{"id":23664,"date":"2021-03-01T09:11:00","date_gmt":"2021-03-01T08:11:00","guid":{"rendered":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/blog\/unkategorisiert\/ailbhe-smyth-wir-brauchen-eine-abtreibungsdebatte-auf-europaeischer-ebene-verknuepft-mit-einer-deba\/"},"modified":"2023-09-27T16:11:26","modified_gmt":"2023-09-27T14:11:26","slug":"ailbhe-smyth-wir-brauchen-eine-abtreibungsdebatte-auf-europaeischer-ebene-verknuepft-mit-einer-deba","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/blog\/article\/ailbhe-smyth-wir-brauchen-eine-abtreibungsdebatte-auf-europaeischer-ebene-verknuepft-mit-einer-deba\/","title":{"rendered":"Ailbhe Smyth: &#8220;Wir brauchen eine Abtreibungsdebatte auf europ\u00e4ischer Ebene, verkn\u00fcpft mit einer Debatte \u00fcber unsere Demokratie.&#8221;"},"content":{"rendered":"<p><b>Wie ist die irische Gesellschaft von einem Abtreibungsverbot zu einem Sieg f\u00fcr die Frauenrechte gelangt? Was l\u00e4sst sich aus dieser Erfahrung f\u00fcr die derzeitigen feministischen Proteste in Polen ableiten? Ma\u0142gorzata Kulbaczewska-Figat (Strajk.eu) spricht dar\u00fcber mit der feministischen Aktivistin Ailbhe Smyth, die in den erfolgreichen politischen Kampagnen f\u00fcr Frauen- und LGBT-Rechte in Irland eine zentrale Rolle gespielt hat.<\/b><\/p>\n<p><b><i>Ailbhe Smyth <\/i><\/b><i>ist Mitbegr\u00fcnderin der<\/i> Coalition to Repeal the 8th Amendment<i>, einer 2013 gegr\u00fcndeten zivilgesellschaftlichen Plattform f\u00fcr den Kampf f\u00fcr die Aufhebung des 1983 in der irischen Verfassung verankerten nahezu vollst\u00e4ndigen Abtreibungsverbots. Die Koalition wurde sp\u00e4ter zu einer der drei S\u00e4ulen der Initiative <\/i>Together for Yes<i>, die 2018 die Kampagne zum nationalen Referendum f\u00fcr die Aufhebung des achten Verfassungszusatzes und das Recht auf Abtreibung anf\u00fchrte. Bei diesem Referendum stimmte eine gro\u00dfe Mehrheit von 66 Prozent f\u00fcr die vorgeschlagene Verfassungs\u00e4nderung, wobei eine der h\u00f6chsten Wahlbeteiligungen in Irland \u00fcberhaupt erreicht wurde. Au\u00dferdem war Ailbhe auch 2015 ma\u00dfgeblich an der erfolgreichen Abstimmungskampagne f\u00fcr die Gleichstellung der Ehe lesbischer und schwuler Paare beteiligt. Als f\u00fchrende Akademikerin am University College Dublin hat Ailbhe die Frauenforschung mitbegr\u00fcndet. Sie hat zahlreiche Beitr\u00e4ge zu Feminismus, Politik und Kultur publiziert.<\/i><\/p>\n<p><b>Smyth war zu Gast im Webinar <span style=\"color: rgb(255, 0, 0); \"><i><a href=\"https:\/\/www.transform-network.net\/de\/kalender\/event\/our-bodies-our-choice-our-decisions\/\" class=\"external-link-new-window\" title=\"Opens internal link in current window\" style=\"color: rgb(255, 0, 0);\">Our Bodies \u2013 Our Choice \u2013 Our Decisions<\/a>&nbsp;<\/i><\/span>(4. M\u00e4rz 2021)<\/b><\/p>\n<p><b>Ma\u0142gorzata Kulbaczewska-Figat: Du bist nun schon seit fast 40 Jahren in der Frauenrechtsbewegung aktiv \u2026<\/b><\/p>\n<p><b>Ailbhe Smyth:<\/b> Ich bin seit Ende der 1970er-Jahre aktiv. F\u00fcr Frauen in Irland war das eine schwierige Zeit: Zum einen befanden wir uns in einer wirtschaftlichen Rezession und zum anderen erlebten wir seitens der Kirche einen Backlash, der sich gegen die fr\u00fchen Aktivit\u00e4ten der Frauenbefreiungsbewegung richtete. Zu dieser Zeit setzte sich die katholische Kirche f\u00fcr ein komplettes Abtreibungsverbot und die Aufnahme eines entsprechenden Zusatzes in die Verfassung ein. Tats\u00e4chlich zeigte diese Kampagne 1981 Erfolg \u2013 und meine erste Kampagne als Aktivistin richtete sich gegen diesen Verfassungszusatz. Es war also sehr, sehr schwierig!