{"id":23802,"date":"2022-11-24T11:48:00","date_gmt":"2022-11-24T10:48:00","guid":{"rendered":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/blog\/unkategorisiert\/mehr-gleichheit-bedeutet-hoehere-krisenfestigkeit\/"},"modified":"2023-09-27T16:12:13","modified_gmt":"2023-09-27T14:12:13","slug":"mehr-gleichheit-bedeutet-hoehere-krisenfestigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/blog\/analysis\/mehr-gleichheit-bedeutet-hoehere-krisenfestigkeit\/","title":{"rendered":"Mehr Gleichheit bedeutet h\u00f6here Krisenfestigkeit"},"content":{"rendered":"<p>Die Pandemie allein war schon problematisch genug. Jetzt kommen noch extreme Wetterbedingungen und der Angriffskrieg in der Ukraine als neue Bedrohungen der Ern\u00e4hrungssicherheit dazu. Viele Menschen fragen sich inzwischen, wie sie durch den Winter kommen sollen. Die Preise steigen \u00fcberall extrem, in zahlreichen Branchen sind die Zulieferungen nicht mehr gesichert, und in einigen Gesch\u00e4ften leeren sich die Regale. Aber ist das nicht einfach nur eine schwierige Phase, die vor\u00fcbergeht? Extreme Wettereignisse werden sich zweifellos wiederholen, und der Krieg in der Ukraine kann noch jahrelang weitergehen, geopolitische Spannungen in anderen Regionen verst\u00e4rken oder sogar zu neuen Konflikten f\u00fchren. Wir erleben hier wohl nicht nur ein vor\u00fcbergehendes schlimmes Kapitel der Geschichte, sondern eher den Beginn einer Zeitenwende. Aber wie wird diese neue Zeit aussehen? Es gibt keine eindeutige Antwort auf diese Frage. Was uns bevorsteht, wird durch teilweise unkontrollierbare externe Faktoren und auch durch die Dynamik zahlreicher politischer, wirtschaftlicher und sozialer Akteure bestimmt.<\/p>\n<p>Unbestreitbar ist aber, dass wir das Ende einer langen Phase mit (relativer) Stabilit\u00e4t, (relativem) Wohlstand und (relativer) Sicherheit erleben. Ab heute werden wir lernen m\u00fcssen, uns in Ungewissheit und Gen\u00fcgsamkeit zu \u00fcben. Sind wir dazu in der Lage? Lange Jahre haben uns die auf einer Marktwirtschaft des \u201efreien und unverf\u00e4lschten\u201c Wettbewerbs basierenden Gesellschaften des Westens darauf konditioniert, (einige w\u00fcrden sagen: sediert), dass&nbsp; unendliches Wirtschaftswachstum m\u00f6glich sei. Die Verbraucher:innen haben sich nur allzu gern der Illusion hingegeben, dass dem Konsum keine Grenzen gesetzt sind. Das gilt sowohl f\u00fcr die Menge und die Vielfalt der angebotenen Produkte (man schaue sich nur Amazons Gesch\u00e4ftsmodell an) als auch f\u00fcr die Kaufoptionen: Wenn die Kaufkraft nicht ausreicht, nimmt man einen Kredit auf, \u00fcberzieht sein Konto oder vereinbart Ratenzahlungen. Das Internet hat daf\u00fcr gesorgt, dass es keine Grenzen mehr f\u00fcr den Konsum gibt \u2013 ein Produkt, das in einem Gesch\u00e4ft in Frankreich oder Deutschland nicht zu finden ist, kann \u00fcber eine Website aus China, den USA oder einem anderen Land bestellt werden. Die Digitalisierung der Wirtschaft hat diese Grenzenlosigkeit \u2013 oder deren Illusion \u2013 betr\u00e4chtlich erweitert: Uneingeschr\u00e4nkter Internetzugang, Video-on-Demand, Streamen von Musik, endlose Videospiele, soziale Netzwerke und Dating-Apps stehen weltweit zur Verf\u00fcgung. Das gilt ebenso f\u00fcr die Mobilit\u00e4t in unserer \u201eruhelosen Gesellschaft\u201c, um hier den Titel des Buchs \u201e<a href=\"http:\/\/www.editionsdelasorbonne.fr\/fr\/livre\/?GCOI=28405100036800\">La soci\u00e9t\u00e9 sans r\u00e9pit<\/a>\u201d von Christophe Mincke zu zitieren. Ob per Flugzeug, Auto oder Schiff \u2013 wir m\u00fcssen immer in Bewegung bleiben, d\u00fcrfen niemals innehalten, uns niemals ausruhen.