{"id":23781,"date":"2022-07-07T07:31:54","date_gmt":"2022-07-07T05:31:54","guid":{"rendered":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/blog\/unkategorisiert\/wahlen-in-frankreich-die-reparlamentarisierung-der-franzoesischen-politik\/"},"modified":"2023-09-27T16:12:04","modified_gmt":"2023-09-27T14:12:04","slug":"wahlen-in-frankreich-die-reparlamentarisierung-der-franzoesischen-politik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/blog\/analysis\/wahlen-in-frankreich-die-reparlamentarisierung-der-franzoesischen-politik\/","title":{"rendered":"Wahlen in Frankreich: Die Reparlamentarisierung der franz\u00f6sischen Politik"},"content":{"rendered":"<p>Bei dieser Wahl zeigte sich erneut die Dreiteilung der politischen Landschaft in Frankreich, welche seit der Wahl von 2017 besteht, und welche sich in den drei Bl\u00f6cken der (macronistischen Partei) Ensemble, (des linken Wahlb\u00fcndnisses) NUPES und der (rechten) Rassemblement National (RN) niederschl\u00e4gt. Die Mitte-rechts-Partei Les R\u00e9publicains erging es bei den Parlamentswahlen besser als bei den Pr\u00e4sidentschaftswahlen, sie befinden sich nun in einer strategisch g\u00fcnstigen Position, da sie der Pr\u00e4sident als Mehrheitsbeschaffer ben\u00f6tigt. <\/p>\n<h2>Die beispiellose Niederlage der legislativen Pr\u00e4sidentschaftskoalition&nbsp;<\/h2>\n<p>Bei den Wahlen zur Nationalversammlung 2022 war vieles anders als sonst: Macrons Sieg bei der Pr\u00e4sidentschaftswahl h\u00e4tte ihm, wenn man der \u00fcblichen Logik der politischen Entwicklungen in Frankreich folgt, eigentlich eine deutliche Mehrheit im Parlament garantieren sollen. Bei allen vergangenen Wahlen zur Legislative mit einer vorherigen Pr\u00e4sidentschaftswahl war lediglich das Ergebnis der letzteren best\u00e4tigt worden. Diesen Umstand hatten alle politischen Parteien tief verinnerlicht und in ihre Art und Weise, Wahlkampf zu machen, integriert.<\/p>\n<p>Zum ersten Mal erschien der breiten \u00d6ffentlichkeit die M\u00f6glichkeit realistisch, dass der neugew\u00e4hlte Pr\u00e4sident mit einer Mehrheit im Parlament konfrontiert sein k\u00f6nnte, die nicht seiner eigenen politischen Ausrichtung entspricht. Diese v\u00f6llig neue Situation veranlasste das Spitzenpersonal der NUPES, allen voran Jean-Luc M\u00e9lenchon, aus dem Stehgreif einen einfallsreichen Wahlkampf zu improvisieren, der die Parlamentswahlen als \u00bbdritte Runde\u00ab der Pr\u00e4sidentschaftswahlen deutete und Menschen dazu einlud, Jean-Luc M\u00e9lenchon zum Premierminister zu \u00bbw\u00e4hlen\u00ab (was das franz\u00f6sische Wahlrecht in dieser Form nicht vorsieht, der Premierminister wird vom Pr\u00e4sidenten ernannt, die Nationalversammlung kann ihn lediglich absetzen). Diese Strategie einer linken Wahlallianz basierte auf einer Vereinbarung, die unmittelbar nach dem zweiten Wahlgang auf Basis eines gemeinsamen Programms der linken Parteien getroffen wurde.<\/p>\n<p>Auch im Hinblick auf ihr Ergebnis war diese Wahl au\u00dfergew\u00f6hnlich. Das politische Lager des Pr\u00e4sidenten konnte keine eigene absolute Mehrheit von mindestens 289 Sitzen erreichen. Ensemble erhielt 245 Sitze, die NUPES 131 Sitze, 22 Sitze gingen an diverse linke Kandidat:innen und die Rassemblement National erhielt 89 Sitze. Das Lager von Macron ist f\u00fcr die Mehrheitsfindung nun also auf Les R\u00e9publicains angewiesen, die mit 74 Sitzen deutlich besser abschnitten als bei der Pr\u00e4sidentschaftswahl (mit unter 5 Prozent).