{"id":23738,"date":"2022-03-14T12:51:29","date_gmt":"2022-03-14T11:51:29","guid":{"rendered":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/blog\/unkategorisiert\/ein-krieg-wird-legitimiert-riskantes-spiel-mit-alten-rechnungen\/"},"modified":"2023-09-27T16:11:49","modified_gmt":"2023-09-27T14:11:49","slug":"ein-krieg-wird-legitimiert-riskantes-spiel-mit-alten-rechnungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/blog\/article\/ein-krieg-wird-legitimiert-riskantes-spiel-mit-alten-rechnungen\/","title":{"rendered":"Ein Krieg wird legitimiert: Riskantes Spiel mit alten Rechnungen"},"content":{"rendered":"<p>Am Ende des Ersten Weltkriegs gab es im Osten keine Sieger. Beide Seiten hatten verloren, Deutsche und \u00d6sterreicher auf der einen, Russen auf der anderen. Damit trat ein, womit niemand bei Ausbruch des Krieges 1914 hatte rechnen k\u00f6nnen: Die drei Teilungsm\u00e4chte Polens von 1815 mussten allesamt das Feld r\u00e4umen, der Weg war frei f\u00fcr die staatliche Wiederherstellung Polens. <\/p>\n<p>W\u00e4hrend im Westen gegen\u00fcber dem besiegten Deutschland die Grenzen nach dem Versailler Friedensvertrag fester gezogen werden konnten, blieb die Situation im Osten viel un\u00fcbersichtlicher, hierher drang kaum noch der Einfluss aus Versailles. Dort, wo Polen, Ukrainer, Belorussen, Litauer und zwischen ihnen Juden seit Jahrhunderten in engerer Nachbarschaft siedelten, sprach weiter die Waffengewalt.<\/p>\n<p>Bereits Ende 1918 kam es um Lemberg im vormals zu \u00d6sterreich geh\u00f6rendem Ostgalizien zu bewaffneten Konflikten und Scharm\u00fctzeln zwischen polnischen und ukrainischen Truppen; ein erstes Anzeichen, dass der Friedensschluss des Westens im Osten keinen Grund fand. Allein der Appell an die Wahrung ethnischer Grenzlinien war noch zu h\u00f6ren. Indes war es die Stunde wagemutiger M\u00e4nner, die sich zu gro\u00dfer historischer Tat berufen f\u00fchlten. Auf polnischer Seite stieg J\u00f3zef Pi\u0142sudski zum unerreichten Nationalhelden auf. Ihn trug die Vision, im Osten tief hinein in die Weiten des im Krieg untergegangenen Zarenreichs historische Grenzen durchzusetzen. Russland zehrte sich auf in einem blutigen B\u00fcrgerkrieg, der Sieger war l\u00e4ngst noch nicht auszumachen. Um den ausbrechenden Nationalgef\u00fchlen in der ukrainischen und belorussischen Bev\u00f6lkerung entgegenzukommen, setzte er auf die F\u00f6derationsidee &#8211; einen sp\u00e4teren Bund dieser L\u00e4nder mit Polen, um dem Einfluss Russlands einen starken Riegel vorzuschieben.Zu ersten Auseinandersetzungen zwischen polnischen Streitkr\u00e4ften und der Roten Armee kam es im April 1919 in Vilnius, als die Rote Armee aus der Stadt vertrieben wurde, um die sich damals vor allem Polen und Litauen stritten. Die polnische Armee r\u00fcckte anschlie\u00dfend weiter nach Osten vor, brachte der Roten Armee empfindliche Niederlagen bei und erreichte im September 1919 eine Linie 50 Kilometer \u00f6stlich von Minsk. Im S\u00fcden hatte man die gesamte Westukraine bereits in der Hand. Seit Mai 1919 waren dort die Kampfhandlungen gegen die Verb\u00e4nde der sogenannten Ukrainischen Volksrepublik von Symon Petljura eingestellt worden. Aus unvers\u00f6hnlichen Feinden waren B\u00fcndnispartner geworden, der gemeinsame Gegner &#8211; Sowjetrussland &#8211; schwei\u00dfte zusammen. Petljura hatte angesichts des Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis schnell begriffen, dass der Weg zu der von ihm angestrebten unabh\u00e4ngigen Ukraine f\u00fcr ihn nur noch \u00fcber die Eroberung Kiews, nicht mehr Lembergs f\u00fchrt. <\/p>\n<p>Pi\u0142sudski schien dem geostrategischen Traum einer F\u00f6deration Polens mit von