<\/p>\n<p>Irische Frauen hatten Ende der 1960er-Jahre gerade erst das Recht zum Sekundarschulbesuch erhalten. Meine Tochter kam in den 1970er-Jahren auf die Welt, und da ich mit ihrem Vater nicht verheiratet war, wurde sie automatisch als uneheliches Kind registriert. Das war ein gro\u00dfer Skandal und solange dieses Gesetz in Kraft war, h\u00e4tte meine Tochter im Falle meines Todes kein Anrecht auf eine Rente gehabt. <\/p>\n<p>Ich habe 1973 geheiratet. Die Universit\u00e4t, bei der ich angestellt war, teilte mir daraufhin mit, dass ich nicht mehr in Vollzeit arbeiten konnte. Die Vorschriften lie\u00dfen einfach nicht zu, dass verheiratete Frauen in staatlichen Institutionen arbeiteten. Gl\u00fccklicherweise trat im selben Jahr ein neues Gesetz in Kraft und dieses Verbot wurde aufgehoben. Bis Mitte der 1990er-Jahre war es untersagt, sich scheiden zu lassen, und nicht allzu lange vorher wurde der freie Zugang zu Verh\u00fctungsmitteln m\u00f6glich. Meine Ehe, die nach sechs Monaten zerbrach, wurde erst offiziell aufgel\u00f6st, als sich das Gesetz Mitte der 1990er-Jahre \u00e4nderte.<\/p>\n<p>Schwangerschaftsabbr\u00fcche \u2013 das d\u00fcrfen wir nicht vergessen \u2013 waren sogar schon vor der Einf\u00fchrung verfassungsrechtlicher Garantien f\u00fcr den Schutz des &quot;ungeborenen Lebens&quot; illegal. Darauf stand lebensl\u00e4ngliche Freiheitsstrafe.<\/p>\n<p><b>Wie auf Mord \u2026<\/b><\/p>\n<p>Ganz genau! Sowohl die Frau, die ihre Schwangerschaft beendete, als auch die medizinische Fachkraft, die ihr dabei half, konnten auf diese Weise bestraft werden! Und selbst nach der derzeitigen irischen Rechtslage, die freilich ungleich besser ist, gilt die Hilfe bei einer Abtreibung als Straftat \u2013 sofern nicht sehr eng gefasste gesetzliche Bedingungen erf\u00fcllt sind.<\/p>\n<p><b>Kommen wir noch einmal auf deine eigene Geschichte zur\u00fcck \u2013 da warst du also in den 1970er-Jahren alleinerziehend mit deiner Tochter und hast gleichzeitig an der Universit\u00e4t gearbeitet \u2026<\/b><\/p>\n<p>\u2026 als eine der wenigen Frauen, die nach der Geburt eines Kindes \u00fcberhaupt arbeiten gegangen sind. Ich musste das sogar meiner Tochter erkl\u00e4ren und ihr sagen, dass das gro\u00dfartig war, weil ich so Geld f\u00fcr uns verdienen konnte. Alleinerziehende M\u00fctter waren zu jener Zeit in der Gesellschaft schrecklich stigmatisiert. Und die brutale Wahrheit dar\u00fcber, wie unverheiratete schwangere M\u00e4dchen in von Nonnen geleitete Institutionen gesperrt und dort praktisch versklavt wurden, kam erst Jahre sp\u00e4ter ans Licht. Staat und Kirche gingen in dieser Sache Hand in Hand.<\/p>\n<p>Irland stand gerade erst am Anfang von Ver\u00e4nderungen. Wir traten der Europ\u00e4ischen Union bei. Unsere wirtschaftliche Situation, die in den vorangegangenen Jahrzehnten sehr schwierig gewesen war, verbesserte sich allm\u00e4hlich. Die irische Bev\u00f6lkerung begann, das Land nicht nur zum Arbeiten zu verlassen, sondern auch um in den Urlaub zu fahren, wo die Menschen mit eigenen Augen sehen konnten, wie anders das Leben anderswo war. Und wer nicht reiste, sah das im Fernsehen. <\/p>\n<p><b>1983 bekommt die Kirche, was sie will. Mit