{"id":23721,"date":"2022-02-01T08:35:09","date_gmt":"2022-02-01T07:35:09","guid":{"rendered":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/blog\/unkategorisiert\/welche-strategie-fuer-die-linke-zur-arbeit-im-home-office\/"},"modified":"2023-09-27T16:11:45","modified_gmt":"2023-09-27T14:11:45","slug":"welche-strategie-fuer-die-linke-zur-arbeit-im-home-office","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/blog\/article\/welche-strategie-fuer-die-linke-zur-arbeit-im-home-office\/","title":{"rendered":"Welche Strategie f\u00fcr die Linke zur Arbeit im Home Office"},"content":{"rendered":"<p>Zwei Jahre nach Ausbruch der Pandemie sprechen sich Mainstream-Sozialdemokrat*innen, progressive Kr\u00e4fte und sogar einige Marxist*innen und radikale Linke daf\u00fcr aus, dass Telearbeit eine konkrete Forderung f\u00fcr Arbeiter*innen und Angestellte sein sollte. Unter den Argumenten, die daf\u00fcr sprechen, wird zum Beispiel angef\u00fchrt, dass dies eine umweltfreundliche Praxis sei, die den Menschen mehr <a href=\"https:\/\/www.newstatesman.com\/politics\/2021\/08\/inconvenient-truth-working-home-can-make-parents-better-employees\" class=\"external-link-new-window\" title=\"Opens internal link in current window\">Flexibilit\u00e4t im Arbeitsalltag<\/a> erm\u00f6glichen w\u00fcrde. Zudem w\u00e4re weniger Zeitaufwand f\u00fcr das Pendeln zur Arbeit erforderlich, Menschen mit Beeintr\u00e4chtigungen k\u00f6nnten von mehr Inklusion profitieren und innerhalb der St\u00e4dte k\u00f6nnte eine Lebensqualit\u00e4t erm\u00f6glicht werden, die sich momentan nur au\u00dferhalb davon erhalten l\u00e4sst. Gleichzeitig w\u00fcrde der Verkehr entlastet und die Immobilienpreise in den Metropolregionen w\u00fcrden fallen. Wohnen w\u00e4re somit f\u00fcr mehr Menschen erschwinglicher. W\u00e4hrend der Coronapandemie haben die Bef\u00fcrworter*innen die Telearbeit zudem als universelles Grundrecht eingefordert.<\/p>\n<p>Die angef\u00fchrte Pro-Argumente lassen sich nicht auf eine koh\u00e4rente Theorie emanzipatorischer Politik zur\u00fcckf\u00fchren \u2013 zumal eine integrierte liberale, marxistische oder sozialdemokratische Position zum Thema noch aussteht \u2013, sondern sind \u00fcber den gesamten politischen Raum verstreut und variieren je nach ideologischem Hintergrund der Person, die sie vertritt. Vor allem aber sind sie insgesamt eher pr\u00e4diktiv denn retrospektiv, da die Debatten \u00fcber die Telearbeit noch jung sind und noch viel Forschungsarbeit aussteht, bevor davon abgeleitete solide Forderungen formuliert werden k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Es gibt allerdings auch Stimmen von links, die die dystopischen Untert\u00f6ne einer Remote Work Economy <a href=\"https:\/\/www.jacobinmag.com\/2020\/06\/remote-work-from-home-coronavirus-covid-surveillance\" class=\"external-link-new-window\" title=\"Opens internal link in current window\">rundheraus ablehnen<\/a> und auf ihren Beitrag zu Entfremdung, zur Erosion von Freizeit und zu einem ungeordneten und ungesunden Lebensstil verweisen. Wie kann die Linke im Spannungsfeld dieser bestehenden Auffassungen eine koh\u00e4rente Strategie zur Frage der Telearbeit entwickeln?