<\/p>\n<p>Die Konsument:innen im Westen haben in diesem Versprechen einer Welt ohne Grenzen und Beschr\u00e4nkungen ihre Komfortzone gefunden und sich darin eingerichtet. Als Kenneth Boulding seinen ber\u00fchmten Satz sprach: \u201eWer glaubt, dass exponentielles Wachstum in einer begrenzten Welt unbegrenzt fortgesetzt werden kann, ist entweder ein Idiot oder ein:e \u00d6konom:in\u201c, hat er vielleicht die Rolle der Technologen untersch\u00e4tzt. Denn unsere westlichen Gesellschaften haben der Technologie die Aufgabe \u00fcbertragen, diese geographischen, nat\u00fcrlichen, technischen, \u00f6kologischen und sozialen Grenzen immer weiter abzustecken.<\/p>\n<p>Diese best\u00e4ndige \u201eEntgrenzung\u201c hat ihren Preis und f\u00fchrt zu Problemen, die von \u00d6konomen:innen als externe Effekte bezeichnet werden: Wir k\u00f6nnen nat\u00fcrlich bis ins Unendliche produzieren und konsumieren, aber letztlich erkennen wir allm\u00e4hlich, dass uns buchst\u00e4blich der Himmel auf den Kopf fallen wird. Aus diesem Grund verlassen sich manche Leute auf die Technologie von morgen, die die Technologieprobleme von heute l\u00f6sen soll. Das Tandem Markt-Technologie hat dieses Unendlichkeitsversprechen in Aussicht gestellt. Allerdings scheint dieses Versprechen angesichts der klimatischen, pandemiebedingten und milit\u00e4rischen Gro\u00dfereignisse der letzten Monate nicht mehr zu gelten.<\/p>\n<p>Welche Zust\u00e4nde werden unsere bisher gesch\u00fctzten Gesellschaften dazu veranlassen, sich mit Grenzen, Einschr\u00e4nkungen und Knappheit auseinanderzusetzen? Die Lektionen der COVID-19-Pandemie waren in mehr als nur einer Hinsicht erhellend. Die Pandemie hat gezeigt, dass die Bev\u00f6lkerung in zahlreichen L\u00e4ndern ein hohes Ma\u00df an Krisenfestigkeit an den Tag gelegt hat und sich schnell \u2013 wenn auch nicht ohne Schwierigkeiten \u2013 an diese Ausnahmesituation anpassen konnte. Die Mehrheit der Menschen hat nolens volens neue Einschr\u00e4nkungen ihrer Freiheiten akzeptiert (nat\u00fcrlich mit Ausnahmen).&nbsp; Gleichwohl hat die Pandemie auch gezeigt, dass eine Bedingung f\u00fcr diese Akzeptanz nicht verhandelbar ist \u2013 die Wahrnehmung eines gewissen Ma\u00dfes an sozialer Gerechtigkeit. In seiner typisch karnevalesken Art hat der ehemalige britische Premierminister Boris Johnson daf\u00fcr das beste Beispiel geliefert: Die Menschen akzeptieren Kontakteinschr\u00e4nkungen so weit wie m\u00f6glich, aber nicht, dass die Elite weiterhin Partys feiern darf. Anders formuliert bedeutet dies, das Einschr\u00e4nkungen nur dann (mehr oder weniger) akzeptiert werden, wenn sie als gerechte und kollektiv geltende Ma\u00dfnahme durchgesetzt werden. Ist das nicht der Fall, ist ihre Akzeptanz gleich Null.