dem achten Zusatz zur irischen Verfassung wurden Ungeborene in ihrem Recht auf Leben genauso gesch\u00fctzt wie die Frau. Er wurde in einem Referendum mit einer Mehrheit von 67 Prozent der Stimmen angenommen. Das bedeutet, dass das Gesetz auch von zumindest einigen Frauen unterst\u00fctzt wurde \u2026<\/b><\/p>\n<p>Auch wenn in Irland erste Ver\u00e4nderungen in Gang kamen, war das Land doch immer noch durch und durch katholisch. Die Kirche hatte einen gro\u00dfen Einfluss auf Schulen und das Gesundheitswesen. F\u00fcr Tausende von Menschen galt sie nach wie vor als h\u00f6chste Autorit\u00e4t in Sexualit\u00e4tsfragen. Also ja, viele Frauen stimmten in diesem Referendum tats\u00e4chlich gegen das Recht auf Abtreibung. Trotzdem bin ich \u00fcberzeugt, dass ein solches Referendum, wenn es 20 Jahre fr\u00fcher stattgefunden h\u00e4tte, nicht nur mit 67 Prozent akzeptiert worden w\u00e4re, sondern mehr als 80 Prozent Ja-Stimmen erhalten h\u00e4tte. Die Tatsache, dass mehr als ein Drittel gegen die Kirche stimmte, war ein Beweis daf\u00fcr, dass in unserer Gesellschaft gro\u00dfe Ver\u00e4nderungen im Gange waren.<\/p>\n<p><b>Der achte Verfassungszusatz war fast 40 Jahre in Kraft. Er wurde 2018 mit einem Referendum abgeschafft.<\/b><\/p>\n<p>W\u00e4hrend dieses gesamten Zeitraums war die Frauenbefreiungsbewegung aktiv, sichtbar, k\u00e4mpferisch und siegreich. 1990 w\u00e4hlten wir mit Mary Robinson eine Frau, Anw\u00e4ltin und Bef\u00fcrworterin des Rechts auf Abtreibung und gleiche Rechte f\u00fcr die LGBT-Community zur Pr\u00e4sidentin der Republik. Diese beiden Bewegungen, Frauen und LGBT, wuchsen, k\u00e4mpften und reiften in Irland gemeinsam.<\/p>\n<p>1992 fand ein weiteres Referendum zur Abtreibungsfrage statt. Es wurde aus einem traurigen Anlass organisiert, einer menschlichen Trag\u00f6die: Ein 14-j\u00e4hriges M\u00e4dchen war von einem Freund der Familie vergewaltigt worden und wurde daran gehindert, f\u00fcr eine Abtreibung nach Gro\u00dfbritannien zu reisen. Letztlich reiste sie doch, erlitt aber eine Fehlgeburt. Im Referendum beantworteten wir drei Fragen: Sollte eine Frau das Recht auf Informationen \u00fcber die M\u00f6glichkeit einer Abtreibung im Ausland haben? Sollte es m\u00f6glich sein, frei zu reisen, wenn der Grund eine Abtreibung ist? Und stellt das Risiko, dass eine Frau Suizid begeht, eine Bedrohung f\u00fcr die Gesundheit der Mutter dar (und rechtfertigt damit einen Schwangerschaftsabbruch)? Und die Antwort lautete: Ja.<\/p>\n<p>Diese Ver\u00e4nderung hatte eine gro\u00dfe Bedeutung. Es wurde offiziell zugegeben, dass Abtreibungen existierten und trotz des Verbots durchgef\u00fchrt wurden.<\/p>\n<p><b>Gab es ein solches Bewusstsein davor nicht? Keinen Untergrund f\u00fcr Abtreibungen?<\/b><\/p>\n<p>Nicht wirklich. Vor langer Zeit, in den 1920er- und 1930er-Jahren, konnten Frauen in den Hinterzimmern von Gesch\u00e4ften oder Apotheken inoffiziell verschiedene &quot;Mittel&quot; kaufen, die eine Fehlgeburt ausl\u00f6sen sollten. 1967 trat das britische Abtreibungsgesetz in Kraft. In den 1970er-Jahren reisten Frauen, die ihre Schwangerschaft beenden wollten, dorthin. Das konnte nat\u00fcrlich nicht jede: Viele hatten kein Geld, keine M\u00f6glichkeit, ihre Kinder unterzubringen, w\u00e4hrend sie fort waren \u2026 So bekamen sie die Kinder und versuchten sie so gut wie m\u00f6glich gro\u00dfzuziehen. \u00dcber diesen Frauen liegt ein gro\u00dfes Schweigen, ein Schweigen, das niemals gef\u00fcllt werden kann.