<\/p>\n<h2>Telearbeit als Arbeitsfrage im Kapitalismus<\/h2>\n<p>Wenn wir dem Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit in unserer soziologischen Vorstellung auch nur minimales Gewicht beimessen, dann ist seine Dynamik in einem Szenario einer weitgehend auf Telearbeit beruhenden Wirtschaft eine Schl\u00fcsselfrage. Das systemische Machtungleichgewicht, das dem Kapitalismus innewohnt, w\u00fcrde sich kaum ver\u00e4ndern, wenn die Frage der Telearbeit geregelt w\u00e4re. <a title=\"Opens internal link in current window\" class=\"external-link-new-window\" href=\"https:\/\/www.jacobinmag.com\/2021\/11\/remote-work-from-home-covid-pandemic-essential-workers-labor\">Ausbeutung w\u00fcrde damit keinesfalls enden<\/a>, sondern sich in ver\u00e4nderte Prozesse der kapitalistischen Wertsch\u00f6pfung aus der Arbeit wandeln und dahingehend verschieben w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Solange von kapitalistischer Seite \u2013 in der Regel mit eigenen Forschungsmitteln \u2013 best\u00e4tigt wird, dass die Arbeitsproduktivit\u00e4t bzw. andere Gewinnindikatoren wie der Umsatz bei der Telearbeit nicht sinken, kann sie sich zu ihren Gunsten auswirken. Wenn sie von der Produktivit\u00e4t und den Ums\u00e4tzen nicht \u00fcberzeugt sind, stehen sie Telearbeit weitaus misstrauischer gegen\u00fcber. Da sich hochrangige Vertreter*innen der Wirtschaft allerdings nun daf\u00fcr ausgesprochen haben, gehen einige Autor*innen davon aus, dass die Teleworking bei den Top-Bossen der Weltwirtschaft insgesamt auf eine positive bis enthusiastische Resonanz gesto\u00dfen ist und somit kapitalistischen Interessen entspricht.<\/p>\n<p>Das ist ein negatives Framing, das vorgibt, die gegnerische Seite zu erfassen \u2013 doch ist es f\u00fcr die Entwicklung einer strategischen Position auch erforderlich, auf die Dialektik der Arbeitsbeziehungen einzugehen und nicht nur die nahezu tautologische Vorstellung zu suggerieren, Kapitalist*innen w\u00fcrden nicht ohne Weiteres entgegen ihrer Interessen Zugest\u00e4ndnisse machen. Zudem muss der kapitalistische Enthusiasmus im Prozess der Entscheidung f\u00fcr oder gegen die Telearbeit n\u00e4her bestimmt werden. Es gibt weiterhin unbekannte Faktoren, Fehleinsch\u00e4tzungen und unbeabsichtigte Folgen, die jeden kaltherzigen Rationalismus, der sich auf Produktivit\u00e4tsgewinne oder -verluste st\u00fctzt, d\u00e4mpfen. Auch hier ist die Forschung noch nicht besonders weit und nicht eindeutig, wenn es darum geht, Grenzertr\u00e4ge einheitlich f\u00fcr alle Unternehmen nahezulegen.<\/p>\n<p>Auch hinsichtlich der Mobilisierungsf\u00e4higkeit besteht ganz klar eine gro\u00dfe Gefahr. Unter atomisierten Arbeiter*innen hinter \u00fcberwachungsfreundlichen Bildschirmen wird die Sozialisierung erodieren, was sich negativ auf die Kommunikations- und Mobilisierungsf\u00e4higkeit der Arbeiter*innen auswirken wird \u2013 und insbesondere auf ihre Tendenz, eine klassenbewusste politische Haltung zu entwickeln. Bei einer atomisierten Sozialisierung in der Bev\u00f6lkerung und im Berufsleben werden auch Missst\u00e4nde atomisiert sein. <br \/>Wenn die kollektive Erfahrung der Arbeiter*innen zu der Erkenntnis f\u00fchrt, dass jede*r Interessen und Ideen mit anderen teilt, dann kann ihre Atomisierung sie nur von einem gemeinschaftlichen Geist entfernen. Dieses Problem wird noch dadurch versch\u00e4rft, dass die Grenzen zwischen Arbeit, Erholung und Freizeit verwischt werden, was sich wiederum auf die Gesundheit und die Gemeinschaft auswirkt und die psychosozialen Grundlagen der modernen Gesellschaft beeintr\u00e4chtigen kann. <\/p>\n<p>Doch selbst wenn mobile Arbeitsformen den kollektiven Geist der Gewerkschaftsbewegung und des Arbeitskampfes sch\u00e4digen, so untergraben sie ihn jedoch nicht so stark, dass unter keinen Umst\u00e4nden kollektive K\u00e4mpfe mehr m\u00f6glich w\u00e4ren oder ein