{"id":23689,"date":"2021-09-04T11:36:14","date_gmt":"2021-09-04T09:36:14","guid":{"rendered":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/blog\/unkategorisiert\/zur-aktualitaet-von-otto-bauer-und-des-austromarxismus\/"},"modified":"2023-09-27T16:11:35","modified_gmt":"2023-09-27T14:11:35","slug":"zur-aktualitaet-von-otto-bauer-und-des-austromarxismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/blog\/article\/zur-aktualitaet-von-otto-bauer-und-des-austromarxismus\/","title":{"rendered":"Zur Aktualit\u00e4t von Otto Bauer und des Austromarxismus"},"content":{"rendered":"<p>Es war vor gut 100 Jahren, als sich in \u00d6sterreich Sozialisten &quot;Sozialisten&quot; nannten, weil sie eine neue Gesellschaft, die &quot;Sozialismus&quot; genannt wurde, schaffen wollten. In ihrer intellektuellen Bl\u00fctezeit entwickelten sie eine Schule marxistischen Denkens, die sie sowohl vom sozialdemokratischen Reformismus als auch vom Dogmatismus der Kommunistischen Internationale unterschied. Diese nannte sich &quot;Austromarxismus&quot;. Der Austromarxismus ist mit dem Namen des politischen F\u00fchrers der \u00f6sterreichischen Sozialdemokratie nach dem Ersten Weltkrieg, Otto Bauer, verbunden. Bauer selbst hat in einem Leitartikel in der Arbeiterzeitung 1926 die folgende Charakterisierung des Austromarxismus gegeben:<\/p>\n<p style=\"margin-left: 40px; \"><i>\u201eIn der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts wurde eine Gruppe j\u00fcngerer wissenschaftlich arbeitender \u00f6sterreichischer Genossen Austromarxisten genannt: Max Adler, Karl Renner, Rudolf Hilferding, Gustav Eckstein, Otto Bauer, Friedrich Adler und andere. Was sie vereinte, war nicht eine bestimmte politische Tendenz, sondern die Besonderheit ihrer wissenschaftlichen Arbeit &#8230; Waren Marx und Engels haupts\u00e4chlich von Hegel inspiriert und hatte die sp\u00e4tere Generation von Marxisten den Materialismus angenommen, so sch\u00f6pften diese j\u00fcngeren, die Austromarxisten zum Teil von Kant, teilweise von Mach. Auf der anderen Seite mussten sie sich an \u00f6sterreichischen Universit\u00e4ten mit der sogenannten \u00f6sterreichischen Schule der National\u00f6konomie auseinandersetzen. &#8230; Und schlie\u00dflich waren sie alle im alten \u00d6sterreich, von Nationalit\u00e4tenk\u00e4mpfen ersch\u00fcttert, politisch sozialisiert und mussten lernen, die marxistische Geschichtsauffassung auf komplizierte Ph\u00e4nomene anzuwenden, die eine oberfl\u00e4chliche Anwendung der marxistischen Methode nicht erlaubten. So entwickelte sich hier eine engere intellektuelle Gemeinschaft.\u201c<\/i><\/p>\n<p>Unter den Einfl\u00fcssen, die den Austromarxismus pr\u00e4gten, w\u00e4re auch Hans Kelsens Reine Rechtslehre zu nennen. <\/p>\n<p>Zur\u00fcck zum Revolutionsjahr 1918, als aus den Tr\u00fcmmern des multinationalen Imperiums \u00d6sterreich-Ungarns die b\u00fcrgerliche Republik, der Kleinstaat Deutsch\u00f6sterreich entstand, den, nachdem die Hoffnung auf einen Anschluss an Deutschland gescheitert war, wie Bauer feststellte, nur die Sozialdemokrat_innen in der Lage waren zu konsolidieren.<br \/>Es ist heute m\u00fc\u00dfig, den Streit wiederaufzunehmen, ob es richtig oder falsch war, eine b\u00fcrgerliche und keine R\u00e4terepublik zu errichten. Die F\u00fcr und Wider k\u00f6nnen anhand Otto Buchs <i>Die \u00f6sterreichische Revolution<\/i> nachvollzogen werden. Dieses Schl\u00fcsselwerk des Austromarxismus ist k\u00fcrzlich in einer vollst\u00e4ndigen, von <i>transform! europe<\/i> besorgten <a href=\"https:\/\/www.transform-network.net\/de\/blog\/article\/the-austrian-revolution\/?tx_news_pi1%5Bfocus%5D=&amp;cHash=db7c221299cf5aeb18d9e8541976655d\" class=\"external-link-new-window\" title=\"Opens external link in new window\">englischen Ausgabe bei Haymarket, rechtzeitig zum 100. Jahrestag der Erstausgabe, erschienen<\/a>. <\/p>\n<p>Ungef\u00e4hr zur selben Zeit publizierte ver\u00f6ffentlichte Bauer eine Brosch\u00fcre mit dem Titel Der Weg zum Sozialismus, in der er eine demokratische Sozialisierung der Wirtschaft vorschlug. Wir lesen: &quot;Wir wollen demokratischen Sozialismus (\u2026) Dieses System der wirtschaftlichen Selbstverwaltung des Volkes setzt die aktive Teilnahme, die willige Teilnahme der breiten Volksmassen voraus.