{"id":23678,"date":"2021-04-30T08:56:07","date_gmt":"2021-04-30T06:56:07","guid":{"rendered":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/blog\/unkategorisiert\/warum-uns-pensee-unique-in-die-irre-fuehren-wird\/"},"modified":"2023-10-10T12:32:42","modified_gmt":"2023-10-10T10:32:42","slug":"warum-uns-pensee-unique-in-die-irre-fuehren-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/blog\/artikel\/warum-uns-pensee-unique-in-die-irre-fuehren-wird\/","title":{"rendered":"Warum uns &#8220;Pens\u00e9e unique&#8221; in die Irre f\u00fchren wird"},"content":{"rendered":"<p><b>Neoliberale Anstrengungen einfach als marktradikal zu definieren ist irref\u00fchrend. Die dynamische und vielf\u00e4ltige Sph\u00e4re neoliberaler Akteur*innen sowohl weltweit als auch auf europ\u00e4ischer Ebene macht es erforderlich, dass wir uns bei der Betrachtung neoliberaler Netzwerke vor reduktionistischen Vereinfachungen h\u00fcten. Das gilt insbesondere vor dem Hintergrund aktueller Post-Corona-K\u00e4mpfe.<\/b><\/p>\n<p>Seit der globalen Finanzkrise von 2008 wird der Neoliberalismus wieder gern zu einem endg\u00fcltig gescheiterten Projekt erkl\u00e4rt (&#8220;Zombie-Ideen&#8221;) und die heutige Zeit dementsprechend als ein Interregnum zum Post-Neoliberalismus dargestellt. Weniger als ein Jahrzehnt nach der gro\u00dfen Krise des finanzialisierten globalen Kapitalismus und Neoliberalismus hat die Pandemie die wirtschaftliche Aktivit\u00e4t erneut zu einem Stillstand gebracht und in vielen L\u00e4ndern stehen die Sozialsysteme am Rande des Zusammenbruchs. Anders als die Finanzkrise vor zehn Jahren kann die jetzige Krise als Ergebnis eines externen Schocks betrachtet werden. Dennoch spiegeln die Auswirkungen des Virus auch den schlechten Zustand der \u00f6ffentlichen Gesundheitssysteme in vielen L\u00e4ndern wider, die durch jahrzehntelange Sparpolitik und die neoliberale Bevorzugung \u00f6konomischer Effizienz und Rentabilit\u00e4t Schaden genommen haben. Im Versagen der Gro\u00dfm\u00e4chte, der globalen Herausforderung der Pandemie durch eine koordinierte Impfstoffentwicklung und -verteilung zu begegnen, zeigt sich ein weiterer Nachteil der Wettbewerbsorientierung. Anstatt ihre Kr\u00e4fte zu b\u00fcndeln, um einer globalen Herausforderung unter dem Dach der Vereinten Nationen zu begegnen, treten f\u00fchrende L\u00e4nder und regionale Bl\u00f6cke in einen imperialistischen Impfwettstreit und verfallen in Gesundheitsnationalismen. In der Tat wird die neoliberale Transformation des sozialstaatlichen Kapitalismus zu Recht f\u00fcr die zunehmenden Probleme in Verbindung mit der Zerst\u00f6rung der Lebensumwelt, der wachsenden sozialen Ungleichheit und dem Verfall sozialer Infrastrukturen verantwortlich gemacht (Goldman 2005, Malm 2020, Patel und Moore 2017).<\/p>\n<p>Leider werden wir jedoch noch abwarten m\u00fcssen, wie sich die multiplen Krisen weiterentwickeln, um mit Sicherheit sagen zu k\u00f6nnen, ob wir tats\u00e4chlich von einer (terminalen) Krise des Neoliberalismus sprechen k\u00f6nnen. Wahrscheinlicher ist \u2013 und das nicht zum ersten Mal \u2013, dass wir Krisen im Neoliberalismus durchleben, anstatt den Neoliberalismus wirklich hinter uns zu lassen. Als Beispiel sei an die &#8220;Rosa Welle&#8221; linker Regierungen von Argentinien bis Bolivien in Lateinamerika w\u00e4hrend des Rohstoffbooms der 2000er-Jahre erinnert, auf die eine Wende hin zum autorit\u00e4ren Neoliberalismus folgte (Plehwe und Fischer 2019). Oder an die Behauptungen von &#8220;New Labour&#8221; in den sp\u00e4ten 1990er-Jahren in Europa, \u00fcber den Neoliberalismus hinauszugehen, um dann neoliberale Ans\u00e4tze nur noch tiefer in der Sph\u00e4re der Arbeitsmarktpolitik zu verankern (&#8220;Aktivierung&#8221;, Selbstst\u00e4ndigkeit zu Lasten von geringeren Leistungen f\u00fcr k\u00fcrzere Zeitr\u00e4ume).