{"id":23686,"date":"2021-08-24T13:24:37","date_gmt":"2021-08-24T11:24:37","guid":{"rendered":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/blog\/unkategorisiert\/eine-niederlage-dessen-opfer-die-menschen-in-afghanistan-sind\/"},"modified":"2023-09-27T16:11:34","modified_gmt":"2023-09-27T14:11:34","slug":"eine-niederlage-dessen-opfer-die-menschen-in-afghanistan-sind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/blog\/analysis\/eine-niederlage-dessen-opfer-die-menschen-in-afghanistan-sind\/","title":{"rendered":"Eine Niederlage, dessen Opfer die Menschen in Afghanistan sind"},"content":{"rendered":"<p>Die jetzt immer wieder gestellten Fragen lauten: Wie konnte nach so vielen Jahren und noch mehr Milliarden Euro die afghanische Regierung so schnell implodieren? Warum hat die vom Westen ausgebildete Armee kampflos aufgegeben? Die Antworten kommen zu schnell, als dass sie ehrlich sein k\u00f6nnten. Allen voran US-Pr\u00e4sident Joe Biden sieht die Schuldigen in Kabul. Wohl, um eigene Fehler zu kaschieren. Die Afghan*innen h\u00e4tten f\u00fcr ihr Land nicht gek\u00e4mpft, behaupten er und viele andere ununterbrochen. Sie ignorieren, dass es die Afghaninnen und Afghanen waren, die in den letzten 20 Jahren die eigentlichen K\u00e4mpfe gegen die Taliban ausgefochten und zu Hunderttausenden ihr Leben gelassen haben. <\/p>\n<p>Ehrliche Antworten auf diese Fragen werden nicht so einfach zu finden sein. <\/p>\n<h2>Katastrophaler Deal<\/h2>\n<p>Ein wichtiger Grund f\u00fcr die aktuellen Ereignisse ist, dass der ehemalige US-Pr\u00e4sident Donald Trump mit den Taliban einen Deal aushandelte, der nicht abgesichert war und den Taliban einen Kalender f\u00fcr den Sieg bot. Trump\u2019s Deal lie\u00df sowohl die afghanische Regierung als auch die Zivilgesellschaft au\u00dfen vor. Weder fragte er sie nach ihrer Meinung, noch zwang er die Taliban dazu, mit diesen Gruppen getrennt Friedensverhandlungen zu f\u00fchren. Den Taliban war bald klar, dass die USA sich nach dem Abzug nicht mehr einmischen w\u00fcrden und haben ebenfalls mit beiden Gruppen nicht mehr gesprochen. <\/p>\n<p>Trumps Nachfolger Joe Biden, in au\u00dfenpolitischen Fragen bisher ebenso dilettantisch agierend, \u00fcbernahm fast dankbar den katastrophalen Deal. Afghanistan-Expert*innen konnten ihn nicht mehr davon abhalten, nur noch in Richtung Ausgang zu stolpern. Biden verlie\u00df sich nur noch auf die Strategie des notorisch zwielichtigen US-Diplomaten Zalmay Khalilzad. Es sind also keineswegs die fl\u00fcchtenden afghanischen Soldaten, die den Taliban das Land am Hindukusch auf dem Silbertablett offerierten \u2013 sondern diese drei M\u00e4nner auf dem H\u00f6hepunkt ihrer Macht, die mit ihrer v\u00f6lligen Ignoranz das afghanische Volk und dessen Errungenschaften der letzten beiden Jahrzehnte unter die Taliban-Lastwagen schmissen. <\/p>\n<p>Weitere, komplexere Antworten auf die Fragen nach den Ursachen des Scheiterns m\u00fcssen in den n\u00e4chsten Wochen und Monaten, eventuell Jahren, erarbeitet werden. Dabei ist die Liste der von Anbeginn des Einmarsches an gemachter Fehler offensichtlich. Hier nur einige: <\/p>\n<h2>\u201eSchwarzes Loch\u201c<\/h2>\n<p>Afghanistan ist ein Land, in dem mehrere ethnische Gruppen mit unterschiedlichen Religionsrichtungen und -auffassungen sowie zahlreiche gesellschaftliche Gruppen mit unterschiedlichsten Interessen leben. Geopolitisch ist der Hindukusch f\u00fcr alle Nachbarl\u00e4nder zudem wie ein schwarzes Loch, in das