\u201c<\/p>\n<p>+<\/p>\n<p>Das von Otto Bauer formulierte, 1926 auf dem Linzer Parteitag verabschiedetes Programm der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei \u00d6sterreich wird als &quot;Ultima Ratio&quot; des Austromarxismus angesehen. Es verbindet die Selbstverpflichtung, den Sozialismus mit demokratischen Mitteln zu verwirklichen, mit einer Vorahnung der Gefahr, die \u00fcber der Partei und der Demokratie schwebte. In ihm findet sich der schicksalhafte Satz:<\/p>\n<p style=\"margin-left: 40px; \"><i>\u201eWenn sich die Bourgeoisie entscheidet, um dem radikalen sozialen Wandel entgegenzutreten, der die Aufgabe der Staatsgewalt der Arbeiterklasse sein wird, durch bewusste Unterdr\u00fcckung des Wirtschaftslebens, durch gewaltsame Rebellion, durch Verschw\u00f6rung mit fremden konterrevolution\u00e4ren Kr\u00e4ften zu bek\u00e4mpfen, w\u00e4re die Arbeiterklasse gezwungen, der Bourgeoisie zu mit den Mitteln der Diktatur entgegenzutreten.&quot;<\/i><\/p>\n<p>Wir wissen, dass diese Drohung sich als leere Worte oder Illusion erwiesen haben. Doch im Gegensatz zu Deutschland, wo der Faschismus die Macht mit parlamentarischen Mitteln erreichen konnte, ging die Entwicklung in \u00d6sterreich \u00fcber die Aufhebung des Parlaments, das Verbot der<a data-cke-saved-href=\"https:\/\/www.transform-network.net\/de\/blog\/article\/the-communist-party-of-austria-a-european-case-study\/\" href=\"https:\/\/www.transform-network.net\/de\/blog\/article\/the-communist-party-of-austria-a-european-case-study\/\"> Kommunistischen Partei<\/a> und die Niederwerfung des bewaffneten Widerstands der Arbeiterklasse.<br \/>Bauer selbst hat in einem au\u00dfergew\u00f6hnlichen Buch mit dem Titel <i>Zwischen zwei Weltkriegen? Die Krise der Weltwirtschaft, der Demokratie und des Sozialismus<\/i> selbstkritische Bilanz gezogen und sich f\u00fcr eine Erneuerung der sozialistischen Bewegung durch ein Konzept ausgesprochen, das er &quot;integralen Sozialismus&quot; nannte. Seine Aufgabe w\u00e4re es, die beiden feindlichen Zweige der Arbeiterbewegung, Sozialismus und Kommunismus, in einer h\u00f6heren Synthese zu vereinen.<\/p>\n<p>+<\/p>\n<p>Wie in der Zwischenkriegszeit konkurrieren heute die von einer Kapitalismuskritik gepr\u00e4gten Interpretationen der Krise mit nationalistischen Interpretationen. In der sozialistischen Linken f\u00fchrte dies zu einer Kontroverse, deren einer Pol von Rosa Luxemburg gebildet wurde, die im Aufgehen der Nationen in einer globalen Zivilisation eine durch die Produktivkr\u00e4fte vorgegebene Entwicklungstendenz sah, der sich die Arbeiter_innenbewegung nicht widersetzen sollte, und W.I. Lenin, der das Recht jeder Nation auf Staatenbildung, vor allem als Hebel zur Sprengung der zaristischen Selbstherrschaft, zumindest in der Theorie ohne Einschr\u00e4nkung, vertrat. Die Austromarxisten Otto Bauer und Karl Renner nahmen mit ihrem Konzept der \u201enational-kulturellen Autonomie\u201c mittels derer sie die nationale Gleichberechtigung im Rahmen eines, demokratisierten multinationalen Staats verwirklichen wollten, eine Mittelposition ein.<\/p>\n<p>Die Plausibilit\u00e4t der jeweils vorgebrachten Argumente, Lenins unbedingte Verteidigung der Bildung von Nationalstaaten, Luxemburgs sozialistischer Kosmopolitismus und das Personalit\u00e4tsprinzip der Austromarxismus, das nationale Rechte nicht ans Territorium, sondern die Person binden wollte, d\u00fcrfen nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass sich alle drei nicht als historisch nachhaltig erwiesen haben. Man kann dies allgemein mit der \u2013 zumindest aus sozialistischer Sicht \u2013 Kontingenz nationaler Probleme begr\u00fcnden, die vorab fabrizierte L\u00f6sungen fast immer scheitern lassen.<\/p>\n<p>Im Falle des Austromarxismus und seinem tragischen politischen Versagen bei der Anwendung seiner Theorie an den beiden Wendepunkten der \u00f6sterreichischen Geschichte, 1918 und 1938, liegt es auch am Versagen seiner Hauptprotagonisten, bei Renner an einem, f\u00fcr Nicht-Juristen schwer nachzuvollziehenden Staatsfetischismus und bei Bauer an der deutschnationalen Inklination, die sich durch sein ganzes Werk zieht.