<\/p>\n<p>Um die Kontroversen und K\u00e4mpfe in der Folge der Coronapandemie zu verstehen, ist es wichtig, nicht in die Falle zu tappen und lediglich einen neoliberalen Strohmann anzugreifen, den Neoliberalismus also nicht f\u00e4lschlicherweise als Marktradikalismus und Anti-Etatismus darzustellen, was leicht widerlegt werden kann. Zwar geb\u00fchrt Pierre Bourdieu (1998) gro\u00dfe Anerkennung f\u00fcr seine Bem\u00fchungen im Kampf gegen die &#8220;neoliberale Invasion&#8221;, bei der Verteidigung des Sozialen und weil er die Aufmerksamkeit auf bedeutende neoliberale Autorit\u00e4ten gelenkt hat, doch muss seine Darstellung des Neoliberalismus als &#8220;Pens\u00e9e Unique&#8221;, das &#8220;Denken, das durch eine unsichtbare und omnipr\u00e4sente Meinungspolizei die Autorisierung erh\u00e4lt&#8221;, wie es Ignacio Ramonet formulierte (Ramonet 1995), als problematisch und m\u00f6glicherweise irref\u00fchrend betrachtet werden. Wie die neoliberale Behauptung der Alternativlosigkeit (TINA:\u00a0<i>There is no alternative<\/i>), der zufolge es zu Privatisierungen und einer auf den Markt ausgerichteten Politik keine Alternative g\u00e4be, war auch die Behauptung, es g\u00e4be nur eine Form des Neoliberalismus, f\u00fcr das Erkennen neoliberaler Parteien und Programme nicht hilfreich. Auch wenn ein neoliberaler Kern durchaus existiert, erweist sich der Marktradikalismus nicht als treffsichere Methode, um neoliberale Bem\u00fchungen zum Schutz von Eigentumsrechten und zur Sicherung von Marktbeziehungen zusammenzufassen, was die Kontrolle des Staates und die Bereitschaft erfordert, in vielen Bereichen der \u00f6ffentlichen Politik mit alternativen Ideologien zu konkurrieren. Verallgemeinerungen wie das\u00a0<i>Pens\u00e9e unique<\/i>\u00a0sind angesichts der vielf\u00e4ltigen Ans\u00e4tze neoliberaler Intellektueller schwer zu verteidigen und halten auch keiner historischen Bewertung stand. Ganz wie konkurrierende Ideologien wurde auch die Entwicklung des Neoliberalismus von der Vielfalt und Vielseitigkeit neoliberaler Akteur*innen und Beh\u00f6rden vorangetrieben. Eine Vereinfachung des Neoliberalismus macht es auch schwierig, den relativen Einfluss zu beurteilen, den neoliberale Ideen und gesellschaftliche Kr\u00e4fte sowohl national als auch international in verschiedenen Arenen wie der EU aus\u00fcben.<\/p>\n<p>Um die Entwicklungen infolge der massiven politischen Reaktionen auf die Coronapandemie zu beurteilen, lassen sich drei zuk\u00fcnftige idealtypische Szenarien unterscheiden: a) eine starke Gegenbewegung, der es wieder einmal gelingt, den Status quo angesichts einer Krise aufrechtzuerhalten, wie es die Sparpolitik 2.0 nach der globalen Finanzkrise gezeigt hat; b) eine selektive Abkehr von den Vorrechten des Austerit\u00e4tskapitalismus in spezifischen Politikbereichen wie der \u00f6ffentlichen Gesundheit und \u00f6ffentlichen Institutionen, zum Beispiel durch eine kontinuierliche Entwicklung einer etwas progressiveren europ\u00e4ischen \u00f6ffentlichen Finanzpolitik; c) eine Kombination aus progressiven Ver\u00e4nderungen und einem nachhaltigen Impuls von Initiativen f\u00fcr mehr soziale Gerechtigkeit und Solidarit\u00e4t mit den Menschen und der Natur innerhalb von Grenzen sowie grenz\u00fcberschreitend \u2013 die gro\u00dfe Transformation \u00fcber den Green Deal hinaus.