{"id":23671,"date":"2021-03-29T07:23:27","date_gmt":"2021-03-29T05:23:27","guid":{"rendered":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/blog\/unkategorisiert\/im-kalten-licht-der-theorie\/"},"modified":"2023-09-27T16:11:28","modified_gmt":"2023-09-27T14:11:28","slug":"im-kalten-licht-der-theorie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/blog\/article\/im-kalten-licht-der-theorie\/","title":{"rendered":"Im kalten Licht der Theorie"},"content":{"rendered":"<p>Der durchschnittliche Universit\u00e4tsprofessor schreibt in seinem Leben wohl um die drei bis vier B\u00fccher und dazu viele Aufs\u00e4tze, weil er es muss. Der durchschnittliche Peer-reviewed-Aufsatz wird indes nach Sch\u00e4tzungen von weniger als zehn Personen gelesen. Von den j\u00e4hrlich 1,5 Millionen dieser Aufs\u00e4tze werden 82 Prozent aller geistes- und 32 Prozent aller sozialwissenschaftlichen nicht ein einziges Mal irgendwo zitiert.<\/p>\n<p>Ein durchschnittlicher Universit\u00e4tsprofessor ist der heute vor 85 Jahren in Esslingen geborene (West-)Berliner Philosophieprofessor Wolfgang Fritz Haug nie gewesen. Von 1967 bis heute hat er rund 30 B\u00fccher geschrieben. Seit 1959 gibt er Das Argument \u2013 Zeitschrift f\u00fcr Philosophie und Sozialwissenschaften heraus. 335 Hefte sind bis heute erschienen, in den meisten von ihnen hat Haug selbst oft bahnbrechende Aufs\u00e4tze geschrieben. Die gesammelten Werke des italienischen Marxisten Antonio Gramsci hat Haug editiert. Und seit 1994 gibt Haug das \u00abHistorisch-kritische W\u00f6rterbuch des Marxismus\u00bb (HKWM) heraus, ein gigantisches, beinahe megalomanisches Projekt, das, ohne gro\u00dfe Ressourcen, daf\u00fcr aber mit viel Idealismus und kollektiver Geistesmacht realisiert, weltweit seinesgleichen sucht, was auch der Grund ist, warum es in G\u00e4nze ins Chinesische \u00fcbersetzt wird.<\/p>\n<p>Haug ist von Haus aus Philosoph. Marx selbst vollzog den Schritt von der Philosophie zur politischen \u00d6konomie. Aber Haug ist auch Marxist. Wie geht das? Haug hat dar\u00fcber ein Buch geschrieben \u2013 \u00abEinf\u00fchrung in marxistisches Philosophieren\u00bb \u2013 und die Antwort auf die Frage \u00abIst es einfach, im Marxismus Philosoph zu sein?\u00bb selbst gegeben. Es geht. Mit der Erkenntnis, dass polit\u00f6konomisches Denken philosophisch sein muss, dialektisch.<\/p>\n<p>In grauer Vorzeit waren Theologie und Philosophie die K\u00f6nigswissenschaften. Irgendwann l\u00f6sten sich hiervon die Sozial- und Geisteswissenschaften ab. Sie fr\u00f6nen seither disziplin\u00e4rer Borniertheit: Der Soziologe kennt vielleicht die Gesellschaft, aber nicht Wirtschaft und Staat. Der Politikwissenschaftler den Staat, aber nicht Gesellschaft und Wirtschaft. Der Volkswirtschaftler kennt abstrakte Modelle, die so gut wie nichts mit der Wirklichkeit der Gesellschaft zu tun haben, und ignoriert dazu oft die konstitutive Rolle des Staates in der Wirtschaft. Haug dagegen betont im Argument noch die Einheit von Philosophie und Sozialwissenschaften. Auch in den eigenen Analysen vereint er holistisch alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Wenn es heute noch Universalgelehrte geben kann, dann kommt Haug diesem Status wenigstens nahe. Er ist ein Typ Intellektueller, der eigentlich unm\u00f6glich ist und in jedem Fall ausstirbt. Ein letzter seiner Art war wom\u00f6glich sein marxistischer Rivale Hans Heinz Holz.<\/p>\n<p>Haugs Marxismus ist ein lebendiger, beweglicher. Er selbst nennt ihn \u00abplural\u00bb. Manchen, die sich nie festlegen wollen, eklektisch denken und erratisch handeln, mochte Haug als strikt erscheinen. Sie verwechselten strikt mit stringent. \u00abSED-Haug\u00bb nennt Rudi Dutschke ihn in seinen Tageb\u00fcchern, blo\u00df weil Haug kein politischer Hei\u00dfsporn war. Andere wiederum witterten manchmal Verrat. Als im Argument die \u00abKrise des Marxismus\u00bb diskutiert wurde, fragten sie: \u00abKrise des Marxismus oder Krise des \u2039Arguments\u203a?\u00bb Haug ging unbeirrt seinen Weg. Manche, die seinen Marxismus von links kritisierten, zogen irgendwann rechts an ihm vorbei. Manche, die ihn von rechts kritisierten, waren oft intellektuell uninteressant. Er selbst balancierte im Argument zwischen Bewahrung und Weiterentwicklung des marxistischen Denk-Erbes. Neues nahm er auf, sah aber auch die Grenzen: etwa beim redaktionsinternen Streit um den Philosophen Jean-Luc Nancy. Auch hier lag er richtig.