hineinf\u00e4llt, wer ihm zu nahe kommt. Ein Ausgleich der Interessen aller Gruppen und Nachbarregionen ist, das zeigt Afghanistans Geschichte, fast nie gegl\u00fcckt. <\/p>\n<p>Auch deswegen gibt es nicht nur seit 20, sondern seit \u00fcber 40 Jahren Krieg in Afghanistan. Er begann mit der Entscheidung islamistischer Gruppen im Jahr 1977, in den Bergen Afghanistans einen Krieg gegen die damals herrschende alte Elite Afghanistans zu f\u00fchren \u2013 also noch vor der so genannten \u201aSaur-Revolution\u2018 im Jahre 1978 und lange bevor den Sowjets eingefallen war, einzumarschieren. Ob der schier endlose Krieg nun mit dem v\u00f6llig \u00fcberhasteten Abzug der westlichen Truppen beendet ist, wie die Taliban behaupten, bleibt abzuwarten.<\/p>\n<h2>\u201eWar on Terror\u201c und Entmachtung der afghanischen Parteien<\/h2>\n<p>Nicht wenige Kritiker*innen des Afghanistan-Krieges im Westen meinen, dass einer der Kardinalfehler schon darin lag, \u00fcberhaupt versucht zu haben, demokratische Verh\u00e4ltnisse in Afghanistan einzuf\u00fchren. \u201eDemokratie-Export\u201c sagen sie absch\u00e4tzig, und es klingt, als sei der Wunsch nach einem guten Staat bei Afghan*innen und ihren internationalen Partner*innen gar nie ernsthaft gewesen. Dabei kann der Interessenausgleich in einem so fragmentierten Land wie Afghanistan nur mit demokratischen Mitteln und diplomatischen Initiativen in der Region Erfolg haben.<\/p>\n<p>Die USA haben jedoch von Anfang an klargestellt, dass sie kein Interesse haben, demokratische Verh\u00e4ltnisse zu schaffen. Ihr Kriegsziel war und blieb es, Al-Qaida aus Afghanistan zu vertreiben und Bin Laden zu liquidieren. In diesem Sinne sind sie in Afghanistan nicht gescheitert. Allerdings hatten sie dieses Ziel vor Jahren bereits erreicht. Vielmehr kam, aus der Perspektive Washingtons, der R\u00fcckzug einfach viel zu sp\u00e4t. Daher zum Schluss auch die Hast. <\/p>\n<p>Hinzu kommt, dass die USA und ihre Verb\u00fcndeten die Ergebnisse demokratischer Prozesse in Afghanistan stets unterminiert haben, weil sie nicht die von ihnen erw\u00fcnschten Ergebnisse hervorbrachten. Die Afghan*innen haben aus US-Sicht, einfach immer nur die falschen Vertreter*innen gew\u00e4hlt, die falschen Ideen verfolgt. <\/p>\n<p>Der folgenschwerste Fehler war vermutlich, dass der Westen den Afghan*innen ein Pr\u00e4sidialsystem nach amerikanischem Modell verpasste. Die Verfassung wurde von den unerfahrenen Afghaninnen und Afghanen begr\u00fc\u00dft. Doch den Text hatten US-amerikanische Berater*innen verfasst. Das Parlament spielte in diesem Modell nur eine schwache Rolle. Politische Parteien, von denen es in Afghanistan zahllose \u2013 darunter auch sehr traditionsreiche \u2013 gibt, wurden ausgeblendet und entmachtet. Doch gerade sie w\u00e4ren ein Instrument gewesen, um den so dringend ben\u00f6tigten Interessenausgleich auf demokratischem Wege herzustellen und immer wieder neu zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Ein weiterer Stolperstein war schlie\u00dflich die Durchf\u00fchrung der Wahlen, vor allem der letzten zwei Pr\u00e4sidentschaftswahlen. Deren tats\u00e4chliche Ergebnisse sind bis heute nicht ermittelt. Dabei wurden sie, trotz vieler Einschr\u00e4nkungen aus Sicherheits- bzw. technischen Gr\u00fcnden, demokratisch organisiert und durchgef\u00fchrt. Trotz heftiger Drohungen der Taliban wollten viele Afghan*innen ihre Stimme abgeben und riskierten damit ihr Leben. Und noch w\u00e4hrend der Ausz\u00e4hlung