<\/p>\n<p>Was die neoliberalen Kr\u00e4fte angeht, werden sie zu den wesentlichen Akteur*innen geh\u00f6ren, die versuchen, die Ergebnisse a) zu erzielen, und k\u00f6nnten \u00fcberraschenderweise auch h\u00e4ufig unter jenen zu finden sein, die Ergebnis b) gestalten, und ganz sicher werden sie zu den hartn\u00e4ckigsten und unersch\u00fctterlichen Gegner*innen von Ergebnis c) geh\u00f6ren. Die realtypischen Entwicklungen werden den idealtypischen keinesfalls gleich sein, sondern sich immer irgendwo dazwischen bewegen. Dennoch bieten Idealtypen eine Orientierung, um den Nutzen einzelner Reformen und Entwicklungen zu verstehen.<\/p>\n<p>Wie k\u00f6nnen wir den Neoliberalismus analysieren, um die Akteur*innen einzusch\u00e4tzen, die in politische Projekte involviert sind, und die Ergebnisse politischer Auseinandersetzungen zu beurteilen? Im Widerspruch zu jenen, die meinen, organisierte Neoliberale seien mit einer Verschw\u00f6rung gleichzusetzen, lassen sich Neoliberale ebenso wie jede andere gesellschaftliche Kraft untersuchen, und wahrscheinlich sogar noch besser im Hinblick auf ihre internationalen Dimensionen, neigen sie doch zu transnationaler Vernetzung wie beispielsweise in Zusammenschl\u00fcssen wie der\u00a0<i>Mont P\u00e9lerin Society<\/i>\u00a0(MPS) oder Think Tank-Netzwerken wie dem\u00a0<i>Atlas Economic Research Network<\/i>\u00a0(ersteres siehe Plehwe und Walpen 2006, Mirowski und Plehwe 2009, letzteres siehe Djelic und Mousavi 2020). Diese Netzwerke aus Intellektuellen, Organisationen \u2013 haupts\u00e4chlich, aber nicht ausschlie\u00dflich Think Tanks \u2013 und Ideen erm\u00f6glichen es Beobachter*innen, neoliberale Aktivit\u00e4ten und Konversationen in a) all den verschiedenen L\u00e4ndern und b) \u00fcber viele Politikbereiche hinweg zu verfolgen.<\/p>\n<p>Die folgende Abbildung zeigt die globale Verteilung der Mitglieder des\u00a0<i>Atlas Economic Research Network<\/i>. Es ist gut erkennbar, dass gro\u00dfe Anstrengungen unternommen wurden, zus\u00e4tzlich zum Kernland Europa und Vereinigte Staaten eine Pr\u00e4senz im globalen S\u00fcden zu entwickeln. Gleichzeitig wird aus den Zahlen deutlich, dass die Pr\u00e4senz neoliberaler Think Tanks in Lateinamerika deutlich h\u00f6her ist (f\u00fcr weitere Details vgl. Djelic und Mousavi 2020). Doch ist Atlas bei Weitem nicht der einzige neoliberale Akteur. Wie die Mitglieder der 1947 von Hayek und anderen gegr\u00fcndeten MPS k\u00f6nnen neoliberale Netzwerke herangezogen werden, um weitere neoliberale Intellektuelle zu identifizieren \u2013 so lassen sich Vorstand und Mitarbeiter*innen von Think Tanks im Hinblick auf ihre Verb\u00fcndeten und Freund*innen in Wissenschaft, Wirtschaft, Politik, Zivilgesellschaft und Medien untersuchen (siehe Plehwe, Walpen und Neunh\u00f6ffer 2006).<\/p>\n<div id=\"c1947\" class=\"frame frame-default frame-type-textmedia frame-layout-0\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"ce-textpic ce-left ce-intext ce-nowrap\">\n<div class=\"ce-gallery\" data-ce-columns=\"1\" data-ce-images=\"1\">\n<div class=\"ce-row\">\n<div class=\"ce-column\">\n<figure class=\"image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"image-embed-item\" src=\"https:\/\/www.transform-network.net\/fileadmin\/_processed_\/b\/3\/csm_global_reach_of_the_atlas_network_in_2015_307884abc1.