<\/p>\n<p>Ein solches Werk hervorzubringen, braucht es freilich viele Mitstreiter. Manche, auch dies geh\u00f6rt zur Geschichte, schieden aus dem Argument-Kosmos im Streit \u00fcber Mitbestimmungsrechte aus oder im \u00c4rger, weil sie im nachhinein bedauerten, dass die ehrenamtliche Mitarbeit im Argument ihre Wissenschaftskarriere verz\u00f6gert, vielleicht sogar verhindert habe. Zugleich d\u00fcrften auch sie nicht abstreiten, wieviel sie durch die Mitarbeit an der Zeitschrift und am HKWM gelernt haben. Tatsache ist: Wenn es \u00fcberhaupt eine sinnvolle Verwendung des Begriffspaars \u00abfordern und f\u00f6rdern\u00bb gibt, dann in Bezug auf Wolfgang Fritz Haug und seine Frau, die Soziologin Frigga Haug. Generationen von sozialistischen Intellektuellen wurden durch sie gepr\u00e4gt. Ihr weltweites Netzwerk von marxistischen Hochschullehrern, die am HKWM mitarbeiten, umfasst auch Dutzende, die selbst durch die Argument-Schule gingen. Hinzu kommen Tausende, die \u00fcber die Jahrzehnte hinweg Haugs \u00abKapital\u00bb-Schulungen teamten oder durchliefen, Tausende, die die \u00abVolks-Unis\u00bb besuchten, die Haug ab 1980 organisierte, und eine sicherlich dreistellige Zahl an Menschen, die in \u00abArgument\u00bb und HKWM marxistische Theorie und das Redaktionshandwerk lernte. Kein Wunder, dass es etwa im strategischen Apparat der Partei Die Linke und in der Rosa-Luxemburg-Stiftung heute viele gibt, die, wie Verfasser selbst, eine Argument-Vergangenheit haben \u2013 teilweise durchaus zu Haugs Leidwesen, weil ihm so, wie er sagt, immer wieder begabte und erfahrene Mitstreiter verlorengingen.<\/p>\n<p>Haugs Intellektuellenbiographie ist gekn\u00fcpft an die besondere Nachkriegsepisode, in der es m\u00f6glich war, dass Marxisten, die den Kapitalismus analysieren, um ihn leichter praktisch \u00fcberwinden zu k\u00f6nnen, an den Hochschulen des kapitalistischen Staates Professuren bekleideten. Das Verschwinden des Marxismus aus den deutschsprachigen Universit\u00e4ten um die Mitte der 2000er Jahre \u2013 freilich und zum Gl\u00fcck niemals ganz und gar \u2013 hat bei manchen j\u00fcngeren Linken, die ihren Marxismus unter gro\u00dfen Anstrengungen au\u00dferhalb der Uni lernen mussten, mitunter eine Haltung der revolution\u00e4ren Ungeduld und Theoriefeindlichkeit hervorgebracht. Die Dramatik der Krisen des Kapitalismus dr\u00e4ngt viele zur unmittelbaren politischen Praxis, die schwierigeren Bedingungen des finanziellen \u00dcberlebens zum unmittelbaren Output. Argument und HKWM m\u00f6gen ihnen als \u00fcberfl\u00fcssig aufwendige Geistesanstrengungen erscheinen, wo es doch darum geht, ganz praktisch eine sozialistische Bewegung aufzubauen.<\/p>\n<p>So verst\u00e4ndlich und sympathisch diese Haltung auch ist, sie untersch\u00e4tzt wohl die Bedeutung der Theorie f\u00fcr revolution\u00e4re Politpraxis. In der revolution\u00e4ren Arbeiterbewegung waren die Parteif\u00fchrer in der Regel nicht nur gute Praktiker, sondern auch Theoretiker, bzw. sie waren gute Praktiker, weil oder wenn sie auch gute Theoretiker waren. Denn wie ver\u00e4ndert man eine Welt, wenn man nicht wei\u00df, was sie im Innersten zusammenh\u00e4lt? Dabei r\u00fchren noch die identit\u00e4ren linken \u00abtalking points\u00bb aus analytischen Erkenntnissen, wie sie in Zeitschriften wie dem \u00abArgument\u00bb st\u00e4ndig erneuert hervorgebracht werden. Also: \u00abWie sollen wir ohne Theorie vorgehen (\u2026), ohne das kalte strahlende Licht der Theorie, die uns den Weg weist?\u00bb fragt in Tony Kushners Drama \u00abSlawen!\u00bb die Figur des \u00ab\u00e4ltesten lebenden Bolschewiken\u00bb. Die Antwort lautet: gar nicht. Aber zum Gl\u00fcck gibt es sie ja, die lebendige Theorie. Auch dank Wolfgang Fritz Haug.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold; color: rgb(255, 0, 0);\">Urspr\u00fcnglich auf der <a href=\"https:\/\/www.rosalux.de\/news\/id\/43997\/im-kalten-licht-der-theorie?cHash=380bbadff5c7d9aaa8ad4a8e2eacc443\" class=\"external-link-new-window\" title=\"Opens internal link in current window\">Website Rosa-Luxemburg-Stiftung<\/a> ver\u00f6ffentlicht<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum 85. Geburtstag von Wolfgang Fritz Haug.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":14289,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[61,2458],"tags":[],"class_list":["post-23671","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-article","category-artikel","person-ingar-solty-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23671","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=23671"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23671\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":27810,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23671\/revisions\/27810"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/14289"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=23671"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=23671"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=23671"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}