<\/p>\n<p>Und ein weiterer Faktor trug zum Umdenken bei: unser irischer Neoliberalismus. Den Menschen wurde Konsum immer wichtiger und sie wurden materialistischer. Der alte Glaube, dass Gott auf uns herabsieht und alles in der Hand h\u00e4lt, verschwand. Die Gesellschaft wurde s\u00e4kularisiert und gleichzeitig beging die Kirche eine Art Harakiri \u2013 eine ganze Reihe von Skandalen in Verbindung mit dem sexuellen Missbrauch von Kindern durch Priester kam ans Licht. Ein Priester nach dem anderen wurde blo\u00dfgestellt und immer neue kamen hinzu \u2026 Das war ein gro\u00dfer Schock. Die Kirche konnte ihre Autorit\u00e4t nicht mehr durchsetzen.<\/p>\n<p><b>In Polen ist es ebenfalls die Kirche, die Hand in Hand mit h\u00f6rigen Politiker*innen das gesetzliche Abtreibungsverbot durchsetzt. Im \u00f6ffentlichen Diskurs in Polen h\u00f6ren wir h\u00e4ufig Vergleiche zu Irland, die oft in Verbindung mit einer Hoffnung formuliert werden: Dort ist die Allmacht der katholischen Kirche letztlich kollabiert, also k\u00f6nnen wir das auch erreichen. Wir werden diesen Weg wiederholen und eine offene Gesellschaft aufbauen.<\/b><\/p>\n<p>Bei genauerer Betrachtung der Entwicklung der Frauenbewegungen in beiden L\u00e4ndern zeigen sich mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten. Wenn polnische Frauen auf die Stra\u00dfe gehen, k\u00e4mpfen sie f\u00fcr Rechte, die ihre M\u00fctter und Gro\u00dfm\u00fctter fr\u00fcher einmal hatten. Wir hingegen forderten ein Recht, das wir niemals zuvor gehabt haben. Die katholische Kirche in Polen hat mit ihrer aktuellen Position ein Vakuum ausgef\u00fcllt, das nach dem Niedergang des Realsozialismus entstanden war. Sie selbst steht nicht vor dem Niedergang, sondern konnte dieses Vakuum mit ihren eigenen Konzepten f\u00fcllen und kann nach wie vor auf gehorsame Verb\u00fcndete z\u00e4hlen: ultrarechte Politiker*innen.<\/p>\n<p><b>Der Kampf wird also f\u00fcr uns h\u00e4rter sein?<\/b><\/p>\n<p>Vielleicht, aber vielleicht auch nicht. Am wichtigsten ist es, nicht aufzugeben. Frauen d\u00fcrfen sich nicht von den Stra\u00dfen zur\u00fcckziehen. Sie m\u00fcssen anhaltend sichtbar bleiben und immer wieder wiederholen: Wir bleiben hier, bis ihr geht! Nur mit einer Massenbewegung ist es m\u00f6glich, wirklich etwas zu gewinnen. Das Europ\u00e4ische Parlament meldet sich zu Wort und sagt die richtigen Dinge, aber es hat keine wirkliche Macht. Die Europ\u00e4ische Kommission? Ist weder mutig noch wirklich an Fragen der Sexualit\u00e4t oder Gendergleichberechtigung interessiert.<\/p>\n<p>In Irland waren wir in den 2000er-Jahren als Gesellschaft \u00fcberzeugt: Wir m\u00fcssen den achten Verfassungszusatz abschaffen. Leider musste vor der Implementierung dieser Gesetzes\u00e4nderung eine weitere Trag\u00f6die geschehen \u2026<\/p>\n<p><b>2012 starb Savita Halappanavar mit 31 Jahren durch eine Blutvergiftung. H\u00e4tte man ihr nicht eine Abtreibung verweigert, w\u00e4re sie noch am Leben.<\/b><\/p>\n<p>Dieser Fall war ein Schock f\u00fcr Irland. Eine Frau, die gekommen war, um bei uns zu leben und zu arbeiten, und die in ihren Geburtsland Indien die M\u00f6glichkeit zur Beendigung ihrer Schwangerschaft gehabt h\u00e4tte, starb. Unsere Gesetze hatten sie umgebracht. Es war wirklich besch\u00e4mend.