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"301\" \/><\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"ce-bodytext\">\n<p>Eine gute M\u00f6glichkeit, mehr \u00fcber neoliberale Beurteilungen der europ\u00e4ischen Gesetzgebung zu erfahren, liefert das\u00a0<i>Centrum f\u00fcr Europ\u00e4ische Politik<\/i>\u00a0(CEP) in Freiburg, Deutschland. Der 2005 gegr\u00fcndete Think Tank ist zu einer wichtigen Ressource f\u00fcr die neoliberale europ\u00e4ische Politikgestaltung geworden. Expert*innen des CEP untersuchen die gesamte als relevant erachtete europ\u00e4ische Gesetzgebung in vielen Politikbereichen, um Agenden und Vorlagen aus einer normativen neoliberalen Perspektive zu bewerten. Zwischen 2006 und 2019 hat das CEP 676 Dokumente unterschiedlichster Arten und Inhalte ver\u00f6ffentlicht. Das folgende Diagramm zeigt die Verteilung von Grundsatzpapieren des CEP in verschiedenen Politikbereichen und die grobe Bewertung, die mit einem Ampelsystem ausgedr\u00fcckt wird, in dem Rot Ablehnung, Gr\u00fcn Bef\u00fcrwortung und Gelb sowohl \/ als auch bedeutet.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div id=\"c1948\" class=\"frame frame-default frame-type-textmedia frame-layout-0\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"ce-textpic ce-center ce-above\">\n<div class=\"ce-bodytext\">\n<p>Quelle: Djelic und Mousavi 2020, S. 261.<br \/>\nEine detailliertere Untersuchung ist online verf\u00fcgbar unter\u00a0<a href=\"http:\/\/hdl.handle.net\/10419\/215796\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hdl.handle.net\/10419\/215796<\/a>.<\/p>\n<p>Der verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gro\u00dfe Anteil von Rot und die erhebliche Menge an Gelb deuten auf ein ziemlich stark empfundenes Bed\u00fcrfnis seitens der Neoliberalen in der EU nach Diskussion und Einflussnahme hinsichtlich der Ausrichtung der europ\u00e4ischen Politikgestaltung hin. Die roten und gelben Markierungen, die einzelnen Gesetzesvorlagen zugeordnet sind, zeigen zuverl\u00e4ssig eine Politik an, die wahrscheinlich beim Mitte-Links-Fl\u00fcgel des politischen Spektrums beliebt ist.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div id=\"c1946\" class=\"frame frame-default frame-type-textmedia frame-layout-0\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"ce-textpic ce-left ce-intext ce-nowrap\">\n<div class=\"ce-gallery\" data-ce-columns=\"1\" data-ce-images=\"1\">\n<div class=\"ce-row\">\n<div class=\"ce-column\">\n<figure class=\"image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"image-embed-item\" src=\"https:\/\/www.transform-network.net\/fileadmin\/_processed_\/3\/e\/csm_cep_analyses_per_category_ef9d590cc4.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"449\" \/><\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"ce-bodytext\">\n<p>Freilich bedeutet die gro\u00dfe Anzahl roter Warnungen in einer neoliberalen Beurteilung nicht, dass die EU pl\u00f6tzlich zu einem progressiven Universum geworden ist. Die vielen gr\u00fcnen Markierungen zeigen die Unterst\u00fctzung f\u00fcr zahlreiche Rechtsvorschriften. Und vor allem sind viele linke Ziele auch daf\u00fcr bekannt, durch ihre Abwesenheit in der europ\u00e4ischen Gesetzgebungsagenda zu gl\u00e4nzen. Dennoch ist auff\u00e4llig, wie viele legislative Elemente der EU aus einer (in diesem Fall vorrangig deutschen) neoliberalen Perspektive fragw\u00fcrdig sind, wenn nicht gar abgelehnt werden.<\/p>\n<p>Die Betrachtung neoliberaler Netzwerke im Laufe der Zeit enth\u00fcllt Momente des Kampfes und der Krise. In den 1950er-Jahren waren neoliberale Universalist*innen (wie Ludwig Erhard und Wilhelm R\u00f6pke) gegen die europ\u00e4ische Integration, w\u00e4hrend neoliberale Konstitutionalist*innen (wie Hayek und Mestm\u00e4cker) die M\u00f6glichkeit erkannten, nationale Gesetzgeber an supranationale Wirtschaftsnormen zu binden (Slobodian 2018, Kapitel 6). In den fr\u00fchen 1960er-Jahren gerieten R\u00f6pke und seine Verb\u00fcndeten mit Hayek und seinen Freund*innen \u00fcber den Inhalt und Zweck der neoliberalen Organisation in Konflikt.