<\/p>\n<p>Die Dynamik der Dreiteilung, welche schon die Pr\u00e4sidentschaftswahl pr\u00e4gte, schl\u00e4gt sich nun also ebenfalls in der Nationalversammlung nieder. Diese Situation ist umso \u00fcberraschender, wenn man bedenkt, dass das Wahlsystem seit 1986 den Einzug der extremen Rechten ins Parlament verhindern und seit 2012 die radikale Linke weitgehend marginalisieren konnte.<\/p>\n<p>Ebenfalls sticht hervor, dass 53 Prozent der W\u00e4hler:innen den Urnen fern blieben. Im Vergleich zu den Pr\u00e4sidentschaftswahlen kamen die Gruppen zur Parlamentswahl, die generell am h\u00e4ufigsten w\u00e4hlen, ohne dass sich dadurch die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse fundamental verschoben h\u00e4tten. Um diese Situation zu verstehen, muss die Dynamik von Mobilisierung und Demobilisierung sowie die Zusammensetzung der einzelnen W\u00e4hler:innenschichten im Detail verstanden werden.<\/p>\n<h2>Das Lager des Pr\u00e4sidenten in Schwierigkeiten<\/h2>\n<p>2017 hatte es Macrons B\u00fcndnis noch aus eigener Kraft geschafft, 36 Prozent bei der Parlamentschaftswahl zu holen. 2022 brachte es das Lager von Macron nur noch auf 245 Sitze, davon lediglich 170 f\u00fcr die Partei des Pr\u00e4sidenten. Der Absturz fiel umso dramatischer aus, da wichtige Parteigr\u00f6\u00dfen wie Richard Ferrand, Christophe Castaner und Jean-Michel Blanquer und Kabinettsmitglieder wie Am\u00e9lie de Montchalin, Brigitte Bourguignon und Justine B\u00e9nin ihre Wahlkreise verloren. Das Ergebnis zeigt das Scheitern der Strategie des Pr\u00e4sidentenlagers auf, dem Wahlkampf gr\u00f6\u00dftenteils aus dem Weg zu gehen. W\u00e4hrend einer skandalgepr\u00e4gten Kampagne, die von polizeilichen Repressionen im Stade de France und Vorw\u00fcrfen wegen sexueller Gewalt gegen (den Fraktionsvorsitzenden von Les R\u00e9publicains) Damien Abad gepr\u00e4gt war \u2014 hoffte das macronistische Lager, dass die Inszenierung seiner Regierungsf\u00e4higkeit ausreichen w\u00fcrde, um eine Mehrheit zu erzielen.<\/p>\n<p>Wie bereits bei der Pr\u00e4sidentschaftswahl erhielt Macron \u00fcberwiegend Stimmen der b\u00fcrgerlichen Schichten. Er schnitt besonders stark unter F\u00fchrungskr\u00e4ften und Menschen mit h\u00f6herer Bildung (33 Prozent), unter Gutverdienern mit einem Monatseinkommen \u00fcber 2500 Euro (36 Prozent), sowie der gehobenen Mittelklasse mit einem Einkommen zwischen 1900 und 2500 Euro pro Monat (33 Prozent) ab. Demgegen\u00fcber gaben ihm nur 22 Prozent der Menschen mit niedrigem Einkommen (900-1300 Euro pro Monat) und nur 11 Prozent der Armen (unter 900 Euro pro Monat) ihre Stimme. Nach dem Erdrutschsieg des Macron-Lagers von 2017 erzielte es bei dieser Wahl die meisten Stimmen im Westen des Landes, wo es weiterhin vergleichsweise stark ist. Von seinen Verlusten profitierte die RN vor allem im Norden und S\u00fcdosten und die NUPES in Gro\u00dfst\u00e4dten und im Gro\u00dfraum Paris. Dort verlor Ensemble gegen\u00fcber 2017 acht Prozent, ein R\u00fcckgang, der mit einer Verschiebung der Unterst\u00fctzer:innenbasis in den reichen Westen der Region einherging, der sich bereits bei der Pr\u00e4sidentschaftswahl abgezeichnet hatte.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Verluste des Lagers von Macron sind mehrere Faktoren verantwortlich. Erstens ergab sich durch eine Legislaturperiode, dir durch die Rechte gepr\u00e4gt war, ein politisches M\u00f6glichkeitsfenster f\u00fcr die Linke, welche Ensemble viele traditionell eher linke Wahlkreise abnahm. Diese Verluste konnte die Partei nicht ausgleichen, indem sie nach rechts r\u00fcckte, was haupts\u00e4chlich am vergleichweise guten Abschneiden von Les R\u00e9publicains lag.