<\/p>\n<p>Zu dieser Zeit hatten wir in Irland gerade eine Kampagne f\u00fcr die gleichgeschlechtliche Ehe gestartet. Ich arbeitete bei dieser Kampagne mit und sagte dann: Wenn wir die gleichgeschlechtliche Ehe gewinnen, werden wir auch das Recht auf Abtreibung gewinnen. <\/p>\n<p><b>Das ist wahrscheinlich ein weiterer Unterschied zwischen Polen und Irland, wenn es einfacher war, die Rechte von LGBT-Personen einzufordern als Frauenrechte.<\/b><\/p>\n<p>Aber so war es! Mit ihrem Kampf f\u00fcr das Recht auf Eheschlie\u00dfung erkl\u00e4rten lesbische und schwule Paare gegen\u00fcber der heterosexuellen Mehrheit: Wir m\u00f6chten sein wie ihr! Lasst uns nicht anders sein! Wir k\u00e4mpften f\u00fcr etwas, das weithin akzeptiert war. Nicht legal, aber hyperlegal. Wir sprachen \u00fcber Liebe, die Notwendigkeit von Stabilit\u00e4t, Kinderversorgung, Sicherheit.<\/p>\n<p>Beim Kampf f\u00fcr das Recht auf Abtreibung ist die Situation anders. Da geht es nicht nur um sch\u00f6ne und angenehme Dinge, sondern auch um Dinge, \u00fcber die Menschen nicht gern nachdenken. M\u00e4nner meiden prinzipiell das Gespr\u00e4ch \u00fcber Abtreibung. Und Frauen \u2026 sie verstehen zwar, dass es vorkommt, dass jemand schwanger ist, aber das Kind nicht austragen kann oder m\u00f6chte \u2013 wollen aber auch nicht weiter dar\u00fcber nachdenken. Und dann gibt es da diesen ganzen Diskurs der Kirche: Abtreibung = Mord, Zerst\u00f6rung von Leben \u2026 Das Thema war auch f\u00fcr uns so schwierig, dass sogar einige der Aktivist*innen, die sich an der Kampagne im Vorfeld des Referendums beteiligten, das letztlich zur Abschaffung des achten Verfassungszusatzes f\u00fchrte, sagten: Ich bin f\u00fcr das Recht auf Abtreibung f\u00fcr alle, aber es gef\u00e4llt mir nicht! Wir mussten sehr vorsichtig sein und sorgf\u00e4ltig \u00fcber die Sprache nachdenken, die wir verwendeten. Das galt auch f\u00fcr den radikalen linken Fl\u00fcgel der Bewegung. Schlie\u00dflich ging es nicht darum, eine ideologische Debatte zu gewinnen oder mit denjenigen zu sprechen, die bereits \u00fcberzeugt waren, sondern um die Einleitung eines umfassenden gesellschaftlichen Wandels.<\/p>\n<p>Wir setzten bei unseren pers\u00f6nlichen Erfahrungen an und suchten nach dem, was uns verbinden konnte. Wir wiederholten immer wieder: Wir k\u00e4mpfen f\u00fcr alle, einige f\u00fcr ihre pers\u00f6nlichen Rechte, andere f\u00fcr unsere T\u00f6chter, Enkelinnen oder ganz einfach f\u00fcr Frauen, die m\u00f6glicherweise in Bedr\u00e4ngnis waren. Wir betonten: Abtreibung ist eine Sache der Gerechtigkeit und der Menschenrechte. Wir sagten: Wenn Frauen das Recht erhalten, Entscheidungen zu treffen, beweist der Staat, dass ihm Gleichberechtigung wichtig ist, zeigt aber auch, dass er ein menschlicher, anst\u00e4ndiger Staat sein m\u00f6chte. <\/p>\n<p><b>In Polen k\u00e4mpft die Kirche, auch wenn sie durch eine Reihe von Skandalen in Verruf geraten ist, gegen die Frauenbewegung und agiert verbal sehr aggressiv. War das in Irland auch so?<\/b><\/p>\n<p>Die Kirche k\u00e4mpfte in den 1980er-Jahren f\u00fcr das Abtreibungsverbot und startete dann vor dem Referendum von 1992 und auch 2002 entsprechende Kampagnen. 2018 gab sie auf. Die Bisch\u00f6fe \u00e4u\u00dferten sich nicht. Stattdessen gab es Anti-Abtreibungsorganisationen, die behaupteten, Abtreibungen seien einfach b\u00f6se. Die Kirche erkannte, dass die Menschen ihr nicht mehr zuh\u00f6rten, sondern eigene Entscheidungen trafen. Wie es auch mit Verh\u00fctungsmitteln ist, die ebenso als S\u00fcnde gelten und dennoch sowohl von irischen als auch von polnischen Frauen verwendet werden. 