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div id=\"c1949\" class=\"frame frame-default frame-type-textmedia frame-layout-0\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"ce-textpic ce-center ce-above\">\n<div class=\"ce-bodytext\">\n<p>Von Moritz Neujeffski.<br \/>\nQuelle: G\u00fcnaydin und Plehwe 2020.<br \/>\nEine detailliertere Analyse ist zu finden unter:\u00a0<a href=\"http:\/\/thinktanknetworkresearch.net\/blog_ttni_en\/the-neoliberal-legal-turn\/#_blank\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">The Neoliberal Legal Turn<\/a>.<\/p>\n<p>R\u00f6pke vertrat mit Entschiedenheit eine Version des konservativen Neoliberalismus und antikommunistischen politischen Aktivismus, w\u00e4hrend Hayek erkl\u00e4rte, warum er sich selbst nicht als Konservativen sah, und forderte, die Intellektuellen sollten sich doch auf akademische und ideologische K\u00e4mpfe konzentrieren und offene politische \u00c4u\u00dferungen im Gro\u00dfen und Ganzen unterlassen (Walpen 2004). In den 1980er-Jahren trennte sich Mises&#8217; Student Murray Rothbard von den MPS-Mitgliedern Koch und Crane am\u00a0<i>CATO Institute<\/i>\u00a0und gr\u00fcndete das\u00a0<i>Mises Institute<\/i>\u00a0in Auburn (USA). Rothbard warf dem neoliberalen Mainstream Elitismus und Mainstreaming vor und suchte nach einer radikalen Allianz im extremeren rechten Fl\u00fcgel. Nach einem Flirt mit der antimilitaristischen Linken in den 1960er- und 70er-Jahren wandte sich Rothbard den sogenannten Pal\u00e4okonservativen zu, die private Milizen und die Sezession unterst\u00fctzten, um ein B\u00fcndnis mit seiner eigenen Gruppe von Pal\u00e4oneoliberalen zu schmieden. Anders als die Neokonservativen positionierte sich das B\u00fcndnis auch weiterhin gegen milit\u00e4rischen Expansionismus. 1992 bezeichnete Rothbard diese Strategie als rechten Populismus (Rothbard 1992, vgl. Wassermann 2018). 2006 gr\u00fcndete Rothbards Sch\u00fcler Hans Hermann Hoppe nach dem Modell der MPS die\u00a0<i>Property and Freedom Society<\/i>, unter deren Schirmherrschaft sich\u00a0<i>Mises Institute<\/i>\u00a0weltweit ausbreiten konnten. Nach 2009 verzeichneten sowohl das\u00a0<i>Atlas Network<\/i>\u00a0als auch die\u00a0<i>Property and Freedom Group<\/i>\u00a0starken Zuwachs, was nahelegt, dass Neoliberale und ihre finanziellen Unterst\u00fctzer*innen w\u00e4hrend der globalen Finanzkrise ihren Kampf nicht aufgaben.<\/p>\n<p>Die Mises-Rothbard-Hoppe-Abspaltung hat den Begriff &#8220;pal\u00e4oliberal&#8221; wieder in die Debatte eingef\u00fchrt. Wurde er urspr\u00fcnglich von R\u00f6pke und R\u00fcstow abwertend verwendet, um die orthodoxen Ansichten von Mises und in einem geringeren Ma\u00dfe von Hayek anzugreifen, belegte ihn Rothbards Gr\u00fcndungspartner Lew Rockwell stolz mit einer Konnotation von Reinheit und einer Verpflichtung zu einer radikal antistaatlichen Perspektive, die sich bis in Bereiche wie Milit\u00e4r und Sicherheit zog. Innerhalb des neoliberalen Mainstreams l\u00e4sst sich ein rechtes Mosaik von Positionen erkennen, die unterschiedliche Traditionen und Denkkollektive widerspiegeln, darunter der Ordoliberalismus, die Public-Choice-Theorie der Virginia School, Monetarismus, Recht und \u00d6konomie der Chicago School, der internationale Ausblick der Genfer Schule, die in Kiel begr\u00fcndete neoliberale Wirtschaftsgeographie oder der j\u00fcngst beschriebene katholische Neoliberalismus der Navarra-Schule. Einige recht unvereinbare Str\u00f6mungen koexistieren manchmal friedlich, manchmal nicht. 