Klassenbewusstsein ausgepr\u00e4gt werden k\u00f6nnte. So hat beispielsweise die erfolgreiche Mobilisierung von <a title=\"Opens internal link in current window\" class=\"external-link-new-window\" href=\"https:\/\/www.eurotopics.net\/en\/268560\/greece-labour-dispute-win-for-delivery-workers\">Lieferservice-Fahrer*innen in Griechenland<\/a> k\u00fcrzlich gezeigt, dass Gig Economy und Telearbeit f\u00fcr syndikalistische Auseinandersetzungen nicht notwendigerweise un\u00fcberwindbare Hindernisse darstellen m\u00fcssen. <\/p>\n<p>Letzteres h\u00e4ngt weitgehend von den M\u00f6glichkeiten und Zw\u00e4ngen in den jeweiligen Gig Economies ab. W\u00e4hrend die Lieferservice-Fahrer*innen in Griechenland unbefristete Vertr\u00e4ge erstreiten konnten, ist dies in anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern wie Zypern derzeit nur schwer m\u00f6glich, da es sich bei den meisten Fahrer*innen um Migrant*innen mit befristetem Aufenthaltsstatus ohne gewerkschaftlichen R\u00fcckhalt handelt. Im Vereinigten K\u00f6nigreich hat derweil die Gewerkschaft <a title=\"Opens internal link in current window\" class=\"external-link-new-window\" href=\"https:\/\/www.gmb.org.uk\/news\/uber-finally-does-right-thing-after-gmb-wins-four-court-battles\">GMB mehrere Gerichtsverfahren gewonnen<\/a>, bevor Uber die Gewerkschaft erstmals anerkannte und eine Bezahlung in H\u00f6he des Mindestlohns oder dar\u00fcber, Urlaubsgeld und einen Rentenplan f\u00fcr Besch\u00e4ftigte einf\u00fchrte. <\/p>\n<h2>Arbeit nach Sektoren und geografischen Regionen<\/h2>\n<p>So wie die Strukturen politischer M\u00f6glichkeiten in den verschiedenen L\u00e4ndern den Fortschritt bedingen, brauchen wir sektorspezifische Analysen, um zwischen den Kosten und Vorteilen zu unterscheiden, denen sich Arbeiter*innen in den einzelnen Sektoren oder Sektorenarten gegen\u00fcbersehen. Ausbeutung hat eine sektorale Dimension; sie ergibt sich aus spezifischen Vereinbarungen, die an ihrem Wesen nichts \u00e4ndern, aber zu unterschiedlichen M\u00f6glichkeiten und Beschr\u00e4nkungen f\u00fchren, wenn es darum geht, sich in bestimmten Fragen zu wehren. <\/p>\n<p>In bestimmten Sektoren reichen die verf\u00fcgbaren technischen Mittel nicht aus und k\u00f6nnen angesichts der Art der erforderlichen Arbeit oder der Naturgesetze niemals ausreichen. Man denke nur an die Schwerindustrie und die Landwirtschaft auf der einen Seite und den Dienstleistungssektor auf der anderen. Man denke in der Sekund\u00e4rindustrie an automatisierte und nicht-automatisierte Sektoren, beispielsweise den Markt f\u00fcr Stickereien oder bestimmte Lebensmittelprodukte. Man denke an ein und dieselbe Branche im Globalen Norden oder im Globalen S\u00fcden. <\/p>\n<p>Anders gesagt, die Durchf\u00fchrbarkeit von Telearbeit unterscheidet sich je nach Art der T\u00e4tigkeit. Die Mittelschicht und die Arbeiter*innenklasse sind strukturell zersplittert, was unter anderem daran liegt, dass sie, was die M\u00f6glichkeit der Telearbeit angeht, unterschiedlich positioniert sind. Die branchen- und sektorspezifische Kluft zwischen Telearbeiter*innen und Nicht-Telearbeiter*innen ist je nach Beruf gr\u00f6\u00dfer oder kleiner. In einigen F\u00e4llen sind die Gewerkschaften st\u00e4rker, in anderen F\u00e4llen ist Telearbeit gar kein oder ein noch sehr neues Thema, das erst mit der Pandemie aufgekommen ist. Dies w\u00fcrde eine Strategie nahelegen, die die Unterschiede im Grad, den Auswirkungen und der Art der Telearbeit in der lokalen und globalen Wirtschaft ber\u00fccksichtigt.