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich ist auch die Schw\u00e4chung der \u00bbrepublikanischen Front\u00ab daf\u00fcr verantwortlich, dass Macrons Lager so m\u00e4\u00dfig abschnitt und viele Wahlkreise an die Rassemblement National verlor. In F\u00e4llen, in denen die zweite Runde zwischen einer RN- und einem Ensemble-Kandidat:in abgehalten wurde, stimmten nur 31 Prozent der W\u00e4hler:innen der NUPES gegen den RN ab (45 Prozent enthielten sich, 24 Prozent stimmten f\u00fcr die Rechtsextremen), die 52 Prozent der Stichwahlen f\u00fcr sich entscheiden konnten.<\/p>\n<h2>Der Bruch des republikanischen Damms?<\/h2>\n<p>Marine Le Pen unterlag zwar in der zweiten Runde der Pr\u00e4sidentschaftswahlen, konnte aber immerhin mehr als 13 Millionen Stimmen auf sich vereinen. Im Nachgang setzte die Rassemblement National auf eine eher diskrete Wahlkampfstrategie bei den Parlamentswahlen. Die Partei war mit eigenen Politikvorschl\u00e4gen wenig pr\u00e4sent, sondern konzentrierte sich vielmehr darauf, M\u00e9lenchon und die NUPES zu diskreditieren. Doch was auf nationaler Ebene als Mangel an Ambitionen erschien, wurde durch Kampagnenarbeit auf lokaler Ebene wettgemacht. Viele Beobachter:innen haben die Rechtsextremen im Vorfeld der Wahl deshalb untersch\u00e4tzt und waren von ihrem guten Abschneiden \u00fcberrascht. Der RN konnte sein Ergebnis in der ersten Runde der Parlamentswahlen im Vergleich zu 2017 um mehr als 1,2 Millionen Stimmen steigern. Und obwohl die Kandidat:innen von Reconqu\u00eate, der von Eric Zemmour gef\u00fchrten rechtsextremen Partei, eine Million Stimmen erhielten, qualifizierte sich die RN in \u00fcber 200 Wahlkreisen f\u00fcr die zweite Runde, darunter 110, in denen sie die meisten Stimmen erhielt. Der Erfolg der RN zeigte sich auch darin, dass Le Pens Partei alle Reconqu\u00eate-Kandidat:innen eliminieren konnte und ihre 200 Qualifikationen f\u00fcr die Stichwahl in 89 Sitze umwandeln konnte.<\/p>\n<p>Trotz sehr guter Ergebnisse bei den Pr\u00e4sidentschaftswahlen war es dem RN seit 1986 nicht mehr gelungen, eine Fraktion in der Nationalversammlung zu bilden. Die RN konnte ihr gutes Abschneiden bei den Pr\u00e4sidentschaftswahlen nicht in Parlamentssitze umwandeln, da ihre W\u00e4hler:innen, die gr\u00f6\u00dftenteils aus Bev\u00f6lkerungsgruppen mit niedrigem Bildungsniveau stammten, bei den Parlamentswahlen weitgehend demobilisiert blieben.<\/p>\n<p>Doch dieses Jahr war alles anders. Die RN profitierte von mehreren Faktoren. Erstens hat sich eine starke gesamtgesellschaftliche reaktion\u00e4re Bewegung formiert, die von Regierungsmitgliedern, Pers\u00f6nlichkeiten aus dem gesamten politischen Spektrum und einigen Medien getragen wird, und die gemeinsam versucht, die politische Agenda zu bestimmen. Dies geht so weit, dass xenophobe Narrative wie die Theorie des \u00bbgro\u00dfen Austauschs\u00ab mittlerweile einen festen Platz im Diskurs haben. Auch Zemmours Kandidatur hat ihren Beitrag dazu geleistet, den Schwerpunkt der Debatten auf die extreme Rechte zu verlagern und durch die Koexistenz verschiedener rechtsextreme Str\u00f6mungen diesen ideologischen Raum zu diversifizieren. So verzeichnete die RN zwischen den Pr\u00e4sidentschafts- und Parlamentswahlen einen geringeren Stimmenverlust (minus 4,5 Prozentpunkte) als vor f\u00fcnf Jahren (minus 8 Prozentpunkte), ausgehend von einem h\u00f6heren Ergebnis aus (23,15 Prozent gegen\u00fcber 21,30 Prozent), was auf eine geringere Demobilisierung ihrer W\u00e4hlerschaft hindeutet.