begannen die politischen K\u00e4mpfe, sodass die unter gro\u00dfen Opfern abgegebenen Stimmen nie zu Ende ausgez\u00e4hlt wurden. Washington, nicht f\u00fcr Geduld bekannt, funkte schlie\u00dflich dazwischen und verordnete dem Land mit dem Quereinsteiger Ashraf Ghani einen Pr\u00e4sidenten und die designierte Opposition erhielt ihre Rolle am Katzentisch. <\/p>\n<h2>Neoliberalismus und Korruption<\/h2>\n<p>Der Westen insgesamt strebte in Afghanistan hartn\u00e4ckig danach, ein System zu installieren, das sich in die neoliberale Weltordnung einf\u00fcgt. Das v\u00f6llig verarmte Land sollte keineswegs mit sozialistischen Modellen lieb\u00e4ugeln, Kabul musste Mitglied der WTO werden, seine Grenzen f\u00fcr jegliche Importe \u00f6ffnen, und die gro\u00dfen Daseinsfragen konsequent privatwirtschaftlich l\u00f6sen. Unternehmer*innen wurden gef\u00f6rdert, Gewerkschaften ignoriert. Ex-Pr\u00e4sident Ashraf Ghani lie\u00df sogar die Zentrale des Afghanischen Gewerkschaftsbundes <a title=\"Opens internal link in current window\" class=\"external-link-new-window\" href=\"https:\/\/www.ituc-csi.org\/afghanistan-government-must-cease?lang=en\">mit Polizei und Milit\u00e4r \u00fcberfallen<\/a>.<\/p>\n<p>Allen voran die US-Amerikaner*innen zeigten kein Interesse an den innenpolitischen Verh\u00e4ltnissen im Land. Sie verfolgten ihre selbstgesteckten Ziele und w\u00e4hlten dabei stets die k\u00fcrzeste Verbindung von A nach B. Sie brachten schlecht beleumundete, aber pro-amerikanische Exil-Eliten wieder an die Macht. Sie schmierten und kungelten mit Warlords und lie\u00dfen es zu, dass Neue stark wurden. CIA-Mitarbeiter*innen \u00fcberbrachten den Kooperationswilligen die US-Dollars wortw\u00f6rtlich in Plastikt\u00fcten. Auf diese Weise sorgten sie selbst daf\u00fcr, dass die Korruption florierte, an der im \u00dcbrigen auch viele westliche Berater*innen ausk\u00f6mmlich verdienten.<\/p>\n<p>Ohne die Geschichte und Komplexit\u00e4t des Landes zu kennen, wurde ein Zentralstaat errichtet. Ressourcen und die Aufmerksamkeits\u00f6konomie konzentrierten sich auf die wenigen Gro\u00dfst\u00e4dte. Das westliche Steuergeld landete viel zu selten in Afghanistans unendlichen Weiten. Schlimmer noch, die Eliten des Landes trugen es, wohl weil sie selbst kaum an das Projekt Demokratie glaubten, gleich in Sporttaschen wieder raus aus dem Land: nach Dubai, in die T\u00fcrkei oder nach Malaysien, wo sich die Hilfsgelder in Betongold und kitschige Prachtimmobilien verwandelten. <\/p>\n<h2>Afghanistan in Scherben: Kommt Krieg und Aufr\u00fcstung?<\/h2>\n<p>Afghanistan liegt nun in Scherben. Ghani, die US-Marionette, fl\u00fcchtete in Hausschuhen. Die restlichen Politiker*innen versuchen zu retten, was zu retten ist. Seitdem sie Kabul erobert haben, wiederholen die Taliban gebetsm\u00fchlenartig, dass sie eine inklusive Regierung bilden w\u00fcrden. Doch ist es unwahrscheinlich, dass die Taliban, die nicht einmal zu Kompromissen zu bewegen waren, als sie milit\u00e4risch am Boden lagen, nun bereitwillig andere an der Macht beteiligen werden. Viel wahrscheinlicher ist es, dass der Krieg sich kurz beruhigt, nur um dann wieder aufzuflammen. Die ersten Protestdemonstrationen in Jalalabad, der bewaffnete Widerstand, der sich im Pandschirtal formiert, die \u00c4u\u00dferungen mancher Politiker, die in Usbekistan die Nordallianz wiederaufbauen wollen \u2013 all dies deutet darauf hin, dass es nicht lange friedlich bleiben wird.