2018 hatte die Kirche in Irland ihren politischen Einfluss verloren. In Polen scheint sie noch eine politische Kraft zu sein. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass der Kampf der polnischen Frauen f\u00fcr ihre Rechte sehr lang werden muss. In Argentinien ist die Kirche nicht wie in Irland kollabiert, konnte aber dennoch die Einf\u00fchrung eines Gesetzes zur Legalisierung von Schwangerschaftsabbr\u00fcchen nicht aufhalten. Am wichtigsten ist, dass die Frauenbewegung nicht aufgibt, dass sie immer wieder auf die Stra\u00dfen geht, f\u00fcr neue Rechte eintritt und auch f\u00fcr jene, die schon gewonnen wurden. Diese Rechte sind nicht f\u00fcr immer gegeben und k\u00f6nnen widerrufen werden. <\/p>\n<p>Meiner Meinung nach weist der Kampf der polnischen Frauen eine weitere Dimension auf. Er ist eine Herausforderung f\u00fcr die extreme Rechte, eine rechte Regierung, deren Handlungen beobachtet werden und die Rechte in anderen L\u00e4ndern inspirieren. M\u00e4nner und Frauen, die deutlich machen, dass sie die rechte Vision nicht akzeptieren, stellen sich dem internationalen Erfolg dieser Vision in den Weg. Polnische Frauen verdienen internationale Solidarit\u00e4t, und eine Regierung, die einerseits ihren Demonstrationen mit brutaler Polizeigewalt begegnet und andererseits Orte toleriert, wo &#8216;LGBT-Personen nicht willkommen&#8217; sind, sollte verurteilt werden. Und wenn die Regierung die Stimmen von der Stra\u00dfe ignoriert, sollten Frauen entgegnen: Wir werden euer Gesetz ignorieren. Wir werden einen Weg finden, um uns \u00fcber eure Gesetze lustig zu machen. Wir werden auf jeder m\u00f6glichen Ebene k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p><b>Das geschieht bereits. Mit der Gruppe <i><a href=\"http:\/\/aborcyjnydreamteam.pl\/aborcja-musisz-wiedziec\/aborcja-domowa\/\" class=\"external-link-new-window\" title=\"Opens internal link in current window\">Abortion Dream Team<\/a><\/i>, in der Aktivist*innen Unterst\u00fctzung bei der Organisation von Auslandsreisen zur Durchf\u00fchrung von Schwangerschaftsabbr\u00fcchen leisten. Mit Gruppen, die bei der Beschaffung der erforderlichen Mittel f\u00fcr einen medikament\u00f6sen Schwangerschaftsabbruch helfen. Es scheint, als h\u00e4tten Frauen das Gef\u00fchl, dass uns nur unsere Selbstorganisation und Solidarit\u00e4t retten k\u00f6nnen, weil die Regierung nicht vorhat, in irgendeine Art von Dialog mit den Protestierenden zu treten, selbst nachdem Hunderttausende auf der Stra\u00dfe waren und sich in den Umfragen 70 Prozent auf die Seite der Frauen stellten.<\/b><\/p>\n<p>Und die Initiativen dieser Frauen sind wunderbar. Zur gleichen Zeit muss das Thema aber weiter laut angesprochen werden. Eine Abtreibungsdebatte auf europ\u00e4ischer Ebene sollte mit einer Debatte \u00fcber unsere Demokratie verkn\u00fcpft sein. Beim Recht auf die Beendigung von Schwangerschaften geht es darum, wer das Recht hat, das Leben von Frauen zu kontrollieren \u2013 ob eine Frau das Recht hat, selbst zu entscheiden, oder ob es bestimmte Gruppen gibt, die das Recht bekommen, sie zu kontrollieren. <\/p>\n<p>Der Kampf f\u00fcr Abtreibung ist kein Kampf f\u00fcr die Moral, ist doch die Kirche eine der unmoralischsten, amoralischsten und scheinheiligsten Institutionen \u00fcberhaupt. Bei diesem Kampf geht es um das Etablieren einer autorit\u00e4ren Gesellschaft.