Russland losgel\u00f6stem Belarus und selbstst\u00e4ndiger Ukraine einen gro\u00dfen Schritt n\u00e4hergekommen zu sein. Die westlichen Siegerm\u00e4chte allerdings pochten im Herbst 1919 immer noch auf eine polnische Ostgrenze am Bug, den Bev\u00f6lkerungsmehrheiten folgend. Pi\u0142sudski nutzte nun aus, dass Sowjetrussland keinen B\u00fcndnispartner mehr im Westen besa\u00df &#8211; eine formidable Situation f\u00fcr die eigenen Pl\u00e4ne. Sp\u00e4ter werden Historiker zu der Einsch\u00e4tzung gelangen, dass er gegen ein Russland der Wei\u00dfgardisten wohl keine Chance besessen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Die sowjetische Seite machte im Winter 1919\/20 ernsthafte Friedensangebote, war bereit, das unabh\u00e4ngige Polen anzuerkennen, machte territoriale Zugest\u00e4ndnisse, die weit \u00fcber die Vorstellungen der Westm\u00e4chte hinausgingen, verwies aber &#8211; bezogen auf Belarus und die Ukraine &#8211; nun ihrerseits auf das Selbstbestimmungsrecht der V\u00f6lker. Warschau stellte harte Bedingungen, auf die Moskau nicht eingehen konnte, die Kampfhandlungen setzten sich im Fr\u00fchjahr 1920 fort. Pi\u0142sudski zog es nach Kiew, um Petljura bei der Schaffung einer selbstst\u00e4ndigen Ukraine in die Vorhand zu bringen. Das Man\u00f6ver gelang auch milit\u00e4risch, am 7. Mai 2020 r\u00fcckten polnische Truppen in Kiew ein. Die polnische F\u00fchrung rechnete mit einem der sowjetischen Seite diktierten Friedensschluss, doch Moskau warf nach dem sich bereits abzeichnenden Sieg im B\u00fcrgerkrieg nun alles gegen Polen an die Front. Im Norden auf belorussischem Gebiet \u00fcbernahm Michail Tuchatschewski die strategische F\u00fchrung, im S\u00fcden in den ukrainischen Weiten k\u00e4mpfte Budjonnys ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigte Reiterarmee. Das Ziel war klar: die polnischen Truppen weit nach Westen zur\u00fcckschlagen und Warschau einnehmen. Es brauchte nur wenige Tage, dann waren die polnischen Truppen wieder aus Kiew vertrieben. <\/p>\n<p>Anfang August 1920 stand umgekehrt die Rote Armee nun vor den Toren Warschaus; die Einnahme der polnischen Hauptstadt schien nur eine Frage der Zeit. Eingesetzt werden sollte eine polnische Sowjetregierung, an deren Spitze Julian Marchlewski stand. Insgeheim rechnete die Sowjetf\u00fchrung um Lenin mit einem Schulterschluss der Arbeiter- und Bauernmassen Polens, vor allem der \u00e4rmeren Schichten. Hinter Pi\u0142sudski standen franz\u00f6sische Berater und Truppen, unter anderem der junge Offizier Charles de Gaulle; auch gelang es ihm und seiner F\u00fchrung in dieser bedrohlichen Situation, eine kriegsentscheidende patriotische Stimmung zu erzeugen, denn frische Freiwilligenheere standen in ausreichender Zahl zur Verf\u00fcgung. So wie die Polen vor wenigen Monaten in Kiew, so scheiterten die Rotarmisten jetzt vor Warschau. In den Tagen zwischen dem 14. und 16. August 1920 kam es zur entscheidenden Kriegswende &#8211; jetzt wurde die Rote Armee wieder nach Osten gedr\u00e4ngt. Ende September 1920 gelang den polnischen Truppen sogar der Durchbruch in Richtung Minsk, die Sowjettruppen waren geschlagen.<\/p>\n<p>Im Herbst 1920 wurden die K\u00e4mpfe eingestellt und Friedensverhandlungen aufgenommen. F\u00fcr Lenin war der exakte Grenzverlauf zwischen Sowjetland und Polen nun weniger wichtig, entscheidender war: Polen sollte am Verhandlungstisch die Existenz von Sowjet-Ukraine und Sowjet-Belarus hinnehmen, sozusagen Pi\u0142sudskis strategische F\u00f6derationspl\u00e4ne umkehrend. Am 18. M\u00e4rz 1921 wurde in Riga der Friedensvertrag zwischen beiden Seiten unterschrieben, mit dem die Fortsetzung des Ersten Weltkriegs im Osten offiziell beendet wurde. Zugleich war der Weg geebnet zur Gr\u00fcndung der Sowjetunion, die offiziell am 30. Dezember 1922 aus der Taufe gehoben wurde.