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite wird diese Niederlage auf ganzer Linie, der peinliche, verantwortungslose Abzug dem Westen und dessen Milit\u00e4rb\u00fcndnis schwer zusetzen. Denn nun wird deutlich, dass einerseits die USA ihre Rolle als Weltmacht verlieren und sich ihre Verb\u00fcndeten, dass sie sich nicht mehr auf Washington verlassen k\u00f6nnen. Zeitgleich werden die Bestrebungen, eine europ\u00e4ische Armee aufzubauen, einen Aufschwung erleben.<\/p>\n<h2>Es braucht linke Positionen <\/h2>\n<p>Zum Schluss muss noch eine Gefahr erw\u00e4hnt werden, die die radikale Linke im Westen erwartet. Sie kann sich nicht mehr auf der komfortablen Position ausruhen, sie h\u00e4tten diesen Krieg ja von Anfang an abgelehnt. Damit aber hat sie bis heute kein Konzept und keine Strategie, wie sie die vielen so unterschiedlichen progressiven Kr\u00e4fte in einem Land wie Afghanistan so begleiten kann, dass Ver\u00e4nderungen \u2013 verwurzelt in den vielschichtigen Gesellschaften Afghanistans, in den Kulturen und Lebensweisen seiner V\u00f6lker und getragen von den Menschen vor Ort \u2013 nicht nur in den St\u00e4dten m\u00f6glich werden. Die radikale Linke wird sich klar positionieren m\u00fcssen gegen jede Form von Orientalismus und Kulturrassismus. Stattdessen muss auch sie \u00fcber den Internationalismus-Begriff und internationale Solidarit\u00e4t und Praxen \u2013 einschlie\u00dflich linker Projekte von Entwicklungsarbeit \u2013 ernsthaft nachdenken und diskutieren.<\/p>\n<p><b>Zum Weiterlesen:<\/b><\/p>\n<p>&nbsp;&#8211; Statement der Partei der Europ\u00e4ischen Linken: <b><a href=\"https:\/\/www.european-left.org\/the-el-firmly-stands-by-the-afghan-population-facing-the-last-act-of-the-war-on-terror\/\" title=\"Opens internal link in current window\">The EL Firmly Stands by the Afghan Population Facing the last Act of the War on Terror<\/a><\/b><\/p>\n<p>&nbsp;&#8211; Statement der Linken im Europ\u00e4ischen Parlament (vormals: GUE\/NGL): <b><a href=\"https:\/\/left.eu\/protection-of-asylum-seekers-fleeing-afghanistan-must-be-top-priority-left-demands\/\" title=\"Opens internal link in current window\">Protection of Asylum Seekers Fleeing Afghanistan Must Be Top Priority<\/a><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach 20 Jahren Krieg und Versuchen des Staatsaufbaus ging das Afghanistan des Westens krachend unter. Ein Desaster, das erfordert, nach politischer Verantwortung zu fragen. Doch noch bevor Menschen gerettet werden konnten, begann unter den westlichen Politiker*innen das \u201eblame game\u201c: Jede*r beschuldigt einen anderen f\u00fcr diese Katastrophe.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":19737,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[8,61],"tags":[],"class_list":["post-23686","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-analysis","category-article","topic-security","person-cem-sey-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23686","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=23686"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23686\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":27822,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23686\/revisions\/27822"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/19737"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=23686"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=23686"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=23686"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}