<\/p>\n<p><b>Hast du auch den Eindruck, dass die autorit\u00e4re Rechte von der Pandemie profitiert, w\u00e4hrend die Linke anhaltend in der Defensive ist? Es ist die Rechte, die sich gesellschaftliche \u00c4ngste zunutze macht, w\u00e4hrend die Linke bestenfalls sagt: &quot;Es ist Zeit, eine Alternative zum neoliberalen Kapitalismus zu entwickeln&quot; \u2013 wenn sie denn \u00fcberhaupt den Mut hat, die Anfechtung kapitalistischer Regeln zu fordern. Wir wagen nicht den Schritt von der Erfindung zur Umsetzung, w\u00e4hrend die Rechte neue Anh\u00e4nger*innen gewinnt.<\/b><\/p>\n<p>Ganz genau! In Irland haben ultrarechte Bewegungen bislang noch nicht sehr viele Mitglieder, gewinnen aber zunehmend neue Unterst\u00fctzung \u2013 die Pandemie und die Welle der Arbeitslosigkeit, die sie verursacht hat, haben dazu gef\u00fchrt, dass die Menschen \u00e4ngstlicher, deprimierter und f\u00fcr ihre Vorschl\u00e4ge offener geworden sind. Das ist einer der Gr\u00fcnde, warum ich derzeit am Aufbau von <i>Le Cheile<\/i> mitarbeite \u2013 einer von der Linken entwickelten Plattform, um die Fortschritte der extremen Rechten zu kontern. Allerdings ist mir bewusst, dass eine Blockade allein nicht ausreicht. Die Menschen m\u00fcssen unsere Konzepte und unsere Alternativen kennenlernen und erfahren, dass die Vorschl\u00e4ge der Rechten lebensferne Slogans sind, dass sie mit ihren extremistischen Ideen die Probleme der Menschen nicht l\u00f6sen werden und dass wir wissen, wie man Arbeitspl\u00e4tze rettet. Wir m\u00fcssen in der Linken intelligenter und entschlossener sein und wissen, wie wir mit Menschen, die unter einer Krise leiden, reden m\u00fcssen. Der Kampf f\u00fcr Frauenrechte ist mit diesem Kampf verwoben: Schlie\u00dflich zerst\u00f6rt die Krise ganze Sektoren, in denen Frauen und Jugendliche gearbeitet haben \u2013 den Einzelhandel, die Gastronomie und den Tourismus.<\/p>\n<p><b>Du hast in einem Interview einmal gesagt, dass du von einer Welt tr\u00e4umst, die auf wahrhaft gleichberechtigten Strukturen basiert, und dich voller Stolz als &quot;Aktivistin&quot; bezeichnest. Was ist der Schl\u00fcssel, damit unser \u2013 wenn ich mich diesem Traum anschlie\u00dfen darf \u2013 Aktivismus Fr\u00fcchte tr\u00e4gt?<\/b><\/p>\n<p>Es ist schwierig, daf\u00fcr allgemeing\u00fcltige Rezepte zu geben, und ich halte es sogar f\u00fcr ein bisschen kontraproduktiv, wenn ich aus dem Blickwinkel meiner irischen Erfahrungen k\u00e4mpfenden Frauen in Polen Ratschl\u00e4ge geben m\u00fcsste! Einiger Dinge bin ich mir jedoch sicher. Ich bin sehr tief in der feministischen Tradition verwurzelt, daher komme ich, aber ich finde, als Aktivist*innen d\u00fcrfen wir niemals globale Bedeutungen und Zusammenh\u00e4nge aus dem Blick verlieren. Denn es gibt immer viele Probleme zu l\u00f6sen, die nicht voneinander losgel\u00f6st existieren. In meinem Fall gibt es Dinge, f\u00fcr die wir in Irland k\u00e4mpfen m\u00fcssen \u2013 das betrifft die skandal\u00f6se Behandlung von Gefl\u00fcchteten, die auf die Insel kommen. Die vernachl\u00e4ssigte Wohnungsfrage. Die Situation \u00e4lterer Menschen \u2013 und hier spreche ich auch in meinem eigenen Namen \u2013, die in der Pandemie praktisch aufgegeben worden sind.