<\/p>\n<p>Insgesamt gesehen betrifft die Debatte um die Telearbeit insbesondere Angestellte und schlie\u00dft viele Sektoren aus, die f\u00fcr die Realwirtschaft von entscheidender Bedeutung sind, unter anderem die Pflege, die Energieerzeugung, das Bauwesen und die Logistikbranche. Selbst w\u00e4hrend der Pandemie haben <a href=\"https:\/\/www.ihasco.co.uk\/blog\/entry\/3276\/demand-for-flexible-working\" class=\"external-link-new-window\" title=\"Opens internal link in current window\">viel weniger Arbeiter*innen zu Hause gearbeitet<\/a> als jene Berufst\u00e4tigen der Mittelschicht. Bedenkt man zudem, dass sich in den letzten zwei Jahrzehnten insbesondere Ostasien zur Hochburg der globalen Industriekapazit\u00e4t und -aktivit\u00e4t entwickelt hat, entpuppt sich die Debatte \u00fcber Telearbeit an sich als eine westlich zentrierte Diskussion.<\/p>\n<p>In zahlreichen Branchen \u2013 nicht nur im Globalen S\u00fcden \u2013 spielt Telearbeit bei Arbeiter*innenrechten kaum eine Rolle, da sie entweder nicht auf der Tagesordnung der Arbeiter*innen steht oder bestenfalls mit umfassenderen Fragen der Arbeitsflexibilit\u00e4t, von Einstellungs- und Entlassungspraktiken, der Prekarit\u00e4t, der kombinierten und ungleichen Entwicklung, der Wohlfahrtssysteme usw. verkn\u00fcpft ist. Man denke nur an eine bereits etablierte Forderung der Arbeiter*innen in der Gig Economy \u2013 das Recht auf Zugang zu Daten \u00fcber individuelle Kennzahlen wie beispielsweise Bezahlung und Arbeitsbedingungen und deren Vergleich mit Kolleg*innen mithilfe von <a href=\"https:\/\/techmonitor.ai\/policy\/education-and-employment\/data-next-frontier-fight-for-gig-workers-rights\" class=\"external-link-new-window\" title=\"Opens internal link in current window\">Klagen, Apps und Data Trusts<\/a>. Eine weitere Forderung in der Gig Economy (die k\u00fcrzlich von Lieferservice-Fahrer*innen in Griechenland durchgesetzt wurde) ist die <a href=\"https:\/\/news.bloombergtax.com\/daily-tax-report-international\/the-u-k-uber-decision-and-the-gig-economy-worker\" class=\"external-link-new-window\" title=\"Opens internal link in current window\">nach einem Arbeiter*innenstatus im Gegensatz zum Selbstst\u00e4ndigenstatus<\/a> und somit nach Rechten auf Vertretung und Tarifverhandlungen, Anspr\u00fcchen auf den landesspezifischen existenzsichernden Lohn, einen anderen Steuerstatus und Urlaubsgeld.<\/p>\n<h2>Telearbeit als konkrete Forderung der Bev\u00f6lkerung<\/h2>\n<p>Gerade weil die Heimarbeit in umfassendere Arbeitsk\u00e4mpfe eingebettet ist und sich an diesen Kreuzungspunkten Missst\u00e4nde herausbilden, ist der Widerstand gegen eine verallgemeinerte Forderung nach Telearbeit, die die strukturelle Position der Arbeiter*innen in allen Sektoren und Branchen weiter verschlechtert und den Arbeitskampf deprogrammiert, ebenso notwendig wie der Aufbau einer Front f\u00fcr Telearbeitsrechte. Und schlie\u00dflich gibt es in der Diskussion auch eine bei\u00dfende Realit\u00e4t: den Aspekt des Hier und Jetzt.<\/p>\n<p>Erstens gibt es zahlreiche Arbeiter*innen, die sich klar f\u00fcr mehr Flexibilit\u00e4t in ihren Arbeitszeiten einsetzen. Viele Menschen w\u00fcrden auch von geografischer Flexibilit\u00e4t profitieren. Sie k\u00f6nnten an ihrem bevorzugten Ort bleiben, m\u00fcssten weniger pendeln, weniger Geld f\u00fcr Verkehrsmittel ausgeben und k\u00f6nnten ihre Familienangelegenheiten freier regeln. Dies darf nicht als \u201efalsches Bewusstsein\u201c abgetan werden, als ein Fall, in dem die Arbeiter*innen ihren eigenen Interessen zuwiderhandeln. Kein*e