{"id":23797,"date":"2022-10-11T12:05:00","date_gmt":"2022-10-11T10:05:00","guid":{"rendered":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/blog\/unkategorisiert\/enough-is-enough-die-streikbewegung-der-arbeiterinnenklasse\/"},"modified":"2023-09-27T16:12:08","modified_gmt":"2023-09-27T14:12:08","slug":"enough-is-enough-die-streikbewegung-der-arbeiterinnenklasse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/blog\/analysis\/enough-is-enough-die-streikbewegung-der-arbeiterinnenklasse\/","title":{"rendered":"\u201cEnough is Enough\u201d \u2014 Die Streikbewegung der Arbeiter:innenklasse"},"content":{"rendered":"<p>Unter den Arbeitnehmer:innen w\u00e4chst die Bereitschaft, sich den Angriffen von Seiten der Regierung und Arbeitgeber:innen entgegenzustellen. Eine derartige Entschlossenheit zur Gegenwehr haben wir schon lange nicht mehr erlebt.&nbsp;<\/p>\n<p><b>Mehr als 40 Jahre lang, seit dem Aufkommen des Neoliberalismus unter Margaret Thatcher, blieb die britische Gewerkschaftsbewegung in der Defensive und musste eine Reihe von bedeutenden Niederlagen einstecken.&nbsp;<\/b>Die verheerendste war der gro\u00dfe Bergarbeiter:innenstreik von 1984\/85, der damit endete, dass die Bergleute wieder zur Arbeit gezwungen wurden und die Minen anschlie\u00dfend geschlossen wurden. Thatcher f\u00fchrte eine Reihe von gewerkschaftsfeindlichen Gesetzen ein, die den Arbeitskampf einschr\u00e4nkten und den Einsatz von Streikposten und Solidarit\u00e4tsaktionen der Gewerkschaften verboten. Die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder halbierte sich von 12,6 Millionen im Jahr 1979, als Thatcher an die Macht kam, auf heute knapp \u00fcber 6 Millionen. Nur ein kleiner Prozentsatz der Besch\u00e4ftigten in privaten Unternehmen ist gewerkschaftlich organisiert.&nbsp;<\/p>\n<p>Jetzt, inmitten dieser dramatischen Krise der steigenden Lebenskosten, die durch die Inflation angeheizt wird und Millionen von Menschen in die Armut treibt bzw. sie von Lebensmittelbanken abh\u00e4ngig macht, schlagen die Gewerkschaften zur\u00fcck und fordern Lohnerh\u00f6hungen, die mit der Inflation Schritt halten und den Schutz der Rechte und Arbeitsbedingungen der Arbeitnehmer:innen.&nbsp;<\/p>\n<p>Bei der Bahn, bei der Post und in den Hafenanlagen gibt es jetzt laufend Konflikte. Auch andere Arbeitnehmer:innengruppen \u2013 darunter Hunderttausende Besch\u00e4ftigte im Gesundheits- und Bildungswesen \u2013 bereiten sich jetzt auf Aktionen vor. Die Arbeitnehmer:innen sind entschlossen, ihre L\u00f6hne und Arbeitsbedingungen mithilfe von Streiks zu verteidigen. Diese Entschlossenheit strahlten auch eine Reihe von Gewerkschaftsvorsitzenden aus; etwa Sharon Graham, die Generalsekret\u00e4rin von Unite, Mick Lynch von der RMT (National Union of Rail, Maritime and Transport Workers) und Dave Ward von den Postbediensteten verliehen diesen K\u00e4mpfen eine Stimme.&nbsp;<\/p>\n<p>Neu ist auch die breite Unterst\u00fctzung, die diese Streiks in der breiten \u00d6ffentlichkeit gefunden haben. Trotz wiederholter Versuche der Medien und des politischen Mainstreams, diese K\u00e4mpfe schlecht zu reden, zeigen Umfragen, dass die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung die Arbeitsk\u00e4mpfe unterst\u00fctzt. Obwohl die Regierung mit einem Streikverbot droht und sich die Labour Party weigert, die Streiks zu unterst\u00fctzen, ist die Stimmung zunehmend k\u00e4mpferisch \u2013 auch andere Arbeitnehmer:innengruppen werden nun aufgefordert, sich an den Aktionen zu beteiligen.