2015 brach die deutsche\u00a0<i>Hayek-Gesellschaft<\/i>\u00a0auseinander. Zwei Gruppen von Mitgliedern \u2013 die den deutschen Mainstreamparteien CDU (Konservative) und FDP (Liberale) nahestanden \u2013 erkl\u00e4rten ihren Austritt, nachdem es ihnen nicht gelungen war, die gesellschaftlich konservativeren und neonationalistischen Mitglieder mit starker Affinit\u00e4t zur rechten Herausfordererpartei AfD loszuwerden. Die moderaten Neoliberalen schlossen sich im neuen\u00a0<i>Network for Constitutional Economics and Social Philosophy<\/i>\u00a0(NOUS) zusammen. Die radikalen\u00a0<i>Mises Institute<\/i>\u00a0und moderate Gruppen wie das NOUS-Netzwerk mischen auch immer noch in Kreisen der MPS und des Atlas Networks mit, weichen aber in vielen Fragen deutlich voneinander ab, wie es beispielsweise bei den europ\u00e4ischen Neoliberalen zur Frage von Maastricht und der W\u00e4hrungsunion der Fall war (Slobodian und Plehwe 2019).<\/p>\n<p>Vielfalt kann ein Handikap sein, sie kann aber auch zu St\u00e4rke f\u00fchren und M\u00f6glichkeiten schaffen. Es gibt viele neoliberale Think Tanks und Gelehrte, die bereit sind, nach Corona zum Austerit\u00e4tskapitalismus zur\u00fcckzukehren, und es kaum erwarten k\u00f6nnen, den tempor\u00e4ren Charakter der angesichts der Pandemie gemachten Zugest\u00e4ndnisse in der Finanzpolitik zu demonstrieren. Andere neoliberale Kreise sehen im aktuellen Moment \u00c4hnlichkeiten zur Krise des Liberalismus in den 1930er-Jahren. In einer bewussten Anspielung auf das Gr\u00fcndungsmoment des globalen Neoliberalismus, das\u00a0<i>Colloque Walter Lippmann<\/i>, das 1938 in Paris stattfand, organisierte das NOUS-Netzwerk k\u00fcrzlich eine weitere Lippmann-Konferenz.<\/p>\n<p>Karl Mannheims Untersuchung der konservativen Ideologie hat deutlich gemacht, dass sich Weltanschauungen an neue Herausforderungen anpassen und Elemente erfolgreicher Herausforderer integrieren m\u00fcssen. Anhand dieser Erkenntnis lassen sich die Permutationen neoliberaler Ideen innerhalb von sozialdemokratischem und konservativem Gedankengut erkl\u00e4ren. So l\u00e4sst sich auch verstehen, warum Neoliberale mit Blick auf das oben genannte Szenario f\u00fcr das &#8220;zweite Ergebnis&#8221; durchaus am Gespr\u00e4ch beteiligt sein werden, das eine teilweise Abkehr vom Austerit\u00e4tskapitalismus verbunden mit der Anstrengung impliziert, der \u00f6ffentlichen Gesundheitskrise und der Klimakrise zu begegnen. Doch k\u00f6nnen (\u00f6konomische und politische) Orthodoxien auch Verb\u00fcndete im Austragen von Nachhutgefechten finden und daf\u00fcr spezifische Zwecke erf\u00fcllen, beispielsweise zur Sicherung von Eigentumsrechten im fossilen Sektor. Aufgrund des Faktors Zeit werden die Spannungen innerhalb neoliberaler Netzwerke wahrscheinlich zunehmen, was Beobachter*innen jedoch nicht dazu verleiten sollte, das produktive Universum neoliberaler Ideen und die gesellschaftlichen Kr\u00e4fte und die W\u00e4hler*innen, die sie am Leben erhalten, vorzeitig abzuschreiben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Bibliographie<\/b><\/p>\n<p>Pierre Bourdieu (1998): Acts of Resistance Against the Tyranny of the Market. New York: The New Press.<br \/>\nMarie Laure Djelic\/Reza Mousavi (2020): How the Neoliberal Think Tank Went Global. The Atlas Network, 1981 to the Present. 257-282. In: Dieter Plehwe, Quinn Slobodian and Philip Mirowski (Eds.): Nine Lives of Neoliberalism. London: Verso.<br \/>\nMichael Goldman (2005): Imperial Nature. New Haven: Yale University Press.