<\/p>\n<p>Die westlichen Siegerm\u00e4chte brauchten noch geraume Zeit, den vereinbarten Grenzverlauf offiziell zu akzeptieren, weil ethnische Kriterien v\u00f6llig vom Tisch gefegt wurden. F\u00fcr Belarus bedeutete der Vertrag die Teilung &#8211; hier der polnische, dort der sowjetische Teil. Und die Ukraine kam im westlichen Teil zu Polen. Der Gebietsverlust wurde wettgemacht durch den administrativen Anschluss gr\u00f6\u00dferer Gebiete im Osten, die im Zarenreich immer russisches Gebiet waren.<\/p>\n<p>\u00dcber 100 Jahre sp\u00e4ter greift Russlands Staatspr\u00e4sident Wladimir Putin nun mit dem unglaublichen Argument zur Kriegsgewalt, Lenin und die Bolschewiki h\u00e4tten sich mit der Schaffung der Sowjet-Ukraine gegen elementare russische Interessen vers\u00fcndigt.&nbsp;<\/p>\n<p><b>Urspr\u00fcnglich ver\u00f6ffentlicht bei: <a title=\"Opens internal link in current window\" class=\"external-link-new-window\" href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1161678.ukrainekrise-ein-krieg-wird-legitimiert-riskantes-spiel-mit-alten-rechnungen.html?sstr=Holger|Politt\">Neues Deutschland<\/a><br \/> <\/b><\/p>\n<p><span style=\"box-sizing: border-box; margin: 0px; padding: 0px; border: 0px; font-variant-numeric: inherit; font-variant-east-asian: inherit; font-weight: 700; font-stretch: inherit; line-height: inherit; font-family: &quot;Open Sans&quot;, sans-serif; font-size: 14px; vertical-align: baseline; color: rgb(238, 0, 34); \">Lesen Sie&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.transform-network.net\/de\/blog\/article\/stop-the-war-an-appeal-for-a-europe-of-peace\/?tx_news_pi1%5Bfocus%5D=&amp;cHash=0d4f6205416018cef08c0b366a5d5384\" title=\"Opens external link in new window\" target=\"_blank\" class=\"external-link-new-window\" style=\"box-sizing: border-box; margin: 0px; padding: 0px; border-width: 0px 0px 1px; border-top-style: initial; border-right-style: initial; border-bottom-style: solid; border-left-style: initial; border-top-color: initial; border-right-color: initial; border-bottom-color: rgb(87, 87, 87); border-left-color: initial; border-image: initial; font-style: inherit; font-variant: inherit; font-weight: inherit; font-stretch: inherit; line-height: inherit; font-family: inherit; vertical-align: baseline; color: rgb(87, 87, 87); text-decoration-line: none; cursor: pointer; transition: all 0.3s ease 0s; background: 0px 0px;\" rel=\"noopener\">hier<\/a>&nbsp;das transform! europe Manifest f\u00fcr den Frieden.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erst der Rigaer Frieden beendete 1921 den Kampf zwischen Polen und Sowjetrussland um die Ukraine und Belorussland<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":14936,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[61,2458],"tags":[],"class_list":["post-23738","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-article","category-artikel","person-holger-politt-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23738","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=23738"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23738\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":27856,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23738\/revisions\/27856"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/14936"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=23738"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=23738"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=23738"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}