{"id":25756,"date":"2022-10-31T15:05:54","date_gmt":"2022-10-31T14:05:54","guid":{"rendered":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/?p=25756"},"modified":"2023-09-27T11:33:27","modified_gmt":"2023-09-27T09:33:27","slug":"angst-und-politik-sozialpsychologische-betrachtungen-zum-umgang-mit-bedrohungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wwwdev-transform-network-net.sociality.gr\/de\/blog\/buchrezension\/angst-und-politik-sozialpsychologische-betrachtungen-zum-umgang-mit-bedrohungen\/","title":{"rendered":"Angst und Politik. Sozialpsychologische Betrachtungen zum Umgang mit Bedrohungen"},"content":{"rendered":"<p><b>Noch vor gut einem Jahr w\u00e4re m\u00f6glicherweise die Angst vor einem Atomkrieg als Hyperangst-Ph\u00e4nomen bezeichnet worden. Mit dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine und die Drohung des Putin-Regimes im Notfall Nuklearwaffen einzusetzen, hat diese Angst reale Grundlegungen erfahren.<\/b><\/p>\n<p><span lang=\"DE\">Angesichts dieser Entwicklungen ist das neue Buch von Klaus Ottomeyer von kaum zu \u00fcbertreffender Aktualit\u00e4t. Aber nicht nur um diese Angst vor einem Atomkrieg geht es Ottomeyer. Es geht ihm um die <b>Wechselwirkung von Angst und Politik<\/b>, um jene, die \u00c4ngste haben, um die unterschiedliche Art von \u00c4ngsten und deren politische Relevanz. Und es geht um jene, die Angst machen oder \u00c4ngste verleugnen, darunter jene, die ostentative Angstfreiheit als St\u00e4rke inszenieren, sie ausblenden oder bagatellisieren, sie politisch missbrauchen. Es geht um Angstmacher:innen und die Geringsch\u00e4tzung von Ge\u00e4ngstigten, aber auch um die F\u00e4higkeit durch Angst nicht handlungsunf\u00e4hig zu werden, sondern \u00c4ngste solidarisch und kollektiv so zu verarbeiten, dass daraus Kraft und F\u00e4higkeiten zur Beseitigung ihrer Ursachen erw\u00e4chst \u2013 also Wege aus der Angst.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"DE\">\u00c4ngste k\u00f6nnen verschiedene Ursachen haben und diese werden von Ottomeyer ausf\u00fchrlich benannt und als Wellen der Angst in ihren historischen Kontexten dargestellt. Neben der Angst vor dem Atomkrieg gibt es die Angst vor Klimakatastrophe, Krankheiten wie AIDS oder COVID-19, vor Krieg und B\u00fcrgerkriegen, Terror und Mord, vor Gefl\u00fcchteten, vor dem was fremd ist, w\u00e4hrend das Vertraute zerbr\u00f6ckelt, vor Identit\u00e4tsverlust, vor dem Verlust von M\u00e4nnlichkeit. Dabei verweist Ottomeyer auf ganz unterschiedliche Qualit\u00e4t von \u00c4ngsten, die handlungsl\u00e4hmend wirken k\u00f6nnen, aber auch solidarisch-konstruktiv.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"DE\">Zur Beantwortung der Frage, welche \u00c4ngste mit welchen Wirkungen bzw. Handlungsoptionen verbunden sein k\u00f6nnen, st\u00fctzt sich Ottomeyer auf das <b>Konzept der Unterscheidung von Realangst von Siegmund Freud<\/b> \u2013 einer Angst, die sich auf Erfahrungen von Vergangenheit st\u00fctzt und Zukunftsdenken einschlie\u00dft, auf Neurotische Angst und auf Gewissensangst.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"DE\">Diese Unterscheidung erm\u00f6glicht es Ottomeyer tiefergehend <b>den rechtspopulistischen und rechtsextremen Angstmissbrauch aufzudecken<\/b> und die Dynamiken zu beschreiben, deren Missbrauch sich bereits bei den schleichenden, zun\u00e4chst eher stilleren Varianten der Angst \u2013 der Sorge aufzeigen l\u00e4sst. Aus der berechtigten Sorge \u2013 wird der besorgte B\u00fcrger, dessen als Sorge ummantelte Fremdenfeindlichkeit Tabubr\u00fcche m\u00f6glich macht und so die Schwellen des Akzeptablen verr\u00fccken l\u00e4sst.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"DE\">Dass sich \u201edomestizierte\u201c Angst und nicht mehr &#8220;Angst vor der Angst&#8221; als handlungsweisend gestalten kann, beschrieb bereits 2012 Horst Eberhard Richter (<i>Patient Familie. Entstehung, Struktur und Therapie von Konflikten in Ehe und Familie<\/i>), dessen Konzept Ottomeyer aufgreift und kritisch w\u00fcrdigt. Demnach kann Angst auch grunds\u00e4tzlich sowohl als funktionierende Emotion als auch emotionale Praxis fungieren\u2013 die Friedensbewegung der 1980er Jahre z.B. beruhte auf einem positiven Angstverst\u00e4ndnis.