<br \/>\nKardelen G\u00fcnaydin\/Dieter Plehwe (2020): The Neoliberal Legal Turn. Online:\u00a0<a href=\"http:\/\/thinktanknetworkresearch.net\/blog_ttni_en\/the-neoliberal-legal-turn\/#_blank\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">thinktanknetworkresearch.net\/blog_ttni_en\/the-neoliberal-legal-turn\/<\/a><br \/>\nAndreas Malm (2020): Corona, climate, chronic emergency. War communism in the twenty-first century. London: Verso.<br \/>\nPhilip Mirowski \/ Dieter Plehwe (Eds.) (2009): The Road from Mont P\u00e8lerin. The Making of the Neoliberal Thought Collective. Cambridge: Harvard University Press.<br \/>\nRajeev Charles Patel \/ Jason Moore (2017): A History of the World in Seven Cheap Things. A Guide to Capitalism, Nature, and the Future of the Planet. Oakland: University of California Press.<br \/>\nDieter Plehwe \/ Karin Fischer (2019): &#8220;<a href=\"http:\/\/dx.doi.org\/10.21057\/10.21057\/repamv13n2.2019.23902#_blank\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Continuity and Variety of Neoliberalism<\/a>. Reconsidering Latin America&#8217;s Pink Tide.&#8221; In: Revista de estudos e pesquisassobre as Am\u00e9ricas, Vol. 13, No. 2, p. 166-202.<br \/>\nDieter Plehwe, Bernhard Walpen and Gisela Neunh\u00f6ffer (Eds.) (2006): Neoliberal Hegemony. A Global Critique. London: Routledge.<br \/>\nIgnacio Ramonet (1995): La pens\u00e9e unique. Le Monde diplomatique.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.monde-diplomatique.fr\/1995\/01\/RAMONET\/6069#_blank\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.monde-diplomatique.fr\/1995\/01\/RAMONET\/6069<\/a>\u00a0(letzter Zugriff 28. April 2021).<br \/>\nMurray Rothbard (1992): Right wing populism: A strategy for the paleo-movement. Rothbard Rockwell Report 3 (January) 5-14.<br \/>\nQuinn Slobodian (2018): Globalists. The end of empire and the birth of neoliberalism. Cambridge: Harvard University Press.<br \/>\nQuinn Slobodian\/Dieter Plehwe (2019): &#8220;Neoliberals against Europe.&#8221; In: William Callison\/Zachary Manfredi (Eds.): Mutant Neoliberalism. Market Rule and Political Rupture. New York, NY: Fordham University Press, S. 89-111.<br \/>\nBernhard Walpen (2004): Die offenen Feinde und ihre Gesellschaft. Hamburg: VSA Verlag.<br \/>\nJanek Wasserman (2018): The Marginal Revolutionaries. How Austrian Economists Fought the War of Ideas. New Haven: Yale University Press.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neoliberale Anstrengungen einfach als marktradikal zu definieren ist irref\u00fchrend. Die dynamische und vielf\u00e4ltige Sph\u00e4re neoliberaler Akteur*innen sowohl weltweit als auch auf europ\u00e4ischer Ebene macht es erforderlich, dass wir uns bei der Betrachtung neoliberaler Netzwerke vor reduktionistischen Vereinfachungen h\u00fcten. Das gilt insbesondere vor dem Hintergrund aktueller Post-Corona-K\u00e4mpfe. Seit der globalen Finanzkrise von 2008 wird der Neoliberalismus<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":14327,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[2458],"tags":[1573],"class_list":["post-23678","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-artikel","tag-economic-governance","person-dieter-plehwe-2"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23678","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=23678"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23678\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29002,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23678\/revisions\/29002"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/14327"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=23678"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=23678"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=23678"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}