&nbsp;<\/p>\n<p>Au\u00dferdem haben die Streikenden erkannt, dass die Aktionen aufeinander abgestimmt werden m\u00fcssen, um wirklich wirksam zu sein. Einige Gewerkschaften f\u00fchren jetzt Streiks zusammen und koordinieren sie. Die ersten Fr\u00fcchte dieses Unterfangens haben wir bereits am Aktionstag am 1. Oktober gesehen. Gewerkschafts\u00fcbergreifende Solidarit\u00e4t von diesem Ausma\u00df gab es seit den 1970er Jahren nicht mehr.&nbsp;<\/p>\n<p>Neben den Aktionen der organisierten Gewerkschaften finden im ganzen Land eine Reihe von wilden bzw. inoffiziellen Streiks statt. Dabei handelt es sich um Streiks nicht gewerkschaftlich organisierter Arbeitnehmer:innen in der Privatwirtschaft, die beginnen, ihre Macht zu demonstrieren: Bei Mitsubishi in Teesside, in der Ineos-Raffinerie in Grangemouth, im Kraftwerk Lynemouth und an Dutzenden von anderen Arbeitspl\u00e4tzen, darunter in vielen Amazon-Warenlagern.&nbsp;<\/p>\n<p>Am 1. Oktober beteiligten sich fast 200.000 Besch\u00e4ftigte der Post und der Bahn an einem gemeinsamen Streik. Gleichzeitig mobilisierte (auf Betreiben von Just Stop Oil) die Umweltbewegung, demonstrierte Solidarit\u00e4t mit den Gewerkschaften und hielt Aktionen gegen die sich versch\u00e4rfende Klimakatastrophe ab. Zum ersten Mal seit vielen Jahren und trotz der drakonischen Gewerkschaftsgesetze, die nach wie vor die Arbeitsk\u00e4mpfe behindern, gibt es nun eine ernsthafte Diskussion \u00fcber einen umfassenderen Arbeitskampf und ein Programm f\u00fcr einen politischen Wandel.<\/p>\n<p>Neben den Streiks haben mehrere Gewerkschaften ihre Entschlossenheit zum Ausdruck gebracht, die Arbeiter:innenklasse als Ganzes zu verteidigen.&nbsp;<b>Eine Reihe von Kampagnen wurde gestartet, um sich gegen die steigenden Lebenskosten zu wehren; die wirksamste war die Kampagne &quot;Enough is Enough&quot; (\u201eGenug ist genug\u201c)<\/b>. Sie versucht, all diejenigen zusammenzubringen, die f\u00fcr ein Programm des sozialen und politischen Fortschritts k\u00e4mpfen wollen. Ihre f\u00fcnf Forderungen umfassen eine Reallohnerh\u00f6hung, gesenkte Energiekosten, das Ende der Lebensmittelarmut, menschenw\u00fcrdige Wohnungen f\u00fcr alle sowie die Besteuerung der Reichen. Damit trafen sie den Nerv der Zeit: Die Kampagne ist erst wenige Wochen alt, jedoch unterzeichneten bereits mehr als 800.000 Menschen diese Forderungen. Die Kampagne f\u00fchrte k\u00e4mpferische Gewerkschaften, lokale Gemeinschaften, Aktivist:innen f\u00fcr leistbares Wohnen und zwei der f\u00e4higsten linken Labour-Abgeordneten \u2013 Zarah Sultana und Ian Byrne \u2013 zusammen. Sie wird auch von Jeremy Corbyn unterst\u00fctzt, dem ehemaligen Vorsitzenden der Labour-Partei, der 2020 von der derzeitigen Parteif\u00fchrung als Labour-Abgeordneter abgesetzt wurde und nun als parteiloser Abgeordneter im Parlament sitzt. Corbyn erfreut sich jedoch nach wie vor gro\u00dfer Beliebtheit in der Linken \u2013 insbesondere bei jungen Menschen. Fast 200.000 Menschen haben die Labour-Partei verlassen, seit Corbyn den Parteivorsitz verloren hat. Viele von ihnen sind Teil der Massenbasis, die die Bewegung \u201eEnough is Enough\u201c unterst\u00fctzt.&nbsp;<\/p>\n<p>Die neue Kampagne hat \u00fcberall im Land Zehntausende zur Teilnahme an Kundgebungen mobilisiert; am Tag des Massenstreiks wurden Demonstrationen und Mahnwachen in mehr als 50 St\u00e4dten organisiert. Dies ist eine v\u00f6llig neue Situation im britischen politischen Leben.&nbsp;<\/p>\n<p><b>Die derzeitige Tory-Regierung \u2013 nun unter ihrem neuen Vorsitzenden Rishi Sunak &#8211; ist wirtschaftlich gesehen eine der am weitesten rechts stehenden in Europa.