<\/p>\n<p>Gleichzeitig muss man mit Menschen auch so sprechen, dass sie merken, dass das, was du sagst, authentisch ist und etwas mit deinem und ihrem Leben zu tun hat. W\u00e4hrend der Kampagne haben wir versucht, auf diese Weise zu kommunizieren: Was wirst du tun \u2013 haben wir die Unentschlossenen gefragt \u2013, wenn deine Tochter keinen Zugang zu einer Abtreibung hat? Wenn dein Enkel schwul ist und nicht heiraten darf? Wir haben die Menschen angeregt, \u00fcber sich selbst nachzudenken, und sie zum gegenseitigen Verst\u00e4ndnis und zur Solidarit\u00e4t mit anderen ermutigt.<\/p>\n<p>Aktivismus ist Arbeit an der Basis. Mit Menschen, auf der Stra\u00dfe. Soziale Medien sind gro\u00dfartig, aber letztlich sind sie auch nur wie ein Blatt Papier und ein Stift! Sie unterst\u00fctzen die Organisierung, am wichtigsten aber sind gro\u00dfe Massenbewegungen. Soziale Netzwerke k\u00f6nnen f\u00fcr uns ein Werkzeug sein, doch sind es die zum Parlament ziehenden Menschenmengen, die letztlich erreichen, dass Regierungen zittern und dem Willen der Menschen nachgeben. <\/p>\n<p><b>Glaubst du, dass wir diese gleichberechtigtere Welt erschaffen und den Planeten und uns selbst vor der Zerst\u00f6rung retten k\u00f6nnen?<\/b><\/p>\n<p>Ich wei\u00df es nicht. Aber es w\u00e4re feige und unverantwortlich, nicht daf\u00fcr zu k\u00e4mpfen. Ich wei\u00df, dass ich nicht jeden \u00fcberzeugen und das Leben aller Menschen ver\u00e4ndern kann \u2026 Aber f\u00fcr mich pers\u00f6nlich w\u00e4re es unm\u00f6glich, mich angesichts von Systemen und Strukturen, die zu Tod und Zerst\u00f6rung f\u00fchren, nicht dagegen zu positionieren. Mit ganzer Kraft. Zu viel steht auf dem Spiel.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold; color: rgb(255, 0, 0); \">Urspr\u00fcnglich <\/span><span style=\"font-weight: bold; color: rgb(255, 0, 0); \"><span style=\"font-weight: bold; color: rgb(255, 0, 0); \">ver\u00f6ffentlicht<\/span> auf der <a href=\"https:\/\/strajk.eu\/kobiety-nie-moga-skladac-broni-rozmowa\/\" class=\"external-link-new-window\" title=\"Opens internal link in current window\">Website Strajk.eu<\/a> (Polnisch). <br \/><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie ist die irische Gesellschaft von einem Abtreibungsverbot zu einem Sieg f\u00fcr die Frauenrechte gelangt? Was l\u00e4sst sich aus dieser Erfahrung f\u00fcr die derzeitigen feministischen Proteste in Polen ableiten? Ma\u0142gorzata Kulbaczewska-Figat (Strajk.eu) spricht dar\u00fcber mit der feministischen Aktivistin Ailbhe Smyth, die in den erfolgreichen politischen Kampagnen f\u00fcr Frauen- und LGBT-Rechte in Irland eine zentrale Rolle<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":19697,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[61,2458],"tags":[],"class_list":["post-23664","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-article","category-artikel","person-malgorzata-kulbaczewska-figat-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23664","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=23664"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23664\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":27803,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23664\/revisions\/27803"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/19697"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=23664"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=23664"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=23664"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}