<\/p>\n<p>Die Weigerung von Ensemble, auf nationaler Ebene eine Wahlempfehlung im Rahmen von Duellen zwischen der NUPES und der RN zu geben, f\u00fchrte zu einem Zusammenbruch der republikanischen Front in den 200 Wahlkreisen, in denen sich die RN f\u00fcr den zweiten Wahlgang qualifiziert hatte. So stimmten nur 16 Prozent der Personen, die im ersten Wahlgang f\u00fcr eine:n Ensemble-Kandidat:in gestimmt hatten, im zweiten Wahlgang gegen einen RN-Kandidat:in und f\u00fcr die NUPES, 72 Prozent enthielten sich der Stimme und 12 Prozent w\u00e4hlten die RN. Es scheint, dass die Angst vor einem Linksb\u00fcndnis mit einem Programm, das mit der neoliberalen und fremdenfeindlichen Politik der letzten Jahre bricht, die republikanische Blockade \u00fcberwunden hat. Zeitgleich zur Banalisierung der extremen Rechten fand eine D\u00e4monisierung der NUPES und von Jean-Luc M\u00e9lenchon statt. Liberalen Kr\u00e4ften wurde so erm\u00f6glicht, eine Rhetorik zu entwickeln, die die Wahl zwischen diesen Optionen als unl\u00f6sbares Dilemma darstellt, da beide \u00bbantirepublikanisch\u00ab seien.<\/p>\n<p>Der Erfolg der RN wird ihre finanziellen (7 Millionen Euro pro Jahr) und personellen Ressourcen (fast 200 parlamentarische Mitarbeiter) erh\u00f6hen. Dennoch stellt er die Partei vor eine doppelte Herausforderung.<\/p>\n<p>Erstens werden die Abgeordnete:n der RN beweisen m\u00fcssen, dass sie in der Lage sind, f\u00fcr ihre W\u00e4hler:innen n\u00fctzliche parlamentarische Arbeit zu leisten, um sich zu legitimieren. Diese Anforderung steht aber im Widerspruch zum Status der RN als Anti-System-Partei, der f\u00fcr ihr Image zentral ist. Zweitens k\u00f6nnen die mediale Aufmerksamkeit und die Ausbildung neuer Parteiprominenz zu Unruhen innerhalb der RN f\u00fchren, deren Umgang mit Dissidenten bislang systematisch mit dem (freiwilligen oder erzwungenen) Austritt derjenigen endete, die von der Linie der Parteichefin abwichen.<\/p>\n<h2>Die Linke sch\u00f6pft Hoffnung<\/h2>\n<p>Die erste Runde der Pr\u00e4sidentschaftswahlen best\u00e4tigte die zentrale Position der Partei France Insoumise von Jean-Luc M\u00e9lenchon innerhalb des linken Spektrums, was Verhandlungen mit den anderen linken Parteien erm\u00f6glichte, um bei den Parlamentswahlen als gemeinsames B\u00fcndnis anzutreten. Nach einem einigerma\u00dfen schwierigen Prozess gelang es der Linken, eine Wahl- und Programmvereinbarung zu treffen, die es erm\u00f6glichte, in jedem der 577 Wahlkreise gemeinsame Kandidaten aufzustellen, die radikale Vorschl\u00e4ge wie die Rente mit 60, einen Mindestlohn von 1500 Euro oder die \u00f6kologische Wirtschaftsplanung zu vertreten.<\/p>\n<p>Dank dieser Strategie konnte das linke Lager am Sonntagabend von rund 60 Abgeordneten auf 153 Abgeordnete anwachsen, die in einer gemeinsamen Fraktion zusammengeschlossen sind, sowie Emmanuel Macron die absolute Mehrheit verwehren und sich als gr\u00f6\u00dfter Oppositionsblock etablieren.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich wie Jean-Luc M\u00e9lenchon bei den Pr\u00e4sidentschaftswahlen konnte die NUPES vor allem in den Gro\u00dfst\u00e4dten und in den armen D\u00e9partements (Seine-Saint-Denis, \u00dcberseegebiete) Punkten. Die W\u00e4hler:innenschaft der Linken wird h\u00e4ufig durch die Kategorie Alter analysiert (sehr schwach bei Rentnern und sehr stark bei Jugendlichen), doch dies greift zu kurz. Die hohe Zustimmung unter Arbeitslosen (28 Prozent), Personen mit einem Einkommen von weniger als 900\u20ac pro Monat (32 Prozent) und Akademiker:innen (29 Prozent) zeigen, dass eine Gruppe von W\u00e4hler:innen von ihr mobilisiert wurde, die sowohl den prek\u00e4rsten Segmenten des Arbeitsmarktes angeh\u00f6ren aber auch Menschen umfasst, die einen akademischen Abschluss haben, aber keine sehr hohen Einkommen erzielen.