<\/span><\/p>\n<p><b><span lang=\"DE\">Der Angst vor Identit\u00e4tsverlust ist ein gesondertes Kapitel gewidmet<\/span><\/b><span lang=\"DE\">. Es st\u00fctzt sich theoretisch zun\u00e4chst auf Erik H. Erikson, der als Psychologe und Soziologe diese Annahme mit der Idee von Emanzipation und Selbstreflektion verbindet \u2013 ein Konzept das von rechten Gruppen durch Gleichsetzung von Identit\u00e4t mit ethnischer Identit\u00e4t und Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Gro\u00dfgruppe, als dominierende, einzig z\u00e4hlende Identit\u00e4t \u2013 als Antwort auf gesellschaftlich aufgespaltene Identit\u00e4ten komplexer Gesellschaften und Spannungsfelder, in denen sich der moderne Mensch zwischen sozialer und pers\u00f6nlicher Identit\u00e4t bewegen muss \u201egekapert und gnadenlos vereinfacht und verf\u00e4lscht\u201c wurde. Ottomeyer verweist darauf, dass gerade das Verh\u00e4ltnis von verinnerlichter Selbst-Anerkennung und gesellschaftlicher Anerkennung als bedeutsam anzusehen ist, und der st\u00e4rkste Schutz gegen rechtsextreme Vereinnahmung dann gegeben ist, wenn Selbstachtung und gesellschaftliche Anerkennung zusammenfallen. Dort wo dies nicht gegeben ist, wo soziale, kulturelle Identit\u00e4t versagt wird, bisherige Lebensweisen und Lebenswelten hinterfragt werden oder angesichts gesellschaftlicher Umbr\u00fcche an Bedeutung verlieren, abgewertet werden, wachsen verschiedenste \u00c4ngste, bis zu den individuellen \u00c4ngsten. <\/span><\/p>\n<p><span lang=\"DE\">Einer vertiefenden psychoanalytischen Betrachtung unterzieht Ottomeyer am Beispiel der Analyse der Fl\u00fcchtlingskrise und des Rechtspopulismus in Bezug auf die drei gro\u00dfen \u00c4ngste der Menschen nach dem Freud\u2019schen Modell: die Realangst, die neurotische Angst und die Gewissensangst. Was machen diese \u00c4ngste mit Menschen und unter welchen Bedingungen bef\u00f6rdern sie welche Handlungsweisen und werden politisch wirksam?<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"DE\">Wenn z.B. die Realangst vor dem Klimawandel verleugnet, bagatellisiert, missbraucht wird, wird es schwieriger, gegen diesen vorzugehen. Zugleich verweist Ottomeyer auf den Zusammenhang, dass alle fl\u00fcchtlingsfeindlichen und Rechten Bewegungen den Klimawandel leugnen, den Kampf gegen Umweltzerst\u00f6rung abwerten, eben weil aus rechtspopulistischer und rechtsextremer Perspektive gr\u00f6\u00dfte Gefahr von den Gefl\u00fcchteten ausgeht \u2013 eine Gefahr, bei der sich neurotische Angst vor dem Fremden, den anderen mobilisieren und missbrauchen l\u00e4sst.<\/span><\/p>\n<p>Bei \u201eAngst und Politik\u201c handelt es sich um ein vielseitiges Fach- und Aufkl\u00e4rungsbuch, in dem auch pers\u00f6nliche Reflektionen und Erfahrungen des Autors selbst kritisch hinterfragt werden und so die M\u00f6glichkeit f\u00fcr neue Entwicklungen bieten.\u00a0Ottomeyer geht es nicht darum, \u00c4ngste abschaffen zu wollen, oder um eine Quantisierung und Wertung der \u00c4ngste, sondern um die Frage, welche \u00c4ngste durch was und durch wen mobilisiert werden. \u00c4ngste an sich sind nicht das Problem, jedoch ihre Leugnung, Verdr\u00e4ngung, Verschiebung und vor allem ihr Missbrauch.<\/p>\n<p><b>Angst und Politik. Sozialpsychologische Betrachtungen zum Umgang mit Bedrohungen<\/b><br \/>\nVerlag: Psychosozial-Verlag<br \/>\nFebruar 2022 \/ 268 Seiten<br \/>\nISBN-13: 978-3-8379-3146-4<\/p>\n<div class=\"indent\">\n<p class=\"align-justify\"><b><br \/>\nKlaus Ottomeyer ist Psychologe, Psychoanalytiker, Traumatologe, Ethnopsychoanalytiker sowie Professor im Ruhestand der Alpen-Adria-Universit\u00e4t Klagenfurt. Als Soziologe untersuchte er viele Gesellschaftliche Ph\u00e4nomene, wie auch das Ph\u00e4nomen J\u00f6rg Haider. Als einer der profiliertesten Haider-Kenner, hat er bereits mehrere Publikationen \u00fcber ihn, seine Fans und der Urangst vor der eigenen gemischt-ethnischen Identit\u00e4t ver\u00f6ffentlicht, was ihm vom rechten politischen Spektrum bis heute nachgetragen wird.<br \/>\n<\/b><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Noch vor gut einem Jahr w\u00e4re m\u00f6glicherweise die Angst vor einem Atomkrieg als Hyperangst-Ph\u00e4nomen bezeichnet worden. 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