<\/p>\n<p>Nach 1945 wurde die austromarxistische Linie in \u00d6sterreich nicht wiederaufgenommen. Das lag am Trauma des Februar 1934. Die Sozialdemokratische Partei, die unter dem neuen Namen Sozialistische Partei wiederauftauchte, war weit nach rechts ger\u00fcckt. Otto Bauer, Max Adler und Rudolf Hilferding waren im Exil gestorben, Friedrich Adler, der seine deutschnationale Orientierung sogar noch nach der Moskauer Deklaration aufrechterhielt, konnte im politischen Leben \u00d6sterreichs keine Rolle mehr spielen. Und Karl Renner wurde zu einem entschiedenen Verfechter der Westorientierung im Kalten Krieg. Otto Bauer aber geriet trotz seiner zentralen, wenn auch tragischen Rolle in der Zwischenkriegszeit auch in seiner eigenen Partei in Vergessenheit.<br \/>Wir sollten ihn aus diesem Vergessen in die Gegenwart holen, wie wir es mit Rosa Luxemburg und Antonio Gramsci tun, nicht, weil man auf diese Weise Rezepte f\u00fcr die L\u00f6sung der heutigen und k\u00fcnftigen Probleme liefern kann, sondern, weil sich in ihren Theorien soziale und politische K\u00e4mpfe wiederspiegeln, die unsere heutigen Lebensbedingungen geschaffen haben.<\/p>\n<p><i>Dieser Vortrag wurde im Rahmen der internationalen Konferenz <a data-cke-saved-href=\"https:\/\/www.transform-network.net\/de\/blog\/article\/building-bridges-neighbourhood-central-europe\/\" href=\"https:\/\/www.transform-network.net\/de\/blog\/article\/building-bridges-neighbourhood-central-europe\/\">Br\u00fcckenBauer. Nachbarschaft Mitteleuropa?<\/a>&nbsp; gehalten.<br \/><\/i><\/p>\n<p><b>Zum Weiterlesen:<\/b><\/p>\n<p><a title=\"Opens internal link in current window\" class=\"external-link-new-window\" href=\"https:\/\/www.transform-network.net\/de\/blog\/article\/on-the-140th-birthday-of-otto-bauer-1881-1938\/\"><i>On the 140th Birthday of Otto Bauer (1881-1938)<\/i><\/a><\/p>\n<p><i><a data-cke-saved-href=\"https:\/\/www.transform-network.net\/de\/suchen\/overview\/article\/transform-europe-yearbook-2017\/towards-the-league-of-the-balkan-left\/\" href=\"https:\/\/www.transform-network.net\/de\/suchen\/overview\/article\/transform-europe-yearbook-2017\/towards-the-league-of-the-balkan-left\/\">F\u00fcr ein B\u00fcndnis der Linken in der Balkan-Region<\/a><\/i>, Anej Korsika<\/p>\n<p><i><a data-cke-saved-href=\"https:\/\/www.transform-network.net\/de\/suchen\/overview\/article\/transform-europe-yearbook-2015\/some-notes-on-the-socialist-alternative-in-post-yugoslav-space\/\" href=\"https:\/\/www.transform-network.net\/de\/suchen\/overview\/article\/transform-europe-yearbook-2015\/some-notes-on-the-socialist-alternative-in-post-yugoslav-space\/\">Anmerkungen zur sozialistischen Alternative im post-jugoslawischen Raum<\/a><\/i>, Anej Korsika<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war vor gut 100 Jahren, als sich in \u00d6sterreich Sozialisten &quot;Sozialisten&quot; nannten, weil sie eine neue Gesellschaft, die &quot;Sozialismus&quot; genannt wurde, schaffen wollten. 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Der Austromarxismus ist<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":14530,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[61,2458],"tags":[],"class_list":["post-23689","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-article","category-artikel","person-walter-baier-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23689","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=23689"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23689\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":27824,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23689\/revisions\/27824"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/14530"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=23689"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=23689"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=23689"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}