<\/p>\n<p>Hinsichtlich der Wahlgeographie sind viele Kommentator:innen besorgt \u00fcber einen R\u00fcckgang der Linken in l\u00e4ndlichen Gebieten, in denen die RN dominiert. Einige Stimmen in der NUPES machten hierf\u00fcr das Programm verantwortlich, das ihnen als zu radikal in Bezug auf den Laizismus, die Beziehungen zu Minderheiten oder die Polizei erschien und womit die Linke angeblich W\u00e4hler:innen in l\u00e4ndlichen Gebieten, in denen die soziale Wut dominiert, abgeschreckt h\u00e4tte. Sie schlagen eine Strategie vor, die darauf abzielt, diesen Teil der W\u00e4hler:innenschaft, der von der extremen Rechten verf\u00fchrt wurde, zur\u00fcckzugewinnen.<\/p>\n<p>Diese Interpretation erscheint aus zwei Gr\u00fcnden unzureichend. Zum einen welchen W\u00e4hler:innen nur sehr selten von der extremen Rechten zur linken, und selbst im Falle eines Duells im zweiten Wahlgang zwischen Ensemble und NUPES haben nur 18 Prozent der RN-W\u00e4hler links gew\u00e4hlt, was die Schwierigkeit widerspiegelt, Stimmen aus dem Lager von Le Pen zur\u00fcckzugewinnen.<\/p>\n<p>Auch gab es bei den Pr\u00e4sidentschaftswahlen keine offensichtliche Schw\u00e4che f\u00fcr M\u00e9lenchon in den l\u00e4ndlichen Gebieten. Die St\u00e4rke der RN in diesen geografischen Gebieten bedeutet also nicht, dass die Linke nicht in der Lage ist, diese Bev\u00f6lkerungsgruppen anzusprechen, sondern lediglich, dass es notwendig ist, zu verstehen, welche Realit\u00e4ten sich hinter dem Begriff der L\u00e4ndlichkeit verbergen. Schlie\u00dflich haben die Pr\u00e4sidentschaftswahlen gezeigt, dass die F\u00e4higkeit, die Themen Antirassismus, Feminismus und \u00d6kologie mit sozialen und wirtschaftlichen Fragen zu verkn\u00fcpfen ein gro\u00dfer Vorteil f\u00fcr eine breite Mobilisierung und die gemeinsame Arbeit mit sozialen Bewegungen ist.<\/p>\n<h2>Popul\u00e4re \u00d6kologiepolitik<\/h2>\n<p>\u00d6kologische Fragen sind in dieser Hinsicht entscheidend. Bislang wurde dieses Themengebiet haupts\u00e4chlich von der Gr\u00fcnen Partei (EELV) und von alternativen Kandidat:innen (Landwirt:innen oder Tiersch\u00fctzer:innen) dominiert, die bis zu den Pr\u00e4sidentschaftswahlen 2022 eine \u00fcberwiegend st\u00e4dtische, hochqualifizierte und berufst\u00e4tige W\u00e4hler:innenschaft rekrutierten. Diese soziale Sektorisierung wurde durch eine Auffassung von \u00d6kologie unterf\u00fcttert, die sie weniger zu einer politischen Ideologie als vielmehr zu einer Frage der pers\u00f6nlichen Lebensf\u00fchrung- und Ern\u00e4hrungsweise macht. Die Entpolitisierung der \u00d6kologie hat auch zur Entfremdung von der Arbeiter:innenklasse gef\u00fchrt, die das Klima am wenigsten belastet und gleichzeitig am st\u00e4rksten vom Klimawandel betroffen ist.<\/p>\n<p>Aber die NUPES scheint diese H\u00fcrden weitgehend \u00fcberwunden zu haben. M\u00e9lenchon konnte im Wahlkampf ein umweltpolitisches Projekt entwickeln, das den finanzialisierten Kapitalismus angreift, die soziale und besch\u00e4ftigungspolitische Fragen in den Mittelpunkt stellt und dem Staat eine zentrale Rolle zuweist: Die \u00f6kologische Planung als Instrument, um die planetaren \u00f6kologischen Vorgaben zu respektieren und gleichzeitig die notwendigen Technologien zu entwickeln und zu antizipieren, um sich ihnen anzupassen.