Strateg*in kann die Bed\u00fcrfnisse der Bev\u00f6lkerung legitimieren \u2013 das kann nur die Masse der Menschen, die sie selbst lebt. Anstatt also deduktiv abzuleiten, was f\u00fcr die Arbeiter*innen gut ist, muss die Linke die Telearbeit dort verteidigen, wo sie von den Arbeiter*innen eingefordert wird. Gleichzeitig muss sie aus den tats\u00e4chlichen Umst\u00e4nden verschiedener sozialer und beruflicher Schichten die Bezeichnungen f\u00fcr Unterdr\u00fcckung und Chancen herausarbeiten, um zu verstehen, was die W\u00fcnsche der Arbeiter*innen selbst antreibt.<\/p>\n<p>Zweitens haben immer mehr Menschen w\u00e4hrend der Pandemie von zu Hause aus gearbeitet \u2013 eine kritische Masse von Arbeiter*innen und Angestellten, die in ihrer beruflichen Arbeitszeit unter nahezu komplett ungeregelten Bedingungen operieren. In den meisten F\u00e4llen tragen sie auch die Verantwortung f\u00fcr die Bereitstellung und Aufrechterhaltung der Versorgung und Infrastruktur ihres Arbeitsplatzes. Die Telearbeit ist enorm unzul\u00e4nglich reguliert, und die Erfahrung mit der Erledigung von Arbeitsaufgaben im Homeoffice w\u00e4hrend der Pandemie hat dies auf ungesch\u00f6nte Weise offengelegt. Nach Angaben der IAO haben bislang <a href=\"https:\/\/www.ilo.org\/global\/about-the-ilo\/newsroom\/news\/WCMS_765901\/lang--en\/index.htm\" class=\"external-link-new-window\" title=\"Opens internal link in current window\">nur zehn ihrer Mitgliedstaaten<\/a> das (seit 1996 bestehende) \u00dcbereinkommen Nr. 177 ratifiziert, das einen Regelungsrahmen bietet, wenn auch lediglich auf der Grundlage der Gleichbehandlung von Telearbeiter*innen und anderen Arbeiter*innen, der kapitalfreundlichsten Form des Eintretens f\u00fcr Arbeiter*innenrechte.<\/p>\n<p>F\u00fcr die radikale Linke sollte die wirksamste regulatorische Antwort auf die Telearbeit darin bestehen, die Auswirkungen und die Art und Weise, wie sich die Ausbeutung der Arbeit durch das Kapital in diesem neuen Arrangement manifestieren kann, sorgf\u00e4ltig zu untersuchen und herauszufinden, wie die Macht der Arbeiter*innen dies verhindern kann. Eine grundlegende Frage betrifft daher die Modalit\u00e4ten, durch die die ungel\u00f6ste Ausbeutung, die dem kapitalistischen Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnis innewohnt, vom B\u00fcro nach Hause \u00fcbertragen wird, wobei sie die gleiche oder eine differenzierte Form annimmt.<\/p>\n<p>In den Beziehungen zwischen Arbeit und Kapital gibt es schon jetzt eine offene politische Front und der Weg nach vorn besteht darin, energisch f\u00fcr eine Reihe relevanter Ziele einzutreten: die Einbeziehung und Anh\u00f6rung der Gewerkschaften bei allen einschl\u00e4gigen Rechtsvorschriften \u00fcber die Telearbeit; die Ausweitung des Rechtsschutzes f\u00fcr Telearbeiter*innen; die Beseitigung kapitalfreundlicher Schlupfl\u00f6cher in den vertraglichen Beziehungen zwischen Arbeiter*innen und Unternehmer*innen; das Eintreten f\u00fcr das <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/world\/2021\/feb\/10\/if-you-switch-off-people-think-youre-lazy-demands-grow-for-a-right-to-disconnect-from-work\" class=\"external-link-new-window\" title=\"Opens internal link in current window\">\u201eRecht auf Nichterreichbarkeit\u201c<\/a>; die Verallgemeinerung schriftlicher Vertr\u00e4ge und Forderung nach Tarifvertr\u00e4gen; der Zugang zur sozialen Absicherung; die Erlangung von Rechten in Bezug auf die Arbeitsflexibilit\u00e4t innerhalb der Telearbeit und dar\u00fcber hinaus; die Einschr\u00e4nkung der Funktionen, welche Unternehmen, die sich auf Telekonferenzen spezialisiert haben, in ihre Produkte einbauen d\u00fcrfen. Die Liste ist bereits lang genug, um zu zeigen, dass Unternehmer*innen aus der Telearbeit unter anderem deshalb Profit schlagen, weil entsprechende Vorschriften fehlen.