&nbsp;<\/b> Es ist eine Regierung, die beschlossen hat, die Oligarch:innen und das Finanzkapital zu vertreten. Ihr Programm sieht die Liberalisierung der Wirtschaft, die Zerst\u00f6rung bestehender Arbeitnehmer:innenrechte, die Abschaffung von Umweltschutzma\u00dfnahmen, Angriffe auf Fl\u00fcchtlinge und die Privatisierung des Gesundheitswesens vor.<\/p>\n<p>Sie versucht, eine Politik umzusetzen, f\u00fcr die sich sogar Meloni und Le Pen sch\u00e4men w\u00fcrden. Gleichzeitig befindet sich diese Regierung in einer verzweifelten Krise und ist tief gespalten. Sie ist erst seit wenigen Wochen im Amt, und schon hat ihr Haushalt, mit dem die Steuern f\u00fcr die Reichen gesenkt werden sollten, fast zum Zusammenbruch des Pensionssystems gef\u00fchrt. Dieses Debakel deutet auf die Zerbrechlichkeit des gesamten Systems hin; die Krise des Kapitalismus ist nicht auf Gro\u00dfbritannien beschr\u00e4nkt.&nbsp;<\/p>\n<p>Sunaks Vorg\u00e4ngerin Liz Truss war nur wenige Wochen im Amt, ihr Haushalt hatte fast zum Zusammenbruch des Pensionssystems gef\u00fchrt. In der Folge musste Truss am 20. Oktober ihren R\u00fccktritt erkl\u00e4ren. Die Labour-Partei ist stark nach rechts ger\u00fcckt und hat den gr\u00f6\u00dften Teil des Corbyn-Manifests f\u00fcr 2019 zugunsten des wirtschaftsfreundlichen \u201eOne-Nation\u201c-Programms \u00fcber Bord geworfen. Diejenigen in der Linken, die die Partei nicht bereits angewidert verlassen haben, wurden zum Schweigen gebracht, und diejenigen, die sich weiterhin zu Themen wie der bedingungslosen Unterst\u00fctzung der NATO durch Labour \u00e4u\u00dfern, werden ausgeschlossen. Es gibt f\u00fcr die Linke in absehbarer Zeit keine M\u00f6glichkeit, die F\u00fchrung der Partei wiederzuerlangen.&nbsp;<\/p>\n<p><b>Die Labour-Partei wird sehr schnell mit den Forderungen der k\u00e4mpfenden Gewerkschaften und der breiteren sozialen Bewegung, die diese mit aufgebaut haben, konfrontiert werden.<\/b> Dieses neue B\u00fcndns, zu dem auch die Mobilisierungen gegen Klimawandel und Umweltzerst\u00f6rung geh\u00f6ren, ist die neue Kraft, die mit der zunehmend versch\u00e4rften Krise an St\u00e4rke und Vertrauen gewinnt. Sie hat das Potenzial, bei der Zuspitzung der Krise eine transformative Rolle zu spielen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Derzeit erlebt Gro\u00dfbritannien unter der rechtskonservativen Regierung eine Wirtschaftskrise. Das Land ist nach wie vor vom Brexit und den Folgen der Pandemie gezeichnet. Da es der Labour-Partei nicht gelungen ist, eine wirksame Opposition gegen den Neoliberalismus aufzubauen, kommt es endlich wieder zu bedeutenden gewerkschaftsgef\u00fchrten Streiks.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":15411,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[2453,8,61],"tags":[],"class_list":["post-23797","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-analyse","category-analysis","category-article","person-andrew-burgin-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23797","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=23797"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23797\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":27894,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23797\/revisions\/27894"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/15411"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=23797"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=23797"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=23797"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}