<\/p>\n<p>Die von der NUPES erzielte programmatische Einigung erm\u00f6glichte es, einen neuen Umgang mit dem Thema \u00d6kologie zu finden: Zum einen durch ihre Einbindung in ein koh\u00e4rentes, radikales linkes Projekt, zum anderen durch eine klare Abgrenzung dieses Projekts von marktwirtschaftlichen L\u00f6sungen \u00f6kologischer Krisen durch Innovation und neuen Technologien, das \u00f6kologische Projekt der Liberalen. Durch diesen Prozess wurde ein gemeinsames \u00d6kologieverst\u00e4ndnis Bestandteil einer gemeinsamen radikalen Plattform f\u00fcr die parlamentarische Linke.<\/p>\n<p>Die NUPES verfolgt auch das Ziel, eine Organisation zu schaffen, die es den an den laufenden K\u00e4mpfen beteiligten Personen aus Verb\u00e4nden und Gewerkschaften erm\u00f6glicht, an ihrere politischen Dynamik teilzuhaben. So geh\u00f6ren der Nationalversammlung heute Aur\u00e9lie Trouv\u00e9, die ehemalige Vorsitzende von Attac, die Gewerkschaftsf\u00fchrerin Rachel K\u00e9k\u00e9, die gegen den Accor-Konzern einen erfolgreichen Arbeitskampf f\u00fchrte, die Umweltaktivistin Alma Dufour, die eine Kampagne gegen Amazon koordinierte und Fran\u00e7ois Piquemal, Aktivist f\u00fcr das Recht auf Wohnen, an. Die NUPES hat dazu beigetragen, die Bedeutung der Parlamentswahlen zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Von nun an wird die Herausforderung darin bestehen, die Einheit und die Zahl der Mitglieder der Fraktion aufrechtzuerhalten und gleichzeitig die Radikalit\u00e4t zu behalten, die eine antirassistische, feministische, antikapitalistische und \u00f6kologische Perspektive heute erfordert.<\/p>\n<p><b>Urspr\u00fcnglich erschienen auf der Website der&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.rosalux.eu\/de\/article\/2142.wahlen-in-frankreich-die-reparlamentarisierung-der-franz%C3%B6sischen-politik.html\" title=\"Opens external link in new window\" class=\"external-link-new-window\">Rosa-Luxemburg-Stiftung Brussels Office<\/a>.<\/b><\/p>\n<p><b>Wir empfehlen:<\/b><\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www.transform-network.net\/de\/blog\/article\/a-new-popular-union-remarks-on-the-french-left-political-agreement-for-an-alternative-government\/?tx_news_pi1%5Bfocus%5D=&amp;cHash=462f5642fe1902d285984489c8593c15\" class=\"external-link-new-window\" title=\"Opens external link in new window\">Eine neue \u201eVolksunion\u201c? 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Juni endete in Frankreich eine lange Wahlsaison, die am 10. April mit der ersten Runde der Pr\u00e4sidentschaftswahlen begonnen hatte, aus der keine Bewerber:in siegreich hervorging. Im zweiten Wahlgang setzte sich Emmanuel Macron gegen Marine le Pen durch und wurde damit wiedergew\u00e4hlt.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":15234,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[2453,8,61],"tags":[],"class_list":["post-23781","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-analyse","category-analysis","category-article","person-gala-kabbaj-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23781","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=23781"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23781\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":27884,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23781\/revisions\/27884"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/15234"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=23781"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=23781"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=23781"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}