<\/p>\n<p>Wenn diejenigen, die bereit sind, ihre Flugreisen einzuschr\u00e4nken oder sogar auf sie zu verzichten, feststellen, dass Prominenz aus Politik, Wirtschaft, Sport und Showbusiness weiterhin nach Lust und Laune ihre Privatjets benutzt, so wird dies als grobe Ungerechtigkeit empfunden. Wenn die Menschen in der Stadt bereit sind, ihr Auto gegen ein Fahrrad einzutauschen, um CO2-Emissionen zu reduzieren, nur um dann festzustellen, dass sie damit Platz f\u00fcr noch gr\u00f6\u00dfere Autos freigemacht haben, dann werden sie dies als ein Problem der sozialen Gerechtigkeit wahrnehmen: W\u00e4hrend \u201ewir\u201c akzeptieren, uns selbst einzuschr\u00e4nken, feiern \u201esie\u201c weiterhin Partys und liefern damit eine dramatische sozio-klimatische Studie dessen, was Oxfam als die <a href=\"https:\/\/www.oxfamfrance.org\/rapports\/dans-le-monde-dapres-les-riches-font-secession\/\">Sezession der Reichen<\/a> bezeichnet und jeden von den B\u00fcrger:innen getragenen Versuch eines Wandels unterminiert.<\/p>\n<p>Der Zusammenhang zwischen Reichtum und Treibhausgasemissionen ist allerdings eindeutig belegt: <a href=\"https:\/\/wir2022.wid.world\/\">Die CO2-Emissionen der wohlhabendsten zehn Volkswirtschaften in Europa und weltweit entsprechen den Emissionen der verbleibenden 90 Prozent oder \u00fcbertreffen sie<\/a>. Die politische Lektion erscheint evident: In einer Welt, die die Endlichkeit wiederentdeckt, werden Gesellschaften, in der eine kleine politische, wirtschaftliche, finanzielle und kulturelle Elite weiterhin Partys feiert, w\u00e4hrend \u201edas Volk\u201c versucht, eine \u00dcbergangssituation zu bew\u00e4ltigen, die fragileren Gesellschaften sein, den erforderlichen Wandel und die damit einhergehenden Anpassungen nur langsam vollziehen k\u00f6nnen und letztlich reif f\u00fcr eine soziale Revolution sein. Auf der anderen Seite werden Gesellschaften, die sich auf dem Weg zu mehr Gleichheit befinden, krisenfester und besser auf das \u201eEnde der Unendlichkeit\u201c und seine Zumutungen vorbereitet sein. Die gesellschaftliche Krisenfestigkeit wird deshalb in erster Linie nicht vom Markt und von Technologien abh\u00e4ngig sein, sondern vor allem von einer Politik, die f\u00fcr soziale Gerechtigkeit und Zusammenhalt sorgt. Das ist die eigentliche, gro\u00dfe Herausforderung unserer Zeit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Jahr 2022 hat uns eine Vorahnung von der neuen Welt vermittelt, in der wir in Zukunft leben werden. Ab heute werden wir lernen m\u00fcssen, uns in Ungewissheit und Gen\u00fcgsamkeit zu \u00fcben. Christophe Degryse, Leiter der Abteilung f\u00fcr Zukunftsforschung beim Europ\u00e4ischen Gewerkschaftsinstitut (ETUI).<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":15495,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[2453,8,61],"tags":[],"class_list":["post-23802","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-analyse","category-analysis","category-article","topic-climate-and-ecology","topic-klimawandel-und-okologie","person-christophe-degryse-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23802","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=23802"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23802\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":27899,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23802\/revisions\/27899"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/15495"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=23802"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=23802"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=23802"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}