den Massen, Internationalismus, konsequente Kapitalismuskritik, kompromissloser Antimilitarismus und ein selbstbestimmtes, kulturvolles eigenes Leben gehen bei Luxemburg eine Verbindung ein, die die Faszination und den Wert und die Lebensf\u00e4higkeit ihres Werkes ausmacht. <\/p>\n<p><b>Wir empfehlen zum Weiterlesen:<\/b><\/p>\n<p>&nbsp;&#8211; <a href=\"https:\/\/www.transform-network.net\/de\/blog\/article\/rosa-luxemburg-utopian-or-explorer\/\" class=\"external-link-new-window\" title=\"Opens internal link in current window\"><i>Walter Baier,<\/i> Rosa Luxemburg: Utopian or Explorer?<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;&#8211; <i><a href=\"https:\/\/www.transform-network.net\/de\/blog\/article\/rosa-luxemburgs-labour-movement-socialism\/\" class=\"external-link-new-window\" title=\"Opens internal link in current window\">Holger Politt<\/a><\/i><span class=\"external-link-new-window\">,<\/span><a href=\"https:\/\/www.transform-network.net\/de\/blog\/article\/rosa-luxemburgs-labour-movement-socialism\/\" class=\"external-link-new-window\" title=\"Opens internal link in current window\"> Rosa Luxemburgs Sozialismus der Arbeiterbewegung<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;&#8211; <i><a href=\"https:\/\/www.transform-network.net\/de\/blog\/article\/show-us-the-wonder-where-is-your-wonder\/\" class=\"external-link-new-window\" title=\"Opens internal link in current window\">Michael Brie<\/a><\/i><a href=\"https:\/\/www.transform-network.net\/de\/blog\/article\/show-us-the-wonder-where-is-your-wonder\/\" class=\"external-link-new-window\" title=\"Opens internal link in current window\">, Zeige uns das Wunder! Wo ist dein Wunder?<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;&#8211; <a href=\"https:\/\/www.transform-network.net\/de\/blog\/article\/on-rosa-luxemburg-the-most-recent-publications\/\" class=\"external-link-new-window\" title=\"Opens internal link in current window\">On Rosa Luxemburg. 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