<\/p>\n<p>Letztlich kann ein Paradigma der Produktionsverlagerung in Richtung Arbeiten von Zuhause auch im Einklang mit einer Degrowth-Strategie stehen, soweit mehr Produktion von zu Hause aus mit mehr Freizeit insgesamt einhergeht und im Vergleich zum neoliberalen Kontext eine umweltfreundlichere Wirtschaftst\u00e4tigkeit erzeugt. Doch auch hier ist der Beitrag zum Umweltschutz durch die Telearbeit kein Selbstl\u00e4ufer, sondern muss in integrativere \u00f6kologische Konzepte eingebettet werden, die das gesamte sozio\u00f6konomische Spektrum ernst nehmen. Wie bei der Entscheidung, welchen Platz die Heimarbeit in der Agenda der Forderungen und Ma\u00dfnahmen der Arbeiter*innen einnehmen soll, muss auch das Eintreten f\u00fcr eine \u00f6kologische Wirtschaft durch Telearbeit die bestehenden Unterschiede in der Arbeitswelt ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<h2>Nachsatz<\/h2>\n<p>Die Bef\u00fcrwortung oder Ablehnung eines \u00dcbergangs zur Telearbeit ist kein reiner Dualismus, sondern eine dialektische Frage, weshalb ein Ansatz der radikalen Linken, der lediglich ein Ja oder Nein zur Telearbeit anstrebt, nicht ausreicht. Es ist notwendig, sich auf die Telearbeit in den relevanten Branchen, Sektoren und M\u00e4rkten zu konzentrieren. Erst dann k\u00f6nnen die Arbeiter*innen, die davon profitieren, die sich dagegen wehren, die sich eine Halbe-halbe-Vereinbarung w\u00fcnschen, die mit den Auswirkungen konfrontiert sind oder die deswegen ihren Arbeitsplatz verlieren, ihre Forderungen artikulieren und entsprechend verteidigen. Zudem muss eine \u00d6kologisierung der Arbeit stattfinden. Das \u00f6kologische Potenzial muss dort, wo es vorhanden ist und im Rahmen der Arbeitsbeziehungen genutzt werden kann, st\u00e4rker zur Geltung gebracht werden, und nat\u00fcrlich m\u00fcssen seine Grenzen und Herausforderungen gegen\u00fcber etablierten, entstehenden und alternativen Rahmenbedingungen der sozialen Entwicklung bewertet werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Bef\u00fcrwortung oder Ablehnung von Telearbeit ist keine rein oppositionelle Frage. Giorgos Charalambous argumentiert f\u00fcr eine Position, die auf einer koh\u00e4renten Theorie emanzipatorischer Politik beruht und die unterschiedlichen Vor- und Nachteile f\u00fcr die Arbeiter*innen je nach Sektor, Schicht und ihren Forderungen ber\u00fccksichtigt.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":14857,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[61,2458],"tags":[],"class_list":["post-23721","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-article","category-artikel","person-giorgos-charalambous-4"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23721","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=23721"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23721\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":27846,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23721\/revisions\/27846"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/14857"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=23721"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=23721"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=23721"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}